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Friedr. Werner van Oestéren.




Spatz und Spätzin.

Auf dem Dache sitzt der Spatz,
Und die Spätzin sitzt daneben,
Und er spricht zu seinem Schatz:
»Küsse mich, mein holdes Leben!

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Bald nun wird der Kirschbaum blühn,

Frühlingszeit ist so vergnüglich;
Ach, wie lieb’ ich junges Grün
Und die Erbsen ganz vorzüglich!«

Spricht die Spätzin: »Teurer Mann,

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Denken wir der neuen Pflichten,

Fangen wir noch heute an,
Uns ein Nestchen einzurichten!«

Spricht der Spatz: »Das Nesterbau’n,
Eierbrüten, Junge füttern

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Und dem Mann den Kopf zu krau’n –

Liegt den Weibern ob und Müttern.«

Spricht die Spätzin: »Du Barbar!
Soll ich bei der Arbeit schwitzen,
Und du willst nur immerdar

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Zwitschern und herumstibitzen?«


Spricht der Spatz: »Ich will dich hier
Mit zwei Worten kurz berichten:
Für den Spatz ist das Pläsir,
Für die Spätzin sind die Pflichten!


Karl Mayer



Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 244. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/250&oldid=- (Version vom 31.7.2018)