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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1863)

weiß, seine eigenen Verdienste, wie die Vorzüge seiner Heimath willig anerkennt und auch selbst mit gegründetem Tadel klug zurückhält.

Ueber des Capitains Gesinnungen konnte Heinz Osten nicht lange im Unklaren bleiben. Jeder Blick des feurigen Seemannes sagte ihm, daß Moritz Krahn seine Tochter aufrichtig liebe und daß er bei Dortchen um Gegenliebe zu betteln nicht Ursache habe. Die Partie war nach Osten’s praktischer Auffassungsweise eine passende und für beide contrahirende Theile durchaus erwünschte. Der reiche Baumhofsbesitzer hatte längst schon gewünscht, mit weit entlegenen Gegenden in Verbindung treten zu können. Er war aber kein Freund der Agenten und Commissionaire, die ihn, namentlich in gesegneten Obstjahren, förmlich belagerten und durch ihr ewiges Feilschen und Bieten häufig genug recht verstimmten. Ihm wäre es weit lieber gewesen, er hätte wie ein recht behäbiger Holländer vor der Thür seines schönen Hauses sitzen bleiben und ohne viel Hin- und Widerreden den Ertrag seiner ungezählten Obstbäume immer direct an ihm bekannte Abnehmer verkaufen können.

Durch Krahn’s Mittheilungen war ihm nun der Grund klar geworden, der jedes Jahr verschiedene steife Englishmen nach seinem Gute führte. Sie kamen um ihm seine unreifen Früchte abzukaufen, die dann in schmackhafter Zubereitung nach Indien wanderten. Das Geschäft konnte und wollte Osten selbst machen.

Damit nichts versehen werde, sprach also Heinz Osten diese ihm so wichtige Angelegenheit mit seinem zukünftigen Schwiegersohne und dessen Vater in aller Ruhe durch, bis volle Uebereinstimmung unter ihnen herrschte. Darauf erst wurden Anstalten zur Verlobung Dortchens mit dem Capitain getroffen, wozu die Freundschaft beider Familien Einladungen erhielt.

Uralter Sitte gemäß giebt noch heutigen Tages der Bräutigam im „alten Lande“ seiner Braut am Verlobungstage ein Geschenk, gleichsam ein Handgeld oder einen Gottespfennig, durch dessen Ueberreichung der geschlossene Bund erst Gültigkeit und für beide Theile bindende Kraft erhält. Dies Geschenk besteht aber nicht in dem anderwärts überall üblichen goldenen Ringe, sondern in mehreren alten Silbermünzen von seltenem Gepräge. Schöne Wildemannsgulden, alte Speciesthaler und andere nicht mehr als Tauschmittel von Hand zu Hand gehende schwere Silbermünzen sind als solche Brautgaben am gewöhnlichsten. Jede altländische Familie besitzt dergleichen eine größere oder geringere Anzahl und veräußert sie nie. Vielmehr sieht es die Mutter gern, wenn der heirathsfähige Sohn ihr eigenes Brautangebinde bei der Wahl einer jungen Lebensgefährtin dieser wieder als solches überreicht. Die seltenen Werthstücke bleiben dadurch längere Zeit in ein und derselben Familie und gewinnen um so mehr an Werth, je älter sie sind und je seltener ähnliche Münzen von gleichem Gepräge vorkommen.

Diese Verlobungsgabe des Bräutigams an die Braut, das von dieser nicht erwidert wird, führt den sonderbaren Namen „die Echte“, vielleicht, weil durch dieselbe das Verlöbniß erst geheiligt wird und als ein zu Recht bestehendes, mithin als echt zu betrachten ist.

(Fortsetzung folgt.)





Ein vergessener Held der Befreiungsjahre.

„Wer ist denn dieser russische Windbeutel?“ frug der alte York die Officiere seines Stabes, als in der Schlacht von Großgörschen oder Lützen, wie sie Napoleon nannte (2. Mai 1813), ein blutjunger russischer Officier auf ihn zusprengte und ihm die Worte zurief: „Herr General, jetzt haben Sie Ihre Dörfer (Groß- und Kleingörschen, Rahna und Kaja) wieder und stehen mir für ihre Behauptung! Ich ziehe rechts dem Feinde entgegen!“ Als darauf der russische Major von Helldorf, der Adjutant dieses jungen Generals, den Namen des Prinzen Eugen von Württemberg nannte, brummte York etwas verdrießlich in den Bart: „Ein Teufelskerl, Ihr Prinz, der den Feldherrn wohl mit der Muttermilch eingesogen hat!“ Und in der That, der kaum 25jährige Prinz Eugen, welcher bis zu dieser Stunde nahe an 100 Schlachten und Treffen beigewohnt hatte, schien das außerordentliche Feldherrntalent, das er bei allen Gelegenheiten bewährte, mit der Muttermilch eingesogen zu haben; denn kaum hatte er jene Worte gesprochen, als er sich sofort an die Spitze von sechs russischen Bataillonen stellte und bis zur sinkenden Nacht gegen zwei französische Divisionen muthig Stand hielt.

