Sagen und Märchen aus Ostgalizien und der Bukowina II

Textdaten
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Autor: Raimund Friedrich Kaindl
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Titel: Sagen und Märchen aus Ostgalizien und der Bukowina II
Untertitel:
aus: Zeitschrift für Volkskunde, 1. Jahrgang, S. 182–188
Herausgeber: Edmund Veckenstedt
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Alfred Dörffel
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Erscheinungsort: Leipzig
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[182]
Sagen und Märchen aus Ostgalizien und der Bukowina.
Von
R. F. Kaindl.
1. Der Masuren (Mazuren) Herkunft.

Wenn man Galizien und die Bukowina durchwandert, so trifft man hier und da in den Orten Leute, welche sich nach Gestalt, Tracht und Sprache von den übrigen Einwohnern unterscheiden. Es sind dies die Masuren. Sie werden von den Bewohnern des Landes gemieden, denn sie gelten für verschlagen und roh. Wo dieselben ihren Ursprung genommen haben, das erzählt uns folgende Geschichte.

Einstmals war eine wilde Nacht. Der Sturmwind brauste über die Heide dahin, dazu stieg am Himmel ein furchtbares Gewitter auf. Lang hin rollten die Donnerschläge, grelle Blitze zuckten am Himmel hin und her und der Regen quoll in Strömen hernieder. Da entflog der schwarzen Gewitterwolke eine riesige Eule von gräulichem Aussehen. Die Eule flog zur Erde herab und liess sich an einer wüsten Stelle nieder. Nachdem sie dort ein Weilchen gesessen hatte, flog sie wieder zu den Wolken auf. Darauf verzog sich das Gewitter.

An der Stelle, wo die Eule gesessen hatte, lag ein grosses, geflecktes Ei. Da kam ein Schwein herzu und bebrütete das Ei. Als dasselbe das Ei eine gewisse Zeit bebrütet hatte, verliess das Schwein das Ei und ein Ochse nahm seine Stelle ein. Nach einiger Zeit löste den Ochsen ein Wolf ab, später machte dieser dem Teufel Platz.

Als die Zeit des Brütens um war, entfernte sich der Teufel. Da zerbrachen die Schalen des Eies, und aus dem Ei hob sich die Gestalt eines Menschen – das war der erste Masur.

Seiner Herkunft verdankt der Masur die Eigenschaften, welche ihn kennzeichnen, denn der Masur ist hässlich wie eine Eule, grob und unrein, wie ein Schwein; er verbindet die Trägheit des Ochsen mit der Gier und Gefrässigkeit des Wolfes, wie mit der Verwerflichkeit und Wildheit des Teufels. Der Masur ist die Schlechtigkeit in Gestalt.

[183]
2. Die Zerstreuung der Masuren (Mazuren).

Die Masuren hatten das wüste Land urbar gemacht, auf welchem der erste Masur aus dem Ei gekrochen war, und lebten dahin wie das liebe Vieh. In ihren elenden Hütten starrte es von Schmutz und Unreinigkeit, also dass die Mäuse bei den Masuren überhand nahmen, denn die Tiere fuhlen sich nirgends wohler, als wo es in der Wirtschaft liederlich hergeht. Schliesslich kam es dahin, dass die Mäuse auf Bänken und Tischen herumsprangen und am hellen lichten Tage am Specke nagten. Die Masuren hätten den Mäusen das Tanzen auf Tisch und Bänken verziehen, aber dass sich dieselben vor ihren Augen an den Speck machten, das verziehen ihnen dieselben nicht, denn für den Speck lässt der Masur sein Leben.

