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Wo sind jene, sagt es mir,

Die vor wenig Jahren,
Eben also, gleich wie wir,
Jung und fröhlich waren?
Ihre Leiber deckt der Sand,

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Sie sind in ein fremdes Land

Aus dieser Welt gefahren.

Wer nach unsern Vätern forscht,
Mag den Kirchhof fragen:
Ihr Gebein, das längst vermorscht,

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Wird ihm Antwort sagen.

Uns auch, Brüder, kann man bald,
Eh’ die Morgenglocke schallt,
In uns’re Gräber tragen.

Darum lasst uns fröhlich sein,

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Weil der Frühling währet,

Und der Jugend Sonnenschein
Unser Laub verkläret:
Grab und Bahre warten nicht;
Wer die Rosen heute bricht,

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Dem ist der Kranz bescheret.
Joh. Chr. Günther.
(1695–1723.)






Lachtäubchen.

Lachtäubchen sitzt hoch unterm Dach,
Ist fleissig bis zur Nacht,
Tanzt flink umher im kleinen Raum,
Blickt schlau um sich und lacht:

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»Haha, haha! Hihi, hihi!«

Wie auch mein Los hier fällt,
Ich hab das beste Teil erwählt,
Ich lach mich durch die Welt!

Ein einfach Futter mir genügt,

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Von Erbsen und von Brot,

Und wenn ich dazu Wasser hab,
So hab ich keine Not!
»Haha, haha! Hihi, hihi!«
Kein üpp’ges Mahl mich schwellt!

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Mich plagt nicht Gicht noch Podagra,

Ich lach mich durch die Welt!

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 110. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/116&oldid=- (Version vom 31.7.2018)