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Herr Versler braucht geraume Zeit,
Sich gründlich zu beschau’n.

35
Er spuckt sich immer in die Hand

Und streicht die Augenbrau’n. –

Frau Wanda Gans von Schnattersheim,
Die macht es auch nicht schnell,
Drückt das Gebiss fest, reckt sich stolz

40
Und pudert lang ihr Fell.


Der Herr Assessor Biegdichrecht,
Der hat von weissem Rips
Seit Jahren einen einzigen
Salongerechten Shlips.

45
Mit einem schwarzen kommt er an

Und bindet sich, nicht dumm,
Vor mir mit vieler Präzision
Erst stets den weissen um. –

Comtesse Julie von Passé,

50
Gewachsen wie ein Schlot,

Macht sich geschwind mit einem Stift
Vor mir die Lippen rot.

Und Fräulein Aenni Wendehals,
Kokett und kalt wie Eis,

55
Reibt sich mit ihrem Taschentuch

Rasch noch die Zähne weiss. –

Der grosse Tenorist Hochzeh,
Der eben jetzt en vogue
Und der die ganze Damenwelt

60
Begeistert an sich zog,


Der bringt chines’sche Tusche mit
Und malt mit sichrer Hand
Ganz unbemerkt um jedes Aug’
Sich einen dunkeln Rand.

65
Herr Hauptmann Druff, ein schneid’ger Herr

Und riesig selbstbewusst,
Der zupft und zerrt ins beste Licht
Die Orden auf der Brust. –

So sehe ich von meiner Wand

70
Mehr als mir manchmal lieb –

Und wenn jour fix gewesen ist,
Ist mir mein Glas ganz trüb;

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 167. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/173&oldid=3303841 (Version vom 31.7.2018)