Nun traf es sich einmal, dass ein Deutscher in das Dorf geritten kam. Derselbe hatte sich eine Katze aus seiner Heimat mitgebracht. Als die Masuren das Tier erblickten, welches ihnen bis dahin unbekannt gewesen war, kamen sie aus allen Häusern herbeigeströmt und staunten die Katze an. Dem Deutschen machte das Vergnügen, er stieg vom Pferde, liess demselben Futter geben und trat in eines der Häuser. Die Katze folgte ihm auf dem Fusse nach. Kaum hatte sie die Mäuse erblickt, welche sich in gewohnter Frechheit auf Tischen und Bänken herumtrieben, da stürzte sie sich auf dieselben und würgte sie ab. Das sahen die Masuren, welche dem Fremden gefolgt waren, mit grossem Vergnügen mit an, und es leuchtete ihnen ein, dass solch ein Tier für sie von dem grössten Nutzen sein würde, denn sie dachten sich, wenn sie die Mäuse los würden, dann wäre auch ihr Speck sicher. Sie boten also dem Deutschen ein grosses Stück Gold für seine Katze an. Dieser war damit zufrieden und ritt alsobald von dannen, weil er fürchtete, den Masuren könne ihr Kauf leid werden.

Als der Deutsche fort war, fiel den Masuren erst ein, dass sie gar nicht gefragt hatten, was die Katze frässe. In ihrer Not schickten sie sofort einen der ihren zu Pferde dem Deutschen nach, welcher diesen nach dem Futter fragen sollte. Als der Deutsche den Masuren hinter sich herreiten hörte, trieb er sein Pferd zur höchsten Eile an, denn er glaubte nun, dass er mit seinem Argwohn recht hätte. Aber das Pferd des Masuren war frisch, und so kam er dem Deutschen immer näher; dabei rief er demselben unausgesetzt etwas zu, was dieser aber nicht verstand. Endlich drehte sich der Deutsche ärgerlich um und rief dem Masuren „Was“ zu. Alsobald warf der Masur sein Pferd entsetzt herum und jagte seinem Dorfe zu. Kopfschüttelnd über das sonderbare Benehmen, setzte der Deutsche seinen Weg weiter fort.

Als der Masure in seinem Dorfe ankam, umringten ihn die Leute. Aber wie erschraken sie, als der Reiter ihnen sagte, dass es um sie geschehen wäre; der Deutsche habe ihm gesagt, die Katze würde sie alle auffressen, denn als er diesem die Frage zugerufen, was die Katze fresse, habe der Deutsche gesagt „Was“. Das Wort „Was“ heisst aber in der Sprache der Masuren „Euch“. Da beschlossen die Masuren, lieber die Katze tot zu schlagen, als sich von derselben fressen zu lassen. Aber sie konnten die Katze nicht erwischen. Nun wollten sie dieselbe verbrennen [184] und zündeten das ganze Dorf an, damit die Katze im Feuer umkäme. Das Dorf brannte nieder, bald war nur noch ein Aschenhaufen davon vorhanden. Die Masuren waren froh, denn nun, dachten sie, sei es mit der Katze aus. Plötzlich aber hörten sie ein lautes „Miau“, und als sie sich umsahen, woher das kam, erblickten sie die Katze auf einem hohen Birnbaum. Da umstanden die Masuren denselben und gafften voll Schrecken in die Höhe. Der Katze mochte es aber mit der Zeit auf dem Birnbaume zu langweilig geworden sein, deshalb sprang sie plötzlich von demselben herunter und einem Masuren in das breite Gesicht. Ein Schreckensschrei entfuhr dem Munde aller, der Mann fiel wie tot zu Boden, die Masuren liefen davon und zerstreuten sich in alle Welt.

Seit der Zeit findet man die Masuren an vielen Orten in Galizien und in der Bukowina, aber sie leben stets vereinzelt unter den andern Bewohnern des Landes und nirgends findet man ein Dorf, in welchem nur Masuren wohnen. –

Also die Masuren hatten sich in alle Winde zerstreut und nur der Schulze des Ortes hielt bei unserem Manne aus, der zu Boden gestürzt war und sich selbst für tot hielt. Der Schulze rüttelte und schüttelte den am Boden Liegenden und redete ihm dabei gut zu. Endlich schlug derselbe die Augen auf und überzeugte sich davon, dass er noch nicht tot war. Er stand also auf und als er sich noch mit dem Schulzen umsah, ob nicht irgendwo ein Masure zu finden sei, ertönte ihnen plötzlich das furchtbare „Miau“ in die Ohren – denn die Katze sass auf dem Aschenhaufen eines Hauses, der in der Nähe des Birnbaumes gestanden hatte. Da rissen auch sie voll Schrecken aus und liefen in den nahen Wald.

