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Auferstehung.

Im freundlichen Heiligen-Geist-Spital,
Da lagen im reinlichen Totensaal
Zwei Männer von Nummer Zehn und Sieben;
Die waren unter dem Messer geblieben,

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Das ihnen das Gedärme zerstückt.

Die Operation war gut geglückt;
Ein schwieriger Eingriff ohne gleichen,
Wie’s der Professor selbst gewusst.
Dann kam das Fieber, der Blutverlust –

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Na, und jetzt waren’s Leichen.


Der von Nummer Zehn war ein alter Baron;
Trug noch um die bläulichen Lippen den Hohn,
Mit dem er der Welt von oben herab
Im Leben die Meinung zu wissen gab.

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Die Nasenflügel blähten sich hohl,

Als röch’ er im Tod noch das viele Carbol
Und misse peinlich in dieser Luft
Ein Spürchen französischen Fliederduft,
Mit dem, eh’ er sich ins Himmelbett legte,

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Sein Konrad zu parfümieren pflegte.

Sein Bart war nicht mehr recht frisch in der Farbe
Quer über dem Auge die Säbelnarbe,
Die vom Rotspon begossen, so dunkel geblüht,
War eingesunken und abgeglüht.

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Und an den Schläfen die Silberfädchen,

An denen die lustigen kleinen Mädchen
Ihn nach dem Souperchen so gerne gezupft,
Die waren von kaltem Schweiss betupft.
In sonsten lag ein seltsamer Frieden

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Auf weisser Stirn. So schien er fast

In einer Gesellschaft, die sonst er gemieden,
Ein stiller, doch ein zufriedener Gast.
Nur an des Nachthemds gesticktem Kragen,
Wie’s ziemt einem Enkel aus stolzem Stamm

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Ruhmvoller Helden aus Kreuzzugstagen:

Die Krone über dem Monogramm!

Auf dem Nachbarbett ein Diätar,
Dem sauber das Kinn gebunden war.
Die Hände ums Kruzifix gedreht,

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Im Hemdlein, grob und oft genäht,

Die Beine unter dem Tuch, dem glatten,
Mager und schwunglos wie Eichenlatten.
Die Wangen gefallen, die Augen hohl,

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Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 204. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/210&oldid=- (Version vom 31.7.2018)