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Hirschfeld.


Hirschfeld mit Moritzthal liegt 3½ Stunden nördlich von Freiberg und eine Stunde südlich von Nossen, stand vor der neuen Gerichtsorganisation unter der Obergerichtsbarkeit des Amtes Meissen und hatte seine eigene Erbgerichtsbarkeit, jetzt gehört es zum Gerichtsamte Nossen, Bezirksgericht Meissen, Amtshauptmannschaft Meissen, Regierungsbezirk Dresden.

Hirschfeld mit Moritzthal zählt 90 bewohnte Gebäude mit 133 Familienhaushaltungen und 680 Einwohnern. Bei dem Orte nahe vorbei führt die Chaussee von Freiberg nach Nossen und ein näherer Fussweg dahin durchschneidet das Oberdorf, wo der sogenannte Euler-Bach entspringt, der beim Rittergute nördlich in ein sehr schönes waldiges Thal sich wendet.

Nicht fern davon westlich fliesst die Freiberger Mulde. Bis zu den Holzungen an der letzteren reichen die Dorffluren, welche durch Ober-Eula Deutschenbora, Neukirchen und Reinsberg beraint sind.

Das Rittergut hat freundliche schöne Gebäude. Den Namen hat es wohl von einem Ritter Tiezmann von Hersfeld im Jahre 1267 erhalten, wiewohl schon vorher ein Schloss daselbst gestanden haben soll und dieser von Hersfeld nicht als der eigentliche Erbauer genannt werden kann. Denn schon früher und zwar zu Anfang des zwölften Jahrhunderts während der innerlichen Kriege, welche die kaiserliche und päpstliche Parthei mit einander führten, legten die Edelleute unter dem Anführen einer nothwendigen Schutzwehre fast auf allen Bergen, die ihnen zugehörten, in hiesiger Gegend Schlösser oder Burgen an, und war dies zu derselben Zeit, wo Conrad der Grosse aus dem Hause Wettin als Markgraf von Meissen vom Kaiser Lothar II. im Jahre 1127 ernannt worden war. Diese Grafen von Wettin sind die wahren Stammväter des Chur- und Herzoglichen Hauses Sachsens. Die Besitzer von Hirschfeld waren stets treue Lehnleute und ergebene Ritter ihren Markgrafen, leisteten überall ihre Dienste, deshalb sie sogar zu Markgräflichen Räthen erhoben wurden; denn im Jahre 1274 finden wir Reinhold von Hiersfelde als Markgräflichen Rath auf dem Schlosse zu Hirschfeld. Ueberhaupt wird in den alten Urkunden von dieser Familie gerühmt, dass solche durch alte ritterliche Tugenden glänzte. Dieses Geschlecht erinnert daher recht lebhaft an die Zeit, wo die Chevalerie in ihrer vollsten Blüthe stand und wohlthätig auf die folgenden Geschlechter wirkte.

Manche Verfeinerung des geselligen Tones, manche Delicatesse in der Freundschaft und Liebe, die Heilighaltung des Ehrenwortes selbst unter Jenen, die der moralischen Pflichten spotten und vor Allem die Züge der Menschlichkeit und Grossmuth, welche mitunter die Zerstörungen der Kriegswuth, die Gräuel des Schlachtfeldes mildern, sind die Vermächtnisse jener Zeit. Ja, wenn auch das Ritterthum die Anlagen zur Bosheit, die Selbstsucht nicht ganz vertilgen konnte, so stellte es doch die schönsten Tugenden, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Ehre als hohe Ziele des pflichtmässigen Bestrebens auf, huldigte jeder Tugend und verabscheute das Laster. Mit den Hauptpflichten des Ritterthums harmonirte so recht die christliche Religion, als Lehrerin der Gerechtigkeit, des Erbarmens. Hierdurch wurde Erhebung ins Gemüth des Ritters gebracht. Mit dem

Empfohlene Zitierweise:
Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen II. Section. Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser, Leipzig 1856, Seite 111. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_II.djvu/166&oldid=- (Version vom 3.6.2018)