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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
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Titel: Schlom Weißbart
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19-22, S. 241-244;257-261 etc
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[241]
Schlom Weißbart.
(Ein Bild aus Litthauen.
Vom Verfasser der schwarzen Mare.)


Im Jahre 184– traf ich in Litthauen einen Landsmann und Bekannten wieder, der vor länger als zwölf Jahren dahin versetzt war, und von dem ich seit jener Zeit nichts wieder vernommen hatte. Ich war begierig, von ihm über sein Leben in dem fremden Land selbst und dessen Bewohner Auskunft zu erhalten.

Ich werde Dir – sagte er – ein Abenteuer erzählen, das ich nicht lange nach meiner Ankunft in dieser Provinz zu bestehen hatte, und das vielleicht mehr als lange, ausführliche Beschreibungen im Stande sein wird, Dich dessen Menschen und Zustand kennen zu lehren. Er erzählte mir Folgendes:

Ich wurde im Jahre 183– als Kreisjustizrath nach Ragnit versetzt. Ich war damals Assessor bei dem Oberlandesgerichte in A., und bisher blos in meiner Heimath, der Provinz Westphalen, angestellt gewesen.

Als ich mit den Meinigen in Ragnit ankam, fanden wir ein freundliches Städtchen, hübsch gelegen in einer fruchtbaren Gegend, an einem hohen Ufer des schönen, breiten Memelstroms, der nicht weit unterhalb der Stadt eine große Krümmung machte, so daß man seinen Lauf mitten durch üppige Wiesen und Weiden beinahe eine halbe Meile weit deutlich verfolgen konnte, bis nach dem alten, kahlen Rambinus hin, dem alten Berge des Gottes Perkunos, an dessen Fuße er wieder eine andere Richtung nahm, nach der litthauischen Hauptstadt Tilsit zu, anderthalb Meilen von Ragnit gelegen.

In dem freundlichen Städtchen auf dem hohen Memelufer fanden wir allerdings nicht viel mehr als 3000 Einwohner; aber es war ein eben so tüchtiger und prächtiger deutscher Menschenschlag, wie man ihn nur irgend wo am Rhein und in Westphalen antrifft. Barbaren, wie sie mir geschildert waren, schienen mir die Leute nicht, und auch die Wölfe liefen in ihren Straßen nicht mehr herum, als anderswo, nämlich die in Schafspelzen; dies aber brauchten – wenigstens damals noch – eben keine russischen oder preußischen Wölfe zu sein. Dagegen fanden wir in Litthauen und Ragnit Etwas, was wir in unserm vielbewegten Leben später niemals in so hohem Grade wieder gefunden haben, eine offene, biedere, gastfreundliche Zuvorkommenheit. Sie lebt in unserem dankbaren Andenken.

Was eine Kreisjustizcommission sei, erfuhr ich sehr bald in vollem Umfange. Der Kreisjustizrath v. L., den abzulösen ich bestimmt war, hatte dem Gerichtsboten, der ihm zuerst die Nachricht meiner Ankunft und seiner Erlösung überbracht hatte, in der Freude seines Herzens einen harten Thaler geschenkt. Es war ein braver, aber kränklicher Mann, zwar ein tüchtiger Beamter, der aber gerade gegen die Art von Geschäften, wie sie bei der Kreisjustizcommission waren, vielleicht auch in Folge seiner Kränklichkeit, einen unüberwindlichen Widerwillen gefaßt, deshalb kaum einige Monate nach Antretung seines Postens, seine Versetzung nachgesucht und diese in einer untergeordneten Stelle in seiner Heimath angenommen hatte.

Das Institut der Kreisjustizcommission bestand nur in den Provinzen Preußen und Litthauen. Im Jahre 1839 haben sie einer veränderten Gerichtsorganisation Platz machen müssen. Sie waren Deputationen der Oberlandesgerichte zur Führung der schweren Criminaluntersuchungen, zur Führung und Entscheidung der geringeren Civilprozesse gegen die Eximirten (Adel, Geistlichkeit und Beamte) und zur Beaufsichtigung der Untergerichte. Sie bestanden aus einem Kreisjustizrath als Dirigenten, einem Assessor (auch Aktuar genannt) und dem nothwendigen Subalternpersonal an Gerichts- wie Gefängnißbeamten. Die Kreisjustizcommission zu Ragnit war eine solche Deputation oder Commission des Oberlandesgerichts zu Insterburg für die vier Landrathskreise Ragnit, Tilsit, Niederung, Heidekrug. Ihr Geschäftsbezirk berührte auf einer Länge von ungefähr zwölf Meilen die russische Grenze und außerdem noch auf mehreren Meilen die Grenze des unglücklichen Königreichs Polen.

Das gerade war es, was die Stellung bei der Commission für meinen Vorgänger zu einer unerträglichen gemacht hatte, was sie freilich für mich zu einer sehr mühsamen machen sollte. Wo die Regierungen den freien Verkehr sperren und hemmen, da erreichen sie wenigstens Eins sicher, Demoralisation des Volkes. An der preußisch-russischen Grenze wird vielfach gesperrt und gehemmt, diesseits wie jenseits. Nach Rußland darf aus Preußen nichts hineinkommen, was die Leute dort bedürfen und gebrauchen, nicht Fisch noch Fleisch, nicht Seide noch Zeug, nicht Kaffee noch Zucker, nicht Wein noch Schnaps, nicht Thee noch Civilisation. Und aus Rußland nach Preußen darf zweierlei nicht kommen. Eins nicht, das die Leute in Preußen gebrauchen: Salz. Und doch kaufen sie es in Rußland um das Doppelte wohlfeiler als in Preußen selbst, nämlich das Pfund für sechs Pfennige, wenn sie in Preußen dafür einen Silbergroschen bezahlen müssen. Und die Leute behaupten, das sei um so mehr ein unrichtiges Verhältniß, als es eben nur preußisches Salz, das gleiche preußische Salz sei, das sie so wohlfeil in Rußland kaufen können und so theuer in Preußen bezahlen müssen, Salz, das die [242] preußische Regierung an die russische verkaufe und diese wieder an ihre Unterthanen mit Profit ablasse, und das so von den russischen Unterthanen nochmals mit einem Profit, und dennoch doppelt billiger, in das Land, aus dem es ursprünglich gekommen, zurückverkauft werden könne. Ob es wahr ist, müssen die Leute wissen, und die Nationalökonomen und die Regierung. Ein Anderes, das gleichfalls aus Rußland nicht nach Preußen kommen darf, brauchen die Leute hier zwar nicht, aber desto mehr bedarf man seiner in Rußland. Das sind die Russen selbst, die man – durch die Regierung – alljährlich zum Kriegsdienste einfängt und in die Montur steckt.

Wer will es den Unglücklichen verdenken, wenn sie sich zu retten suchen? Die preußische Grenze ist so nahe, der Grenzgraben so schmal, der Grenzwall so niedrig. Der Grenzkosack ist leicht zu täuschen, leichter zu überwältigen, noch leichter zu bestechen. Ein Satz, ein Sprung, und man ist gerettet in dem Lande der – Freiheit und Civilisation! Aber dieses Land der Civilisation hat einen Kartellvertrag mit Rußland geschlossen und garantirt diesem die militärische Sklaverei seiner Unterthanen.

Schmuggel, Grenzexcesse, Kampf und Blutvergießen, das sind die Bestandtheile des Verkehrs an der russisch-preußischen Grenze.

Das einzige Schöne, was ich, nach Hübner’s Zeitungslexikon, in Ragnit hatte finden sollen, fand ich nicht. Das herrliche Comthurschloß der deutschen Herren war nur noch eine Ruine. Am 3. August 1829 schon war es abgebrannt, am Geburtstage des Königs Friedrich Wilhelm III. Es war das auch eine sonderbare Geschichte, die ich ein ander Mal erzählen werde. Und die Ruine des herrlichen Schlosses war nicht einmal schön. Die weiten, hohen und ungeheuer dicken und starken Mauern des äußerlich zerstörten Gebäudes umfaßten ein Zuchthaus und die Gefängnisse der Kreisjustizcommission. Diese Gefängnisse waren überfüllt mit den Verbrechern der Grenze und der Grenzbezirke aus Rußland wie aus Preußen.

Ueber anderthalb Hundert Untersuchungsgefangene saßen allein in den Gefängnissen der Kreisjustizcommission zu Ragnit, als ich mein Amt dort antrat. Alle warteten auf ihr Erkenntniß, das sie der Strafe oder der Freiheit zuführen, dem Zuchthause, Manche dem Henker oder wieder den Ihrigen, der Liebe und der Freude, freilich oft auch dem Jammer zerstörten Familienglückes, oder neuer Verbrechen überliefern sollte. Nicht Wenige warteten schon seit Jahren. In den Gerichtszimmern der Kreisjustizcommission warteten so die zahllosen, voll und dick geschriebenen Untersuchungsakten auf ihre Beendigung, um demnächst an das Oberlandesgericht zu Insterburg zum Spruch versandt zu werden. Wie Vieles aber war noch darin zu thun, bis sie beendigt und zum Spruch eingeschickt werden konnten. Mein Vorgänger hatte vermöge seiner Kränklichkeit mit Energie nicht eingreifen können. Dessen Vorgänger, früher ein Inquirent von der seltensten Befähigung und juristischer wie moralischer Tüchtigkeit, war in seinen alten Tagen völlig jenem Stumpfsinn verfallen, den man bei den ältern Dienern, gerade der preußischen Bureaukratie, so häufig antrifft; dabei aber auch jenem gleichen preußischen Beamteneigensinn, der nicht von seinem Posten weichen will. Die vorgesetzten Behörden hatten ihm junge Leute – Referendarien – zur Aushülfe geben müssen, die vielfach mit dem alten Manne spielten. Dabei war auch das zweite Mitglied der Kreisjustizcommission ein an Geist und Körper schwächlicher, kränklicher Mann. Kein Wunder, daß sich überall Rückstände in den Arbeiten fanden, daß die Akten sich gehäuft und die Gefängnisse sich überfüllt hatten. Indeß die Arbeit mußte bewältigt werden.

Unter den Gefangenen, die mir sogleich beim ersten Besuche der Gefängnisse am Meisten auffielen, war ein Jude, der mir als Schlom Weißbart benannt wurde. Er war in einem der tiefsten Keller des alten deutschen Herrenschlosses eingesperrt, einem Raume mit so dicken und festen Mauern und so schmalen und engen und durch schwere eiserne Stangen vergitterten Fenstern, daß an ein Entweichen aus diesem Gefängnisse gar nicht zu denken war. Er saß dort in Gesellschaft blos der schwersten Verbrecher, nur Räuber und Mörder, die man gerade hier, in der sichersten von allen Gefängnißzellen, zusammengebracht hatte. Er war dort der einzige Jude unter lauter Christen. Er war ein Mann von mittlerem Alter – vielleich nahe an den Vierzigern – und von mittlerer Größe. Sein Gliederbau schien von mehr als gewöhnlicher Kraft zu sein. Seine Bewegungen verriethen es; es zeigte sich noch mehr, wenn der weite Pelz, den er trug, sich zufällig öffnete. Höchst interessant war sein Gesicht. Der Blick blieb unwillkürlich darauf haften; er verweilte mit Neugier darauf, ob auch mit Wohlgefallen oder aber mit innerer Wegwendung, darüber konnte man mit sich selbst nicht einig werden; desto größer war vielleicht gerade deshalb Interesse und Neugier. Der Schnitt des Gesichtes war völlig orientalisch, aber es war nur der feine orientalische Schnitt; die Nase lang und nur wenig gebogen, die Lippen nur wenig aufgeworfen, die Stirn hoch, die Augenbrauen stark und gewölbt, die Augen groß und rabenschwarz. Rabenschwarz und glänzend auch das Haar. Dagegen schneeweiß aber dicht und lang der Bart, der den unteren Theil des Gesichtes bedeckte. Das Gesicht war eingefallen; die Farbe war blaß, aber beides nicht so sehr, um ihm das Aussehen der Kränklichkeit oder Schwäche zu geben.

Auf den ersten Anblick fühlte man den Eindruck eines klaren, ruhigen, etwas melancholischen und beinahe edlen Gesichts. Sah man aber tiefer in das große schwarze Auge, so gewahrte man darin ein scheues, lauerndes Wesen, und man glaubte tief im Hintergrunde Hinterlist und Falschheit, jedenfalls Verschmitztheit zu sehen. Beachtete man den Mann genauer und länger, so sah man die Lippen manchmal plötzlich weiter vorgeworfen, wie unwillkürlich aufgezuckt, und dann heftig, fast gewaltsam zusammengekniffen, und wenn man dann schnell ihm wieder in die Augen blickte und das dunkle Aufblitzen in ihrem tiefsten Grunde mit dem gewaltsam zusammengekniffenen Munde verglich, so konnte man sich kaum des Gedankens erwehren, daß so ein Mensch aussehen müsse, der sich eben die Scene eines Mordes, den er verübt, in das Gedächtniß zurückrufe, oder dem plötzlich Gedanke und Plan eines zu verübenden Mordes ergreife und beschäftige. Das war Blutgier, Mordlust, was hier zuckte und blitzte.

Mein Vorgänger mußte mir die Geschäfte der Kreisjustizcommission übergeben. Dazu gehörte auch die Ueberweisung der Gefängnisse. Wir Beide besuchten gemeinschaftlich jede einzelne Gefängnißzelle, gefolgt von den Gefängnißbeamten und litthauischen und einem polnischen Dolmetscher. Mein Vorgänger bezeichnete mich den Gefangenen als seinen Nachfolger; ich trat darauf an jeden einzelnen Gefangenen heran und fragte ihn, ob er Klage über seine bisherige Behandlung in der Untersuchung und im Gefängnisse habe; er habe sie jetzt anzubringen. Mit den der deutschen Sprache Unkundigen wurde durch die Dolmetscher verhandelt. Nur wenige brachten Klagen wor. Was sie zurückhielt, zeigte der scheue Blick auf die anwesenden Gefängnißbeamten. Ich machte später meine Besuche stets ohne diese.

Zu jenen Wenigen gehörte Schlom Weißbart. Ich hatte ihn, eben weil er mir gleich bei meinem Eintreten aufgefallen war, schon vorher beobachtet, ehe ich in der Reihe des Fragens zu ihm kam. Er hatte vollkommen ruhig dagestanden. In dem Augenblik, als ich mich von seinem Nachbar zu ihm wandte, zuckte es heftig in seinem Gesichte. Sein Auge überflog die Beamten, die hinter mir standen. Die Lippen biß er zusammen. Ich sah zum ersten Male an ihm jenen unheimlichen Ausdruck. Aber kaum eine halbe Sekunde lang. Sein Wesen veränderte sich plötzlich in anderer Weise. Das Auge blieb unruhig, aber es nahm einen freundlichen Ausdruck an. Die Lippen öffneten sich, aber wie zu einer demüthigen Bitte. So beugte er, als ich unterdeß ganz vor ihn getreten war, seinen Körper tief vor mir nieder, mit einer Bewegung seiner Hände, als wenn er den Saum meines Rockes fassen und seinen Mund darauf drücken wolle.

Ich sollte ein solches hündisch-freundlich kriechendes Benehmen von russischen und polnischen Bündeljuden, aber auch Christen, später noch oft kennen lernen in seiner ganzen widerlichen Weise.

Ich trat entrüstet zurück, doppelt entrüstet durch den Kontrast dieses Betragens und jenes Aussehens des Mannes.

In strengem Tone richtete ich meine erste Frage an ihn: „Wie heißt Ihr?“

Er hatte rasch seinen Körper aufgerichtet. Sein Auge stach durchbohrend in das meinige; aber nur während des Aufrichtens. Gleich darauf blickte es mich wieder freundlich bittend an, zwar noch unruhig, aber nicht kriechend.

„Ich heiße Schlom,“ antwortete er bescheiden, in dem tief gurgelnden, schnellen Tone, in welchem die Handelsjuden an jener Grenze das Deutsche sprechen.

„Wie weiter?“

[243] „Schlom. Mein Vater hieß Aaron.“

„Ihr führt nur den Namen Schlom?“

„Nur diesen, Herr.“

Mein Vorgänger erläuterte: „In Rußland, wenigstens hier an der Grenze, führen die Juden selten einen Familiennamen. In den Acten heißt dieser Jude übrigens Schlom Weißbart. So nennen ihn auch seine Genossen nach seinem weißen Barte. Er wird dadurch unterschieden von einem anderen, eben so gefährlichen Verbrecher, der mit ihm aus demselben Orte ist, auch Schlom heißt und mit ihm die größte Aehnlichkeit hat, nur daß er einen schwarzen Bart trägt, und der daher Schlom Schwarzbart genannt wird.“

Ich wandte mich wieder zu dem Juden. Ich begegnete noch dem letzten Verfliegen eines listigen, höhnischen Lächelns in seinem Gesichte. „Woher seid Ihr?“

„Aus Russisch-Neustadt.“

„Welches Verbrechens seid Ihr angeklagt?“

Seine Freundlichkeit und Bescheidenheit gingen plötzlich in Heftigkeit über. „Gar keines, gar keines Verbrechens, Herr Kreisjustizrath. Ich bin unschuldig, völlig unschuldig.“

„Ich frage Euch nicht,“ erwiederte ich ihm, „wessen Verbrechens Ihr schuldig, sondern wessen Ihr angeklagt seid?“

„Gar keines, gar keines, Herr Kreisjustizrath. Man kann mir nichts beweisen, man kann mir nichts vorwerfen, nichts, nichts.“

„Die gewöhnliche Sprache aller Verbrecher,“ nahm mein Amtsvorgänger das Wort. „Jeder will unschuldig sein.“

„Aber, Herr, Herr – “ rief der Jude heftiger, lauter, und in seiner Heftigkeit mehr und mehr in die gewöhnliche jüdische Redensweise fallend. „Den Andern kann man doch werfen etwas vor. Man kann ihnen nennen ein Verbrechen, das sie sollen haben begangen. Nennen Sie mir eins. Habe ich gestohlen, habe ich gemordet, habe ich begangen einen Raub? Nicht Sie haben gekonnt, es mir sagen, nicht die Herren Referendarien, Gott stehe mir bei, diese Herren.“

Die Bemerkung des Juden war wichtig. Keiner von den Gefangenen, die ich bisher gefragt, hatte sich eines Verbrechens schuldig bekannt, aber Alle hatten ein bestimmtes Verbrechen, dessen man sie anklagte, zu benennen gewußt. Eine gewisse Verlegenheit in den Gesichtern der Beamten zeigte mir auch, daß außer der Beantwortung des Juden noch etwas Anderes richtig oder vielmehr nicht richtig sein müsse.

Ich unterbrach diesen. „Ruhig, Mann! Beantwortet mir meine weiteren Fragen, aber ohne Heftigkeit.“

Er verbeugte sich tief und demüthig, und stand dann völlig ruhig vor mir. Es war ein wildes Wesen in dem Manne, aber eine eiserne Gewalt, die es zu beherrschen wußte.

„Wie lange seid Ihr hier in dem Gefängnisse?"

„Vor drei Tagen ist es geworden ein Jahr und drei Monate.“

„Habt Ihr Klage über Eure bisherige Behandlung zu führen?“

„Ich bitte, Herr, daß Sie mich bald verhören.“

„Das wird geschehen. Jetzt habt Ihr meine Fragen zu beantworten.“

„0b ich habe eine Klage?“

„Ueber Eure Behandlung hier in der Haft und in der Untersuchung, in Euren Verhören.“

„Verhören?“ platzte es wieder heftig aus ihm heraus. Aber schnell sich fassend, fuhr er fort: „Hier habe ich keine Klagen. Hier nicht. Aber Sie verhören mich bald? Recht bald?“

„Noch in dieser Woche.“

„Gewiß, Herr? Gewiß?“

„Gewiß.“

Er hatte, bevor ich es ihm wehren konnte, den Saum meines Rockes ergriffen und an seine Lippen gedrückt.

Ich setzte den weiteren Umgang in den Gefängnissen fort.