Nachdem sie eine Weile gelaufen waren und das „Miau“ der Katze nicht mehr hörten, fingen sie an, langsamer zu gehen. Endlich sagte der Eine: „Mich hungert“. „Mich auch“, antwortete der andere. Gerade in dem Augenblicke sahen sie einen grossen, dunkelbraunen Marder einen Baum hinaufklettern. „Hurra!“ rief der Dorfschulze, „das giebt einen trefflichen Braten, den Marder müssen wir haben. Bleib du hier“, redete er seinen Begleiter an, „und habe acht auf das Tier, dass uns dasselbe nicht entwischt; ich werde ausgehen und versuchen, ob ich irgendwo Salz auftreiben kann, denn ohne Salz kein Essen.“ „Gut“, sagte der andere, „hole du das Salz, ich werde hier warten.“ Gesagt, gethan; der Schulze ging nach dem Salze aus und der Bauer blieb als Wache unter dem Baume, auf welchem der Marder sass. Nachdem er vom vielen Stehen stumpf und steif geworden war, rief er endlich aus: „Da kommt mir eben ein gescheiter Gedanke. Wenn ich den Marder fange und schlachte, dann brauche ich keine Wache mehr zu halten, dann kann ich mich hinlegen und schlafen, bis der Schulze mit dem Salze kommt.“

Das war nun allerdings ein sehr kluger Gedanke, nur hätte der Masur nicht drei Stunden Zeit gebraucht, um denselben zu fassen. Aber nun er ihn einmal gefasst hatte, ging er auch daran, denselben sofort auszuführen. Er rieb sich also die Augen und begann den Baum hinaufzuklettern. Der Marder wandte seine gelbe Kehle nach oben und kletterte bis in die Spitze des Baumes, der Masure ihm nach. Aber, o weh, als der Masure [185] schon die Hand nach dem Marder ausstreckte, um ihn in das Genick zu fassen, da brach der Ast, auf welchem der Masure stand, und er stürzte in die Tiefe, wo er sich das Genick brach. Der Sturz aus der Höhe war so heftig gewesen, dass dem Gefallenen der Bauch zerplatzte. So lag der Tote mit zerplatztem Bauche da unter dem Baume, der Marder aber entkam.

Wieder waren verschiedene Stunden verstrichen; endlich kam der Schulze mit dem Salze an, welches er irgendwo in weiter Ferne aufgetrieben hatte. Wie erstaunte er aber, als er den Marder auf dem Baume nicht mehr sah, dafür aber unter demselben seinen Gefährten mit zerplatztem Bauche tot daliegen. Da war es also nichts mit dem Braten, auf den er sich schon stundenlang gefreut hatte. Der Schulze blieb erst ganz starr vor Schrecken vor dem Toten stehen, dann kam ihm ein kluger Gedanke und er sprach zu dem Toten: „Kerl, hast selbst aufgefressen den Braten und bist geplatzt. Hast was Rechtes gehabt für deinen schlechten Streich.“

Sprach’s und schlug sich in die Büsche.


3. Die drei Prinzen und ihre Frauen.

Einst lebte ein König, welcher drei Söhne hatte. Dieselben waren zu stattlichen Jünglingen herangewachsen und so kam es, dass er sie gern vermählt wusste. Deshalb liess er sie eines Tages vor den Thron rufen und verkündete ihnen seinen Wunsch. Die jungen Prinzen versprachen, sich dem Gebote des Vaters zu fügen.

