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Ilse.

Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren,
Ein reines, unschuldsvolles Kind,
Als ich zum erstenmal erfahren,
Wie süss der Liebe Freuden sind.

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Er nahm mich um den Leib und lachte

Und flüsterte: O welch’ ein Glück!
Und dabei bog er sachte, sachte
Mein Köpfchen auf das Pfühl zurück.

Seit jenem Tag lieb’ ich sie alle,

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Des Lebens schönster Lenz ist mein;

Und wenn ich keinem mehr gefalle,
Dann will ich gern begraben sein.

Frank Wedekind.





Zweifel.

Gestern Mittag sagt mir wer
– Pfui, mich so zu packen! –
»Alter Sohn, dein Gang wird schwer
»Und gebückt dein Nacken;

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»Und mir scheint, dich schmerzt dein Knie

»Allemal beim Bücken;
»Silbern schimmert’s[WS 1] dir bereits
»Von den Schläfenbrücken.

»Nächstens kriegst du’s Zipperlein

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»Und den Wilhelmsorden,

»Und dann siehst du endlich ein,
»Dass du alt geworden« …

Und da hab’ ich ohne Wort
Meinen Schirm ergriffen;

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Tief entrüstet ging ich fort,

Hab’ mir eins gepfiffen.

Aus der Stadt schritt ich hinaus,
Um ins Land zu sehen –
Rechts das rote Krankenhaus,

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Links die Mausoleen. –


Bei der Höhe auf der Bank,
Tief die Stadt als Schemel,
Sass ein Mädchen sehnsuchtskrank,
Las im Richard Dehmel.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: schimmmert’s
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 47. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/53&oldid=- (Version vom 31.7.2018)