Wolfgang: So.
Fritz: Ich hab’ aber auch dem Herrn Doktor gesagt, daß du mir tüchtig geholfen hast.
Wolfgang: Fragte er denn danach?
Fritz: Nein, aber er lobte mich so – so, als wenn – so als wenn ich alles allein gemacht hätte.
Wolfgang (den Kopf des Knaben mit Zärtlichkeit zwischen seine Hände nehmend und ihm einen liebkosenden Schlag gebend): Das hast du recht gemacht, Fritz.
Fritz: Der Herr Doktor fragte, ob du mir den Aufsatz vorgesagt hättest.
Wolfgang: Und was sagtest du?
Fritz (entschieden abweisend): Nee! sagt’ ich, Onkel Wolfgang fragt mich immer, und dann weiß ich schon alles ganz von selbst!
Wolfgang: So – Prahlhans! – Was hat euch denn der Herr Kandidat heut’ aufgegeben, laß sehn!
Fritz: Sechs Bibelsprüche und drei Gesangverse.
Wolfgang: Na, dann mach dich nur bald daran. (Kurze Pause.)
Fritz: Du, Onkel Wolf.
Wolfgang: Nun?
Fritz: Betest du eigentlich, Onkel Wolf?
Wolfgang (stutzt, sieht Fritz an, lächelnd): Wie man es nehmen will.
Fritz: Der Herr Kandidat sagt: Wer nicht betet, ist gottlos und wird nicht selig. Hier im Hause betet aber doch niemand, Papa nicht, Mama nicht, Magdalene nicht und ich auch nicht!
Otto Ernst: Die größte Sünde. Conrad Kloss, Hamburg 1895, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Ernst_Die_groesste_Suende.djvu/16&oldid=- (Version vom 31.7.2018)