Damit nun jeder von ihnen wüsste, wo er sich eine Gemahlin zu suchen habe, nahmen sie Pfeil und Bogen und gingen damit in den Garten. Der älteste Prinz schoss den ersten Pfeil ab. Derselbe flog in eine Burg hinein und der Prinz heiratete ein Edelfräulein. Darauf schoss der zweite Prinz, das Pfeil traf eine Bauernhütte. Somit heiratete der Prinz das Bauernmädchen. Nun schoss der jüngste Prinz einen Pfeil ab; der Pfeil fiel in den nächsten Sumpf, und als endlich der Pfeil in demselben aufgefunden wurde, sass ein Frosch darauf. Da blieb dem Prinzen nichts übrig, als dass er sich das hässliche Tier als Frau antrauen lassen musste. Das that er denn auch, aber mit Thränen in den Augen und Leid im Herzen.

Nun waren die Prinzen vermählt. Der König aber war damit nicht zufrieden, sondern er wollte jetzt wissen, was eine jede von den jungen Frauen verstehe und welcher von seinen Söhnen die klügste Gemahlin habe; dieser sollte ihm dann auf dem Throne nachfolgen. Deshalb befahl er den Söhnen, ein jeder von ihnen solle von seiner Frau einen Teppich weben lassen. Am folgenden Tage sollten sie ihm die Teppiche vorzeigen.

Die Prinzen gingen mit den Aufträgen von dannen. Die beiden ältesten Brüder waren nicht eben besorgt, dass ihre Frauen die Aufgabe nicht lösen würden, denn dazumal lernte ein jedes junge Mädchen im Lande das Weben, aber was sollte wohl der Jüngste von seiner Froschfrau erwarten? Er ging also ganz traurig in sein Schloss und weinte [186] bitterlich. Da aber kam das Fröschlein herbeigehüpft, denn als die Frau des Prinzen hatte es mit diesem sein Schloss bezogen, und sagte zu dem Prinzen: „Mein Herr Gemahl, weshalb bist du so traurig? Teile mir deinen Schmerz mit, vielleicht kann ich dir helfen?“

Darauf erzählte der Prinz, was sein Vater, der König, befohlen habe. Als er alles berichtet hatte, wurde das Fröschlein heiter und guter Dinge, und sagte: „Liebster, sei fröhlich und gräme dich nicht. Morgen, wenn der Tag anfängt zu grauen, werde ich dir einen Teppich bringen, der schöner sein soll als alles, was du bisher gesehen hast.“

Als der Abend hereingebrochen war, hüpfte das Fröschlein auf das Fensterbrett und sang ein Zaubersprüchlein. Alsobald kamen zwölf Herren und zwölf Damen in das Zimmer; sie trugen Seide und Gold in ihren Händen, Perlen und Edelgestein. Dann machten sie sich an die Arbeit, und bevor noch der erste Morgenstrahl durch das Fenster lugte, war der Teppich fertig. Das Fröschlein brachte den Teppich zum Prinzen, dieser ging zur bestimmten Stunde damit zu seinem Vater, wo auch alsbald die beiden andern Prinzen mit ihren Teppichen eintrafen; aber da zeigte es sich, dass der Teppich des jüngsten Sohnes bei weitem der schönste war, wie auch der König sofort entschied, als er ihn erblickt hatte.

Der König war aber mit dieser Probe nicht zufrieden, sondern gab den Prinzen den neuen Auftrag, ein jeder von ihnen solle am nächsten Tage eine feine Speise bringen, welche die Gemahlin eines jeden Prinzen selbst bereitet hätte.

Hatte sich der jüngste Prinz sehr darüber gefreut, dass der Teppich von seinem Fröschlein der schönste war, so kam ihm nun eine tiefe Trauer an, denn er dachte, wie soll ein Tierchen, das stets in einem Sumpfe gesessen hat, einen Begriff von einer Speise haben? Und wenn es den hätte, wie soll es eine solche bereiten können? Als der Prinz über alles das nachdachte, wurde er noch trauriger als zuvor. Aber auch diesmal kam der Frosch herbeigehüpft und fragte den Prinzen nach dem Grunde seiner Traurigkeit. Der Prinz erzählte alles und das Fröschlein versprach ihm zu helfen.

