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– – Mir aber rannen die Tränen herab,
Weil ich ein eigenes Kind nicht hab’,
Einst hatt’ ich eins, doch lange ist’s her,
 Jetzt liegt es im Grab …

35
Ach, wenn ich die arme Frau doch wär’!


Ernst Zitelmann.




Die Wasserleiche.

Am Landwehrkanal ein Menschenhaufen,
Aus weiter Grossstadt zusammengelaufen,
Und schrilles Geschrei – verworrene Rufe! –
Auf der nassen untersten Treppenstufe

5
Schlammüberzogenes Steingeviert

Das Auge der müssigen Gaffer stiert
Mit dem teilnahmlosen, widrigen Blick
Der feilen Neugier an fremdem Geschick.
Da unten aber, dem Wasser entrissen,

10
Die dürftigen Kleider zerlumpt und zerschlissen,

Von dem stinkigen, dumpfen Gewässer durchnetzt
Von gierigen Fischen zerfressen, zerfetzt,
Das Antlitz gedunsen und grün und blass,
Die Haare durchzogen von Schlamm und Gras,

15
Liegt starr ein armes Menschenkind,

Ein Menschenkind, wie wir alle sind.
Wie einst sie gewesen,
Ich kann es nicht seh’n –
Mein Gott, im Verwesen

20
Ist niemand schön!

Ob Elend sie in den Tod getrieben,
Ob Schwäche der Seele, ob sündiges Lieben,
Was schert mich das; ich seh’, wie fest
Die Hand sie auf das Herz gepresst,

25
Seh’ nur, wie diese Hand geballt,

Die Nägel in das Fleisch gekrallt;
Da weiss ich genug! Solch Zeichen schreibt
Das Schicksal nur, das zum Tode treibt,
Wenn nach marternden, qualvollen Kampfesstunden

30
Die letzte Hoffnung dem Menschen geschwunden. –

Ich seh’ erschüttert auf das Weib,
Auf den unförmig wassergedunsenen Leib
Und denke: „du Aermste, gepeitscht und gehetzt,
Dein ganzes Leben vom Glücke gemieden,

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Im Tode nun endlich hast du erst jetzt

Den langersehnten Frieden – – Frieden.“ –

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 269. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/275&oldid=3303950 (Version vom 31.7.2018)