Ueber die vielfachen, mitunter tief erschütternden Eindrücke dieses ersten Besuches jener Gefängnisse hatte ich den Juden Schlom Weißbart nicht vergessen. Ich ließ mir alsbald seine Untersuchungsacten vorlegen. Sie bestanden aus einem einzigen sehr dünnen Heftchen. Aber sie gehörten zu desto zahlreicheren und dickeren Actenbänden. Schlom Weißbart war in eine weitläufige Untersuchung gegen eine große Bande von Dieben verwickelt, die ihre Verbrechen gewerbmäßig zu beiden Seiten der preußisch-russischen Grenze verübt hatte. Die Bande bestand aus einigen zwanzig Köpfen, theils preußischen, theils russischen Unterthanen. Der zur Untersuchung gezogenen Diebstähle waren aber vierzig. Die Diebe hatten ihre Verbrechen mit eben so großer Verwegenheit als List ausgeführt, besonders zahlreiche Pferdediebstähle. Die in Rußland gestohlenen Pferde waren nach Preußen geschafft und hier verkauft; umgekehrt, die in Preußen gestohlenen nach Rußland. Sie hatten so ihr Handwerk lange und um so geschützter vor Verfolgung treiben können, als die Grenzsperre eben nur den ehrlichen Leuten und deren Verkehr die Grenze sperrte. Die Grenzsperre und die Schwierigkeit des Verhandelns mit unwillfährigen, russischen Behörden hatte auch eine unverhältnißmäßige Verzögerung der Untersuchung herbeigeführt. Freilich hatte auch einiges Andere hierzu beigetragen. Die Acten waren sehr voluminös geworden, und die Inquirenten - jene Referendarien - hatten mehrfach gewechselt. Es ist aber keine mühelose Arbeit, vierzig bis fünfzig dicke Bände von Untersuchungsacten durchzufahren, zu prüfen, was Alles noch darin geschehen muß, welche Zeugen noch darin zu vernehmen, welche Confrontationen zu veranstalten, welche Thatbestände sogar noch festzustellen, sodann die articulirten Verhöre abzuhalten und so weiter.

Die Untersuchung hatte schon seit länger als zwei Jahren gedauert. Ich mußte mehrere Tage und Nächte die Acten durchstudiren, um dem Juden mein Versprechen halten zu können, ihn noch in dieser Woche zu verhören. Schlom Weißbart war erst im Laufe der Untersuchung eingeliefert. Sein Name kam jedoch schon im Anfange derselben vor. Er wurde immer als einer der gefährlichen Diebe und zugleich Diebeshehler an der Grenze genannt. Aber er war so benannt nur von den Beamten, den Gensd’armen, den Dorfrichtern, den Polizeischulzen an der Grenze. Von den in der Untersuchung befangenen Verbrechern wollte keiner auch nur seinen Namen wissen. Und auch jene Beamten konnten kein einziges Verbrechen bezeichnen, das er selbst begangen oder zu dem er mitgewirkt haben sollte. Es hieß nur immer, das gefährlichste Mitglied der ganzen Bande sei der Jude Schlom Weißbart aus Russisch-Neustadt. Freilich wohl nicht minder gefährlich sei ein anderes Mitglied der Bande, der Jude Schlom Schwarzbart, dessen man aber bisher nicht habe habhaft werden können. Dabei war die Vermuthung ausgesprochen, Schlom Weißbart und Schlom Schwarzbart müßten Brüder sein, wegen ihrer Aehnlichkeit sowohl im Aeußern als in verbrecherischer Frechheit und Verschmitztheit. Etwas Bestimmtes könne man darüber nicht ermitteln, weil beide Juden nicht ohne Vermögen sein sollten, und daher von den bestechlichen russischen Beamten keine Auskunft über sie zu erhalten sei. Deshalb sei auch an eine Verhaftung des Schlom Schwarzbart oder an eine in Rußland gegen ihn einzuleitende Untersuchung gar nicht zu denken. In der That fand sich in den Acten ein Schreiben der russischen Behörde, wonach ein Schlom Schwarzbart in Neustadt sowohl als Umgegend gar nicht existire. Gegen diesen Schlom Schwarzbart lagen übrigens mehrere bestimmte Zeugenaussagen vor, nach denen er an einer Menge in Preußen verübter Vebrechen unmittelbar Theil genommen und namentlich viele gestohlene Pferde in Rußland verkauft hatte.

Schlom Weißbart war in Preußen arretirt. Zufällig, wie es in den Acten nach einer Anzeige des Dorfgerichtes des Grenzortes Mädischkehmen hieß, hatte man ihn diesseits der Grenze auf einem Pferde reitend, angetroffen, erkannt und sofort verhaftet. Das Pferd war später als ein in Preußen gestohlenes ermittelt worden. Der Diebstahl war schon vor langer Zeit verübt, und gar nichts stand darüber fest, daß Schlom Weißbart daran Theil genommen habe. Und dieser Ritt auf einem gestohlenen Pferde war das einzige Bestimmte, was man dem Juden hatte vorwerfen können. Auch in seiner Haft hatte er sich stets ruhig und ordentlich betragen. War seine Bemerkung oder vielmehr sein Vorwurf im Gefängnisse nicht gewesen?

Gleichwohl wurde von sämmtlichen Beamten der Kreisjustizcommission fortwährend versichert, der Jude Schlom Weißbart sei einer der verwegensten und gefährlichsten Verbrecher, welche auf beiden Seiten der Grenze leben.

Ich ließ ihn zum Verhöre vorführen.

Er erschien ruhig, bescheiden. ohne eine Spur jenes kriechenden Wesens, das ich im Gefängnisse entrüstet zurückgewiesen hatte. Hatte er auch mich studirt?

„Ich habe Euch vorführen lassen, Schlom Weißbart,“ redete ich ihn an, „um das versprochene Verhör mit Euch abzuhalten.“

„Lohne es Ihnen Gott, Herr!“

. [244] „Zuvor beantwortet mir jetzt die Frage, ob Ihr eine Klage über Eure Behandlung habt?“

„Eine Klage, Herr Kreisjustizrath? Gott behüte. Nicht eine, aber zehn, zwanzig, hundert.“

Er antwortete nicht aufgeregt, im Gegentheil mit derselben Ruhe, mit der er eingetreten war.

„Und wie lauten diese Klagen?“

„Traurig lauten sie. Sie zerreißen mein Herz, möchten sie doch auch zerreißen das Ihrige.“

„Nun?“

„Herr, ich sitze hier seit fünf Vierteljahren. In dem Keller da unten. In dem dunkelen Loche unter der Erde. Fünf Vierteljahre. Soll ich Ihnen sagen, wie oft ich in dieser Zeit gesehen habe die Sonne und geathmet habe die frische Luft? Ich will es Ihnen sagen. Zwei Mal. Zwei Mal, als ich wurde geführt aus dem Keller zum Verhöre.“

Nur zwei Verhöre waren in der That bisher mit dem Juden abgehalten.

„Aber,“ warf ich ihm ein, „Ihr seid doch regelmäßig täglich eine halbe Stunde an die frische Luft geführt worden.“

„Daß sich Gott erbarm! Es war ja keine Zeit dazu übrig für die Herren Wachtmeister.“

Ich sah fragend den Secretär an, der mir das Protocoll führte. Er bestätigte mit einem Achselzucken.

Die Gefängnisse und das Gefängnißpersonal sind auf funfzig Gefangene berechnet. Einhundert und funfzig sind da. Da bleibt keine Zeit für die allerdings vorgeschriebenen Spaziergänge der Gefangenen.

„Aber das ist ja eine Grausamkeit. Ich habe Gefangene angetroffen, die seit länger als drei Jahren saßen. Auch diese sind nie an die frische Luft gekommen?“

„Zum Verhöre!“ war die entschuldigende Antwort.

„Grausamkeit!“ sagte der Jude. „Was heißt Grausamkeit? Weiß der Herr, daß ich in den fünf Vierteljahren nicht habe sehen dürfen meine Frau und mein Kind, und sie waren hier, fünf Mal, alle Vierteljahre ein Mal.“

Auf meinen fragenden Blick antwortete der Secretär: „Der Jude hätte collidiren können.“

Der Jude fuhr fort: „Grausamkeit? Und weiß der Herr, was man mir hat gegeben zu essen und zu trinken? Brot zu essen, nichts als schwarzes Brot und Wasser zu trinken. Nichts als das, gar nichts.“

„Jude,“ fiel ihm der Secretär ein, „belüge den Herrn Kreisjustizrath nicht.“

„Habe ich bekommen etwas Anderes? Einen Mund voll? Einen halben Mund voll?“

„Du hast freiwillig Brot und Wasser gewählt. Gieb den Grund an, warum.“

„Ich soll Ihnen sagen, warum, Herr Kreisjustizrath. Durfte ich denn essen die Gefangenkost? Sie war nicht kauscher. Das Gesetz verbietet sie.“

Ich musste mit einer Art von Bewunderung den Juden ansehen, der fünf Vierteljahre lang, um einem von Tausenden seiner Glaubensgenossen nur noch verspotteten Gesetze nicht entgegen zu handeln, nichts als Wasser und Brot genossen hatte, und dessen Aussehen doch bezeugte, daß ihm früher der Genuß einer wohlbesetzten Tafel, wie die vermögenden Juden an der russischen Grenze sie bekanntlich lieben und führen, nicht fremd gewesen war.

Er fuhr fort: „Aber das war nicht die Grausamkeit, Herr. Auch nicht einmal einen Hering ließen sie mir zukommen. Ich hatte gebeten darum, nur einmal in der Woche, am Schabbes. Meine Frau sollte ihn bezahlen, doppelt, dreifach. Ich bekam ihn nicht. Die Herren Referendarien lachten mich aus.“

„Warum das?“ fragte ich den Secretär.

„Das Reglement schreibt genau die Gefangenkost vor. Ein Hering wird nicht erwähnt.“

„War das in der That ein Grund?“

Der Secretär zuckte wieder die Achseln: „Die Herren Inquirenten ordneten es so an. Ausnahmen können nur vergünstigungsweise gestattet werden. Der Jude leugnete hartnäckig.“

„Gottes Wunder, ich sollte lügen, ich sollte mich lügen auf das Zuchthaus, an den Galgen, um einen Hering zu verdienen.“

Ich unterbrach ihn. „Legt Ihr Gewicht auf den Hering, Schlom?"

„Gewicht, Herr? Ich lege Gewicht nur auf das Recht, auf meine Freiheit. Lassen Sie mich gehen nach Hause, zu meiner Frau und meinem Kind; ich will keinen Hering.“

„Ihr täuscht Euch über Eure Lage; Ihr seid in eine weitläufige Untersuchung verwickelt, die noch Jahr und Tag dauern kann.“

„Das haben sie mir gesagt alle, alle die Herren Referendarien. Aber Sie sind der Herr Kreisjustizrath, der Herr Rath des Rechtes. Sie werden mich lassen frei. Was geht mich die Untersuchung an? Was habe ich denn verbrochen? Sie haben gelesen die Acten. Sagen Sie es mir.“

„Man hat Euch mit einem gestohlenen Pferde ertappt."

„Ertappt? Wunder Gottes! das steht in den Acten? Die Acten lügen, Herr.“

„Der Dorfrichter von Mädischkehmen hat die amtliche Anzeige gemacht."

„Gott strafe ihn, den Hund! Gott hat ihn schon gestraft.“

Der Jude war plötzlich in große Aufregung gerathen. Sein bleiches Gesicht röthete sich. Sein Blick sprühte Wuth. Doch wußte er sich bald zu mäßigen.

„Verzeihen Sie," fuhr er ruhiger fort. „Aber die Acten lügen, dabei bleibe ich. Das war eine schändliche Geschichte. Ertappt? Ich will Ihnen erzählen, Herr, wie man mich hat ertappt, hier in Preußen. Herüber gelockt hat man mich über die Grenze, hinterlistig herüber gelockt. Was sage ich? Gelockt? Hinterlistig? Gewalt hat man mir angethan!. List und Gewalt! Der Dorfrichter von Mädischkehmen und noch Einer. Einen Brief ließen sie mir schreiben, ich solle kommen an die Grenze, nur bis an den Grenzgraben, nicht herüber nach Preußen. Es würden Preußen da sein, aus Tilsit, die wollten machen ein Geschäft mit mir in Seidenwaaren, ein erlaubtes Geschäft, ein reelles Geschäft. Ich ritt hin, ohne Arg. Des Morgens um vier Uhr war ich da, wie geschrieben stand in dem Briefe. Es war noch dunkel. Die Kosacken an der Grenze schliefen. Zwei Männer waren da, ich kannte sie nicht. Sie sahen aus, wie Herren, wie Herren aus der Stadt. Sie hatten bei sich die Seide. Schöne Seide, preiswürdig. Aber es war alles Betrug. Auf einmal springen vier Kerle heraus aus dem Grenzgraben, fallen über mich her, als ich besehe die Seide, fassen mich, schleppen mich über die Grenze, mit meinem Pferde, nach Preußen. Da steht der Dorfrichter von Mädischkehmen, und wartet schon, und wirft mir um einen Strick um den Hals und die Arme, und bindet mich auf mein Pferd, und führt mich zum Herrn Landrath und sagt, ich sei gekommen über die Grenze, und so habe er mich arretirt. Arretirt? Ertappt? Ich will sterben, wenn mich hat ertappt der Hund."

Es ermittelte sich erst später, nach Jahr und Tag, daß Schlom Weißbart, auf den die Polizei in Preußen fahndete, und der dies wohl wußte und sich daher hütete, die Grenze zu überschreiten, in der That auf solche Weise theils durch List, theils durch Gewalt auf preußisches Gebiet gebracht und hier verhaftet war. Damals ging aus den Acten nichts darüber hervor. Ich bemerkte dies dem Juden. Ich fragte ihn, ob er Beweise habe für seine Behauptung gegen die amtliche Anzeige des Dorfrichters.

„Der Dorfrichter ist todt,“ antwortete er. „Strafe Gottes.“

„Habt Ihr Niemanden von den Leuten gekannt, die Euch überfielen?"

„Niemanden.“

„Auch keinen von denen, die mit Euch handelten?“

„Keinen."

„Ihr werdet einsehen, daß Eure bloßen Behauptungen eine amtliche Anzeige nicht entkräften können.“

„Es ist mein Unglück."

„Zudem kommt am Ende wenig darauf an. Der Euch beschwerende Umstand bleibt: Ihr seid mit einem gestohlenen Pferde ergriffen.“

„Gottes Wunder, ist es ein Verbrechen, zu reiten auf einem gestohlenen Pferde, so muß in’s Zuchthaus halb Litthauen und Szamaiten. Ich habe geritten auf dem Pferde, aber ich habe es nicht gestohlen.“

[257] „Ihr seid bekannt als Pferdedieb.“

„Kennt mich der Herr?“

„Sämmtliche Beamte an der Grenze bekunden es.“

„Hat Einer gesehen, daß ich habe gestohlen?“

„Sie bekunden das allgemeine Gerücht.“

„Was heißt Gerücht? Die Polizei kann machen das Gerücht. Sie sprechen, Herr, daß ich bin verwickelt in eine große Untersuchung von vielen Spitzbuben. Hat gesehen ein Einziger von diesen, daß ich habe gestohlen?“

„Sie würden dadurch sich selbst angeklagt haben.“

„Also nur die Polizei hat mich angeklagt. Die Polizei hat gemacht das Gerücht, und auf dieses Gerücht sitze ich hier seit länger als einem Jahre.“

Die Rollen des Inquirenten und Inquisiten waren beinahe vertauscht.

„Ihr sagtet, Schlom Weißbart, außer dem Dorfrichter von Mädischkehmen habe noch Einer Euch an die Grenze gelockt. Wer war dieser Eine?“

„Erlassen Sie mir das, Herr!“

„Ich frage in Eurem Interesse.“

„Gott behüte mich vor solchem Interesse. Kennen der Herr Kreisjustizrath das Essen von Kirschen mit großen Herren?“

Beim Durchlesen der weitläufigen Acten war ich auf einen Umstand aufmerksam geworden, über welchen Schlom Weißbart noch nicht vernommen war, welcher gleichwohl etwas mehr Thatsächliches, als bloßes allgemeines Gerücht zum Inhalte hatte. Ein Zeuge, der in Russisch-Neustadt Geschäfte gehabt, wollte dort gesehen haben, wie Schlom Schwarzbart eines Morgens früh drei braune Pferde zum Stalle des Schlom Weißbart gebracht habe. In derselben Nacht waren einem preußischen Gutsbesitzer in der Nähe von Laugallen, also nicht sehr weit von Neustadt, drei braune Pferde von der Weide gestohlen. Freilich stand die Identität der von dem Zeugen nur flüchtig in der Morgendämmerung gesehenen Pferde mit den gestohlenen in keiner Weise fest. Um so mehr konnte der Verdacht gegen Schlom Weißbart nur ein so entfernter sein, daß er juristisch kaum in Betracht kam. Ich glaubte indeß, an diesen Umstand anknüpfen zu dürfen.

„Schlom Weißbart,“ fragte ich den Juden, „kennt Ihr den Schlom Schwarzbart?“

Sein Gesicht durchflog wieder dasselbe höhnische Lächeln, wie im Gefängnisse bei Nennung des Namens Schlom Schwarzbart. Ruhig entgegnete er. „Giebt es doch viele Schlome in der Welt.“

„In Russisch-Neustadt“, ergänzte ich meine Frage.

„Auch da.“

„Und Einer von ihnen hat den Zunamen Schwarzbart!“

„Ich weiß es nicht.“

„Wie man Euch Weißbart nennt?“

„Gottes Wunder, so nennt mich die Polizei in Preußen.“

„Zur Unterscheidung von Schlom Schwarzbart.“

„Aber ich kenne keinen Schlom Schwarzbart. Auch in Rußland kennt man nicht einen Schlom Schwarzbart, und auch nicht den Schlom Weißbart.“

Ich weiß nicht, warum plötzlich der Verdacht in mir aufstieg, Schlom Weißbart und Schlom Schwarzbart seien ein und dieselbe Person. Rasch stellte ich dem Juden die Frage: „Seid Ihr selbst der Schlom Schwarzbart?“.

Ein Blitz der Wuth schoß aus seinem Auge auf mich. Aber er antwortete mit seinem freundlichen Lächeln: „Dann müßte ich ja kennen den Schlom Schwarzbart.“

„Gewiß werdet Ihr ihn kennen. Er soll gestohlene Pferde in Euren Stall gebracht haben.“

„Haben der Herr Zeugen?“

Auch diese Richtung des Verhörs führte nicht weiter. Ich hatte schon vorher meinen Plan gefaßt und schritt sofort zum Schlußverhör. Ich eröffnete ihm das. Er mußte sich Gewalt anthun, seine laute Freude zurückzuhalten.

„Sie lassen mich frei? Heute?“

„So nicht, Schlom. Ich schicke nur Eure Acten noch heute nach Insterburg zum besonderen Spruch über Euch ein.“

Er wurde niedergeschlagen. „Gott behüte, da sind viele Herren Referendarien, das wird lange daueru, ehe sie kommen zurück.“

„Ihr sollt bis dahin jeden Schabbes Euren Hering haben, und wenn Ihr wollt, täglich.“

Etwas richtete ihn das Versprechen wieder auf. „Nicht täglich. Aber die Woche zweimal, wenn der Herr erlauben.“

„Ich erlaube es.“

„Und,“ fuhr er fort, plötzlich zögernd, mit beinahe ängstlich angehaltenem Athem. „Und erlauben der gnädige Herr, daß ich kann sprechen meine Frau und mein Kind?“

„Auch das.“

[258] Er stürzte vor mir nieder, meine Stiefel zu umfassen. Ich mußte mich fast gewaltsam von ihm losreißen.

„Das ist ein großer Bösewicht,“ sagte, als der Jude abgeführt war, der Secretair, wie mit erleichtertem Herzen. „Ein gleißnerischer Bösewicht, den alle Welt fürchtet, in Preußen wie in Rußland.“

„Und dennoch,“ erwiederte ich, „kann Niemand in Preußen oder in Rußland ihn eines bestimmten Verbrechens auch nur anklagen, geschweige überführen. Sollte den Menschen nicht das unverschuldete Unglück eines allgemeinen Vorurtheils verfolgen, das sich so oft, ohne alle Veranlassung, in wahrhaft unbegreiflicher Weise klettenartig an manche Menschen anheftet?“

„Umgekehrt möchte ich glauben, daß seine ebenso große List wie Frechheit seine Verbrechen nur zu sehr zu verdecken weiß –“

„Aber der arme Mensch sitzt ja seit beinahe anderthalb Jahren gefangen zwischen den stärksten Gefängnißmauern, und er hatte nicht einmal Geld, um zu seiner Nahrung sich mehr als Wasser und Brot zu verschaffen.“

„Er hat zu Hause Vermögen, und ein Weib, ebenso boshaft und ränkesüchtig wie er, dabei bildschön.“ –

Gegen den Juden Schlom Weißbart lag nach meinem Erachten kein Beweis eines Verbrechens vor, der eine Strafe gegen ihn hätte begründen können. Nach der ganzen Lage der Untersuchung gegen die Bande war auch keine Bezüchtigung irgend eines Verbrechens, kein weiterer Beweis gegen ihn zu erwarten. Es erschien mir daher völlig ungerechtfertigt, den Juden in fernerer Gefangenschaft bis nach Abschluß der, vielleicht noch ein Jahr dauernden Untersuchung gegen die Bande zu behalten. Andererseits, nachdem die Criminaluntersuchung gegen ihn wegen Theilnahme an den Diebstählen einmal eingeleitet war, konnte er, zumal als Ausländer, ohne ein Urtheil nicht entlassen werden; dieses Urtheil war von dem Oberlandesgerichte in Insterburg zu ertheilen. Dem letzteren sandte ich daher die – dünnen – Akten gegen den Juden, mit den betreffenden Bemerkungen zum Spruche ein.

