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Textdaten
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Autor: Theodor Gampe
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Titel: Saat in’s Wasser
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Hierzu Berichtigung in Heft 13
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Die Gartenlaube (1874) 124.jpg
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Saat in’s Wasser.


Schütz’ und stütz’ die Natur, belausch’ ihr verborgenes Walten,
 Forsche nach Willen und Drang, zügle Verschwendung der Kraft!
Wahrlich, sie lohnet dich reich; die wohlgeleitete Freundin
 Danket der schirmenden Hand mit hundertfältiger Frucht.


Dieses Motto enthält eine so alte Wahrheit und berührt eine so selbstverständliche Thatsache, daß Mancher sich über die Naivetät des Gesagten wundern wird, und doch hat der Mensch so oft und schwer gegen die Natur gesündigt. Der dürre, ermüdete Acker des Landwirths und dessen versumpfte Wiesen sind nur kleine Beispiele, denn es sind leider auch große Naturtragödien anzuführen, bei denen die menschliche Habsucht und Verblendung die tragische Schuld vertritt und die Rache der beleidigten Natur das ewig waltende Fatum. Die entwaldeten und deshalb ausgedörrten und entvölkerten Strecken Spaniens, Griechenlands [126] und des Karstgebirges sind uns und den kommenden Geschlechtern ungeheure Warnungszeichen. Trotzdem macht der Mensch sich noch immer, wenn auch nicht so schwerer, so doch bedenklicher Mißhandlungen an der Natur schuldig.

Eine ganze Thiergattung scheint einer unsinnigen Verfolgungswuth ausgesetzt zu sein, und nur wenige Maßnahmen deuten in den letzten Jahrzehnten auf eine Umkehr hin. Ich meine die stumme Gesellschaft des Wassers, die Fische.

„Ach, wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund!“

singt Goethe; aber das ist schon lange her! Zu einem Wohlbefinden läßt der Mensch die Fischlein nicht mehr kommen; selbst in den ungeheuren Jagdgebieten des Meeres hat er es fertig gebracht, einzelne Gattungen zu decimiren, und in den Binnengewässern, namentlich in den kleineren, führen die Fische kein ruhigeres Dasein als die Hasen in England, wo bekanntlich seit Jahrhunderten keiner mehr eines natürlichen Todes gestorben ist. Und Freund Lampe erfreut sich dort noch einer Schonzeit, wo er sich den süßen Sorgen um eine Nachkommenschaft hingeben kann; der unglückliche Fisch aber kennt eine solche Begünstigung nicht, ja, in den meisten Fällen trifft ihn der Tod in den erfolgreichsten und glücklichsten Stunden, in denen er sich der Zukunft seines Geschlechts gewidmet hatte. Die Gewässer namentlich unseres Erzgebirges sind ferner durch die niederträchtigsten Fangarten, wie die durch Kalk, Kockelskörner, Dynamit etc., mit denen wohl Hunderte von Fischen getödtet, aber nur wenige erbeutet werden, geradezu entvölkert worden; auch Mutter Industrie mit ihren malitiösen Abgängen in die Flüsse hat das Ihrige dazu beigetragen, obwohl sie ihren Unrath auf leichte Weise oft noch verwerthen oder wenigstens filtriren könnte; im Ganzen wollen wir ihr indeß keine großen Vorwürfe machen, denn ihr Gedeihen hebt einen guten Fischbestand mittlerer Flüsse, wie solche unser Erzgebirge durchströmen, reichlich auf; nur wo sie unnöthiges Unheil anrichtet, da sollte sie in Strafe genommen werden.

Dem aristokratischen Touristenfische, Ritter Salm, muß es bei uns längst zu bürgerlich industriös geworden sein; er besucht uns fast gar nicht mehr, und thut er es hier und da noch, so bezahlt er seine alte Anhänglichkeit fast regelmäßig mit dem Tode. Die vielen Fabrikwehre mit ihren mörderischen Fangvorrichtungen sind ihm zum Sterben unbequem geworden, und einer frisch-fromm-fröhlich-freien Springstange, die ihm eigentlich, nach Darwin’scher Theorie, wachsen müßte, erfreut er sich zur Stunde noch nicht. Fast ebenso selten sind die Forellen bei uns geworden, und im übrigen Deutschland sieht es nicht viel besser aus.

