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Arme Leute.

Bei düstern Heidekiefern
Stehn spärlich magre Aehren,
An dürrem Sande saugend,
Verzweifelnd, sich zu nähren.

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Da kauert ein lehmig Häuschen

Mit Düngerhaufen und Karren;
Kläglich meckert die Ziege,
Und struppige Hühnchen scharren.

Aus der Thüre humpelt ein krummer

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Kleinbauer, emporzuspähen

Zur bleiern schleichenden Wolke,
Zu hungrig krächzenden Krähen.

Nur kurze Mitleidszähren
vermag die Wolke zu schenken;

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Dann schleicht sie trübe weiter,

Ohne Kraft zu tränken. –

Selber arm und traurig,
Folg’ ich der weinenden Wolke
Und denk’ an arme Leute

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Und leide mit meinem Volke.


Bruno Wille.




Die Musik der armen Leute.

Der Herr Musikprofessor spricht:
»Die Drehorgeln, die dulde man nicht!
Sie sind eine Plage und ein Skandal!« –
Mein lieber Professor, nun hören Sie mal:

5
     Ein enger Hof – kein Sonnenschein

Fällt dort das ganze Jahr hinein.
Da herrscht ein seltsam muffiger Duft,
Nach Armut riecht’s und Kellerluft.
Da blüht keine Blume, da grünt kein Laub,

10
Die Kinder spielen in Müll und Staub.

Nun kommt der Leiermann hervor
Und schleppt seinen Kasten durchs offne Thor.
Den Schunkelwalzer spielt er auf:
Da rennt es herbei in schnellem Lauf.

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 297. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/303&oldid=3303981 (Version vom 31.7.2018)