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     Das Schlösslein, das will ich vor’s Herze mir legen,

Und hab’ ich’s verschlossen mit Kreuz und mit Segen,
So werf’ in den See ich den Schlüssel hinein,
Darf nimmer ein Wort mehr heraus noch herein.

     Denn wer eine selige Liebe will tragen,

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Der darf es den alten Jungfern nicht sagen:

Die Dornen, die Disteln, die stechen gar sehr,
Doch stechen die Altjungfernzungen noch mehr.

     Sie tragen’s zur Bas’ hin und zur Frau Gevattern,
Bis dass es die Gäns’ auf dem Markte beschnattern,

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Bis dass es der Entrich bered’t auf dem See,

Und der Kukuk im Walde, und das thut doch weh.

     Und wär ich der Herrgott, so liess ich auf Erden
Zu Dornen und Disteln die Klatschzungen werden;
Da fräss’ sie der Esel und hätt’s keine Not,

20
Und weinte mein Schatz sich die Augen nicht rot.
Emanuel Geibel.





Krähenlied.

Drei Krähen fliegen übers Feld –
Sie kreischen, dass es weithin gellt:
     Kra – kra – kra!
Mit seinem Schätzchen lieb und traut

5
Sitzt wohlig sich’s im Heidekraut,

Der Himmel ist uns nah –
     Kra – kra – kra!

Drei Krähen fliegen übers Feld –
Was kümmert uns die ganze Welt?

10
     Kra – kra – kra!

Wenn das, o Kind, die Mutter wüsst’,
Dass du den Burschen hast geküsst,
Als er ins Aug’ dir sah. –
     Kra – kra – kra!

15
Drei Krähen fliegen übers Feld,

Die Liebe selten Treue hält –
     Kra – kra – kra!
Die eine sprach: Hier ist der Ort;
Die zweite rief: Der Bursch ist fort;

20
Die dritte machte: kra –

     Gevatter Storch ist da!

Richard Zoozmann.


Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 127. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/133&oldid=3303798 (Version vom 31.7.2018)