Unterdessen machte ich noch einen letzten Versuch, um über den Juden eine bestimmte nähere Auskunft zu erhalten. Die russischen Behörden hatten, auf die sämmtlichen vielen amtlichen Ersuchungsschreiben der Kreisjustizcommission zu diesem Zwecke, gar nicht geantwortet. Wenige Tage nach meiner Ankunft in Ragnit erfuhr ich, daß einer meiner Universitätsfreunde, ein Livländer, einen höhern Posten in der russischen Zollparthie an der Grenze bekleide. An ihn wandte ich mich um Auskunft.

Es war ein seltsames Zusammentreffen von Umständen, unter denen ich einige Zeit nachher die Antwort erhielt. Es kam damals täglich nur eine Hauptpost nach Ragnit. Sie kam des Morgens um acht Uhr von Tilsit; sie brachte die sämmtliche Correspondenz aus Deutschland, Preußen und Rußland. Die Briefe für die Kreisjustizcommission sowohl als die Privatbriefe für mich wurden bald nach Ankunft der Post durch meinen Boten des Gerichtes eingeholt und in das Gerichtslokal gebracht, wo ich mich jeden Morgen einfand.

Etwa vierzehn Tage seit Absendung der Akten gegen Schlom Weißbart nach Insterburg mochten verflossen sein, als der Bote, der die Correspondenz von der Post abgeholt hatte, mit dieser mir auch einen Privatbrief aus Rußland an mich überbrachte. Ich eröffnete ihn zuerst. Er war von meinem Freunde. Er betraf den Schlom Weißbart und bestätigte alles Schlechte, was das Gerücht von dem Juden ausgebreitet hatte.

Der Jude Schlom aus Russisch-Neustadt, der seit länger als einem Jahre in den Gefängnissen der Kreisjustizcommission zu Ragnit sich befinde, sei in der That einer der gefährlichsten Verbrecher an der Grenze. Er stehe mit allen Räuber- und Diebesbanden der Grenze in Verbindung, und mache ebensowohl ihren Anführer als Hehler. Man fürchte ihn allgemein wegen seiner Verwegenheit und Grausamkeit. Durch seine Verbrechen habe er sich ein nicht unbedeutendes Vermögen erworben. Dieses gewähre ihm die Mittel, die bestechlichen Beamten von sich abhängig zu machen. Um so mehr sei er von Jedermann gefürchtet, und Niemand wage gegen ihn aufzutreten. Alle Versuche, amtliche Auskunft über ihn zu erhalten, werden vergeblich sein. Das allgemeine Gerücht bezeichne ihn sogar als den Mörder seiner ersten Frau; seine jetzige Frau, gleichfalls eine abgefeimte Verbrecherin, solle ihm bei der That geholfen haben. Seine Tochter, sein einziges Kind aus der ersten Ehe, zur Zeit des Mordes etwa zwölf Jahre alt, sei durch einen Zufall Zeugin des Verbrechens geworden; sie sei seitdem periodisch von Wahnsinn befallen, in dessen Krisen sie furchtbare Sachen spreche. Trotz alledem habe Niemand gewagt, ihn oder seine zweite Frau wegen der That anzuklagen.

Mein Freund schloß seine Nachrichten mit der Bemerkung, daß er begreiflich nur, freilich sorgfältig aufgesuchte Gerüchte mittheile, deren weitere Verfolgung unter den erwähnten Umständen unzweifelhaft ohne alles Ergebniß bleiben werde, die aber schon dadurch eine erhebliche Bestätigung finden müßten, daß während der Haft Schlom’s gerade derartige Grausamkeiten, die ihm Schuld gegeben wurden, bei Diebstählen und Räubereien in der Gegen nicht mehr vorgekommen seien.

Auch dies war wiederum mehr Gerücht, als Auskunft über bestimmte Thatsachen. Aber es war mit so vielen Gründen unterstützt, daß ein großer Theil meiner Zweifel gegen ein so wieder und wieder bestätigtes, allgemein verbreitetes Gerücht verschwinden mußte. Und hatte nicht auch mein erster Blick in den Augen des Juden neben hoher Verschmitztheit jene Blutgier und Mordlust gesehen?

Indeß für die Zwecke der Criminaluntersuchung war von weiteren Nachforschungen augenscheinlich nichts zu gewinnen, der Brief konnte mich daher zu ferneren Schritten nicht veranlassen, und ich beschloß, die Ankunft des Erkenntnisses von Insterburg abzuwarten, es dem Juden zu publiciren und ihn alsdann, da ich nur seine Freisprechung erwartete, sofort der Haft zu entlassen.

Eins der ersten eingegangenen amtlichen Schreiben, die ich darauf eröffnete, brachte das Erkenntniß des Juden. Es lautete gegen alle meine Erwartung nicht freisprechend. Der Angeschuldigte sei im Besitze eines erwiesen gestohlenen Pferdes ergriffen; der Besitz des gestohlenen Gutes bilde nach der Criminalordnung eine nahe Anzeige. Der Angeschuldigte habe bei seiner Verhaftung sich widersetzt, um die Flucht zu ergreifen; Flucht oder Versuch derselben bilde ein zweites Indicium. Der Angeschuldigte werde allgemein als ein Mensch von ebenso schlechtem Charakter als verbrecherischer Lebensweise, besonders auch als Mitglied einer Bande von Dieben bezeichnet. Nun verordne aber der Paragraph 405 der Criminalordnung wörtlich: „Wenn mehrere Anzeigen in einem Falle zusammentreffen, welche mit einander übereinstimmen, und durch den schlimmen Charakter des Verdächtigen und die bisherige schlechte Lebensweise desselben unterstützt werden, so ist ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit vorhanden, bei dem eine außerordentliche Strafe in der Regel kein Bedenken haben kann.“ Der Angeschuldigte sei mithin außerordentlich wegen Pferdediebstahls zu bestrafen. Die ordentliche Strafe des Pferdediebstahls bestehe nach der Verordnung vom 28. September 1808, §. 18 in einer „scharfen Züchtigung von Einhundert Peitschenhieben.“ Es werde deshalb eine außerordentliche Strafe von fünfundzwanzig Peitschenhieben gegen den Angeschuldigten hiermit festgesetzt und erkannt.

Nach den Worten des Gesetzes war diese Entscheidung überall gerechtfertigt. Für meine Erwartung eines anderen Ausfalles derselben mochte mich wohl jene Theilnahme für den Juden eingenommen haben, die seitdem durch die Mittheilungen meines Freundes mindestens sehr verkaltet, wenn nicht in ihr Gegentheil umgeschlagen war. Die Beamten der Kreisjustizcommission jubelten, daß der verbrecherische Jude, trotz alles Leugnens nicht ohne einen „preußischen Denkzettel“ nach Rußland zurückkehren solle.

Ich ließ sofort den Juden vorführen, um ihm das Urtheil zu publiciren.

Er trat mit dem Ausdrucke großer Spannung in das Gerichtszimmer. Er sah unruhig darin umher.

Es ist erklärlich, daß das Schreiben meines Freundes mich veranlaßte, ihn mit scharfem Mißtrauen zu betrachten. Ich sah gleichwohl nur diese Spannung in den Zügen, die ich auch jetzt noch schön und edel geformt finden mußte; keine Tücke, keine Blutgier. Stand wirklich ein furchtbarer Mörder vor mir?

Sein Blick war unterdeß mit steigender, fast zur Aengstlichkeit sich steigernder Spannung auf einer Thür haften geblieben, die in eines der Bureauxzimmer führte. Das fiel mir auf.

„Sucht Ihr Etwas, Schlom Weißbart?“

„Nein Herr. Haben Sie mich doch lassen rufen.“

Er antwortete zögernd. Er schien zu zittern, während er antwortete.

[259] Was konnte er haben? Ich hatte allerdings in einem andern Tone, als früher, kalt, strenge zu ihm gesprochen. Einen Menschen wie ihn konnte das aber nicht zittern machen.

„Erwartet Ihr hier Jemanden?“

„Wer sollte kommen zu mir?“

„Wenn nun etwa Zeugen Eurer Verbrechen? Aus Rußland?“

Hatte ich ihn wollen in Angst setzen, so hatte ich das Gegentheil erreicht. Er athmete auf. Sein Gesicht nahm einen Ausdruck jener ruhigen, bescheidenen Freundlichkeit der früheren Begegnungen mit ihm an.

„Der Herr ist so gnädig, zu scherzen mit mir,“ sagte er. „Aber,“ fuhr er anscheinend in unbefangener Offenheit fort, „weil der Herr sind so guter Laune, so kann ich sagen, was ich habe auf dem Herzen. Ich erwartete, daß meine Frau sei hier.“

Daß seine Unbefangenheit eine gemachte war, zeigte die Aengstlichkeit, die ihn unwillkürlich wieder ergriff´, während er die letzten Worte sprach.

Seine Frau war noch nicht da gewesen, seitdem ich in dem letzten Verhöre ihm erlaubt hatte, sie zu sprechen.

„Eure Frau ist nicht hier,“ erwiederte ich ihm.

Er wurde nicht ruhiger.

„Stehe mir Gott bei. Sie hätte hier sein müssen schon vor acht Tagen. Es wird passirt sein ein Unglück.“

„Ihr könnt Euch morgen davon überzeugen.“

„Was, Herr?“ fuhr er auf.

„Euer Erkenntniß von Insterburg ist angekommen.“

„Gott ist barmherzig. Mein Erkenntniß! Morgen? – Ich bin frei?“

„Seid ruhig, und hört den Inhalt des Urtheils.“

Ich las ihm das Erkenntniß vor.

Ich hatte einen fast entsetzlichen Anblick, als ich geendigt hatte und wieder zu ihm aufblickte. Tödtende Bosheit und Rache sprachen sich in seinen dunkel glühenden großen Augen, in seinen zusammengepreßten Lippen aus.

„Strafe?“ stammelte er mit bebender Stimme. „Das Erkenntniß ist gekommen von Insterburg?“

„Ihr habt es gehört.“

„Von Insterburg? Auf die Akten, welche haben hingeschickt der Herr Kreisjustizrath?“

„So ist es.“

„Und auf den Bericht, den haben gemacht der Herr Kreisjustizrath?“

„Auch das ist so.“

Der tödtende Blick traf mich von Neuem, ich möchte sagen, mich jetzt besonders allein. Er sah in mir die Ursache des Straferkenntnisses.

„Ihr könnte appelliren,“ fuhr ich fort, „wenn Ihr der Meinung seid, daß Euch Unrecht geschehe.“

„Ich appellire, Herr, sogleich. Ich bin unschuldig. Unschuldig, und fünfundzwanzig Hiebe! Ich appellire. Nehmen Sie zu Protocoll meine Appellation.“

Auf einmal schien er sich zu besinnen. Langsamer setzte er hinzu: „Und wenn ich appellire?“

„Wie so, wenn Ihr appellirt?“

„Werde ich kommen frei?“

„Nicht vor Rückkehr des Appellationsurtheils.“

„Und das kann dauern wie lange?“

„In den nächsten vier Wochen dürft Ihr nicht darauf rechnen.“

Er wurde nachdenklicher. Er war so sehr mit seinen Gedanken, mit dem Suchen nach einem Entschlusse beschäftigt, daß er darüber ganz die Beachtung seines Aueßeren vergaß. Sein Gesicht bekam den Ausdruck der Gemeinheit, und, was ich bisher an ihm noch nicht beobachtet hatte, jener eigenthümlichen Feigheit des gewöhnlichen Juden, die sich besonders einem körperlichen Schmerze gegenüber äußert. Das sonst so schöne Gesicht des Menschen wurde dadurch ungemein häßlich. Ich hatte mich in meiner Wahrnehmung nicht getäuscht.

„Fünfundzwanzig Hiebe?“ sagte er nach einer Pause. „Steht es so im Urtheil?“

„Fünfundzwanzig.“

„Mit der Peitsche?“

„Mit der Peitsche.“

„Auf den Rücken?“

„Auf das Gesäß.“

„Auf das – ?“

Er vollendete die Frage nicht. Er kniff wüthend die Lippen zusammen.

Nach einer Weile fragte er weiter: „Heute noch?“

„Ihr appellirt ja.“

„Wenn ich aber nicht appellire?“

„Dann noch heute.“

„Und das Urtheil, sagen der Herr, auf meine Appellation kann noch dauern vier Wochen?“

„Mindestens.“

„Und wenn ich nehme die Hiebe, komme ich frei?“

„Sogleich.“

„Morgen?“

„Noch heute, sobald die Züchtigung vollstreckt ist.“

„Ganz frei?“

„Man wird Euch bis zur russischen Grenze transportiren. Von da könnt Ihr gehen, wohin Ihr wollt.“

„Nach Hause? Zu meiner Frau? Zu meiner – ? Morgen?“

Auf einmal fuhr er wieder auf. Jene Furcht vor dem körperlichen Schmerze spiegelte sich wieder in seinem Gesichte. „Fünfundzwanzig Hiebe? Auf das – ? Herr, kann ich sehen die Peitsche?“

„Sie ist im Gefängnißhause.“

„Der Lemkat hat bekommen zwanzig Hiebe mit der Peitsche. Au wai, wie hat er geschrieen. Gebrüllt hat er; wie ein Ochse, den der Schlächter hat getroffen falsch. Es waren nur zwanzig.“

Er sprach mehr mit sich selbst als zu mir. Die Angst vor der Züchtigung erfüllte ihn ganz und gar.

„Fünfundzwanzig,“ fuhr er fort, aber für sich. „Gott, sei barmherzig. Vier Wochen! Meine Frau! Das Kind! Was macht mein Kind! Habe ich nichts von ihr gehört in so langer Zeit. Heute frei! Fünfundzwanzig – ! Barmherzig, Herr! Barmherzig!“

Auf einmal sagte er entschlossen, mit lauterer Stimme: „Ich appellire, Herr! Schreiben Sie es zu Protokoll, ich appellire.“

In diesem Augenblicke trat ein Gerichtsdiener ein, der mir leise mittheilte, die Frau des Schlom Weißbart sei im Vorzimmer, und bitte, ihren Mann sprechen zu dürfen.

Ich konnte mir denken, daß die Unterredung mit seiner Frau einen entscheidenden Einfluß auf den Entschluß des Juden, in Betreff seiner Appellation ausüben werde. Ich beschloß daher, die Frau sofort vorzulassen, zumal da vorschriftsmäßig die Unterredung nur in meiner Gegenwart stattfinden durfte. Ich leugne nicht, daß es mir zugleich interessant war, den Juden bei diesem Wiedersehen zu beobachten, bei der ersten Begegnung mit seiner Frau, die er seit beinahe anderthalb Jahren nicht gesehen, zudem der Genossin eines schweren Verbrechers, bei dem ersten Empfange von Nachrichten über die Seinigen, über deren Schicksale er in der ganzen langen Zeit seiner Gefangenschaft gar nichts vernommen hatte.

„Schlom Weißbart,“ sagte ich zu ihm, „Euere Frau ist hier, um Euch zu sprechen.“

Die unerwartete Nachricht machte einen furchtbaren Eindruck auf ihn. Sein Gesicht wurde leichenblaß, die kräftige Gestalt begann zu zittern, er taumelte beinahe. Zu sprechen vermochte er nicht.

„Wollt Ihr sie jetzt gleich sehen?“ fuhr ich fort.

„Ja, Herr,“ stammelte er, die Sprache wieder gewinnend.

„Wenn der Herr wollen sein so gnädig,“ fuhr er fort. – „Aber ich bitte den Herrn noch um einen Augenblick. Will der Herr erlauben, daß ich mich darf setzen?“

Er bedurfte in der That einer Erholung. Ich gab ihm einen Stuhl. Er setzte sich, den Kopf tief niedergebeugt, das Gesicht mit den Händen bedeckt.

So saß er mehrere Minuten, ohne eine Bewegung, ohne einen Laut. Als er aufstand, schien er ein ganz anderer Mensch zu sein. Keine Spur von Furcht oder Aengstlichkeit mehr in seinem Gesichte. Man sah darin vielmehr den Ausdruck eines festen, fast gebieterischen Stolzes.

„Wollen der Herr jetzt sein so gnädig?“ sagte er.

Ich gab dem Gerichtsdiener einen Wink, die Frau des Juden herein zu führen.

Eine Frau in der Kleidung der wohlhabenderen Jüdinnen von der russischen oder polnischen Grenze trat ein. Diese Kleidung war eine halb europäische, halb orientalische, jedenfalls eine [260] sehr kleidsame. Die Frau trug ein ziemlich eng anliegendes Kleid von schwarzer Seite, nicht so lang, um einen kleinen Fuß und zart geformte Knöchel zu verbergen. Brust und Schultern verhüllte ein, allerdings etwas sehr bunter Shawl von feinstem, weichstem Kashemir. Den Kopf bedeckte ein zierlicher Turban von rother Seide, mit gelber Seite durchwunden.

Es war eine überraschend schöne Frau; der Körper schlank und schmiegsam gebaut, von nicht zu hoher Gestalt. Das Gesicht von außerordentlicher reiner südlicher Bildung; die Haut blendend weiß und durchsichtig; das Auge, merkwürdigerweise bei einer Jüdin, zumal in jener Gegend, dunkelblau. Dieses blaue Auge und eine fast kindliche Schüchternheit, die über Gesicht und Wesen der Frau ausgebreitet lag, gaben ihr zugleich ein sehr jugendliches Aussehen. Dem Juden mit dem weißen Bart gegenüber glaubte man nicht die Frau, sondern die Tochter zu sehen. Sie trat in demüthiger Haltung ein. Ihr etwas verwirrter, ängstlicher Blick suchte angelegentlich, unzweifelhaft ihren Mann. Sie stand unschlüssig, als sie ihn sah.

Der Gerichtsdiener, der sie herein gebracht hatte, ein alter, an den Dienst gewöhnter Unteroffizier, gab ihrem Auge eine andere Richtung.

Dort sind der Herr Kreisjustizrath,“ sprach er strenge zu ihr, indem er auf mich wies.

Der ängstliche Blick der Frau wandte sich bittend zu mir.

„Sie können Ihren Mann sprechen,“ sagte ich ihr.

Es entwickelte sich eine merkwürdige Scene.

Schlom Weißbart hatte seine Gestalt hoch aufgerichtet. Die Arme hatte er auf der Brust übereinander geschlagen. Das Auge blickte strenge. Er sah aus, wie ein Herr, der seinen Sclaven empfängt.

Wie eine Sclavin nahete sich ihm die Frau; zögernd, leise, die Arme wie zum Zeichen der Unterwürfigkeit unter der Brust gekreuzt. Etwa drei Schritte vor dem Manne blieb sie stehen. Ein Blick von ihm schien sie festgebannt zu haben.

Er stand unbeweglich. Den strengsten, den durchbohrendsten Blick, dessen dieses dunkle, durchbohrende Auge fähig war, hatte er auf die zitternde Frau gerichtet. Wie viel fragte dieser Blick? Wie viel wollte er erforschen, ergründen, erpressen? Sein Glück, seine Ehre!

Sein Glück? Seine Ehre? Der Verbrecher? Der Räuber? Der Mörder?

War er Verbrecher? War er Räuber und Mörder? Dieser stolze, dieser strenge Blick, dieser Blick der Ehre zeigte das nicht. Wenn aber auch Verbrecher und Mörder, wer will dem größten Verbrecher alles menschliche Gefühl, alle Menschenwürde absprechen? Der Mensch verdamme den Menschen nicht.

Die Frau ertrug den strengen, durchbohrenden Blick des Mannes. Auch sie richtete sich auf, mehr und mehr, je länger und fester er sie ansah. Ihr Auge begegnete klar dem seinigen.

Er war zufrieden. Er reichte ihr die Hand. Sie küßte sie. Dann küßte er sie auf die Stirn.

„Was macht die Sara?“ war sein erstes Wort.

Seine Tochter hieß so.

Die Frau antwortete ihm nicht. Schon während er sie küßte, hatten sich plötzlich ihre Augen mit Thränen gefüllt. Durch die Thränen blickte sie zu ihm auf.

„Wie seid Ihr so mager geworden, Herr,“ sagte sie.

„Laß das. Antworte mir. Wie geht es Euch?“

Seine Stimme wurde freundlicher. Er nahm die zitternde Hand der Frau.

