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Verschiedene: Die Gartenlaube (1869)

Bergmanns oder dem Eingange eines Schachts. Hölzerne, unangestrichene, roh gezimmerte Häuser bedecken weit und breit die Landschaft, ein Beweis, daß der Ort erst gestern entstanden ist und aller Wahrscheinlichkeit nach auch blos ein temporäres Leben haben wird – so lange die Berge noch ihre goldene Ausbeute gewähren.

Läge German-Town mit seinen fast zweitausend Bewohnern im Gebiete der Vereinigten Staaten und nicht in einer britischen Colonie, so besäße es sonder Zweifel schon seine zwei bis drei Zeitungen – wie und wovon diese existiren, ist in Nordamerika oft genug ein Räthsel –; ebenso viele Wochenschriften, von denen jede immer den Widerpart der andern bildet, in politischen, religiösen, literarischen und allen sonstigen Beziehungen; desgleichen ein Monstrehôtel, in welchem die gesammte Bevölkerung beherbergt und gespeist werden könnte; ein Dutzend Kirchen und Capellen; eine Synagoge; ein großes Schulhaus; wenigstens zwei sich befehdende Banken und vor allen Dingen eine stattlich uniformirte Feuerwehr. Da es indeß sich zu dieser amerikanischen Civilisation noch nicht aufgeschwungen hat, so müssen drei kleine, doch behagliche Wirthshäuser an der Straße die Stelle des Monstrehôtels vertreten und eine einzige Kirche und eine kleine Capelle dem Andachtsbedürfniß der gesammten Gemeinde genügen. Die Bank befindet sich in Halifax, und Zeitungen sind, wie ich mich überzeugte, nicht vorhanden; meine deutschen Landsleute schienen mir im Allgemeinen auch nicht am Lesefieber zu leiden.

Als wir vor einem der erwähnten Wirthshäuser vorfuhren, um zunächst unsere leibliche Wohlfahrt zu bedenken, sah ich vor der Thür eine Gruppe von sechs Jägern stehen, die mit einer erklecklichen Beute an Rebhühnern eben von einem Waidgange heimzukehren schienen.

„Das sind Alles Bergleute und Alles Deutsche,“ sagte mein Begleiter, während wir aus unserm leichten Korbvehikel sprangen.

Wie man sich denken kann, faßte ich die Männer mit dem lebhaftesten Interesse in’s Auge, aber weder Gesichtsbildung noch Sprache waren deutsch. Es waren Czechen, welche hier natürlich für Deutsche gelten und sich auch als solche fühlen und landsmannschaftlich mit den Anderen zusammenhalten. Der Deutschenhaß, der ihre Brüder in der alten Heimath geradezu bis zum Blöd- und Wahnsinn erfüllt, scheint sich glücklicher Weise nicht bis in das ferne Neuschottland verpflanzt zu haben. Ich mischte mich unter die Männer und ward von ihnen mit sichtbarer Freude als Landsmann begrüßt.

Nach genossenem Imbiß brachen wir zu den Minen auf. Zunächst erreichten wir ein etwas stattlicheres Haus, als die rings verstreut liegenden Gebäude. Vor acht Jahren war es das einzige, welches in der Wildniß stand; es hat der Stadt den Namen gegeben.

„Ein gewisser Allan,“ erzählte mir mein Gefährte, „ein Böttcher aus Schottland und ein eifriger Bewunderer seines großen Landsmannes Sir Walter Scott, hatte sich hier niedergelassen und sein Haus nach dem berühmtesten Romane des Dichters ‚Waverley-Cottage‘ getauft. Daß Gold unter den Felsen seines neuen Wohnsitzes lag, und zwar in ungewöhnlicher Mächtigkeit, davon hatte der gute Küfermeister keine Ahnung. Auch ist das erste Gold in Neuschottland nicht hier gefunden worden. Erst nachdem man im Jahre 1861 bei dem Orte Tangier in der Grafschaft Halifax auf Gold gestoßen war und beim Graben von Abzugscanälen in der letztern Stadt selbst unverkennbare Spuren einer Ader von goldhaltigem Quarze entdeckt hatte, begann man, wie die ganze Gegend, so auch die Felsen um Allan’s Einsiedelei nach dem kostbaren Metalle zu durchwühlen, und es zeigte sich, daß, wenige Schritte von Waverley-Cottage beginnend, das Gestein auf mehrere Meilen in der Runde in der That außerordentliche Quantitäten von Gold enthielt, noch dazu fast unmittelbar unter der Oberfläche. Ehe noch ein Jahr vergangen war, hatte sich um das Haus des Schotten eine völlige Stadt angesiedelt und dieser selbst seine Faß- und Eimerfabrikation mit einer lohnenderen Beschäftigung vertauscht.“

