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Und weckte ihre Liebesglut:
Sie wirbelte in toller Wut
Durch Wiesen, Felder, Wald und Flur
Bis gegen ein-dreiviertel Uhr

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Und hat dabei den Keim gegeben

Zu manchem neuen Eintagsleben.
Um zwei Uhr trat schon Ruhe ein; –
Den Schwestern, welche erst um neun,
Geboren, gab sie gute Lehren

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Und kam zu Würden und zu Ehren.

Das währte bis um fünf – darnach
Ward sie allmählich altersschwach.
Voll war die siebente Stunde kaum,
Da fiel sie tot herab vom Baum –

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Und hat in diesem Tag erfahren,

Was unsereins mit siebzig Jahren.

Alois Wohlmuth.




Der Fakir.

Ein Fakir, der mit seiner Kette
Den Satan selbst gefesselt hätte,
Lag ausgestreckt auf seinem Bauch
Und liess, die Sünder zu erbauen,

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Sich nach dem alten Ordensbrauch

Bis auf das Blut mit Ruten hauen.
Der Pöbel sah den Wundermann
Mit heiligem Erstaunen an.

Ihr Götter, hört er einen sagen,

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Welch eine Selbstverläugnung! – „Was?“

Versetzt der Schwärmer: „Glaubt ihr das?
Kein Fakir lässt umsonst sich schlagen.
Geduld! Das Blättchen wendet sich:
Der Tod verwandelt euch in Pferde,

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Und wehe dem, auf welchem ich

Im Paradiese reiten werde!“

G. C. Pfeffel.
(1736–1809)


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Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 261. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/267&oldid=3303941 (Version vom 31.7.2018)