„Wie es uns geht?“ erwiederte sie. „Wie es uns hat ergangen? Schlecht. Ihr könnt es Euch denken, Herr. Wir sind geworden arm, seit Ihr fort waret.“

„Arm? Arm?“

„Die Beamten –“

„Die Schufte, sie haben Dir genommen Alles?“

„Beinahe Alles. Wenn Ihr doch nur bald zurückkehren möchtet nach Hause.“

„Ich komme; ich komme.“

„Bald, Herr?“

„Was macht die Sara? Du hast mir nicht beantwortet meine Frage.“

Die Frau bedeckte ihr Gesicht, mehr nachdenklich, wie es schien, als weinend.

Er wurde dringender, ängstlicher. „Du antwortest mir nicht?“

„Lieber Herr Schlom, wie soll ich Euch sagen?“

„Gott sei barmherzig! Sprich. Was macht das Kind? Die Sara?“ Eine große Angst hatte sich seiner bemächtigt.

„Herr, die Sara –“

„Gott sei barmherzig! Sprich. Rede. Lebt sie?“

Die Frau schwieg.

„Lebt sie? Ist sie todt?“

„Sie ist es!“ sagte die Frau leise, indem sie den Mann umfing, um ihn zu halten.

Er schwankte, sie ließ ihn auf dem Stuhle nieder. Er drückte seine beiden Hände in das Gesicht. Die Thränen drangen zwischen den Fingern hindurch.

„Meine Sara! Todt! Meine Sara! Mein einziges Kind! Gestorben! Im Wahnsinn! Auf den Lippen den Fluch gegen – Wahnsinn! Fluch! – Und ein Bettler! Arm! Alles genommen. Ein armer Bettler, ohne Kind, ohne Alles, Alles haben sie mir genommen. Die Schurken! Aber die sollen – Fort, fort nach Hause.“ Er sprang auf. Sein Blick war Rache, Wuth. Der wüthende Blick fiel auf die still weinende Frau.

„Warum trägst Du den rothen Turban?“ fuhr er sie an. „Warum trauerst Du nicht? Willst Du höhnen meinem Schmerz mit den rothen Lappen?“

„Herr,“ antwortete die Frau demüthig, „durfte mein Anblick schon Euch bringen die Trauerbotschaft?“

Welch’ ein richtiges Gefühl verrieth diese Antwort. Darum auch, um den Schmerz um die Tochter zu mildern, hatte sie ihm zuerst den Verlust des Vermögens gemeldet. Und auch diese Frau war eine verworfene Verbrecherin, eine Mörderin und die Genossin eines Mörders?

Ihr Antwort besänftigte ihn. Er suchte sich zu sammeln.

„Wann ist sie gestorben?“ fragte er.

„Vorgestern. Gestern haben wir sie begraben. Darum konnt ich nicht früher zu Euch kommen.“

Er trat auf mich zu, gesammelt, entschieden. „Herr, ich nehme zurück meine Appellation. Ich muß nach Hause. Lassen Sie mir geben noch heute –“

Er stockte, mit einem Blicke auf seine Frau.

„Wann kann ich verlassen das Gefängniß?“ fragte er.

„Um fünf Uhr heute Abend.“

„Der Herr will mich lassen transportiren bis zur Grenze?“

„Durch die Gensd’armerie. Ich gebe Euch an das Landrathsamt ab.“

Er wandte sich an die Frau. „Hast Du mitgenommen Geld?“

Sie zögerte mit der Antwort, einen mißtrauischen Blick auf mich und die anderen Beamten werfend.

Er machte ihr ein Zeichen, das uns unverständlich war. Sie antwortete mit einem ähnlichen Zeichen.

Er trat wieder zu mir.

„Kann ich werden transportirt für meine Kosten?“

„Gewiß.“

„Auf einem Wagen?“

„Auch das.“

„Heute Abend um fünf?“

„Ich werde beim Landrathsamte dafür sorgen.“

„Bis zur Grenze?“

„Bis zur Grenze hinter Laugszargen.“

„Gehe jetzt,“ befahrl er seiner Frau. „Bestelle einen Wagen nach Laugszargen. Um fünf Uhr bin ich bei Dir im Kruge.“

Die Frau ging.

„Verlaß nicht den Krug,“ rief er ihr noch nach. „Ich komme dorthin. Gehe nicht zu dem Gefängnisse.“

Erst als er hörte, daß die Frau auch das Vorzimmer verlassen hatte, wandte er sich zu mir. „Lassen Sie mir jetzt geben die Hiebe,“ sagte er. „Aber gleich, wenn der Herr mir will thun einen großen Gefallen.“

Man hätte unter anderen Umständen vielleicht lachen können über die dringende Bitte um eine solche Gefälligkeit. Das Bestreben des Juden, die bevorstehende Züchtigung vor seiner Frau zu verbergen, gewann Achtung ab. Ich ließ ihn alsbald zu der Vollstreckung der Strafe abführen.

[269] Bis zum Jahre 1848 bestand in Preußen die Strafe der körperlichen Züchtigung. Gegen Personen des Soldatenstandes wurde sie mit dem Stocke, gegen „Civilisten“ mit der Peitsche vollstreckt, gegen Knaben und Weiber mit der „Ruthe,“ d. h. mit Haselstöcken. Das System der Centralisation hatte sich auch dieses Prügelsystems bemächtigt. Wie bis zum Jahre 1806 die Zöpfe der Soldaten strenge und genau gemessen wurden, damit keiner einen längern trage als der andere, so wurden in den zwanziger Jahren eine Menge von Verordnungen erlassen, um eine Einheit in das Prügelsystem zu bringen. Normalpeitschen wurden von Berlin aus in die Provinzen geschickt. Den Peitschen folgten „Prügelmaschinen,“ nicht Maschinen nach Art der Dresch- oder Nähmaschinen, die das Prügeln verrichten sollten, sondern Maschinen, auf welche die armen Sünder gelegt und festgeschnallt wurden, um so mit desto größerer Muße, freilich aber auch mit desto geringerer Gefahr für ihre Gesundheit, die Strafe an ihnen vollstrecken zu können. Bei Gelegenheit der ersten Veröffentlichung des Entwurfes eines neuen Strafgesetzbuches für die preußischen Staaten kam die Rechtfertigung der körperlichen Züchtigung vielfach in Frage. Ich erklärte schon damals (im Jahre 1843) in meiner Kritik des Entwurfes wörtlich: „Eine Strafe, durch welche das gebrochene Recht gesühnt werden könnte, ist die körperliche Züchtigung nach dem gegenwärtigen Standpunkte des allgemeinen Rechtsgefühles nicht mehr. Ein Besserungsmittel? - Auf der Züchtigungsmaschine mögen viele gute Vorsätze gefaßt sein. Aber es mag wohl wenige gute Vorsätze geben, die so schnell wieder vergessen wären. Sie verschwinden mit dem Aufhören des körperlichen Schmerzes.“

Durch den Erlaß vom 6. Mai 1848 wurde diese Strafe endlich aufgehoben. Die Junkerpartei und ihre Laufburschen wollen sie jetzt wieder einführen. Zur Feier der Wiedereinführung der Patrimonialgerichte und der Umkehr der Wissenschaft? –

Nach der Criminalordnung sollte der Vollstreckung der körperlichen Züchtigung der Inquirent selbst beiwohnen; er sollte aber auch das Recht haben, sie durch einen Actuar dirigiren zu lassen. Ich hatte von jeher zu vielen Abscheu vor dieser Strafe, um nicht, so oft ich es konnte, von jenem Rechte durch Substituirung eines zuverlässigen Actuars Gebrauch zu machen. So that ich auch jetzt. Ich hatte wohl daran gethan.

Die Execution war eine doppelt widerwärtige gewesen. Der Jude mit dem kräftigen Körperbau, dem fast edel geformten Gesichte, hatte mit der vollen Schwäche und Feigheit, die schon früher seine Furcht vor der Strafe angezeigt, dem körperlichen Schmerze erlegen. Dennoch nicht so ganz, daß mit diesem körperlichen Schmerze nicht noch auch der Seelenschmerz gerungen hätte. Mit dem Geschrei „Auwai, Auwai, ich halte es nicht aus, ich sterbe,“ - hatte sich der Ruf vermischt: „Mein armes Kind, meine Sara, mein Kind; ich komme zu dir, ich komme auf dein Grab, zu zerreißen meine Kleider, zu reißen mir aus die Haare, den Bart.“ Dann hatte er wieder Auwai geschrieen, und um jeden Hieb handeln wollen mit Rubeln und Dukaten, seine Frau habe Geld bei sich. Nach Beendigung der Exekution hatte er eine volle Stunde gewinselt wie ein gezüchtigtes Kind. Dann hatte er sich plötzlich gefaßt, und gebeten, daß man ihn jetzt transportiren möge.

Mit Drohungen, besonders gegen die Beamten der Kreisjustizcommission, war er abgefahren, Gott werde ja wohl so barmherzig sein, Einen derselben einmal in seine Hände fallen zu lassen.


Etwa ein Jahr war seitdem verflossen. Die weitläufige Untersuchung gegen die Bande, deren Mitglied Schlom Weißbart hatte sein sollen, war noch immer nicht beendigt. Sie war durch mancherlei neue Ermittelungen, und besonders durch Geständnisse einzelner Angeschuldigter, immer verwickelter und weitläufiger geworden. Ueber Schlom Weißbart war dabei nichts Näheres zum Vorschein gekommen. Wohl aber stellten sich vielfach neue Verbrechen und Grausamkeiten gegen den Juden Schlom Schwarzbart aus Russisch-Neustadt heraus, der danach als die eigentliche Seele und zugleich als eines der verwegensten Mitglieder der Bande erschien. Dafür, daß Schlom Schwarzbart und Schlom Weißbart eine und dieselbe Person seien, ermittelte sich dabei gar nichts. Für das Gegentheil sprach vielmehr der Umstand, daß eine neue Bande von Verbrechern durch Diebstähle und Räubereien die Grenze seit kurzem wieder beunruhigte, und dabei jener Schlom Schwarzbart wieder seine alte Rolle spielte, über Schlom Weißbart alle Zeugnisse sich dahin vereinigten, daß er seit seiner Rückkehr aus Preußen ein durchaus stilles und eingezogenes Leben führe und zu keinem Verdachte irgend eine Veranlassung gebe.

Gleichwohl konnte ich mich noch immer nicht ganz des Gedankens erwehren, daß jene beiden Verbrecher nur eine Person seien, daß der listige Schlom Weißbart, um desto sicherer unentdeckt zu bleiben, bei seinen Verbrechen die Maske des frechen Schlom [270] Schwarzbart spiele, der in Wirklichkeit nirgends existirte. Zumal bei der Bestechlichkeit der russischen Behörden ging dies leicht an. Meine Requisitionsschreiben an die russischen Behörden bezüglich des Schlom Schwarzbart waren nicht einmal beantwortet worden. Mein Freund war bald nach meiner Ankunft in Litthauen nach Odessa versetzt. Ich gab dennoch die Hoffnung näherer Ermittelungen nicht auf. Von einer mündlichen Besprechung mit russischen Beamten erwartete ich Resultate. Die Grenze nach Preußen durfte zwar ohne Befehl oder Erlaubniß unmittelbar aus Petersburg kein russischer Beamter überschreiten. Desto häufiger führten mich meine Amtsgeschäfte nach Rußland hinüber. Aber immer waren es nur Untersuchungen über Grenzexcesse, die ich bisher dort zu führen gehabt hatte. Sie wurden nur mit den russischen Zollbeamten gemeinsam geführt. Und diese Zollbeamten hatten mit der übrigen Rechts- oder Polizeipflege nichts zu schaffen. Sie wußten daher auch nichts von einem Schlom Schwarzbart oder Schlom Weißbart, oder wollten nichts davon wissen.

Endlich traf es sich, daß in einer Untersuchung gemeinschaftlich mit einem Kommissarius des Landesgerichtes in Rossiena verhandelt werden mußte. Ein junges Mädchen aus einer angesehenen Bauernfamilie in der Nähe von Neustadt hatte ihr neugeborenes Kind ermordet, aus Wuth, weil ihr Verführer sie nicht heirathen wollte. Sie war in Neustadt verhaftet. Sie sollte an das Landesgericht in Rossiena abgeliefert werden. Der Weg von Neustadt nach Rossiena führte nahe an der preußischen Grenze vorbei. Hierauf hatten die Verwandten des Mädchens einen Befreiungsplan gebaut. Sie hatten sich mit preußischen Unterthanen an der Grenze vereinigt. Als der Wagen, auf dem das Mädchen, mit der Kindesleiche transportirt wurde, in die Nähe der Grenze kam, wurde er von einer großen Menge überfallen, und die Mörderin mit der Leiche nach Preußen geschafft. Die Transporteuere waren freilich mit im Einverständnisse gewesen. Die Verbrecher wurden ermittelt, sowohl in Rußland als in Preußen. Es entspann sich eine verwickelte Untersuchung, die mehrfach, um der vorzunehmenden Lokalbesichtigungen, Confrontationen u. s. w. willen, von den preußischen und russischen Behörden gemeinschaftlich geführt werden mußte. Die Verhandlungen wurden in Russisch-Neustadt aufgenommen. Der erste Termin war auf einen Tag im Anfang October verabredet.

Am frühen Morgen dieses Tages ereignete sich ein Vorfall, den ich hier ausführlicher erzählen muß, weil er von wesentlichem Einfluß auf die weiteren Thatsachen dieser Geschichte ist.

Es war noch dunkel, als heftig an meine Hausthür geklopft wurde. Gleich darauf wurde mir angezeigt, daß ein Beamter aus den Gefängnissen da sei, der mir eine eilige Meldung zu machen habe. Ich stand sofort auf und ließ den Beamten eintreten. Er kam mir mit der Nachricht entgegen, daß in der Nacht zwei der gefährlichsten Verbrecher ausgebrochen und entkommen seien, der Räuber Friedrich Victor, ein Deutscher, und der Raubmörder Armons Trinkat, ein Litthauer.

Trinkat war ein Genosse des berüchtigten Räubers und Mörders Merczus Lattukat. Er war mit diesem vor wenigen Monaten beinahe auf frischer That ergriffen, als Beide einen Pferdehändler, der von dem Jahrmarkte in Heidekrug zurückgekehrt war, erschlagen und beraubt hatten. Merczus Lattukat war auf dem Transporte nach Ragnit entsprungen und nach Rußland entkommen. Trinkat hatte in der Untersuchung sich als einen versteckten, scheinheiligen Bösewicht bewiesen. Er leugnete Alles ab, auch die erwiesensten Thatsachen. Im Gefängnisse las er stets die Bibel. In den Verhören weinte er über die Sündhaftigkeit der Menschen, die es wagten, einen so unschuldigen Mann wie er sei, anzuklagen und zu verleumden, und mit ihren Lügen noch sogar durch einen Eid unmittelbar vor das Angesicht des himmlischen Vaters, des Gottes der Wahrheit und Gerechtigkeit, zu treten.

Ein noch weit gefährlicherer und frecherer Bösewicht war Friedrich Victor. Er war ein Mensch mit einer athletischen Figur, von gleicher Körperkraft und nicht minder großer Behendigkeit des Körpers. Seit Jahren hatte er nicht nur die Grenze durch Raub und Diebstahl unsicher gemacht, sondern auch seine Verbrechen meilenweit tiefer in das Land hineingetragen. Mehrere Male hatte er zu der Bande der beiden Juden Schlom gehört. Sein wilder, unbändiger, händelsüchtiger Charakter hatte ihn aber nicht lange dort gelitten. Immer jedoch aber war er zu ihr zurückgekehrt. In der Zwischenzeit hatte er sein Handwerk auf seine eigene Hand oder mit aus dem Stegreif zusammengerafften Genossen getrieben. Das Bewußtsein seiner ungeheuren Körperkraft, sein große Verwegenheit und seine Nichtachtung jeder Gefahr hatten mehrmals die Folge gehabt, daß er ergriffen war. Immer aber hatte er sich zu befreien gewußt, bevor er in die festen Gefängnisse der Kreisjustizcommission hatte können abgeliefert werden. Die festesten Mauern der Gefängnisse der Untergerichte – allerdings nicht im besten Zustande – waren ihm nicht zu fest, die stärksten Ketten ihm nicht zu stark gewesen. Ueberall hatte er seiner Ketten sich zu entledigen gewußt; überall war er ausgebrochen; immer auf äußerst freche, zuweilen auf unbegreifliche Weise. Auf jedem Transporte war er entkommen, durch Gewalt oder durch List, wenn er nicht mit der größten Vorsicht durch mehrere Gensd’armen war transportirt worden. Endlich war es geglückt, ihn nach Ragnit zu schaffen. Ich fand ihn schon vor, als ich dort hinkam. Er war unstreitig der wildeste, unbändigste und gefährlichste unter allen Verbrechern, die in dem alten Ritterschlosse verwahrt gehalten wurden. Wenn ich die ungewöhnlich hohe und breite Figur mit den starken Knochen, den wilden, stets rollenden dunkeln Augen, dem schwarzen wolligen Haar ansah, so kam er mir immer vor, wie eine ungeheure, unbändige Tigerkatze, die nur immer darauf sinnt, die schweren eisernen Stäbe ihres Käfigs zu zerbrechen, um in fürchterlicher Wuth und Blutgier Alles zu zerstören und zu vernichten, was ihr in den Weg komme.

Eine ingrimmige Wuth gegen die sämmtlichen Beamten des Gerichts und der Gefängnisse hatte er öfters unverholen ausgesprochen, besonders gegen mich.

Er hatte, seitdem ich mein Amt in Ragnit angetreten, zweimal den Versuch gemacht, aus dem Gefängnisse auszubrechen. Das eine Mal hatte er den Ofen durchbrochen, das andere Mal mit einer staunenswerthen Beharrlichkeit die dicke Mauer des alten Schlosses. Sein Entkommen war jedesmal daran gescheitert, daß er, mit der inneren Einrichtung des Schlosses unbekannt, den Ausweg nicht hatte finden können.

Schon gleich nach dem ersten Versuche hatte ich strengere Verwahrungsmaßregeln gegen ihn für meine Pflicht halten müssen. Ich hatte ihn, anstatt daß er bisher in Ketten eingeschlossen war, in schwerere Ketten einschmieden lassen. Wie früher das zerbrechlichere Schloß, so hatte er bei dem zweiten Fluchtversuche die Kette selbst zu zerbrechen gewußt. Ich ließ ihn darauf in noch stärkere Ketten einschmieden und ihm zugleich Hörner anlegen. Dies bestanden aus zwei geschweiften eisernen Stäben, die an einem eisernen Ringe befestigt waren. Der Ring wurde um den Hals gelegt, so daß die beiden Hörner ihm zu beiden Seiten abstanden. Es wurde ihm dadurch das Kriechen durch Maueröffnungen unmöglich; er hätte diese denn viel größer und weiter brechen müssen, als es irgend gefürchtet werden konnte. Er hatte in der That seitdem einen weiteren Fluchtversuch nicht gemacht. Die ungewöhnlichen Fesseln schienen sogar der Unbändigkeit seines Charakters zu Fesseln geworden zu sein. Er war stiller, gehorsamer im Gefängnisse geworden. Er bat demüthig, in von dem schweren Eisen zu befreien, und versicherte dabei hoch und theuer, nie an einen Versuch der Flucht wieder denken zu wollen. Ich hatte mich zuletzt dazu verstanden, ihm wenigstens die Hörner abzunehmen, nicht weil ich seinen Versprechungen traute, sondern weil mir seine Gesundheit unter dem Tragen der schweren Stangen am Halse zu leiden schien. Er hatte mich, wie ich mich jetzt überzeugte, auch darin getäuscht.

Diesen beiden gefährlichen Verbrechern war es geglückt, zu entkommen.

Victor und Trinkat hatten gemeinschaftlich in einer Zelle oben im vierten Stocke des Gefängnisses gesessen. Ich hatte sie eben um ihrer Gefährlichkeit willen in diese Höhe bringen lassen, wo sie, nächst den Kellergefängnissen, am Sichersten verwahrt waren. Der Korridor war dort fest abgesperrt. Nach unten durchzubrechen, war eine Unmöglichkeit. Ein Ausbruch nach oben konnte sie nur auf die Zinne des alten Schlosses führen. Ein Fortkommen von dieser erschien mir aber völlig unmöglich. Das Schloß war über siebenzig Fuß hoch. Die Mauern ragten noch von dem Brande her zerrissen und nackt in die Höhe. Es war auf der schwindlichen Höhe kein Gegenstand, an dem Jemand sich festhalten konnte. Die Steine lagen bröcklig. Selbst eine Strickleiter oder ein ähnliches Instrument schien kaum angelegt werden zu können. Man hätte sie nur an den Mauersteinen befestigen können, deren Weichen [271] jeden Augenblick befürchtet werden mußte, und mit dem Weichen unrettbar ein tödtlicher Fall auf das Steinpflaster, das nach allen Seiten das Schloß umgab. Dazu kam, daß das Schloß vier Schildwachen umstanden, an jeder Mauerseite eine. Jede Bewegung an oder auf der Mauer mußte augenblicklich bemerkt werden.

