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„Es doch nicht möglich!“ – „Sie kann ihn nicht lieben!“

„Wo wäre die gute Erziehung geblieben!“ – –
Mit weisen Gesprächen die Anverwandten,
Mit Seufzen und Salbung die guten Tanten,
Mit Seelen-Sanftmut und Herzensmilde

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Bemühte sich ängstlich die gütige Gilde – –

Und preist so … unmerklich … das Klosterleben,
Unter sanften Schwestern, still, gottergeben.
„Für die Welt leider ist sie ja doch verloren.“ …
„Man muss sich ja schämen … bis über die Ohren …“

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„Jedes Kind muss doch einseh’n, dass das nicht geht,

Mit dem Kerl, der nicht einmal im Gotha steht!“

Da fand eines Tags man im Schlosshofteiche
Die Komtesse als scheussliche Wasserleiche.
Da war erst Entsetzen und Händeringen,

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Dann – musste man „seinen Schmerz bezwingen“,

Vom Teichschlamm reinwaschen das Grafenkrönchen,
Die Presse beschwichtigen mit einem Milliönchen.
War ein peinliches Hin- und Widerhuschen –
Um den schrecklichen Skandal zu vertuschen!

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Nur Tante Amalie, die ruhigste der Damen,

Fasst so ihre Impressionen zusammen:
„Unbegreiflich! … Dass Eine ins Wasser geht,
Für einen, der nicht einmal im Gotha steht!“

Karl Freiherr von Levetzow.






Der leere Titel.
(Gött. Mus. Alm. f. 1793.)

Das Kind der Finsternis und Nacht,
Die Dummheit, ward einst aufgebracht,
Dass sie auf unsrer Erde
Längst nicht geschätzt mehr werde.

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Von Rach’ und Zorn entbrannt

Erstieg sie den Olymp, wo sie die Götter
An hoher Mittagstafel fand.

„O Vater Zeus,“ sprach sie, „sei du der Unschuld Retter!
Ich hab’ es nicht verdient, dass Stadt und Land

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Mich, wie bisher gescheh’n, verachtet und verkannt.

Ganz wider Fug und Recht lässt man auf Assembléen
Und Gastereien mich stets an der Türe stehen.
Gibt’s denn kein Mittel mehr auf Erden
Für mich, geehrt und angesehn zu werden?“

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 152. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/158&oldid=3303824 (Version vom 31.7.2018)