Und richtig, als der Abend hereingebrochen war, sprang das Fröschlein wieder auf das Fensterbrett und sagte wiederum ein Zaubersprüchlein her. Alsobald erschienen die zwölf Damen und die zwölf Herren wieder, hatten Milch und Mehl, Butter und Zucker und viel andere schöne Dinge bei sich und kochten und machten, dass es nur so eine Art hatte. Richtig, am andern Morgen zeigte es sich, dass diese Speise die vortrefflichste war, wie der König sofort erklärte, als er nur die ersten Happen davon genossen hatte.

Nun aber wollte der König die Frauen auch sehen, um dann seine letzte Entscheidung zu fällen. „Ach“, dachte da der Prinz, „wie wird es meinem Fröschlein ergehen? Wie wird es sich schämen müssen, wenn die hübschen Frauen meiner Brüder dabei stehen?“ Aber so ganz ängstlich war der Prinz nun doch nicht mehr, denn er hatte ja gesehen, dass sein Fröschlein doch mehr könnte, als er je gedacht hatte.

Nachdem er also wieder in seinem Schlosse war und das Fröschlein neugierig herbeigehüpft kam, erzählte er diesem das Verlangen seines [187] Vaters. Er bat also das Fröschlein, sich für den folgenden Tag bereit zu halten, und dieses versprach, sein Bestes zu thun.

Wie erstaunte aber der Prinz am andern Morgen, als ihm aus dem Schlafgemach eine junge Dame von einer solchen Schönheit entgegentrat, wie er noch nie zuvor eine gleiche gesehen hatte. Und so kam es denn auch, dass die Frau des jüngsten Prinzen für die schönste erklärt wurde, so lieblich auch die Gemahlinnen der anderen Prinzen waren. Der König bestimmte nun auch, dass ihm der jüngste Prinz in der Regierung nachfolgen sollte. Er konnte es auch nicht unterlassen, zu fragen, woher der Prinz das schöne Mädchen bekommen habe. Dieser erzählte ihm alles, und da der König ein sehr erfahrener Mann war, welcher in seinem Leben vielerlei gehört hatte, so riet er jetzt dem Prinzen an, derselbe solle sofort nach Hause eilen, in dem Schlafgemach nach dem abgestreiften Froschhäutchen suchen und dasselbe sofort verbrennen; hätte er das gethan, so wäre seine junge schöne Gemahlin entzaubert.

Der Prinz befolgte den Rat seines Vaters, fand das Froschhäutchen glücklich, verbrannte es, dann eilte er wieder zurück in das Schloss seines Vaters.

Als er später mit seiner jungen Gemahlin heimgekehrt war, merkte diese gar bald, was sich zugetragen hatte. Da wurde sie traurig und sagte: „Lieber Gemahl, ich weiss, was du gethan hast; nun wirst du mich niemals mehr sehen.“ Kaum hatte die junge schöne Frau das gesprochen, so setzte sich dieselbe auf das Fensterbrett, verwandelte sich in einen Kuckuck und flog davon.

Der Prinz eilte zu seinem Vater und erzählte diesem unter Thränen, was vorgegangen war. Dieser sagte tröstend zu ihm: „Zieh’ in die weite Welt, mein Sohn, und suche deine Gemahlin. Wenn du sie gefunden hast, so kehre mit derselben heim und besteige den Thron.“

Der Prinz beschloss, diesem Rate zu folgen; er nahm Abschied und zog von dannen.