Der Schottländer Burns vergleicht in einem seiner herrlichen Volkslieder die Freude mit einer Forelle, wer aber die Freude auf Grund seines hungrigen Magens mit Forelle definiren wollte, der darf nicht zu uns in das einst so forellenberühmte Erzgebirge kommen, wo gegenwärtig das Pfund Forellen mit drei Mark bezahlt wird und dafür noch schwer zu haben ist. Kurz, es ist nicht nur Etwas, es ist Alles faul im Staate der Ichthyophagen. Aber, wie gewöhnlich, wenn die Noth am höchsten ist, so ist auch diesmal – eine Erfindung am nächsten, wenigstens die Ausbeutung einer solchen, ich meine die Ausbeutung der Jacobi’schen Erfindung, die künstliche Befruchtung der Fischeier. Andere Länder sind bereits darin vorangegangen und Sachsen reiht sich jetzt mit einem umfangreichen Unternehmen diesen Bestrebungen an.

Gelehrte und Volkswirthe hat das Versiechen der einst so reichen und gesunden Ernährungsquelle längst beängstigt, und in Büchern und Zeitschriften, auch in der Gartenlaube, haben sie warnend oder belehrend ihre Stimme erhoben. Wenigen ist jedoch Gelegenheit geboten gewesen, der schwerfälligen Menge mit augenscheinlichen Beispielen voranzugehen und ihr zu zeigen, welche Reichthümer sie sich erschließen könnte. Bloße Belehrungen sind nicht hinreichend; um so mehr darf des Verdienstes eines Mannes gedacht werden, der, ohne viel Aufhebens davon zu machen, unermüdlich arbeitete, um einen so wichtigen Zweig der modernen Cultur in Credit und Aufnahme zu bringen, eines Mannes, der, von Mißerfolgen nicht entmuthigt, dem Volke zeigen wollte, daß auch eine Saat in’s Wasser sich lohnt, ja bei Weitem ertragfähiger werden kann als eine solche in das Erdreich. Es ist dies der königlich sächsische Forstwirth Richard Bruhm, der Gründer der Gesellschaft für Edelfischzucht zu Chemnitz, welcher bereits seit 1869, und zwar zuerst in Dittersdorf, sich mit der Anlage von Fischzuchtanstalten beschäftigte und später durch Ankauf zweier Bauergüter zu Einsiedel für zwanzigtausend Thaler die Anstalt in’s Leben rief, unterstützt durch das schöne silberreine Quellwasser, welches jenes Grundstück in reicher Fülle darbietet.

Große Reisen in die verschiedenen Anstalten Oesterreichs, Deutschlands und Frankreichs ergänzten die praktischen Erfahrungen Bruhm’s. Der Bau der Einsiedler Anstalt begann vor etwa zwei Jahren mit zahlreichen Arbeitskräften, so daß die Herstellung der ganzen Arbeit bis auf einige erweiternde Teichbauten bis zur gegenwärtiges Brutsaison ermöglicht werden konnte.

Es ist eine für das Gedeihen der Anstalt zwar gleichgültige, aber recht angenehme Thatsache, daß dieselbe eine anmuthige, wahrhaft poetische Stätte gefunden hat. Die beiden erkauften Güter, welche eine Grundfläche von zwanzig Hectaren umfassen, liegen in einem kleinen Seitenthale des Zwönitzflusses, wie es lieblicher nicht gedacht werden kann; das Gute dabei ist, daß diese romantische bergige Beschaffenheit die Ausnutzung des Terrains außerordentlich erleichterte und verbilligte; fichtengrüne Höhenzüge schließen die Stätte fast ringsum ein. Vierzehn tiefe, meergrüne Teiche reihen sich an einander; eine Menge von krystallhellen Quellen liegen wie ebenso viele klare Augen verstreut auf den Fluren, und ihre silbernen Thränen plätschern, zu einem kleinen Bach vereinigt, von Teich zu Teich und dem Zwönitzthale zu. Neben den Teichen erstrecken sich schlangenartig verschlungen etwa achthundert Meter lange Gräben, zur Aufnahme der jungen Fischbrut angelegt. In den Teichen selbst zanken sich drei- bis viertausend angekaufte Zuchtforellen um das Futter. Diese selbst bilden den Stamm des zukünftigen Bestandes und repräsentiren ein schwimmendes, eierlegendes Capital von über fünfzehntausend Mark.

