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Verschiedene: Die zehnte Muse

Mit den treuen braunen Augen

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Blickt er wieder auf zu mir,

Und er scheint wie einst zu mahnen:
Geh doch nur, ich folge dir!

Denn in unsrem Hause fehlte
Es an Dienern ganz und gar,

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Doch die Mutter liess mich laufen.

Wenn er mir zur Seite war.

Besser gab auch keine Amme
Je auf ihren Schützling acht,
Und er hatte schärfre Waffen

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Und gebrauchte sie mit Macht.


Seine eignen Kameraden
Hielt er mit den Zähnen fern,
Und des Nachbars Katze ehrte
Ihn von selbst als ihren Herrn.

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Doch wenn ich dem alten Brunnen

Spielend nahte hinterm Haus,
Bellte er mit heller Stimme
Meine Mutter gleich heraus.

Er erhielt von jedem Bissen

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Seinen Teil, den ich bekam,

Und er war mir so ergeben,
Dass er selbst die Kirschen nahm.

Wie die beiden Dioscuren
Brachten wir die Tage hin,

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Einer durch den andern glücklich,

Jede Stunde ein Gewinn.

Aber allzu bald nur trübte
Uns der heitre Himmel sich,
Denn er hatte einen Fehler,

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Diesen, dass er wuchs wie ich.


Und an ihm erschien als Sünde,
Was an mir als Tugend galt,
Da man mich ums Wachsen lobte,
Aber ihn ums Wachsen schalt.

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Immer grösser ward der Hunger,

Immer kleiner ward das Brot,
Und nur einer konnte essen,
Was die Mutter beiden bot.

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 308. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/314&oldid=- (Version vom 31.7.2018)