Lange schweifte er in der weiten Welt umher, aber nirgends fand er eine Spur von seiner Gemahlin. So kam er auch eines Tages an eine kleine Hütte mitten im Walde. Der Prinz trat dort ein und fand in derselben eine Zauberin. Er fragte dieselbe, ob sie nicht einen Kuckuck gesehen habe. „Ja“, sagte die Zauberin, „einen Kuckuck habe ich jeden Tag gesehen, denn täglich, wenn es zum Abend geht, kommt ein Kuckuck zu mir in diese Hütte geflogen und setzt sich auf meine linke Schulter. Ich weiss, was du willst, und deshalb gebe ich dir folgenden Rat. Verstecke dich hier unter das Bett; wenn der Kuckuck kommt und sich auf meine Schulter gesetzt hat, so komm leise unter dem Bett hervor und fasse den Kuckuck. Der Kuckuck wird sich in einen Fisch verwandeln, den Fisch musst du bei der Flosse ergreifen. Alsbald wird sich der Fisch in eine Schlange verwandeln. Die Schlange musst du ergreifen. Dann wird aus der Schlange eine Spindel werden. Die Spindel musst du dann erfassen, über das Knie legen und zerbrechen. Hast du das gethan, so ist deine Gemahlin entzaubert.“

[188] Als der Prinz das vernommen hatte, war er hoch erfreut, von seiner Gemahlin wieder etwas zu hören. „Gut“, sagte er also, „ich werde alles thun, wie du mir gesagt hast.“

Noch bevor es dämmerig wurde, war der Prinz unter das Bett gekrochen, und kaum sass der Kuckuck auf den Schultern der Zauberin, so kam der Prinz unter dem Bett hervor und erfasste den Vogel. Alsobald verwandelte sich dieser in einen Fisch. Der Prinz griff nach der Flosse des Fisches, aber da er zu wenig fest zugegriffen hatte, so entwand sich der Fisch dem Griff und war plötzlich verschwunden.

Da überkam den Prinzen eine tiefe Trauer. Als die Zauberin das sah, tröstete sie ihn, so gut sie konnte. Sie erzählte dem Prinzen, dass sie noch eine Schwester habe, welche älter wäre als sie selbst. Dieselbe wohne weit in das Land hinein in einer ähnlichen Waldhütte, wie sie selbst, er möge sich dorthin begeben.

Der Prinz machte sich auf den Weg und zog dorthin. Als er nach langer Wanderung die Waldhütte gefunden hatte, trat er bei der Zauberin ein. Dieselbe wusste schon alles und gab dem Prinzen dieselben Vorschriften, wie die erste Zauberin gethan hatte. Es kam nun auch alles so, wie das erste Mal. Der Prinz erfasste den Vogel, dieser verwandelte sich in einen Fisch, diesmal fasste der Prinz die Flossen fest und nun verwandelte sich der Fisch in eine Schlange. Als der Prinz die Schlange sah, erschrak er – da war die Schlange auch schon verschwunden.

Der Prinz ward wieder sehr traurig, aber die Zauberin tröstete denselben, und schickte ihn zu ihrer ältesten Schwester, welche die grösste Zauberin von ihnen war.

Nach langer Wanderung fand der Prinz auch diese Zauberin und erhielt von ihr dieselbe Anweisung. Diesmal gelang es dem Prinzen, Vogel, Fisch und Schlange festzuhalten und schliesslich auch die Spindel zu zerbrechen. Sobald dies geschehen war, stand die junge Frau in ihrer ganzen Schönheit vor ihm da. Hocherfreut schloss der Prinz sie in seine Arme, dann dankten beide der Zauberin vielmals und kehrten darauf an den Hof des Königs zurück. Da übertrug der König dem Prinzen die Herrschaft, dieser aber lebte mit seiner jungen Gemahlin in einer langen und glücklichen Ehe als König eines schönen und reichen Landes.

Anmerkungen (Wikisource)

Die Sagen und das Märchen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:

  1. Der Masuren (Mazuren) Herkunft
  2. Die Zerstreuung der Masuren (Mazuren)
  3. Die drei Prinzen und ihre Frauen