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in seinem neuesten Schaffen zutage tritt, das doch nichts anderes ist als ein Spielen und Kokettieren mit Fortschrittsallüren, hinter denen sich eine sehr geschickt und blendend aufgeputzte Altmeisterlichkeit verbirgt, der Gesinnung und dem Charakter nach ebenso reaktionär wie das ehrlich philiströse Akademikertum.

Wir sind in der Musik über das Stadium hinausgelangt, in dem man meinte, Fortschritt sei gleichbedeutend mit technischer Steigerung des Hergebrachten. Wir wissen, Fortschritt ist nur zu gewinnen durch Vereinfachung, allerdings nicht im Sinne jenes üblen Modewortes „Zurück zu Mozart“, das, auf seine wahre Bedeutung hin geprüft, nichts anderes ist als die Ergänzung jener Steigerungsmanier nach der entgegengesetzten Richtung einer geistlosen Primitivität. Wenn ich von Vereinfachung spreche, so meine ich damit eine Prüfung der Grundlagen unseres musikalischen Schaffens auf ihre Gültigkeit für uns, auf ihre Wesenheit, auf ihre innere Berechtigung, auch heut noch als Grundlage einer wahrhaften Tonsprache zu dienen. Das ist das Charakteristische der neuen Musik. Sie nimmt nicht das Gegebene und modelt es nach ihren Begriffen um oder bläst es technisch auf – sondern sie stellt die Frage nach dem Daseinswert und der inneren Lebensberechtigung dieses Gegebenen überhaupt. Sie kommt dabei zu dem Ergebnis, daß dieses Gegebene, das Vermächtnis der klassisch romantischen Kunst, für uns nicht mehr das Fundament sein kann, auf dem wir weiterbauen dürfen, daß wir tiefer zurückgreifen müssen, um etwas im wahren Sinne Zeiteigenes schaffen zu können.

Eine solche Erkenntnis ist unbequem, denn sie fordert von jedem einzelnen eine kritische Strenge der Selbstbesinnung, die man ungern aufbringt. Es ist viel angenehmer, in hergebrachten Formeln zu denken und zu sprechen, als sich über jedes einzelne Wort, über seinen Sinn und seine Daseinsberechtigung Rechenschaft abzulegen. Daher vor allem der Widerstand der ausübenden Künstlerschaft gegen die neue Kunst. Anderseits ist nicht zu

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Paul Bekker: Neue Musik. Stuttgart und Berlin: Deutsche Verlags-Anstalt, 1923, Seite 97. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Bekker_Neue_Musik_Vortrag.djvu/015&oldid=- (Version vom 31.7.2018)