Wenn auch Aster in seinem berühmten Werke über die Gefechte und Schlachten bei Leipzig in edelstolzen Worten dem Prinzen Eugen nachrühmt, daß er in der Schlacht von Wachau der Tapferste von allen Heerführern der Verbündeten gewesen, wenn er in seinem Lobe wörtlich fortfährt: „Durch seine persönliche Bravour, durch seine Ausdauer, durch seinen richtigen militairischen Blick, durch seine Theilnahme an den Gefahren der Soldaten, durch sein Beispiel stählte er auch den Muth seiner mit ihm treu aushaltenden Untergebenen; er veranlaßte sie auf diese Weise, ihrem geleisteten Eide und den ihnen anvertrauten Fahnen bis in den Tod treu zu bleiben; sie hielten Wort und lagen entseelt, aber in taktischer Ordnung geschaart, um ihres Kaisers Panier,“ – wenn auch nicht wenige andere Schriftsteller in ihren Werken dem Prinzen Worte freudiger Bewunderung und Anerkennung zollen: so ist doch sein Name im deutschen Volke bei Weitem noch nicht so anerkannt, als er es im reichsten Maße verdient, und es bleibt eine heilige Ehrenpflicht der Geschichtschreibung, dem absichtlich verkannten und zurückgesetzten Helden den schönsten Lorbeerkranz eines unsterblichen Ruhmes zuzuerkennen. Sicher werden es uns daher die Leser dieser Blätter ein wenig Dank wissen, wenn wir es unternehmen, das Leben und Wirken des Herzogs Eugen von Württemberg in einer Zeit, die vielleicht bald der Bilder großer Heldengeister bedarf, um sich an ihnen aufzurichten, in kurzen Zügen zu schildern, wobei wir die nachgelassenen „Memoiren des Herzogs Eugen von Württemberg“, sowie das jüngst erschienene Werk des Generalmajor von Helldorf „Aus dem Leben des Prinzen Eugen etc.“ zu Grunde legen.

In der Geschichte der preußischen Heere wird der Name Herzog von Württemberg zu wiederholten Malen rühmend genannt. Schon der Urgroßvater unseres Helden, Herzog Carl Alexander von Württemberg, diente unter den Fahnen des Prinzen Eugen von Savoyen; der Großvater Friedrich Eugen im siebenjährigen Kriege, und der Vater unseres Eugen, der den Namen des Großvaters führte und die Bestimmung traf, daß der Name Eugen, stolz auf das sich daran knüpfende Andenken, erblich in seiner Geschlechtslinie bleiben solle, bekleidete ebenfalls die Würde eines preußischen Generals. Ihm wurde am 8. Januar 1788 zu Oels, wo er als Chef eines Husaren-Regiments in Garnison stand, unser Eugen geboren, mit welchem er schon nach wenigen Jahren in die neuerworbene Standesherrschaft Carlsruh in Schlesien übersiedelte. Hier empfing der junge Eugen den für Prinzen in damaliger Zeit üblichen Unterricht, und besonders günstige Verhältnisse schienen ihm die glücklichste Laufbahn eröffnen zu wollen. Die Schwester seines Vaters war mit dem bizarren Kaiser Paul I. von Rußland vermählt und bewahrte bis an ihr Lebensende für Eugen ein seltenes mütterliches Wohlwollen. Ihrem Einflusse verdankte der achtjährige Prinz seine Ernennung zum russischen Oberst und schon nach zwei Jahren zum Generalmajor und Chef eines Dragoner-Regiments. Ausgezeichnete Geistesgaben und rastloses Streben nach allem Wissenswerthen, soweit solches namentlich in das Bereich des von ihm mit Vorliebe gepflegten Soldatenstandes gehört, rechtfertigen diese Bevorzugung des fürstlichen Knaben, dessen Glücksstern höher und höher stieg, als ihn im Jahre 1801 seine kaiserliche Tante an ihren Hof nach Petersburg berief. Dort empfing er auf Kaiser Paul’s Befehl den Generalmajor Baron Diebitsch, den Vater des nachmaligen Balkanübersteigers, der im polnischen Kampfe 1831 die Lorbeern wieder einbüßte, die er früher im Türkenkriege errungen, zum Gouverneur, während er zu gleicher Zeit dem Cadettencorps zugetheilt wurde. Noch herrschten am Petersburger Hofe die Einwirkungen aus der scandalösen Zeit Katharina’s II., obschon Kaiser Paul sie alsbald mit finsterer Strenge unschädlich zu machen suchte.

Prinz Eugen schildert in ergötzlicher Weise sein erstes Auftreten in Petersburg in folgenden Worten: „Als ich am ersten Cadettenhause auf Wassilii-Ostrow anlangte, empfingen mich eine Menge reich mit Silber beblechter Officiere und viele Dienerschaft

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1863).Leipzig: Ernst Keil, 1863, Seite 564. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1863)_564.jpg&oldid=3474911 (Version vom 7.1.2019)