Trotz allen diesen Vorsichtsmaßregeln war es den beiden Verbrechern gelungen, zu entkommen. Freilich auf keine räthselhafte Weise, dagegen durch Ausdauer, Verwegenheit und Kühnheit, wie sie bisher bei ähnlichen Unternehmungen wohl kaum hervorgetreten waren. Die Zelle der beiden Gefangenen befand sich unmittelbar unter dem ehemaligen Schloßdache. Dieses war durch den Brand im Jahr 1829 zerstört worden. Eine Reparatur hatte in der Art stattgefunden, daß über die Länge und Breite des Gebäudes starke Holzbohlen in einer Dicke von anderhalb Fuß fest und dicht verbunden gelegt waren. Sie bildeten die Decke der dort oben befindlichen Zellen. Aus einer solchen Bohle hatten die beiden Gefangenen ein Stück herausgeschnitten. Durch welches Instrument, war nicht zu ermitteln. Dem Gefangenen, der festen Willen und Geschicklichkeit besitzt, dient eine Nadel zum Bohrer, eine Glasscherbe zur Säge. Durch die entstandene Oeffung waren sie, wenn gleich mühsam, auf die Zinne des Schlosses gekommen. Von ihren Strohsäcken und von Hanf, den sie zum Spinnen in der Zelle verabreicht bekommen, hatten sie ein Seil gemacht, das vollkommen die Länge von der Höhe des Schlosses hatte. Wie lange hatten sie an dem Balken schneiden und sägen, wie lange an dem Hanfe durch allmälige kleine unbemerkbare Entwendungen sammeln müssen! Allein diese Mühe, diese Ausdauer wurden hundertfach überwogen durch den letzten gefahrvollen Theil ihres Unternehmens.

Die Zinnen des Schlosses erhoben sich in ihrer zerstörten Gestalt etwa anderthalb bis zwei Fuß über jener Balkenlage. Nirgends bot sich ein Gegenstand zum Festhalten, Anklammern dar. An ihnen standen die Flüchtlinge, in einer Höhe von mehr als siebenzig Fuß, rund um sich her stockfinstere Nacht, unter sich den furchtbaren Abgrund; dabei rings umher die Stille der Nacht, die jeden Schritt, fast den Athem der unten auf und abgehenden Schildwache zu ihnen herauftrug. Der geringste Laut verrieth sie, das geringste Schwanken warf sie in den gewissen Tod. Dennoch hatten sie sich zurechtgefunden, hatten sie ihr Ziel erreicht. An der Nordseite des Schlosses hatten sie in dem Zinnenwerke ein paar hervorragende Steine gefunden, unzerreißbar gehalten von jenem festen Mörtel der Bauten des Mittelalters, den hier auch die Glut des Feuers nicht hatte zerstören können. Um diese Steine hatten sie das Seil geschlungen, an dem sie sich hinunterlassen mußten.

Die Schildwachen hatten sie durch eine einfache List unschädlich zu machen gewußt. Einer von ihnen hatte sich nach der Südseite des Schlosses begeben, und dort ein Geräusch gemacht, durch welches sämmtliche vier Soldaten nach jener Seite hin an der Mauer zusammen gelockt waren. Diese räumten nachher ein, daß sie in der Nacht zwischen zwei und drei Uhr oben auf dem Dache, an der südlichen Seite des Schlosses, plötzlich ein anhaltendes leises Wimmern, wie eines Kindes, gehört hätten, daß dieses sie sämmtlich nach jener Seite hin zusammen geführt habe, und daß sie dort längere Zeit über die Ursache der schauerlichen Töne sich unterhalten hätten. Manöver und Zeit hatten die Verbrecher benutzt, mit der größten Gefahr ihres Lebens auf der andern Seite von der hohen Mauer, an dem dünnen, zerbrechlichen Seite sich hinunter zu lassen.

Jede weitere Spur von ihnen war verschwunden.

Freilich nicht lange. Wenigstens von Friedrich Victor sollte sehr bald eine, wenn gleich keine erfreuliche Nachricht eintreffen.

Ich hatte sofort Alles, was im ersten Augenblick aufzubieten war, nach den verschiedensten Seiten zur Verfolgung der Entflohenen ausgesandt. Ich war noch damit beschäftigt, Boten an alle benachbarte Polizeibehörden und Gensd’armerieposten zu schicken, als einer der Gefangenwärter in anscheinend leblosem Zustande in seine, im Schlosse befindliche Wohnung gebracht wurde.

Ihm war Folgendes begegnet:

Die Verpflegung der Gefangenen der Kreisjustizcommission war an Bürger der Stadt verdungen. Die Brotlieferung an einen Bäcker, der oben in der Stadt, am polnischen Thore, nach der Memel zu wohnte. Von dort wurde jeden Morgen früh, in den Wintermonaten um sechs Uhr, das Brot geholt. Dies geschah durch zuverlässige Gefangene, welche leichte Gefängnißstrafe zu verbüßen hatten, und von denen eine Entweichung nicht zu fürchten war. Ein Gefangenwärter begleitete sie.

Der Gefangenwärter hatte sich auch an jenem Morgen mit vier Gefangenen zu dem Bäcker begeben. Während ihm das Brot überwiesen wird, stürzt ein Nachbar in das Haus, leichenblaß, mit der Nachricht, wie er so eben zwischen den Hecken des hinter dem Hause, nach der Memel hin belegenen Garten einen großen, wildaussehenden Menschen habe herumschleichen sehen.

„Das ist Victor. Wer folgt mir?“ ruft der entschlossene Gefangenwärter, ein kräftiger, ehemaliger Unteroffizier aus dem litthauischen Dragonerregimente, der in den Freiheitskriegen das eiserne Kreuz und zwei oder drei russische Orden, für das Erschlagen so und so vieler Franzosen im Handgemenge, sich erworben hatte.

Die Bäckergesellen und der Nachbar entsetzten sich und machten sich davon.

„Burschen, Ihr?“ fragt der Gefangenwärter seine Gefangenen.

„Darauf los, Herr Wachtmeister! Wir gehen mit.“

In Litthauen und Ostpreußen werden die Unterbeamten der Gerichte wie der Verwaltungsbehörden, Executoren, Gefangenwärter und so weiter, Wachtmeister genannt. In anderen preußischen Provinzen haben sie andere Namen. In Berlin z. B. wollen sie sämmtlich Herr Nuntius heißen.

Der Gefangenwärter eilte mit seinen Leuten in den Garten.

In demselben Augenblicke flog an dem entgegengesetzten Ende des Gartens eine lange Gestalt über die niedrige Hecke und eilte der Memel zu.

„Es ist der Victor; mir nach!“ schrie der Gefangenwärter. „Ihr Leute, zu Hülfe. Helft den Gefangenen greifen, der heute Nacht entflohen ist.“

Auch die Bäckergesellen hatten Muth bekommen, und der Nachbar und andere Nachbaren. Es entstand eine allgemeine Hetzjagd hinter dem Flüchtling.

Dieser hatte rasch das Ufer der Memel erreicht.

Es lagen dort zwei kleine Nachen, an einem Pfahl angeschlossen. Er stürzte auf sie zu. Er suchte die Ketten, mit denen sie angeschlossen waren, loszureißen. Er versuchte es an dem einen, an dem andern Nachen, vergeblich. Seine Verfolger kamen ihm immer näher. Er suchte den Pfahl aus der Erde zu reißen, an der die Nachen festlagen. Auch hier reichten seine Kräfte nicht aus. Seine Verfolger waren nur noch drei Schritte von ihm entfernt. Sie glaubten ihn sicher zu haben. Sie frohlockten schon. Sie streckten die Hände nach ihm aus, ihn zu greifen.

Mit einem Hohngelächter sprang er in das Wasser. Mit seinen kräftigen Armen zertheilte er, ein fertiger Schwimmer, die Fluthen der Memel.

„Bursche, ihm nach! Wer kann schwimmen?“ rief der Gefangenwärter.

Die Bäckergesellen und die Nachbaren konnten wohl den Mund und die Augen weit aufsperren und dem davon Schwimmenden nachgaffen, aber selbst schwimmen konnten sie nicht.

Unter den Gefangenen war ein kleiner, gedrungener, gewandter Mensch, Mix Szillus, hieß er, ein Schiffer vom kurischen Haff, der eine einjährige Gefängnißstrafe wegen fahrlässiger Tödtung in einer Schlägerei verbüßte. Er sprang vor.

„Ei was, schwimmen, Herr Wachtmeister,“ sagte er. „Ich kann schwimmen wie Einer. Meine Mutter sagt, ich hätte schon in der Wiege geschwommen.“

Die andern Gefangenen lachten.

„Doch den fangen durch Schwimmen in der Memel keine Zehn. In die Nachen! Die Nachen losgemacht, und so ihm nach.“

„Bursch, so klug bin ich auch,“ erwiederte der Gefangenwärter. „Aber die Nachen sind angeschlossen und die Schlüssel in den Häusern. Ehe sie geholt sind, ist der Schuft über alle Berge.“

„Wenigstens über die schreitlauker Berge, Herr Wachtmeister. Aber hier sind Fäuste und Aexte. Heran mit den Aexten, Ihr Männer.“

Die drei anderen Gefangenen warfen sich auf einen der Nachen, um das Schloß zu zerbrechen, die Kette zu zerreißen, den Pfahl aus der Erde zu heben. Ihre vereinten Kräfte reichten nicht weiter als die des Entflohenen. Mix Szillus war klüger. Die vorsichtigen Nachbarn hatten sich in der That vor der Verfolgung mit Aexten versehen. Einem von ihnen nahm er seine Waffe weg. [272] Mit dem zweiten Schlage hatte er das Schloß an dem einen der Nachen zertrümmert; das Schiff war frei.

„Hinein, wer mir folgen will,“ rief der ebenso schnelle als muthige litthauische Bursch.

Er sprang in den Nachen. Der entschlossene Gefangenwärter war der erste, der ihm folgte. Hinter dem Gefangenwärter wollten die drei anderen Gefangenen hinein. Zwei von ihnen schob Mix Szillus zurück.

„Thoren,“ rief er. „Soll das ganze Schloß in diese Nußschale? Wenn wir jenen fangen, sind schon zu viele darin. Löset den andern Nachen ab, und darin folgt.“

In dem Nachen lagen zwei Ruder. Eins ergriff Mix Szillus, das zweite gab er dem andern Gefangenen, einem jungen Litthauer, wie er. Der Nachen setzte dem Flüchtling nach.

Die Memel ist bei Ragnit sehr breit und tief; etwa wie der Rhein bei Bonn oder Köln. Das Ufer ist dort nur auf der ragniter Seite bebaut. Auf der andern, rechten Seite des Stromes sieht man weit und breit nur ein einziges Haus. Es ist ein Bauernhaus, ziemlich weit vom Ufer entfernt, mitten in der Wiese, die sich dort von der Memel bis an die sogenannten schreitlauker Berge erstreckt. Diese Berge sind ziemlich hohe, mit dichter Waldung bedeckte Hügel, die sich, mit geringen Unterbrechungen durch Weiden und Ackerland bis an die russische Grenze hinziehen.

Bei der Verfolgung des Flüchtlings kam Alles darauf an, vor ihm das jenseitige Ufer zu erreichen. Erreichte er es früher, so war er gerettet. Die Bewohner des einsamen Bauernhauses gegen ihn aufzurufen, war bei der Entfernung des Hauses unmöglich. Außerdem war das andere Ufer unbewohnt. Der Flüchtling konnte, mit einem Vorsprunge, die schreitlauker Berge erreichen. In diesem war seine Spur nicht weiter zu verfolgen und die Grenze war ihm frei.

Das Ablösen des Nachens vom Ufer hatte nicht so schnell bewirkt werden können, daß nicht der Verfolgte einen bedeutenden Vorsprung gewonnen hätte. Der zweite Gefangene war zudem ein eben so ungeschickter Ruderer, wie freilich Mix Szillus ein sehr gewandter. Der Nachen kam daher nur langsam vorwärts.

Der zweite Nachen konnte, in weiter Entfernung, nur noch langsamer folgen. Die Entschlossenheit und Gewandtheit des Mix Szillus hatte bei seinem Lostrennen gefehlt. Er hatte noch nicht die Mitte des Stromes gewonnen, als der Nachen mit Mix Szillus und dem Gefangenwärter bis auf wenige Schritte den Flüchtling erreicht hatte. Aber dies war in einer Entfernung von etwa höchsten vierzig bis funfzig Schritte vom jenseitigen Ufer.

Friedrich Victor durchschnitt noch immer mit der ungeschwächten Kraft seiner nervigen Arme die Fluthen. Welch’ eine ungeheure Kraft mußte dieser Mensch besitzen, ungebrochen, unberührt von einer mehr als zweijährigen Haft, in engen, ungesunden Mauern, unter der Belastung mit Ketten, bei magerer Kost! Er hatte beinahe die ganze Breite des schnell fließenden Stromes zurückgelegt, und noch bemerkte man keine Spuren von Anstrengung an ihm. Sein Gesicht war nicht röther und nicht blässer geworden, seine Brust hob sich nicht schneller und nicht höher als sonst. Allerdings hatte der Nachen ihn beinahe erreicht, die zwei Ruderer in dem bequemen, leichten, auf den Wellen dahin fliegenden Fahrzeuge, ihn, der ohne alle Hülfe, ohne alle Unterstützung mit den Fluthen zu kämpfen hatte. Allein das Gesicht des Mix Szillus glühte von der großen Anstrengung, und von der Stirn seines Gefährten flossen dicke Schweißtropfen herunter.

Und dennoch schien Friedrich Victor bisher mit den Wellen und mit seinen Gegnern nur gespielt zu haben.

„Weiter ausgeholt, Bursch,“ rief Mix Szillus seinem Gefährten zu.

Er selbst schwang sein Ruder kräftiger, und der vereinte stärkere Schlag beider in die Wellen trieb den Nachen in einem Satze bis unmittelbar an den Schwimmenden.

„Jetzt haben wir ihn,“ jauchzte Mix Szillus. „Noch einmal ausgeholt.“

Friedrich Victor sah mit einem höhnischen Lächeln zu ihm hinauf. Weit holte auch er mit seinen starken und langen Armen aus; hoch bäumte er sich in der Fluth wie ein stolzes Roß, ein ungeheuerer Stoß des elastischen Körpers, und er war dem Schiffe wieder weiter voraus als vor jener Anstrengung seiner Verfolger. Zwei, drei dieser Stöße folgten mit gleicher Wirkung. Er schien seine beste Kraft bis zu diesem letzten Augenblicke aufgespart zu haben. Der Nachen blieb weiter und weiter zurück.

Mix Szillus fluchte und klagte seinen Gefährten an.

„Zum Teufel, Bursch, strenge Deine trägen Knochen an.“

„Thue Du selber mehr als Du kannst,“ erwiederte ihm der Bursch.

„Zankt Euch nicht,“ rief der Gefangenwärter dazwischen. „Rudert, voran, voran. Er ist uns ein Dutzend Schritte vorauf, und wir haben kaum noch dreißig Schriftte vom Ufer.“

So war es in der That, und Friedrich Victor verdoppelte seine Kräfte, während der zweite Gefangene in dem Nachen verwirrt und ungeschickter wurde, und das Schiff anfing, sich zu drehen, anstatt voranzugehen.

„Bursch, was machst Du?“ schrie Mix Szillus. „Ich schmeiße dich in’s Wasser, wenn Du nicht besser aufpassest. Du ruderst als wenn es ein Litthauer wäre, den wir fangen sollen, und es ist doch ein Hund von einem Deutschen, und der Herr Wachtmeister ist ein Litthauer.“

Der Gefangenwärter war ein ächter Litthauer aus dem Kreise Heidekrug.

Der Nachen kam nicht weiter.

Aber auch Friedrich Victor war auf einmal in dem schnellen Fluge seines Schwimmens gehemmt. Er war in eine heftige, wirbelnde Strömung gerathen, wie man sie in der Memel, besonders in der Nähe der Ufer, nicht selten findet. Der Strudel hielt ihn fest umfangen. Vergebens versuchten die kräftigen Arme sich hindurch zu arbeiten, ihn zu durchschneiden.

Mix Szillus bemerkte es schnell. Er jubelte von Neuem.

„Jetzt haben wir ihn. Er kann nicht durch. Voran, voran! Aber nicht zu ihm. Nicht in den Strudel! Mehr unterhalb. Dort ist die Strömung geringer.“

Er gab dem Schiffe eine kleine Schwenkung, um, etwa zehn Schritte unterhalb der Stelle, an welcher Friedrich Victor sich befand, die dort schwächere Strömung zu durchschneiden. Der Flüchtling schien verloren. Aber er verband mit seiner ungeheuern Kraft eben so viel Muth und Geistesgegenwart. Rasch gab er den Kampf mit der Strömung auf. Er ließ sich von ihr fortreißen, den Strom abwärts. Mit starken Stößen seiner Arme half er nach. So flog er auf den Nachen zu.

„Er ergiebt sich. Er sieht, daß er nicht weiter kann,“ rief triumphirend der Gefangenwärter.

Aber Mix Szillus war blaß geworden.

„Herr Wachtmeister,“ sagte er leise, „der Kerl hat etwas Böses im Sinne; wenn Gott uns nicht beisteht, so sind wir verloren.“

„Was kann er vorhaben, mein Bursch?“

Mix Szillus wurde dringend.

„Mensch, rudere, stoß, schlag das verrätherische Wasser,“ rief er seinem Gefährten zu. „Und Du, Herr Wachtmeister, nimm mein Ruder und hilf dem Burschen. Du bist ja nicht weit von der Memel zu Hause. Du wirst das Ruder führen können. Und nun haltet Euch Beide nach jener Seite des Nachens hin, stromabwärts. Aber paßt genau auf. Es gilt unser Leben.“

„Was ist, Bursch? Was hast Du vor?“

„Rudert nur, rudert nur. Haltet Euch fest nach jener Seite.“

„Zum Teufel, Bursch, was ist denn?“

„Was ist! Siehst Du das nicht! Der Schuft kann uns so nicht mehr entkommen. Er arbeitet sich zu uns hin, um unser Schiff umzuwerfen. Ich kenne das. Es ist ja nur eine Nußschale. Er ist stark. Es wird ihm gelingen. Auch uns hindert die Strömung. Wir können nicht fort. wir könnten ihm entgehen, wenn wir stromabwärts trieben, wie er; aber dann entginge er auch uns. Es ist nur ein Mittel.“

„Und welches, Bursch?“

„Paßt nur auf Euch und Eure Ruder, Ihr Beide. Mit jenem Burschen lasset mich machen.“

Er warf sich in der Mitte des Nachens auf die Knie, mit dem Gesichte stromaufwärts, nach der Seite hin, von welcher Friedrich Victor sich nahete. Er bückte sich tief, so daß der etwas hohe Rand des Nachens über seinen Körper hervorragte. Der Schwimmende konnte ihn nicht mehr sehen.

„Bursch, was hast Du vor?“ fragte der Gefangenwärter.

„Merkst Du es denn nicht, Herr?“ Hier in der Mitte des Nachens, hier oben am Rande muß er anfassen, wenn er uns umwerfen [273] will. So wie seine Hände sich hier zeigen, greife ich zu, fasse ihn und schwinge ihn aus dem Wasser in den Nachen hinein.“

„Du den schweren, kräftigen Kerl?“

„Im Wasser wiegt das Pfund kein Loth. Aber paßt jetzt auf. Er ist nahe. Ich höre ihn. Haltet die Ruder fest. Wenn wir ihn haben, wird er sich wehren, er ist stärker als wir drei. Schlagt ihn mit den Rudern nieder, auf den Kopf, wohin Ihr ihn trefft.“

„Warum empfangen wir ihn nicht im Wasser mit den Rudern?“

„Bist Du toll, Herr? Er würde untertauchen und von unten her den Nachen umwerfen. Ruhig, er ist da."

Der Flüchtling hatte den Nachen erreicht. Er bäumte sich wieder hoch auf im Wasser. Mit einem ungeheuern Satze schnellte er sich empor, nach dem schmalen, leichten Fahrzeuge hin. Diesmal war sein Bäumen nicht das eines hohen Rosses, aber der furchtbare Sprung jener wilden Tigerkatze, an deren Gier und Unbändigkeit sein Aussehen schon immer erinnert hatte. Er griff nach dem Rande des Nachens.

Mix Szillus erwartete ihn. Der junge Litthauer hatte sich fest auf seine Knie gestemmt. Den Körper hatte er vorgebeugt, die Augen starr auf den Rand des Schiffes gerichtet, die Arme ausgestreckt zum sofortigen kräftigen Zugreifen.

Die starken Fäuste des Flüchtlings zeigten sich an dem Rande. Sie umklammerten ihn. Die Finger schlugen sich ein zu einem ungeheuern Rucke.

