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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1863)


Blau-weiß-roth.

Blau wie der Himmel über uns sich ziehet,
Blau wie das sanfte Veilchen auf dem Feld,
Blau wie das Auge, womit Liebchen siehet.
Ist in der Fahne unser erstes Feld.

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Wir denken dran im blutigen Gefecht,

Denn Blau bedeutet: „Glauben an das Recht!“

Weiß wie der Schnee, den uns der Winter bringet,
Weiß wie das Bild der Unschuld uns erscheint,
Weiß wie das Lämmchen auf der Weide springet,

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So uns’re Fahne in der Mitte scheint,

Wir harren auf Errettung mit Geduld,
Denn Weiß bedeutet: „Leiden ohne Schuld.“

Roth wie das Blut uns in den Adern rinnet,
Roth wie des Weines dunkle Purpurpracht,

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Roth wie die Liebe, die das Herz gewinnet,

Roth ist die Farbe, die den Schluß nun macht.
Wir lassen gern für’s Vaterland das Blut,
Roth ist die Farbe, die bedeutet: „Muth!“

O, blau-weiß-roth! ihr theuren Landesfarben

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Von Schleswig-Holstein, führt’s zum Guten nun,

Auf daß die Helden, die vor Jahren starben,
Geehrt und sanft in freiem Lande ruh’n.
Und gebt uns das, was uns annoch so fehlt:
Das „Schleswig-Holstein ewig ungedeelt!“

Rendsburg in Holstein, im Juli 1862.                    Fr. Wendel.



Die Echte.
Eine Geschichte aus dem alten Lande.
Von Ernst Willkomm.
(Fortsetzung.)


Nach einer kleinen Weile traten zwei neue Ankömmlinge in das Hinterzimmer ein. Einer derselben war ein schon bejahrter Mann mit grauem Haar und merkwürdig breiter, stark vorspringender Stirn. Eine Brille mit grünen Gläsern machte die Farbe seiner Augen und deren Blick unkenntlich. Sein Begleiter war von untersetzter Statur, schwarzhaarig und von blasser Gesichtsfarbe. Er trug sich gebückt, hatte ein scharfes, ruheloses Auge, das auf Alles achtete, und machte entschieden einen unangenehmen Eindruck. Osten fühlte auf der Stelle, daß dieser Fremde eine Persönlichkeit sei, vor der er sich zu hüten habe, wenn er nicht mit ihr in Streit verwickelt werden wolle.

„Er ist’s!“ flüsterte Krahn dem Landsmanne zu, indem er die Karten zu einem neuen Spiele mischte.

„Welcher?“

„Der mit der Brille!“

Osten fiel ein Stein vom Herzen.

„Und der Andere?“ fragte er.

„Kenne ich nicht!“

Er gab aus, und das Spiel begann von Neuem. Die eben Angekommenen sahen zu, ohne mit den Uebrigen ein Wort zu wechseln. Krahn gewann. Als er die feinen Silberdrittel einstrich, fixirte ihn der Fremde mit der Brille und sagte:

„Irre ich nicht, so haben wir auch einmal mit einander gespielt. Sie sind ein sehr vorsichtiger Mann und leidenschaftslos. Wer mit Ihnen Schritt halten will, muß auf seiner Hut sein. Wollen wir es heute mit einander versuchen?“

„Von Herzen gern, wenn der Einsatz mäßig ist.“

„Sie haben als Fremder zu befehlen. Sind wohl erst angekommen?“

„In letzter Nacht!“

Der Mann mit der Brille setzte sich Krahn gegenüber.

„Spielt der andere Herr nicht?“ fragte er, halb Krahn, halb Osten anblickend. Letzterer verneinte so kurz und scharf, daß Alle aufblickten. Es trat eine kurze Stille ein, dann ward das Spiel fortgesetzt. Krahn gewann abermals.

„Ich sag’s ja, man muß bei Ihnen gewaltig aufpassen,“ sprach der in der Brille mit gutem Humor. „Spielen Ihre Landsleute alle so ausgezeichnet?“

„Wer von uns spielt, giebt sich wenigstens Mühe,“ versetzte Krahn. „Haben Sie nicht wieder alte Münzen? Ich bin ein großer Liebhaber davon. Die ich im Herbst von Ihnen gewann, war ein seltenes Stück. Leider aber hätte es mir beinahe Unglück gebracht.“

„Wie so?“ fiel scharf aufhorchend der Schwarzhaarige ein.

„Unglück?“ wiederholte der Herr mit der Brille. „Wie kann ein altes Stück Geld Unglück bringen? Je reicher man an dergleichen Münzen ist, desto besser befindet man sich. Es ist das reinste Silber, das man im Handel bekommen kann.“

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1863).Leipzig: Ernst Keil, 1863, Seite 593. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1863)_593.jpg&oldid=- (Version vom 21.5.2017)