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Doch mit der Zeit ward er vertraut,
Hat ihr keck in die Augen geschaut,
Grüsste sie kaum, nahm sie gleich beim Arm,

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Tauchten unter im Menschenschwarm!


War er zuerst ganz pünktlich erschienen,
Wartete bald sie mit finsteren Mienen!
Einmal kam er gar erst halb acht;
Immer noch hielt sie drüben die Wacht!

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Er sagte etwas … sie sprach kein Wort:

Stumm schritten sie dann des Weges fort.
Und endlich einmal, als es acht schon gar,
Er immer noch nicht gekommen war!
Da schlich sie davon. Hinüberzuspähn

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Blieb auf dem Trottoir sie neben mir stehn.

Sie wischte die Wange mit zitternder Hand,
Das Wasser ihr in den Augen stand.

Dann sah ich noch zweimal sie wiederkommen,
Zwar hat er sie immer noch mit sich genommen,

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Doch gingen sie ernst, von einander weit,

Wie ich sie gesehn in der ersten Zeit,
Als ob zwischen ihnen, in ihrer Mitte,
Die Reue mahnend und trennend schritte!

Und eines Tages, als ich wieder sass

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Bei der Tasse Kaffee und die Zeitung las,

Der Zeiger drüben auf sieben stand:
Den Platz an der Uhr ich verlassen fand.

Das war vor zwei Jahren, und wieder heute
Sitze ich hier am gewohnten Platz,

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Begucke die Wagen, besehe die Leute,

Lasse die Blicke hinübergleiten,
Sehe die Mädel vorüberschreiten,
Sei es allein auf flüchtigen Sohlen,
Sei es nur heimlicherweise, verstohlen,

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Wenn sie erwarten den Freund, den Schatz!


Wie ich drüben das Zifferblatt sehe,
Denke ich an das blutjunge Ding,
Das dort wartend und trippelnd ging,
Das dem Manne am Arme hing.

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Mir wird um’s Herz ganz weich und wehe.

Ich wärme mich in dem Sonnengeflirr,
Ich schaue hinein in das Wagengewirr,
In all das bunte Abendgeschwärm,
Das Tramwaygeklingel, den Strassenlärm!

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Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 283. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/289&oldid=3303965 (Version vom 31.7.2018)