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Eine Verlorene.

Um deine Stirn hängt verwelkt der Kranz;
Dein Leben ging auf in Fieber und Tanz
Und irrem Glanz.

Nun liegt deine Jugend zerbrochen da;

5
Keine wachende Liebe ist dir nah –

Du verliessest sie ja.

Deine Kammer ist still, es nagt nur der Wurm,
Und draussen jammert und lacht der Sturm;
Die Zeit ruft vom Turm …

10
Kennst du das Märchen vom roten Schuh?

Ein schönes Kind musste immerzu
Tanzen ohn’ Ruh.

Sie musste rasen durch Land und Feld,
Bis sie taumelnd, vom Hohn der Menge umgellt,

15
Zu Boden fällt.


Die zwängenden Schuhe waren gefeit
Vom bösen Zauber der Eitelkeit.
Sein Ende heisst – Leid.

Nun bist du am Abgrund! – Der Tanz ist aus!

20
Das Elend hockt auf der Schwelle drauss’

Und hütet dein Haus.

Von deiner Lippe bricht ein Schrei –
Das Elend winkt mit Fingern von Blei
Den Tod herbei.

25
Da reisst ihm der Sturm die Tür auf. Es droht

Zu deinen Häupten die Schuld und die Not,
Und – du bist tot …

Alberta von Puttkamer.





Liebesmacht.

Ein Jüngling schlang den Arm um die Maid
     Bei traulichem Scherzen und Kosen,
„Zur Priesterin bist du der Venus geweiht,
Vorüber ist Leid und Traurigkeit!“

5
     Da brach er der Lippen Rosen.


Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 31. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/37&oldid=- (Version vom 31.7.2018)