Der Weg nach den Bergwerken war höchst beschwerlich und ging zuletzt eine beinahe senkrechte Schutt- und Schlackenhalde hinauf, wo man immer wieder einen Schritt abwärts rutschte, nachdem man zwei in die Höhe gethan hatte. Oben auf dem Gipfel des steilen Hügels stand der Schuppen – anders kann ich das Bauwerk nicht nennen – in welchem die Verwaltung der deutschen Werke ihre verschiedenen Kanzeleien aufgeschlagen hatte. Der oberste Vorstand derselben war von unserem Kommen unterrichtet und empfing uns schon an der Thür der Baracke. Er war auch ein Deutscher, ein Westphale, aus der Nähe von Dortmund, ein echter fester Sohn der rothen Erde und ein sehr liebenswürdiger Mann, welchem die Freude über den Besuch des deutschen Landsmannes aus den biederen, treuherzigen Augen lachte. Er war in Freiberg gebildet, dann Jahre lang im Ural auf den Hüttenwerken eines russischen Fürsten, hierauf nacheinander in mehreren Minen der Cordilleren gewesen und jetzt von der deutschen Bergwerksgesellschaft in Waverley – die jedoch ihren Sitz in Boston hat – als Director der hiesigen Werke angestellt worden. Deutschland hatte er seit einem Vierteljahrhundert nicht wieder gesehen.

„Das ist schön, das ist schön,“ begann er, „daß Sie mich Einsamen besuchen. Sie sehen mich fragend an, aber das soll wohl sein, ich bin doch recht einsam hier, trotz der mehr als tausend Deutschen, welche in German-Town, zum größeren Theil als unsere Arbeiter, leben. Die Leute sind ganz gut und fleißig, rechte Deutsche sind’s indessen nicht mehr. Mit Mühe habe ich eine kleine Liedertafel zusammengebracht, meine einzige Erholung hier in dieser Wüstenei; vielleicht kann ich Ihnen heut’ Nachmittag eine Probe von ihren Leistungen zum Anhören geben, wenn meine Sänger Schicht gemacht haben.“

„Sie haben viele Böhmen hier, wie ich schon vernommen habe?“ frug ich.

„Böhmen, Czechen und Deutschböhmen, fast zweihundert, aber auch Ungarn, das heißt Magyaren. Die passiren hier ebenfalls als Deutsche.“

„Aus welchen deutschen Vaterländern hat sich denn Ihre Colonie hauptsächlich recrutirt?“ forschte ich weiter.

„So ziemlich aus allen,“ antwortete der Director. „Hessen und Schwaben haben mir jedoch das stärkste Contingent zu meinen Arbeitern geliefert, und sehr viele meiner Leute sind gar nicht in Deutschland, sondern als Söhne eingewanderter Deutscher schon in Amerika geboren. Frauen haben wir nur wenige unter uns, und diese wenigen sind Amerikanerinnen, welche kein Wort Deutsch verstehen. Auf solche Weise geht das deutsche Element hier unter uns, so weit ich überhaupt von einem solchen reden kann, immer mehr und mehr zu Grunde. Die Kinder sprechen fast nur Englisch, und auch Vielen von den Arbeitern ist nachgerade die fremde Zunge geläufiger geworden als die Muttersprache. Ueberdies, wie Sie sehen, hat hier Alles blos einen gewissermaßen provisorischen Anstrich; giebt uns das Gold einmal keine lohnende Ausbeute mehr, so stäubt die ganze Colonie auseinander.“

„Sind die Mehrzahl Ihrer Arbeiter Bergleute von Profession?“ frug ich von Neuem.

„Gott bewahre,“ erwiderte er, „nur ein verschwindend kleiner Bruchtheil; einige von den Böhmen, ein paar Männer aus dem sächsischen Stück des Erzgebirges und ein halb Dutzend meiner speciellen westphälischen Landsleute. Die meisten sind Burschen, die, wie das hier in Amerika so häufig, sich schon in allen möglichen Berufsarten und Beschäftigungen versucht, die sich vorher in Australien, Mexico, Peru herumgetrieben, damals, als das große Goldfieber die Völkerwanderung nach Californien in’s Werk richtete, sich dieser angeschlossen haben und, trotz so manchem guten Goldfunde, als blutarme Teufel zu uns gekommen sind. Im Ganzen ist’s eine arg verwilderte Schaar, der das wüste californische Treiben Zeitlebens anhängen wird. Aber kommen Sie und sehen Sie sich einmal Leute und Arbeit etwas näher an.“

Einen Bergbau in unserem Sinne des Wortes konnte man die letztere allerdings kaum nennen. Wie schon bemerkt, streicht das Gold nur wenige Fuß unter Tage, so daß von tiefen Schachten hier nirgends die Rede ist und die Leute beinahe im Lichte der Sonne arbeiten. Wir blieben bei verschiedenen Gruppen von Männern stehen, Viele hatten im Aeußern ein entschieden deutsches Gepräge, Einer und der Andere, welchen ich ansprach, äußerte wohl auch seine Freude über das Kommen des Landsmannes – und man sah’s ihnen an, daß sie es aufrichtig damit meinten – Viele aber starrten mich blos dumpf und stumpf an, wie der ungebildete Mensch jede neue oder unvermuthete Erscheinung, Person oder Sache, anzuglotzen pflegt. Von einer gemüthlichen

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1869). Leipzig: Ernst Keil, 1869, Seite 810. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1869)_810.jpg&oldid=- (Version vom 24.12.2022)