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So lag er da. Dem Aermsten war wohl.

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Er hatt’ im Ringen nach Brot und Segen

Sein Lebtag nicht so ruhig gelegen
Und schien nach hartem und herbem Tun
Gewillt, sich in Ewigkeit auszuruh’n.
Und dass im dämmernden jungen Tag

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Im Nebenbett ein Reichsfreiherr lag,

Das war ihm wirklich zum ersten Mal
Total egal.

Die Uhr schlug acht. Auf den Korridoren
Begannen die Studios schon zu rumoren;

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Mit dem alten Diener der Anatomie

Spassten die künftigen Medici.
Noch fröhlich von gestrigen Gelagen
Taten sie höchst verfängliche Fragen,
Kamen dann mit dem Alten herein

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Und besahen gemütlich das stille Gebein.

Taten prüfend die Laken verschieben –
Einer war mager, und einer war fett;
Lagen so friedlich Bett an Bett
„Nummer Zehn“ und „Nummer Sieben“. . .

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Es kam der Professor: „Meine Herr’n,

Die Operation ist trefflich geglückt,
Auch war ich vom Heilverlaufe entzückt.
Sind beide gestorben. Da wüsste man gern,
Was in diesem Körper die Kräfte gemindert

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Und die vorschriftsmässige Heilung verhindert.“

So sprach der Treffliche ohne gleichen
Und liess sich die zierlichen Messer reichen,
Mit denen in ihrer sterblichen Blösse
Die geistverlassenen Erdenklösse,

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Bevor sie wieder fahren zur Erden,

Noch wissenschaftlich durchstöbert werden;
Auf dass man kann zu der Menschheit Segen
Mit neuen lateinischen Namen belegen,
Was noch zum Trotz aller Menschenlist

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Seltsamerweise unheilbar ist.

Das Tote wird das Lebende lehren,
Kadaver-Weisheit, nicht zu umgeh’n –
So schnitten und spalteten Messer und Scheren
„Nummer Sieben“ und „Nummer Zehn“.

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Und als geöffnet der Diätar,

Erwies sich’s, dass Krankheitsart und Gefahr
Zwar von der Wissenschaft nicht gebannt,

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Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 205. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/211&oldid=- (Version vom 31.7.2018)