Mix Szillus griff zu. Die gleichfalls starken Fäuste des litthauischen Fischers schlugen sich um die Faustgelenke des riesigen Schwimmers. Aber Mix Szillus hatte seine Kraft falsch berechnet. Der Ruck erfolgte, ohne daß er ihn hindern konnte.

Das Schiff hatte indeß nur geschwankt. Es war nicht umgeschlagen.

Friedrich Victor setzte zu einem zweiten stärkern Ruck an.

In demselben Augenblicke erhob Mix Szillus sich höher, griff nach den Oberarmen des Schwimmenden, umfaßte diese und die Schultern, und suchte, mit einem kräftigen Schwunge den Verbrecher aus dem Wasser zu heben und in den Nachen zu werfen.

Friedrich Victor stemmte sich gegen den Rand des Schiffes. Es erhob sich ein Kampf zwischen Beiden. Aber nur einen Augenblick lang. Der Gefangenwärter gab den Ausschlag. Er sprang auf, von der andern Seite des Nachens, um dem Litthauer Hülfe zu leisten.

So wie er seinen Platz verließ und den Streitenden nahte, verlor jedoch das schmale Fahrzeug das Gleichgewicht. Die größere Schwere, die Schwankungen der Strömung, das Zerren der Streitenden warfen ihn auf die Seite. Eine verzweiflungsvolle letzte Anstrengung des Flüchtlings trat hinzu. Der Kahn schlug um. Unter ihm, von ihm bedeckt lagen der Gefangenwärter und seine beiden Gefangenen.

Friedrich Victor schwamm lachend davon, erreichte das Ufer, durchlief die Wiesen, und war nach kurzer Zeit in den schützenden Waldungen der schreitlauker Berge verschwunden.

Der zweite Nachen, der bald darauf herankam, hatte sich nur damit zu beschäftigen, den Gefangenwärter und den zweiten Gefangenen aus dem Wasser aufzufischen. Mix Szillus konnte schon dabei helfen; er hatte sich allein unter dem umgeworfenen Fahrzeuge hervorgearbeitet. Der Gefangenwärter konnte erst nach Verlauf einer Stunde, durch die größten Anstrengungen, in’s Leben zurückgerufen werden. Von dem zweiten Entflohenen, Trinkat, wurde gar keine Spur wieder aufgefunden.

[274] Der erzählte Vorfall hatte meine Abreise verzögert. Es war beinahe Mittag als wir von Ragnit abfuhren.

Mich begleitete meine Frau. Sie hatte schon längst den Wunsch geäußert, das weite und wüste russische Reich, wenn auch nur auf ein paar Schritte weit an der Grenze, kennen zu lernen. Eine günstige Gelegenheit war jetzt dazu geboten. Russisch-Neustadt war nur etwa eine halbe Meile von der Grenze entfernt. Meine Geschäfte hielten mich dort nicht länger als einen halben Tag auf. Indem ich in amtlicher Eigenschaft die Grenze überschritt, und schon an dieser von dem gemeinschaftlich mit mir verhandelnden russischen Beamten empfangen wurde, waren auch für meine Frau Schwierigkeiten des Ueberschreitens nicht zu besorgen, Schwierigkeiten, deren es unter andern Umständen nicht wenige und nicht geringe gab. Außerdem waren in meiner Begleitung ein Secretär des Gerichts, der zugleich den litthauischen Dolmetscher machte, und ein Executor der Kreisjustizcommission. Der Secretär war ein schwächlicher, stiller, bescheidener Mann.

Der Executor Matz, der mich auf allen meinen amtlichen Reisen begleitete, war einer der tüchtigsten und zuverlässigsten Unterbeamten, die man im preußischen Dienste wohl je mag angetroffen haben. Furchtlos, entschlossen und rasch im Handeln, hatte er zugleich eine seltene Körperkraft. Im ersten Regimente, in welchem er früher als Sergeant gedient hatte, war er der stärkste Soldat gewesen. Er hätte es beinahe mit Friedrich Victor aufnehmen können. Dabei war er ein immer munterer, aufgeweckter Königsberger.

Bei unserer Abreise war er ungewöhnlich ernst, obwohl er durch sein Aussehen uns Andern beinahe zum Lachen reizte. Sonst auf der Reise nur mit einem russischen Kantschu versehen, trug er jetzt außerdem nicht nur seinen langen Dienstsäbel an der Seite, man sah auch unter seinem halbzugeknöpften Rocke ein Doppelterzerol hervorblicken.

„Was ist Ihnen denn heute eingefallen, Matz?“ fragte ich ihn. „Sie pflegen ja zu sagen, daß Sie mit dem Kantschu allein eine ganze Compagnie Litthauer von sich abwehren könnten.“

Er wurde roth.

„Es ist um der Frau Kreisjustizräthin willen,“ sagte er.

„Ausrede, Matz. Sie werden roth. Sie fürchten sich doch nicht?“

„Kennen der Herr Kreisjustizrath Furcht an mir? Vor wem sollte ich hier in Litthauen mich fürchten?“

„Nun, Trinkat, Victor, Merczus Lattukat.“

„Pah! Die Schufte reißen vor unser Einem aus, wie Schafsleder.“

„Aber warum denn diese Waffen?“

„Herr Matz,“ nahm der Secretär das Wort, „hat mir gestanden, daß es ihm in der That heute so etwas ganz sonderbar zu Muthe sei. Er wisse selbst nicht, warum. Es habe ihn innerlich dazu getrieben, die Waffen mitzunehmen.“

„Ja, ja,“ fügte der Executor hinzu, scherzend, als wenn er seinen Ernst dadurch vertreiben wollte. „Der Herr Secretär sagt recht. Es geht mir heute nicht besser als den Mördern und Brandstiftern, die auch immer einem innerlichen Triebe nicht haben widerstehen können.“

Er blieb indeß ernst, und wurde bei einem Anlasse auf der Reise sogar verdrießlich.

Wir hatten unseren Weg durch Tilsit genommen, dort die Schiffbrücke über die Memel passirt und die alte Landstraße nach der Stadt Memel verfolgt, bis zu dem Punkte, wo aus derselben die Landstraße nach Coadjuthen sich ausschied. Unser Reiseziel war für heute Coadjuthen, ein Marktflecken nahe an der russischen Grenze. Wir wollten dort übernachten, um von da am andern Morgen zeitig nach dem nicht mehr weiten Russisch-Neustadt aufzubrechen.

Ragnit liegt in einer fruchtbaren Gegend, eben so Tilsit. Man kann die Lage beider Orte schön finden, so schön, wie man überhaupt eine zwar hohe, aber flache Gegend, aber an einem breiten Strom, mit reichen Saatfeldern, fetten, grünen Wiesen, malerisch zwischen Gärten und Alleen gelegenen Landhäusern und einzelnen waldbedeckten Hügeln, sich darstellen kann. Auch das Thal zwischen Tilsit und Baubeln, jenseits der Memel, ist noch schön. Es bietet fortwährend reizende Aussichten auf die freundliche Stadt, auf den durch die Ebene sich krümmenden Strom, auf den alten, kahlen Rambinus, auf die fernen grünen schreitlauker Berge, und endlich auf das wunderhübsch auf der Höhe der das Thal schließenden Hügelkette, zwischen Gärten und Waldungen belegene weitläufige Gut Baubeln. So wie man aber auf dem Wege nach Memel dieses Gut hinter sich hat, hört mit einem Male alle Schönheit der Gegend auf. Die Landstraße – eine Chaussee gab es damals in Litthauen noch nicht – wurde dort, eben so wie jetzt die Chaussee, von einer weiten Sandhaide empfangen, die Plein genannt, um später, bis fast nach Memel hin, durch ähnlichen Sand oder durch nicht minder traurige Moorgründe sich weiter zu schleppen.

Die nahe vor der Plein seitab laufende Landstraße nach Coadjuthen sah und sieht noch keine bessern Gegenden. Man fährt zuerst an der Haide entlang, in tiefem Sande, zwischen sparsamen, verkrüppelten Fichten und noch sparsameren und noch verkrüppelteren menschlichen Wohnungen, Hütten von Lehm und Stroh, die sich kaum zehn Fuß hoch über der Erde erheben. So gelangt man zu einem kleinen Dörfchen, Powilken, an einem Flüßchen, die Wilke. Jenseits dieses Flüßchens wird die Gegend noch trauriger. Der Sandboden weicht einem bald grauen, bald braunen Moorgrunde, auf dem kaum jene verkrüppelten Fichten noch gedeihen wollen. Der Weg wird mitunter grundlos. Die Gegend wird menschenleerer. Nur in weiter Entfernung von der Landstraße entdeckt man hin und wieder eine verfallene graue Hütte, bis man nach einiger Zeit in eine dichte Waldung gelangt, die zu dem dingkener Forst gehört. In dieser trifft man keine einzige menschliche Wohnung mehr an. Das Erdreich ist zwar fester, die Landstraße aber ist ausgefahren und holzreich. Zu Ende der Waldung kommt man an einen einzeln stehenden Krug. Er gehört zu dem etwa eine halbe Viertelmeile entfernt liegenden Dorfe Peteraten. Es ist ein Krug, wie die meisten Krüge in den schlechteren Gegenden Litthauens, ein niedriges, schmutziges, halb verfallenes Gebäude von schlecht zusammengefügten Balken, das Dach mit grauem Stroh gedeckt. Hinter Peteraten beginnt wieder dürre Haidegegend, die sich bis Mädischkehmen, nahe vor Coadjuthen, hinzieht.

Der Weg von Tilsit bis Coadjuthen beträgt etwa fünf Meilen. Er gehörte in jener Zeit nicht zu den sicheren Wegen. Von der einen Seite war die Plein damals der Zufluchtsort vieles liederlichen und verbrecherischen Gesindels. Man hatte mehrere Jahre vorher von Seiten der Regierung Colonisten hergezogen, um diese Wüsteneien zu bebauen. Solche künstlich und gewaltsam gebildete Colonien der Regierungen werden in der Regel Verbrechercolonien. So war es auch in der Plein geworden, zumal unter dem Schutze des Terrains. Alle zehn Minuten etwa traf man auf eine Hütte; alle zehn Minuten auf ein Gebüsch von Fichten durchzogen von dichtem niedrigen Gestrüpp, Dornen, Brombeeren und Stechpalmen. Ueberall bildeten sich so natürliche Schlupfwinkel, und eine Verfolgung war um so schwieriger, als in dem tiefen, vom Winde ungleich auf- und zusammengewühlten Sande namentlich die berittene Gensd’armerie nur mit Mühe voran konnte. Von der andern Seite bot der weitläufige dingkener Forst eine große Herberge für Verbrecher und Gesindel aller Art dar. Sie erstreckt sich von der Plein bis zu dem Juraforst, und steht so wieder in Verbindung mit den großen Grenzwaldungen in Rußland, so wie nach Süden mit den fast an die Memel reichenden schreitlauker Waldungen.

In der Plein und deren Umgegend fielen damals häufig Räubereien und andere schwere Verbrechen vor. Von Peteraten bis Mädischkehmen war die Straße nicht minder unsicher. Besonders stand der unmittelbar an der Landstraße liegende Krug von Peteraten in keinem guten Rufe. Er lag dicht an dem Saume des dingkener Forstes, von dem Dorfe so weit entfernt, daß man dessen Gebäude nicht einmal sehen konnte. Andere menschliche Wohnungen waren im Umkreise mindestens eine halbe Meile nicht zu finden. [281] Es war im Anfang October, als wir diese Straße passirten. Die Witterung war hell, die Sonne schien warm. Es hatte bis kurze Zeit vorher geregnet und der Weg war sehr schlecht. Hatten die Pferde von Baubeln bis Powilken den Wagen nur mühsam durch den schwer gewordenen, sich fest an die Räder anlegenden Sand ziehen können, so konnten sie von Powilken bis Peteraten nur mit der größten Anstrengung vorwärts kommen, unter dem fortwährenden Antreiben, Schlagen und Fluchen des Kutschers, oder vielmehr des Executors Matz. Der Kutscher, ein Miethkutscher, einer von jenen Litthauern, die es als Pflicht ansehen, für einen Deutschen sich nie zu übereilen, hätte freilich lieber in dem ersten besten Kruge übernachtet, als seinen Pferden für uns eine mehr als gewöhnliche Anstrengung zuzumuthen. Matz hatte es sich deshalb um so weniger nehmen lassen, sich zu ihm auf den Bock zu setzen, um ihn und seine Pferde anzutreiben.

Dennoch hatte sich der Tag schon so ziemlich geneigt, als wir bei dem Kruge zu Peteraten anlangten. Etwa fünfzig Schritte vor diesem hörten wir einen lauten Wortwechsel zwischen Matz und dem Kutscher.

„Du wirst hier nicht anhalten, Bursch,“ rief der Executor.

„Aber mein Perd kann nicht weiter, Pons Wachtmeisteris,“ entgegnete der Litthauer, der etwas Deutsch verstand, jedoch das F nicht gut aussprechen konnte, und dem deutschen Titel die lithauische Endung anhing.

„Dein Pferd? Deine durstige Zunge kann vor der Kneipe nicht vorbei,“ höhnte ihn der Executor, der eine souveraine Verachtung gegen alle Litthauer hatte, so daß er, wie nothwendig es ihm auch für sein Amt war, nicht einmal Litthauisch hatte lernen wollen.

„Ich werde fragen Pons Kreisjustitrath.“

Das Wort „Justiz“ können die Litthauer nicht aussprechen. Möchte es nicht auch für die Deutschen besser sein, wenn sie das Wort gar nicht, und statt dessen nur das in ihrem Bewußtsein lebende „Recht“ kennten?

„Was, Du litthauischer Lümmel,“ fuhr ihn der Executor an, „Du willst Dich unterstehen, mich bei dem Herrn zu verklagen?“

„Ich will ja nur fragen, Erken, liebes (liebes Herrchen).“

„Fragen kann ich selbst.“ Der Executor bog sich zurück nach dem Innern des Wagens. „Herr Kreisjustizrath –“

„Ich habe Alles gehört, Matz. Sie sind heute sehr böser Laune.“

„Diese Litthauer sind zu faul und zu durstig. Sie stecken sogar ihre Pferde an, die von Natur ein prächtiges Vieh sind. Aber Sie werden doch nicht zugeben, daß der Mensch hier anhält. Es wird ohnehin bald dunkel.“

„Können die Pferde es bis Coadjuthen aushalten?“

„Bis Neustadt, wenn es sein muß.“

„So lassen Sie vorbeifahren.“

„Hast Du gehört, Bursch? Du hältst nicht an.“

„Meine arme Perd –“

„Schweig und fahr.“

Aber auf einmal schrie der Executor laut: „Halt, Kerl, halt!“ Mit einem Satze war er vom Bocke an der Erde. „Herr Secretair,“ rief er, „mir nach, rasch, in den Krug.“

„Was haben Sie, Matz?“

„Der Trinkat! Mir nach, Herr Secretair. Sie bleiben bei der Frau Gemahlin, Herr Kreisjustizrath.“

Der Wagen war unmittelbar vor dem Kruge. Matz sprang auf diesen zu. Der Secretair und ich eilten ihm nach. In der Krugstube rief der Executor:

„Ich habe den Kerl am Fenster gesehen!“

Wir eilten in die Krugstube. Sie war leer. Nur die Krügerin stand am Schenktisch. Auch kein Versteck war da, das Jemanden hätte verbergen können.

„Wo ist der Kerl geblieben, der hier war?“ stürmete der Executor auf die Frau ein.

Asz ne permanau Wokiszka, Pons! erwiederte die Frau frech.

„Ich werde Dich Wokiszka lehren. Wo ist der Mörder? Sprich, oder Du bekommst den Kantschu.“

Die Litthauerin schien in der That nicht zu verstehen. Der Secretair wiederholte die Frage auf Litthauisch.

Die Frau wollte nichts davon wissen, daß Jemand dagewesen sei. Sie sei den ganzen Nachmittag allein gewesen.

Der Executor Matz hatte unterdeß die Schlafkammer durchsucht, die, wie in allen litthauischen Krügen, sich hinter der Krugstube befand. Sie war gleichfalls leer. Er durchsuchte weiter das ganze Haus, während der Secretair und ich das Haus verließen, um einen allenfalls aus dem Hause Entspringenden anzuhalten. Es entsprang aber Niemand. Der Executor kam nach einiger Zeit unverrichteter Sache zurück. Wir setzten unsern Weg fort.

[282] Seine üble Laune hatte sich vermehrt. Er schwor darauf, daß er das Gesicht des entflohenen Mörders in der Krugstube am Fenster gesehen habe. Der Kutscher hatte die Zeit benutzt, sich im Kruge einen Schnaps geben zu lassen. Das machte ihn noch verstimmter.

Nach einer Weile hörten wir im Wagen, wie vorn neben den Pferden eine fremde Stimme sprach: „Labbas Wakere!“ (guten Abend) sagte Jemand. Der Kutscher antwortete sein „Dieko“ (Dank) sehr kühl, ein Beweis, daß der Gruß ihm von keinem Litthauer geboten war.

Gleich darauf sagte die Stimme auch in gutem Deutsch: „Guten Abend, guten Abend, Herr Wachtmeister Matz.“

Der Executor dankte gar nicht. Er brummte nur einen Fluch zwischen den Lippen. Ich hatte die Stimme erkannt.

In Ostpreußen und Litthauen hat das Bureauwesen eine besondere, zahlreiche Klasse von Menschen unter dem Namen „Schreiber“ hervorgebracht. Sie gehen aus den untern Ständen hervor; auch in Litthauen nur aus den deutschen Familien. Als Knaben von vierzehn Jahren, nachdem sie nothwendig Schreiben und Rechnen gelernt haben und dann eingesegnet sind, kommen sie in die Lehre, in die „Schreiberei,“ wie zu einem Handwerke. Die Lehre dauert drei Jahre, wie auch gewöhnlich bei einem andern Handwerke. Sie wird bestanden in den Schreibstuben der Rechtsanwälte und der untern Behörden. Am Meisten bei jenen, und unter den letzteren bei den Gerichten. Jedoch hier nur im unmittelbaren Dienste bei den Actuarien, die gegen die Beziehung der gesetzlichen Schreibgebühren die gerichtlichen Schreibereien selbstständig zu besorgen haben. Nach beendigten Lehrjahren stellt der Lehrherr einen förmlichen Entlassungsbrief aus, und der Lehrling ist nun „gelernter Schreiber.“ Als solcher wandert er gleich einem Handwerksgesellen durch das Land, fechtend und seine Dienste anbietend, bei Rechtsanwälten, in den Kanzleien der Behörden, in den „Schreibereien“ der Landgüter und wo man ihrer sonst bedarf. Manche dieser Schreiber schlagen gut ein. Eine große Anzahl derselben aber wird zu nichtsnutzigem Gesindel und zu einer wahren Landplage. Bei halber Bildung überheben sich viele. Für die Wenigsten ist die knappe Besoldung, die sie bekommen, eine ausreichende. Höchstens erhalten sie für den Bogen sechs Pfennige. Davon können sie nicht leben, zumal wenn sie älter werden, oder Familie haben. Um mehr zu verdienen, drängen sie sich an die Parteien an, die mit dem Rechtsanwalte, dem Gerichte u. s. w. zu verhandeln haben. So werden sie untreu. Sie suchen die Leute in den Krügen und Schenken auf. So werden sie lüderlich, besonders Säufer. In solcher Weise ist der Grund zur Demoralisation des Standes gelegt, und das Verderben erbt sich fort. Wenn sie zuletzt von ihren Prinzipälen fortgejagt werden, gehen sie auf das Land, und werden nun doppelt eine Landplage als Winkelconsulenten, Schwindler, Diebsgenossen. In Litthauen sind diese Schreiber zugleich die Dolmetscher bei den Behörden und Rechtsanwälten. Aus den unteren Ständen hervorgehend, haben sie von frühester Kindheit an so gut Litthauisch wie Deutsch gesprochen.

Der Mensch, der dem Kutscher und Executor einen guten Abend bot, hatte als Schreiber und Dolmetscher bei der Kreisjustizcommission in Ragnit gearbeitet, bis ich ihn, vor ungefähr einem halben Jahre, sowohl wegen Trunksucht, als auch wegen Collisionen mit Angeschuldigten fortgejagt hatte. Ich hatte seitdem nichts von ihm gehört. Er gehörte zu den Schlechtesten seiner Klasse.

Der Fluch des Executors hatte ihn nicht von dem Versuche abgehalten, ein weiteres Gespräch anzuknüpfen.

„Sie fahren wohl nach Coadjuthen, Herr Wachtmeister?“ fragte er.

Er erhielt keine Antwort.

„Geht es von da weiter, Herr Wachtmeister?“

Er bekam wieder keine Antwort.

