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Wissenschaft ist daher ohne Zweifel das phlegmatische Temperament von weit grösserem Werth, als das lebhafte und sanguinische. Es ist daher kein blosser Zufall, dass der Norden Deutschlands für die Wissenschaft unendlich mehr geleistet hat, als der Süden, während dieser wieder an Künstlern reicher gewesen ist, und gemäss seiner grösseren Begabung an Phantasie sich einerseits mehr der Poesie, andrerseits mehr der philosophischen Speculation in die Arme geworfen hat. Ja, dieses mehr träumerische oder beschauliche Wesen hat bewirkt, dass schon die Frage aufgeworfen ist, ob der Süden überhaupt die subtile Detailarbeit, wie sie die norddeutsche Ruhe, die norddeutsche Zähigkeit und das Phlegma vorzugsweise hervorgebracht und cultivirt haben, jemals in einer ähnlichen Weise aufzubringen im Stande sein werde. Freilich dürfen wir nicht verhehlen, dass einige Culturhistoriker Zweifel angeregt haben, ob die wissenschaftliche, so sehr in Einzelheiten sich zersplitternde Entwicklung der letzten Jahrzehnte sich nicht zu sehr von dem grossen, ganzen und bedeutenden, dem eigentlichen Kern oder der Idee entfernt und in unbedeutenden Kleinigkeiten verloren hat, doch auf diese Frage einzugehn, ist nicht rathsam.

Wenn wir daher mit wenigen Worten die Verschiedenheit des Nordens und Südens auf dem geistigem Gebiet charakterisiren wollen, so werden wir finden, dass die gleiche Verschiedenheit sich auch in dem ganzen politischen Leben Deutschlands in

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Hans Flach: Der deutsche Professor der Gegenwart. Leipzig 1886, Seite 65. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Flach_Der_deutsche_Professor.djvu/073&oldid=- (Version vom 18.8.2016)