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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1863)

Die Echte.
Eine Geschichte aus dem alten Lande.
Von Ernst Wilkomm.
(Fortsetzung.)

Moritz Krahn war Dortchen von ganzem Herzen zugethan. Er hätte kein echter Ohllander sein müssen, wäre es ihm völlig gleichgültig gewesen, ob seine Braut vermögend oder arm sei. Bei dem jungen Manne aber, der die Welt kannte und mit den Sitten und Gebräuchen anderer Länder und Nationen wohl vertraut war, überwog der materielle Besitz bei der Wahl einer Lebensgefährtin nicht so ganz alles Andere, daß er auf die Vermögenslage allein Werth gelegt hätte. Ihn freute es, daß Dortchen ein reiches Heirathsgut zu erwarten hatte, er würde sie aber schwerlich weniger geliebt haben, wäre sie arm gewesen.

Selbst begütert und von Natur zur Freigebigkeit geneigt, wollte der Capitain die Erwählte seines Herzens durch eine reiche „Echte“ überraschen und, wie er glaubte, auch beglücken. Er befand sich im Besitz verschiedener Silberstücke indischen Gepräges, von denen er wußte, daß Doubletten davon sich im alten Lande nicht vorfinden könnten. Diese entnahm er seiner Reiseschatulle, in der er sie seit Jahren schon aufbewahrte. Ehe er sie aber Dortchen überreichte, zeigte er sie den eigenen Eltern, um deren Ansicht zu hören. Denn bei der großen Vorliebe der eigen gearteten Ohllander für alles Hergebrachte hätte er mit einem Verlobungsgeschenk, das dem Morgenlande entstammte, und das seine Entstehung heidnischen oder doch dem Christenthum abgeneigten Künstlern verdankte, leicht Anstoß erregen können.

Hans Krahn indeß war in Bezug auf Geld und Geldeswerth nicht heikel. Ihm gefielen die großen schweren Silberstücke ausnehmend gut, und er billigte die Absicht des Sohnes, seine Braut am Verlobungstage damit zu beschenken. Nur fand er es nicht schicklich, daß der Capitain die fremden Münzen allein als „Echte“ überreiche, weil dies doch von den Verwandten der Braut übel vermerkt werden könne. Deshalb mußte die eigene Mutter die vor dreißig Jahren als Braut erhaltene „Echte“, zwei dünne, helltönende silberne Medaillen, die eine ein sich schnäbelndes Taubenpaar, die andere zwei flammende Herzen darstellend, dem Sohne überliefern.

Der Vater, höchst glücklich über des verständigen Sohnes kluge Wahl, wollte aus seiner Privathabe auch noch einige seltene Stücke hinzufügen und ging, diese zu holen. Für ihn war es aber nicht leicht, eine Wahl zu treffen, die zugleich auch dem Geschmack des jungen Paares entspreche. Er liebte altes Silbergeld, am meisten recht alte Thaler und Gulden, die im gewöhnlichen Verkehr entweder gar nicht, oder doch nur ausnahmsweise vorkamen. Bei größerer Bildung würde der reiche Baumhofsbesitzer wahrscheinlich eine Münzsammlung angelegt und bedeutende Summen auf deren Ergänzung verwendet haben. So begnügte er sich mit gelegentlichem Eintausch seltener Stücke, wobei er seinen Vortheil nie aus den Augen verlor. Was ihm von alten Münzen vorkam, brachte er an sich, legte es in den dafür bestimmten Kasten, zu welchem er den Schlüssel immer bei sich trug, und ergötzte sich in einsamen Stunden, wenn Niemand ihn beobachtete, an Betrachtung des blinkenden Schatzes, der von Jahr zu Jahr größer ward.

Nach langem Prüfen und Wählen entnahm der Baumhofsbesitzer zwei viereckige Münzen feinsten Silbers und ein größeres rundes thalerähnliches Stück, welches die Mitgift des Erzvaters Jakob, nämlich die buntgesprenkelten Schafe aus Laban’s Heerden, darstellte. Diese gab er dem Sohne, damit dieser sie zu den übrigen Werthstücken lege und sie am nächsten Tage Dortchen einhändige.

Im Hause Osten’s, das von der Diele bis unter den Dachfirsten blank gescheuert war, herrschte Frohsinn und munteres Leben. Die Thüren der festlich geschmückten Besuchszimmer standen weit offen, die musivisch mit bunten Kacheln ausgelegten Wände, die eben so viele verschiedene Figuren, auch Schiffe, Landschaften, Thierkämpfe etc. zeigten, wie die bunten Ziegelfächer der Hauswände, glänzten, als wären sie mit frischem Lack überstrichen, und um die bereits gedeckten Tafeln drängten sich in fröhlichem Durcheinander die zahlreichen jungen Freundinnen der Braut in der schönen, farbig funkelnden altländischen Nationaltracht.

Dortchen war noch nicht sichtbar. Erst an der Hand des Verlobten, von Vater und Mutter begleitet, trat sie nach Ueberreichung der „Echte“ in den Kreis der Verwandten. Sie harrte mit sehnsüchtig klopfendem Herzen des Bräutigams im vornehmen Zimmer, feiertägig, wie alle Gäste, nicht aber ungewöhnlich glänzend gekleidet. Das funkelnde Prunkgewand der altländischen Hausfrau wird erst am Tage der Vermählung nach beendigter Tafel angelegt.

Endlich traf Moritz Krahn mit seinen Eltern im Baumhofe ein. Heinz Osten begrüßte ihn mit herzlicher Freundlichkeit an der Thür seines Hauses und führte ihn dann über die Diele nach dem vornehmen Zimmer. Hier ergriff Dortchens Mutter die Hand des Capitains und geleitete ihn zur Tochter, die leicht erröthend das versiegelte Packet, welches die „Echte“ enthielt, in Empfang nahm, den Geber durch einen Kuß belohnte und das erhaltene Angebinde, ohne es zu öffnen und den Inhalt zu mustern, auf einen mit

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1863).Leipzig: Ernst Keil, 1863, Seite 577. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1863)_577.jpg&oldid=3474789 (Version vom 7.1.2019)