„Der Herr Kreisjustizrath sind in dem Wagen, und wenn ich nicht irre, habe ich auch die Frau Kreisjustizräthin darin gesehen?“

Der Executor antwortete ihm endlich:

„Möchten Sie ganz genaue Auskunft haben, Herr John?“

„Gewiß, lieber Herr Wachtmeister,“ erwiederte der Schreiber höhnisch.

„So gehen Sie nach Ragnit und fragen Sie dort auf der Kreisjustizcommission nach.“

„Danke für den güthigen Rath, Herr Wachtmeister. Aber ich kann es näher haben.“ Er wandte sich an den Kutscher: „Wann wirst Du zurückfahren?“ fragte er diesen auf Litthauisch.

„Höre,“ sagte der Executor zu dem Kutscher, „wenn Du dem Menschen mit einer Silbe antwortest, so haue ich Dich mit dem Kantschu hier durch, daß Dir für heute Abend Hören und Sehen vergehen wird.“

Der Schreiber wandte sich wieder an ihn. „Der Herr Wachtmeister sind ja gewaltig bös heute.“

Der Executor schwieg wieder.

„Ja, ja, der Herr Wachtmeister haben auch Ursache dazu; die ganze hochlöbliche Kreisjustizcommission.“

Der Executor wurde aufmerksam.

„Was wüßten Sie denn?“ fragte er mit anscheinender Wegwerfung.

„Freilich nicht mehr, als Sie, Herr Wachtmeister. Oder sollten Sie noch nicht wissen, daß heute Nacht zwei der gefährlichsten Verbrecher der Kreisjustizcommission entsprungen sind?“

„Ich habe davon gehört, Freundchen.“

„Aha, Sie sind wohl auf der Verfolgung begriffen? Ich sehe da den großen Executorsäbel an Ihrer Seite.“

„Mit dem kann ich auch andere Hundsvötter messen, wenn mein Kantschu nicht mehr ausreichen sollte.“

„Die beiden Entsprungenen werden Sie weder mit dem einen noch dem anderen messen.“

„Wer weiß! Die Polizei hat lange Arme in Preußen, und die Gensd’armen reiten schnell.“

„Die Todten reiten noch schneller, Herr Wachtmeister!“ Der Schreiber lachte laut über seinen Witz. „Aber über die Grenze reiten diese preußischen Todten nicht,“ setzte er hinzu.

„Die langen Arme aber,“ erwiederte der Executor, „können die Grenze sperren.“

„Pah, wenn es zu spät ist.“

„Noch ist es nicht zu spät, Freundchen, Freundchen. Die beiden Kerle sind noch im Lande.“

„Freuen Sie sich nicht darauf, Herr Wachtmeister. Es könnte wohl Ihr Unglück sein, wenn es wahr wäre.“

„Wie so, Freundchen?“

„Nun, ich meine nur so, Herr Wachtmeister. Aber haben Sie nie etwas von einem Ding gehört, das man die Urfehde nennt?“

„Urfehde? Nein, das kenne ich nicht.“

„Ich glaube es wohl. Es existirt nicht mehr. Aber es war früher eine vortreffliche Einrichtung für Kreisjustizcommissionen und andere Kriminalgerichte. Die Herren Beamten konnten dabei ruhig schlafen und auch – reisen. Doch lassen Sie sich das Weitere vom Herrn Kreisjustizrath erzählen, der hat ja studirt. Und nun gute Nacht, lieber Herr Wachtmeister, Kommen Sie glücklich über.“

Er wollte sich seitab in das Gebüsch entfernen. Mit einem Sprung war der Executor vom Bocke, und dem Schreiber in dem Nacken.

„Schurke,“ rief er, „Du hast Nachricht von den beiden Entsprungenen. Heraus damit, wo sind sie? War der Trinkat nicht in dem Kruge dort? Sprich die Wahrheit, Kerl, oder ich durchbläue Dich zu Brei.“

Der Schreiber konnte sich nicht rühren unter den kräftigen Händen des Executors. Aber hatte dieser gemeint, ihn einzuschüchtern, so hatte er sich vollständig geirrt. Der Mensch höhnte ihn nur noch mehr.

„Kehrt sich die Welt um?“ sagte er. „Die Diener der Gerechtigkeit fallen die ehrlichen Leute räuberisch auf offener Landstraße an!“

„Nicht die ehrlichen Leute, Bursch, aber die Spitzbuben.“

„Also doch Spitzbuben gegen Spitzbuben!“

„Matz,“ rief ich zum Wagen hinaus, „lassen Sie den Menschen los, und steigen Sie wieder auf.“

Er ließ augenblicklich von dem Schreiber ab, und begab sich wieder auf den Bock. Wir fuhren weiter.

„Wie konnten Sie sich so vergessen, Matz?“ warf ich ihm vor. „Ich kenne Sie heute nicht wieder.“

Er schämte sich. „Verzeihen Sie mir, Herr Kreisjustizrath. Ich kenne mich selbst heute nicht. Mich ärgert Alles. Es ist mir immer, als wenn uns ein Unglück auf dieser Reise bevorstände. [283] Ich meine, ich könnte und müßte es abwenden. Und ich weiß doch nicht wie. Das ärgert mich. Und dann, der Kerl drohete offenbar. Ich schwöre darauf, er ist mit dem Trinkat zusammen gewesen. Vielleicht war der Victor auch schon da. Solch Volk giebt sich seine Rendezvous.“

„Sie nehmen da,“ warf ich ihm ein, „in Allem das Unwahrscheinlichste an. Wie würde dieser Mensch drohen, mithin verrathen, wenn er mit den Verbrechern einverstanden wäre?“

„Er war immer ein leichtsinniger Prahlhans. Und ich halte mich daran, was ich fühle, es liegt mir etwas schwer auf dem Herzen.“

„Matz, meine Frau lacht Sie aus.“

Er antwortete nicht.

Wir kamen wohlbehalten in Coadjuthen an und fanden eine freundliche und behagliche Aufnahme beim Gastwirth Wahl.

Am nächsten Morgen früh fuhren wir nach Russisch-Neustadt. Meine Frau mußte gestehen, daß es in Rußland nur wenig anders aussehe, als in Preußen.

Die Gegend hinter Coadjuthen war wieder dürres, graues Haideland, mit wenigen halb fruchtbaren Strichen, auf denen man dann und wann ein armseliges Bauerndorf antraf. Die Wege waren schlecht. Ganz so war es jenseits der Grenze. Die Haide war dort nicht minder und nicht mehr dürr und grau; die Bauernhütten nicht mehr und nicht minder armselig und verfallen. Die Wege waren nur wenig schlechter. Nur Eins war anders, oder sah vielmehr anders aus: die Menschen. Indeß nicht immer schlechter als in Preußen. Die Kosaken freilich, die uns sofort an dem geflickten und verwitterten Grenzschlagbaume empfingen, sahen in ihren grauen, geflickten und doch noch zerrissenen Mänteln, mit den unreinen Gesichtern und den noch unreineren Bärten eben so verwittert aus, wie der Schlagbaum und der Doppeladler, der auf dem gelb und grau angestrichenen Grenzpfahle auf sie herniederblickte, schien nicht mit Stolz über die Söhne sich zu freuen, sondern etwas mürrisch sich ihrer zu schämen.

Auch die Frauen, denen man begegnete, hatten kein freundliches Aeußere. Es waren meist plumpe Gestalten, platte Gesichter mit blasser Farbe, gedrücktem, trägem Wesen, eingehüllt in lange, weite, unkleidsame Jacken von grauer Farbe. Wie sehr stachen diese Szameitinnen ab gegen die flinken, runden oder zierlichen Litthauerinnen in den rothen Margienen und bunten Tüchern. Hübsch waren nur die Jüdinnen, die sich viel und neugierig in Neustadt sehen ließen, feine, listige Gesichter, zierliche Figuren, gehoben durch halb europäische, halb orientalische Tracht. Besonders reizend standen ihnen die kleinen bunten Turbane.

Ein weit hübscherer Menschenschlag als der Litthauer, waren dagegen die Männer in Szameiten. Kräftig gebaut, behende und beweglich, mit frischen Gesichtern und klugen Augen, den graugelben enganschließenden Wandrock mit kurzem aufstehenden Kragen fest um den Leib gegürtet, machten sie durchgängig einen günstigen Eindruck.

Das Städtchen Neustadt (Novemiasto) ist wie andere russische und polnische kleine Städte: schmutzige Häuser von Holz, schmutzige unregelmäßige Gassen. Die bessern Häuser gehören den zahlreichen Juden; die jüdische Synagoge war schöner als die katholische Kirche.

Meine Geschäfte in Neustadt waren bald vollendet. Der russische Assessor aus Rossiena hatte, wie gewöhnlich, jede Vorbereitung verabsäumt, an keine Vorladung, an keine Gestellung, nicht einmal an seine Acten gedacht. So war nur wenig zu verhandeln.

Nach Beendigung dieses Wenigen vergaß ich nicht, mit ihm über den Juden Schlom Schwarzbart zu sprechen. Er kannte den Namen nicht. Ebenso unbekannt war ihm Schlom Weißbart. Ich ließ den Polizeibeamten (Kludszweit) von Neustadt herbeiholen. Auch dieser wollte von einem Schlom Schwarzbart nichts wissen. Es gebe der Schlome gar viele in Neustadt; sie trügen alle Bärte, schwarze oder graue oder weiße. Man unterscheide sie nur nach den Straßen oder Häusern. Wenn ich diese nicht zu bezeichnen wisse, so könne er mir keine Auskunft geben. Er wisse nur, daß man Einen von ihnen in Preußen, wo der Mann lange gefangen gehalten worden, Schlom Weißbart nenne. Der sei ein ordentlicher, braver Mann, wie übrigens alle Schlome und andere Juden in Neustadt. Ich könne mich fest auf das Alles verlassen. Denn nächst Preußen – der Mann machte hierbei eine sehr devote Verbeugung – sei die Polizei nirgends besser als in Rußland.

In wiefern der Mann wahr gesprochen, davon sollt ich mich bald überzeugen. Der Executor Matz, der ihm, als er mich verließ, mißtrauisch gefolgt war, theilte mir alsbald mit, der Polizeibeamte habe sich unmittelbar von mir nach der Gegend begeben, wo die meisten Juden des Städtchens wohnen, und dort in ein Haus, das man ihm als das des Schlom Weißbart bezeichnet habe.

Von einem Schlom Schwarzbart hatte übrigens auch der gewandte Executor nichts erfahren können, und eben so hatte Niemand den Muth gehabt, ihm irgend etwas Nachtheiliges oder Verdächtiges über Schlom Weißbart mitzutheilen. Alle hatten ihn vielmehr einen stillen und braven Mann genannt. Schlom Weißbart war offenbar wieder zu Vermögen gekommen. Darum auch der Schutz der guten russischen Polizei. So bestätigte Schlom Weißbart selbst es mir.

Wenige Augenblicke vor meiner Abreise aus dem Städtchen ließ ein Jude sich bei mir anmelden. Ich nahm ihn an, wiewohl ich vergeblich darüber nachsann, was er von mir wolle.

Schlom Weißbart trat ein. Er sah sehr wohl aus. Das bleiche Gesicht war voll und frisch geworden; die kräftige Gestalt hatte sich gerundet. Sein weißer Bart war sorgfältig gepflegt. Ein langer, bis auf die Knöchel herunter gehender Kaftan von schwarzer Seide gab ihm vollends ein stattliches Aussehen. Seinem Aussehen entsprach sein Benehmen. Der kriechende Jude des ragniter Gefängnisses war nicht mehr zu erkennen. Seine Freundlichkeit hatte er indeß beibehalten. Sie war nur ruhiger, sanfter geworden, wie der Ausdruck seiner großen schwarzen Augen.

„Der Herr Kreisjustizrath verzeihen mir,“ sagte er, „daß ich bin abgereiset von Ragnit, ohne dem Herrn zu danken.“

„Zu danken, Schlom? Wofür?“

In der That kämpften Lachen und Mißtrauen in mir, indem ich die Züchtigung des Juden und die Wuth seines Abschiedes mit diesem Danke zusammenhielt.

Aber sein Gesicht zeigte weder Hohn noch Bosheit.

„Haben der Herr vergessen,“ entgegnete er, „wie Sie mir haben zukommen lassen bessere Kost, und wie Sie haben beschleunigt mein Erkenntniß? Säße ich doch noch jetzt, wenn der Herr nicht hätten gehandelt so gütig an mir.“

Die Untersuchung, in die der Jude verwickelt gewesen, war allerdings noch nicht zu Ende. Ich bemerkte ihm, daß ich nur meine Pflicht gethan, und fragte ihn, wie es ihm jetzt gehe.

Er wurde lebhafter.

„Gut, wie der Herr sehen. Gott ist mir gewesen barmherzig. Er hat gesegnet mein Bemühen. Nächst Gott danke ich es dem Herrn Kreisjustizrath. Ohne den Herrn säße ich noch in Ragnit. Auch meine Frau wollte kommen zu danken dem Herrn. Aber sie konnte nicht verlassen unser Kindchen. Ja, Herr, geboren hat sie mir ein prächtiges Mädchen, vor acht Wochen. Gott behüte mich ferner. Möge er auch behüten den Herrn Kreisjustizrath.“

Der Kutscher meldete, daß angespannt sei. Der Jude entfernte sich mit wiederholten Danksagungen.

Waren sie ernstlich gemeint oder waren sie erheuchelt?

Der Executor Matz, der zugegen gewesen war, sagte:

„Trauen der Herr Kreisjustizrath dem Juden nicht. Er ist ein falscher Bösewicht.“

„Zu welchem Zwecke sollte er geheuchelt haben? Er konnte ja zu Hause bleiben.“

„Ich weiß es nicht. Aber ich traue dem Juden nicht. Es ist mir, als hätte er etwas Schlimmes vor.“

„Sie sehen noch immer schwarz?“

Er antwortete nicht. Aber als wir abfuhren, untersuchte er sorgfältig sein Doppelterzerol.

Wir fuhren den Abend bis Coadjuthen, wo wir die Nacht blieben.

Zum nächsten Morgen hatte ich mehrere Personen nach Coadjuthen bestellt, deren Vernehmung in verschiedenen Untersuchungen nothwendig war, und die, dort in der Nähe wohnhaft, durch Alter oder Kränklichkeit verhindert waren, die Reise nach Ragnit zu machen. Ihre Vernehmung hielt mich länger auf als ich erwartet hatte, so daß es schon drei Uhr Nachmittags war, als wir die Rückreise von Coadjuthen antraten. Niemand war unzufriedener über die Verspätung als der, für die ganze Dauer dieser Reise nun einmal verstimmte Executor Matz. Er wurde noch mehr gereizt, als wir, im Augenblicke der Abfahrt, die Entdeckung [284] machten, daß der Kutscher zu viel dem Schnapse zugesprochen hatte. Indessen hatte der Mensch noch seine volle Besinnung, und Matz selbst hatte oft behauptet, als ächter Fuhrmann und Reiter bewähre der Litthauer sich erst, wenn er zu viel Schnaps getrunken habe.

Wir kamen ohne Unfall, kurz nach Sonnenuntergang bei dem Kruge zu Peteraten an. Der Kutscher verlangte hier Halt zu machen, um seine Pferde für die mühsame Tour bis Tilsit zu stärken. Der Abrede gemäß hätte er zwar noch bis Powilken fahren sollen. Allein die Erwartung, besonders des Executors Matz, in Peteraten die Bestätigung zu erhalten, daß am vorgestrigen Tage der entflohene Trinkat da gewesen sei, bewog uns, nachzugeben.

Es war kalt geworden. Dem klaren, warmen Sonnentage war ein klares Frostwetter gefolgt. Der Aufenthalt am Kruge war auf mindestens eine halbe Stunde zu berechnen. Wir verließen daher sämmtlich den Wagen und begaben uns in die Krugstube.

In der Krugstube befand sich nur ein einziger Gast. Es war der Schreiber John. Er saß vor einem großen Schnapsglase. Sein geröthetes Gesicht zeigte, daß das Glas nicht das erste war, aus dem er getrunken hatte. Seine schwere Stimme sollte dies bald noch mehr beweisen.

„Aha, Herr Wachtmeister, schon zurück? Gute Geschäfte gemacht in Rußland? Auch den Schlom Schwarzbart eingefangen? Oder hat es nicht glücken wollen?“

Wir wollten umkehren. Allein ein anderes Zimmer war in dem Kruge nicht zu haben. Draußen in der Kälte zu sitzen, war gleichfalls nicht angenehm, und der Executor Matz erklärte, dafür einzustehen, daß der Mensch kein verletzendes Wort sprechen werde.

„Nur," setzte er hinzu, „müssen Sie mir erlauben, mich mit ihm einlassen zu dürfen. Ich muß erfahren, was der Schurke schon von dem Schlom Schwarzbart weiß.“

Als habe er die Anrede des Schreibers nicht gehört, ging er zu dem Schenktische und bestellte sich ein Glas Warmbier.

„Alter Soldat, alter Sergeant,“ höhnte der Schreiber, „trinkt warmes Frauenbier. He, Herr Wachtmeister, wollen Sie nicht mit mir trinken? Echten Kümmel.“

„Schlom Schwarzbart hat ihn wohl für Sie bezahlt" fragte der Executor.

„Was würde das dem Kümmel schaden?“

„Dem Kümmel nicht. Aber wer sich hier in Preußen der Freundschaft des Schlom Schwarzbart rühmt, den möchte ich wohl auf die Kreisjustizcommission nach Ragnit bringen, nicht in die Kanzlei, aber in die Gefängnisse.“

„Ei, ei, Herr Wachtmeister, wir sind hier nicht auf der Haide, wie vorgestern Abend.“

„Wir sind auch nicht weit von ihr entfernt.“

„Da haben Sie Recht,“ warf der Schreiber mit einer eigenthümlichen Hast ein.

Der Executor wurde aufmerksamer.

„Auch der Schlom Schwarzbart ist wohl nicht weit?“

„Es ist möglich.“

„Oder waren Sie vielleicht drüben in Neustadt bei ihm?"

„Ich gehe nicht gern über die Grenze.“

„Wo hätten Sie denn gehört, daß wir den Schwarzbart haben?“

Der Schreiber lachte höhnisch laut auf.

„Haben Sie ihn wirklich, Herr Wachtmeister? Wohl in dem Wagenkasten da drüben? Oder da in ihrem Busen unter dem Rocke, neben dem Pistol, das sich dort abzeichnet?“

Der Executor nahm einen ernsten Ton an. „Hören Sie, Bursch. Sie wissen einerseits, daß wir den Juden nicht haben. Sie wissen andererseits, daß in Russisch-Neustadt Schritte gethan sind, ihn zu fangen. Jetzt heraus damit, woher haben Sie diese Nachricht? Wenn sie nicht antworten, werde ich den Herrn Kreisjustizrath bitten, Sie zu arretiren. Verdächtigt sind Sie genug.“

Der Executor hatte sich diesmal nicht verrechnet. Die Furcht vor der Kreisjustizcommission that ihre Wirkung. Der Schreiber gab nach.

„Nun, nun, Herr Wachtmeister, nicht so strenge; ich scherzte ja nur.“

Das Gespräch wurde unterbrochen. Der Kutscher trat ein. Er sah geheimnißvoll, beinahe etwas verstört aus.

Pons Secretaris!" rief er leise und winkend dem Secretär zu.

Er sprach mit diesem leise.

Auch das Gesicht des Secretärs nahm den Ausdruck einiger Aengstlichkeit an. Er bat mich, mit ihm auf den Flur zu kommen, mit einem doppelten Winke auf den Schreiber, aber auch auf meine Frau.

„Was giebt es?"

„Der Kutscher meldet verdächtige Sachen. Während er die Pferde gefüttert, hat er zwischen den Bäumen jenseits der Landstraße mehrere Männer vorbei schleichen gesehen. Zuletzt ist Einer an ihn heran gekommen, ein Jude, der ihn gefragt hat, wen er fahre, und wohin die Reise gehe. Der Jude hat lauernde Blicke in den Wagen geworfen.“

„Wie war das Aeußere des Juden?“

„Er hat einen langen schwarzen Bart getragen, und, was dem Kutscher besonders aufgefallen ist, keine jüdische Kleidung, sondern einen kurzen szameitischen Wandrock.“

„So soll der Schlom Schwarzbart bei seinen Verbrechen in Preußen gekleidet sein.“

„Allerdings.“

„Der Verdacht des Matz würde dadurch bestätigt werden.“

„Das macht mich eben besorgt.“

„Welche Richtung haben die Männer genommen?“

Er wußte es nicht. Er fragte den Kutscher danach, der mit uns die Krugstube verlassen hatte.

Der Litthauer zeigte in den Weg nach Coadjuthen hinein.

