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Man kann sich vorstellen, wie meine zwei Dutzend Geschwister auf mich loszankten. Ich aber ergriff mit der einen Hand die Schüssel als Schild, mit der andern den Löffel als Degen, stülpte mir auch noch den Suppentopf als Helm auf den Kopf, und setzte mich in Positur. Meine Geschwister ihrerseits nahmen auch ihre Löffel zur Hand und so lieferte ich damals meine erste Schlacht. Hier parirte ich einen Hieb, dort theilte ich einen aus, brauchte auch die Kriegslist, mit meinem Löffel in die Schüssel meines Vaters zu fahren und meinen Geschwistern den Mehlbrei in die Augen zu spritzen, so daß sie dieselben nicht aufthun konnten, und trieb sie zuletzt vollkommen in die Flucht. Hiervon hat auch die Löffelgarde ihren Namen erhalten. Meine Aeltern waren zwar über meinen guten Appetit anfangs ziemlich erschrocken, brachen aber zuletzt in ein herzliches Gelächter aus, und mein Vater sagte in richtiger Ahnung meiner künftigen Größe: dieser Junge wird einst dem Namen Beutel Ehre machen! Erwähnen muß ich noch, daß ich, durch ein mir angebornes Schamgefühl getrieben, mich gleich nach meiner Geburt in ein Bettuch gehüllt und solches wie eine Toga malerisch um meine Schultern geworfen hatte. Kurz, ich war schon im ersten Momente meines Daseins ein ganzer Kerl!

Nur weniges Einzelne will ich noch aus meiner frühesten Lebensperiode anführen. So wurde drei Tage nach meiner Geburt ein großes Concil gehalten, um über den Namen zu berathen, den ich in der Taufe empfangen sollte. Alle Muhmen und Vettern wurden hierzu versammelt. Christian, Christoph, Christlieb, Hans, Michel, Paul, Peter, Traugott, Fürchtegott, Leberecht wurden genannt, und ich sollte unter diesen Namen die Auswahl haben, da ich ein so gescheidter Junge war. Ich schüttelte jedoch zu allen diesen schönen Namen mißbilligend den Kopf, besonders zu dem Namen Leberecht, gegen den sich ich weiß nicht welches Gefühl in mir sträubte. Endlich begann ich: „Meine verehrten Aeltern! liebwerthe Muhmen und Vettern! Eigentlich hieße ich lieber gar nicht. Ich füge mich jedoch, da dies gegen allen christlichen Brauch und gegen alle polizeilichen Bestimmungen verstossen würde. Vor meiner Geburt, theuerster Herr Vater! habe ich sie oft aus einem Buche vorlesen hören, worin die hochherzigen Thaten des großen Fritz, des berühmten Preussenkönigs, beschrieben waren. Diese Thaten haben mich schon damals höchlichst interessirt, und so verlange ich denn, auf den Namen Fritz getauft zu werden. Und somit heiße ich gegenwärtig als Fritz Beutel – Mensch, und als Mensch – Fritz Beutel. Es ist auch nicht zu leugnen, daß ich zu Pferde einige Aehnlichkeit mit dem großen Friedrich habe, schon dadurch, daß ich zu Pferde sitze. Zufällig habe ich zwei Portraits bei mir, das eine mich, das andere Friedrich den Großen zu Pferde darstellend.



Da! hier! haben Sie die Güte, beide Portraits und namentlich beide Pferde zu vergleichen. Freilich sieht das meine etwas dürftig aus, aber es hat doch auch seinen Schwanz, seine vier Beine und ähnliche Gliedmassen, die es als Pferd erscheinen lassen. Beide, Pferd und Reiter, sind hier im zusammengefrornen Zustande aufgenommen, im aufgethauten sehen sie weit vollständiger aus. Ja, davon muß ich Ihnen sogleich erzählen, meine Herren! Auf meine Jugend- und Erziehungsgeschichte komme ich ein andermal zurück. Ich erzähle Ihnen jetzt meine, berühmte, obgleich von der jetzigen Generation mißdeutete und darum schwer verstandene Entdeckungsreise nach dem Nordpol.


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Kaspar Braun, Friedrich Schneider (Red.): Fliegende Blätter (Band 1). Braun & Schneider, München 1845, Seite 154. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Fliegende_Bl%C3%A4tter_1.djvu/158&oldid=- (Version vom 11.5.2019)