„Von daher kommen wir ja, Herr Secretär.“

„Aber hundert Schritte in jenem Wege geht eine Straße nach der Plein ab. Sie läuft in die tilsiter Landstraße wieder ein, und ist für Fußgänger jetzt bequemer zu passiren als die letztere. Auf dieser bricht man durch die noch zu dünne Frostdecke des Moorgrundes durch. Ueber den Sand in der Plein geht man weg.

„Woher waren die Männer gekommen?“

Der Litthauer gab die Richtung des dingkenner Forst an.

„Nach dieser Auskunft,“ bemerkte ich, „wüßte ich keinen Grund zu einem Verdachte. Wenn jene Menschen etwas gegen uns im Sinne hätten, so machten sie einen eben so weiten als unnöthigen Umweg, um aus dem dingkenner Forst durch die Plein in den tilsiter Weg zu gelangen.“

„Es ist wahr; die tilsiter Straße führt an dem Forst entlang.“

„Ich wüßte überhaupt nicht, wer und warum man uns überfallen wollte.“

„Jene entsprungenen Verbrecher, der Schlom Schwarzbart, der unzweifelhaft von dem verrätherischen Kludszweit schon erfahren hat, wie auf ihn vigilirt wird. – Es treibt sich außerdem immer Gesindel genug an der rechten Memelseite umher.“

„Und was sollte alles dieses Gesindel von uns wollen? Uns zu berauben, wäre wenigstens nicht der Mühe werth.

„Aber zu Rache ist solches Volk stets geneigt."

„Matz scheint Sie angesteckt zu haben, und jener Schreiber mit der Urfehde. Schweigen wir von der Sache gegen meine Frau, die sich beunruhigen möchte. Der Kutscher scheint mit seinen Pferden fertig zu sein."

Der Kutscher spannte wieder an. Wir fuhren weiter.

Der Executor Matz hatte zu seinem großen Verdruß aus dem Schreiber nichts heraus gelockt.

Es war völlig dunkeler Abend geworden. Die Pferde kamen nur sehr langsam vorwärts. Der Moorgrund des Weges war von dem Forste nur mit einer dünnen Kruste überzogen. Bei jedem Tritte brachen sie durch diese durch. Zu Fuße wären wir schneller voran gekommen.

In der That holte uns bald ein Fußgänger ein. Matz wurde unruhig als er den Menschen sah. Auf einmal sprach er leise in den Wagen hinein.

„Es ist der Schreiber John, Herr Kreisjustizrath. Soll ich den Menschen anhalten?“

„Damit der Mensch Ihnen noch einmal den Vorwurf des Straßenraubes machen kann?“

„Aber was hat der Kerl hier auf der Straße zu schaffen? Er wohnt nach dem Forst zu.“

[285] „Die Straße ist so frei für ihn, wie für uns.“

Er beruhigte sich brummend.

Wir kamen immer langsamer weiter. Der Weg wurde schlechter, die Pferde müder. Der Abend wurde dunkler. Rechts von der Plein her drängte sich in die Landstraße ein dichter Nebel, der die Luft noch mehr verfinsterte. Man konnte kaum den Wald unterscheiden, an dem der Weg links vorbeiführte.

Ein Laut, außer dem Geräusch unsers Fuhrwerks, war weit und breit nicht zu hören. Nicht einmal ein vereinsamtes Hundegebell aus der Ferne.

Wir waren in der menschenleersten Gegend auf der Strecke zwischen Tilsit und Coadjuthen.

Im Wagen waren wir stumm. Ich leugne nicht, daß ich, nach Allem, was ich gehört, an die Möglichkeit eines Ueberfalles dachte, und daß meine Phantasie allerlei Chancen desselben verarbeitete. Aber ich dachte auch nur an eine Möglichkeit. Gegen eine Wahrscheinlichkeit lag Alles vor. Um so mehr schwieg ich von unserer Lage, um meine Frau nicht zu ängstigen, die keine Ahnung von einer Gefahr zu haben schien. Aus Rücksicht für meine Frau schwiegen auch wohl die Anderen.

Auf einmal wurde der Executor Matz wieder unruhig. Er bewegte sich auf dem Bocke hin und her, beugte sich bald rechts, bald links zur Seite, erhob sich dann, um über das Verdeck des Wagens hinter denselben zu blicken. Er schien nach allen Seiten [286] den dicken, undurchdringlichen Nebel durchdringen zu wollen. Zugleich zog er seinen Säbel mehr hervor, daß er ihn bequemer ziehen konnte, und ich sah, wie er einen Knopf vorn an seinem Rocke lösete, um mit dem ersten Griffe das Doppelterzerol fassen zu können.

„Was haben Sie, Matz?“ fragte ich ihn.

Er antwortete leise: „Es ist, als hörte ich Jemanden gehen, und doch sehe ich nichts."

„Wo sollten Sie gehen hören?"

„Bald zur Seite, bald hinten ’naus."

„Hört der Kutscher nichts?“

„Er schläft seinen Rausch aus."

„Aber er fährt ja."

„Der Litthauer fährt im Schlafe noch immer besser als nüchtern. Nur schlafend oder betrunken ist das Volk zu gebrauchen.“

„Ihre gute Laune scheint endlich wieder zu kommen.“

„Halt, da sehe ich den Kerl.“

„Was sehen Sie?“

„Lassen Sie mich machen.“

„Freundchen,“ rief er in den Weg hinein. „Heda, Sie, kommen Sie mal hier zu mir heran.“

Er bekam keine Antwort.

„Kutscherchen, halt einmal,“ sagte er zu dem neben ihm sitzenden Kutscher.

Der Kutscher hielt. Der Executor stieg ab.

Ich sah unterdeß aus dem Wagen. Ich konnte nur den Executor erblicken. Er sah sich um, nach allen Seiten. Plötzlich lief er seitwärts auf einen Baum zu, der neben der Landstraße durch den Nebel hervorschimmerte. Es schien eine weiße Birke zu sein.

„Habe ich Dich, Bursch?“ hörte man ihn gleich nachher rufen. „Verdammter Spion, was machst Du hier, und was machtest Du eben am Wagen?“

„Herr Wachtmeister, lassen Sie mich.“

Es war die Stimme des Schreibers John. Sie war laut und trotzig und nicht jene schwere Stimme des Rausches, die er vorher vielleicht nur affectirt hatte.

„Steh Rede, Schurke, was schleichst Du uns nach?“

„Herr Wachtmeister, ich rathe Ihnen –“

„Du willst drohen, Narr?“

„Ich rufe um Hülfe.“

„Rufe.“

„Hülfe, Hülfe! Hierher!“ schrie der Kerl mit lauter Stimme in die stille Finsterniß hinein.

Es war, als wenn er ein verabredetes Signal gegeben hätte. Die Gegend belebte sich plötzlich. Von allen Seiten hörte man Menschen herbeirennen, zwar stumm, schweigend, aber desto hastiger.

„Hierher, Ihr Männer, zu Hülfe!“ wiederholte die Stimme des Schreibers.

„Fort, fort!“ rief der Executor dem Kutscher zu. Er hatte sich von dem Schreiber losgerissen. Er war mit einem Sprunge bei dem Wagen, mit einem zweiten auf dem Bocke.

„Fort, in des Teufelsnamen. Jag, Kerl, was die Pferde laufen können. Der verdammte Verräther! Das lag mir so schwer auf dem Herzen.“

Der Kutscher hieb auf seine Pferde. Der Boden war gerade dort fester. Wir flogen im Galopp davon.

„Vor den Hunden Reißaus nehmen zu müssen!“ fluchte der Executor. „Hätten wir nur mehr Waffen bei uns. Aber dieser eine Säbel und dieses jammervolle Ding von einem Terzerol! Der verdammte Verräther!“

„Haben wir denn wirklich Gefahr?“ fragte meine Frau.

Sie saß dicht neben mir, aber ich konnte nicht fühlen, daß sie zittere.

„Matz scheint es zu glauben, obgleich ich nicht recht einsehe, warum man uns hier überfallen sollte.“

„Am Ende,“ sagte der Executor, „muß ich zugestehen, daß ich mich umsonst geängstigt habe. Diese Spitzbuben sind alle feige. Wahrscheinlich gehen sie auch heute Nacht nur auf Diebereien aus; der Nebel ist ihnen günstig. Da dürfen sie vorher nicht viel Spektakel machen. Zudem sah der Verräther, daß ich ein Pistol bei mir trage. Wir sind nicht gar weit von Dinglauken, wo der Oberförster mit allen seinen Jägern und Hunden wohnt. Man könnte dort hören, wenn hier geschossen wird. Bei alledem wünschte ich doch, daß der Weg noch eine Meile so glatt und fest wäre, wie hier.“

Das war aber eben nicht der Fall. Wir waren wieder in den tiefen Moorgrund gekommen, mit der dünnen, zerbrechlichen Eiskruste darüber. Der Galopp, selbst der Trab der Pferde hörte auf. Bei jedem Schritte brachen sie durch. Wir kamen nur langsam vorwärts.

Der Kutscher trieb eifriger die Pferde an. Der Executor trieb den Kutscher an. Er nahm selber die Peitsche. Wir kamen nicht rascher voran.

Wir horchten in den Weg hinein. Es war kein Geräusch zu vernehmen. Wir glaubten, unsere Verfolgung sei aufgegeben. Aber wir sollten uns nur kurze Zeit diesem Glauben hingeben dürfen.

Nach einer Weile vernahmen wir deutlich die Schritte von Laufenden hinter uns. Sie kamen näher. Sie mehrten sich. Aber noch immer wurde keine Stimme laut.

Es war jetzt kein Zweifel mehr, daß wir verfolgt wurden, und daß irgend ein gewaltthätiger Angriff gegen uns gemacht werden sollte.

„Julie,“ sagte ich zu meiner Frau, „bist Du gefaßt? es scheint uns eine schwere Stunde bevorzustehen.“

„Setzt mich von Allem in Kenntniß, was Ihr befürchtet,“ erwiederte sie.

Ihre Antwort bezeugte ihre erhabene Fassung.

„Ich fürchte zunächst einen Raubanfall. Wir haben aber auch noch mehr zu fürchten. Die Bande des Schlom Schwarzbart scheint hinter uns zu sein. Entweder sind sie auf Pferdediebstähle hierher aufgebrochen oder gar absichtlich zu unserer Verfolgung, und zwar mit den beiden Verbrechern, die vorgestern aus Ragnit entsprungen sind, und von denen der Victor schon früher mit ihnen in Verbindung stand. Wir schweben, ich darf es Dir nicht verhehlen, in Lebensgefahr.“

„Wir haben keine Waffen.“

„Außer dem Wenigen, was Matz bei sich trägt, nichts. Aber ich denke, daß wir dennoch nicht ganz hülflos sind. Wir nähern uns Dinglauken. Es liegt dort im Walde. Man sieht es vom Wege aus nicht. Aber lauteres Geräusch würde man von dort aus hören können.“

„Sodann kann auch Powilken nicht gar zu weit mehr sein. Und zuletzt, vielleicht kann ein Wagen uns begegnen. Vielleicht sind gar die Jäger der Oberförsterei in der Nähe, um Wilddieben aufzupassen. Zuletzt, mein Freund, stehen wir unter dem Schutze Gottes.“

Ich sah dennoch, wie ihre Hand nach ihren Augen fuhr, während ihre Lippen leise hauchten: „Die armen Kinder.“

Wir hatten vier kleine Kinder zu Hause. In kurzer Zeit konnten sie Waisen sein.

„Herr Kreisjustizrath,“ sagte der Executor Matz, „das Gesindel kommt näher, Sie sind ohne alle Vertheidigung. Nehmen Sie hier meinen Säbel.“

„Nein, Matz, treue Seele,“ antwortete ich ihm. „Ihr Säbel ist besser in Ihren kräftigen Händen. Zudem könnte ich ihn hier im Innern des Wagens kaum gebrauchen. Aber wenn Sie mir etwas abgeben wollen, so überlassen Sie mir Ihr Terzerol. Beider Waffen können Sie sich ohnehin zu gleicher Zeit nicht bedienen.“

Er reichte mir sofort das Terzerol hin.

Es war ein kleiner Doppelläufer, der in der Nähe gute Dienste leisten konnte. Für den Secretär war keine Waffe da. Der kränkliche, schwächliche Mann hätte auch freilich nicht viel mit ihr ausrichten können. Die Schritte der Laufenden waren dem Wagen näher gekommen. Sie hatten ihn beinahe erreicht.

Matz gab Zügel und Peitsche an den Kutscher zurück.

„Hau Du nur immer darauf los,“ sagte er zu ihm, „auf Pferde und auf Menschen. Und wenn der Weg wieder besser wird, so laß galoppiren, so viel die Thiere können.“

„Aber Pons, wenn sie mich todtschlagen?“

„Schlag Du sie zuerst todt, Bursch.“

Er schien etwas von seinem Humor wieder gewonnen zu haben.

Doch gleich darauf sagte er sehr ernst: „Sie sind am Wagen. Jetzt aufgepaßt. – Bei Gott, der lange Victor ist an der Spitze.“

Ich leugne nicht, daß es mich kalt durchfuhr als ich den Namen hörte. Meine Frau umfaßte mich. Aber in dem nämlichen Augenblicke ließ sie mich wieder los, um mich nicht in meinen Bewegungen zu hindern.

[287] „Hurrah, wir haben sie!“ schrie die Stimme Victor’s, die mir nur zu wohl bekannt war. „Reißt sie aus dem Wagen. Mit dem Wachtmeisterchen auf dem Bocke nehme ich es auf.“

Die kräftige Faust des Menschen fiel den Pferden in die Zügel. Die Thiere standen.

Der Wagen war von zwanzig Menschen umgeben.

Der Kutscher hieb auf die Pferde. Es war vergebens. Er hieb nach dem Räuber, der sie festhielt.

„Schlagt den Hund von Kutscher todt,“ schrie der Räuber auf litthauisch.

Vier Kerls rissen den Kutscher vom Bocke.

Matz schlug mit seinem Säbel auf sie ein.

Den Augenblick ersah der lange Räuber. Er ließ die Pferde los, sprang von hinten auf den Executor zu und faßte ihn in den Nacken, um ihn gleichfalls vom Bocke zu reißen.

Victor war die Seele des Ueberfalls. Es galt die äußerste Nothwehr. Ich bedachte mich nicht länger. Beide Hähne des Terzerols hatte ich schon früher gespannt.

Ich zielte nach dem Kopfe des Räubers. Ich drückte los.

Er fiel zur Erde.

Aber nicht er allein. Er riß den Executor mit sich nieder.

Ich hatte ihn getroffen, aber nicht tödtlich.

Er wüthete. „Hunde,“ schrie er, „Jetzt sollt Ihr Alle sterben.“

Er stieß die Worte abgebrochen hervor, gurgelnd, unter heftigem Ausspucken.

Ich mußte ihn im Gesichte getroffen haben, so daß das Blut ihm in den Mund drang. So hörte sich sein Sprechen an, sehen konnte man in der Finsterniß nichts.

Matz und der Räuber balgten sich an der Erde.

Der Schuß schien die Anderen erschreckt zu haben. Sie wichen von dem Wagen zurück.

Ich sprang aus dem Wagen, um den Executor von dem Räuber zu befreien. In demselben Augenblicke fühlte ich mich gelähmt. Einer der Räuber hatte mir eine Schlinge um den Hals geworfen. Ich wurde zu Boden gerissen.

Ein Kerl kniete sich auf mich.

Die stechenden grauen Augen des Mörders Trinkat leuchteten in wildem Hohne über mir. Kräftige Fäuste wanden mir das Terzerol aus der Hand.

Den Executor Matz hörte ich neben mir nur noch stöhnen. Das Balgen hatte ein Ende genommen. Auch er war überwältigt, von der Menge bezwungen. So waren wir denn nach sehr kurzem Kampfe verloren.

Meine arme Frau!

Ich konnte mich nicht einmal nach ihr umsehen. Eine Menge von Fäusten hatten mir rasch Hände und Füße gebunden. Meinen Kopf hielt Trinkat fest. Ich konnte mich nicht rühren.

„Habt Ihr ihn fest?“ fragte auf litthauisch die Stimme Victor’s; aber noch an der Erde und noch immer gurgelnd und ausspuckend, und wie es schien, schwächer.

„Fest gebunden,“ antwortete Trinkat.

„Und die Frau? Ich sehe sie nicht. Reißt die Frau aus dem Wagen.“

„Muth, Muth, mein Kind!“ rief ich. „Der Herr wird uns beistehen.“

„Und was dann weiter, Victorchen, mein Freund?“ fragte Trinkat.

„In den Wald hinein. Mit ihnen allen. Bis der Schlom Schwarzbart kommt. Wir dürfen ihm die Freude nicht verderben. Und mich schleppt nach. Der verdammte Hund. Ich kann nicht aufstehen. Er hat mir die Backe entzwei geschossen. Er wird dafür büßen. Voran, voran!“

„Langsam, langsam,“ rief auf einmal in einiger Entfernung eine laute Stimme.

Der Trab eines Pferdes wurde hörbar.

Die Stimme schien mir bekannt zu sein. Sie lautete wie die des Juden Schlom Weißbart. Aber doch auch wieder anders.

„Schlom, Schlom Schwarzbart!“ riefen einige der Räuber.

Unser Schicksal mußte sich entscheiden. Freilich wie?

Der Trab des Pferdes war näher gekommen. Ein Mann sprang von dem Pferde.

„Habt Ihr sie Alle?“ fragte er.

Es war nicht die Stimme Schlom’s Weißbart. Sie hatte Aehnlichkeit mit dieser. Aber sie war tiefer, rauher.

„Alle,“ war die Antwort.

„Auch die Frau?“

„Auch die Frau!“

„Wo ist der Richter? Der strenge Richter?“

„Hier, hier, Schlom Schwarzbart.“

Ein jüdisches Gesicht beugte sich über mich, mit dunkelen, großen Augen, mit einem langen, glänzend, schwarzen Barte.

„Schlom Weißbart,“ wollte ich rufen. Aber der Bart war nicht der Bart des Schlom Weißbart; mir fiel die Aehnlichkeit ein, welche die beiden Juden mit einander haben sollten. Der Wütherich Schlom Schwarzbart stand vor mir.

„Was soll mit ihnen geschehen!“ fragte einer der Räuber den Juden.

„Aufgehängt sollen sie werden,“ schrie Victor. „Aufgehängt an den nächsten Bäumen. Sogleich! schnell!“

„Aufgehängt,“ wiederholte auf litthauisch der Mörder Trinkat. „Wollten sie doch auch uns an den Galgen und auf das Rad bringen.“

Meine Frau ward aus dem Wagen gerissen. Man legte sie neben mir an die Erde. „Unsere armen Kinder,“ rief sie mir zu. „Und doch kann der Herr uns noch Hülfe senden.“ Sie suchte meine gebundene Hand und hielt sie fest in der ihrigen. Auch jetzt fühlte ich sie nicht zittern.

„Männer,“ erhob sich die Stimme des Juden auf litthauisch. „Es ist jetzt genug.“

„Was ist genug, Jude!“ schrie wüthend Victor. „Gehängt sollen sie werden.“

„Bist Du ein Narr, Victor?“ sagte der Jude zu diesem auf Deutsch. „Ich habe Dir gethan Deinen Willen, bis hierher. Aber nun ist es genug.“

„Gehängt sollen sie werden, Alle,“ schrie der lange Räuber wüthender.

„Bindet sie los!“ befahl der Jude auf litthauisch den Anderen.

„Hängt den Juden mit ihnen auf,“ schrie Victor.

„Bindet sie los,“ wiederholte der Jude befehlend.

„Trinkat, hänge den Juden auf,“ schrie Victor.

Aber Trinkat rührte sich nicht.

„Bindet sie augenblicklich los,“ befahl der Jude zum dritten Male.

Wir wurden losgebunden.

Als ich mich aufrichtete, stand Schlom Weißbart vor mir, mit seinem listigen, freundlichen Gesichte, lächelnd, den weißen Bart streichend.

Der Jude hatte den schwarzen Bart abgenommen.

„Der Herr ist gewesen brav gegen mich,“ sagte er. „Brav gegen mich und meine Frau. Bleibe der Herr immer brav gegen die armen Leute. Ist doch auch der Spitzbube ein Mensch.“

Er schwang sich auf sein Pferd.

„Mir nach!“ rief er.

Er ritt zurück, nach der Plein zu. Die Bande folgte ihm.

Drei von ihnen nahmen den verwundeten Victor auf die Schultern, den der Blutverlust stiller gemacht hatte.

Wir setzten ungehindert unsern Weg fort.

Nur der brave Executor Matz jammerte. Man hatte ihm seinen Säbel und sein Doppelterzerol nicht zurückgegeben.


Ueber die weitern Schicksale aber und das Ende des schwarzen Weißbart erzähle ich den Lesern der Gartenlaube hoffentlich bald ein Mehreres.