Ein Hauptfactor des Gedeihens und ein nicht genug zu schätzender Vorzug dieser Anstalt vor anderen ihrer Art ist der, daß kein Wasser verwendet zu werden braucht, welches nicht auf eigenen Grundstücken entsprungen wäre. Mutter Industrie wäscht sich jetzt fast an jedem Wässerlein ihre schwieligen unreinen Hände, und die Anstalt müßte in beständiger Angst um ihre Zöglinge leben, wenn es Jener einmal einfallen sollte, dem Lämmlein das Wasser zu trüben und es hinterher auch noch aufzufressen. Ferner ist der bedeutende Fall des Terrains ein großer Vortheil; er ermöglicht die eigene Aufzucht eines guten Theils der ausgebrüteten Fische und reducirt die Kosten der Teichanlagen auf die Hälfte. Man konnte sich an den meisten Stellen mit einem bloßen Querdamm begnügen. Die deutsche Verwaltung der großen Fischbrutanstalt zu Hüningen im Elsaß hat dagegen mit Bedauern erkannt, daß die Franzosen in der Wahl des Platzes sich unbegreiflicher Weise vergriffen haben; sie sieht sich der ebenen Lage wegen außer Stande, Lachse und Forellen in großer Menge selbst aufzuziehen. Ein weiterer Vortheil der Einsiedler Anlage ist der, daß zur Verbrütung der Eier ganz nach Belieben Quellwasser oder auch das im Winter kältere Bachwasser verwendet werden kann; hierdurch ermöglicht sich eine ganz genaue Regulirung der bei diesem Geschäfte so wichtigen Temperatur. Der für die Entwickelung der Eier günstigste Wärmegrad kann also bei ganz extremen Witterungszuständen festgehalten werden, da die Quellen bekanntlich nur wenig differiren. Eine Wasserleitung von Steingutröhren führt das zum Brüten bestimmte Quellwasser in ein dreißig Meter langes und zwanzig Meter breites Bruthaus, in welchem achtundzwanzig große, von Cement gegossene Bruttröge stehen, von denen ein jeder sechszigtausend Eier aufzunehmen im Stande ist. Das Wasser vertheilt sich im ganzen Gebäude durch eine Rohrleitung, so daß jeder einzelne Trog seinen selbstständigen Zu- und Abfluß hat. Das Haus für die Beamten der Anstalt ist ein stattliches Gebäude mit schönen geräumiges Wohnungen, und es wäre sehr zu wünschen, daß jede andere Industrie für ihre Mitglieder ebenso gut sorgte. Unter dem Wohngebäude befinden sich in einer Art Halbstock die Verpackungsräume, von welchen aus die jungen erst halblebendigen Wesen, die in der Anstalt nicht selbst aufgezüchtet werden können, ihre Reise in die weite Welt wohlverpackt antreten sollen.

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Die Gartenlaube (1874) b 125.jpg

Die Fischzuchtanlagen in Einsiedel im Erzgebirge.
Nach der Natur aufgenommen.

[127] Die Anstalt macht in allen ihren Theilen den Eindruck der frischesten Gesundheit; Kinderkrankheiten werden auch ihr freilich nicht ganz erspart bleiben, ist doch die Wissenschaft der Fischzucht noch sehr jung; aber Vertrauen erweckend ist es, daß die unternehmenden Leiter der Anstalt selbst von dem besten Vertrauen beseelt sind.

Die Direction gedenkt die Lebensdauer einer Anstaltsforelle auf fünf bis sechs Jahre auszudehnen, will also der Anzucht eine Mast folgen lassen. Die künstliche Befruchtung der etwa erbsengroßen Eier, welche sich der Laie, durch das Wort „künstlich“ verführt, gewöhnlich sehr complicirt vorstellt, ist eine einfache Vermengung des Rogens mit der Milch und kommt dadurch zu Stande, daß man durch einen leisen Druck auf die Bauchfläche der laichfähigen Fische diese veranlaßt, die Milch oder die Eier von sich zu geben. In den feineren Vorgang bei der Verbindung beider Substanzen läßt uns die Natur absolut nicht blicken, und er wird uns ein Geheimniß sein und bleiben. Die Befruchtung gelingt, wenn ein sachkundiges Auge die gehörige Reife des Rogens vorher richtig erkannte, fast auf alle Fälle. Die Eier nehmen sofort eine glänzende blaßrothe Farbe an und man vertheilt sie dann in zartester Weise, vermittelst der Fahnen von Gänsefedern, gleichmäßig in die Bruttröge und überläßt das Geschäft der Ausbrütung dem Wasser und der Zeit. Das Wärmebedürfniß ist hierbei ein ganz geringes; die Forelle sucht auch in der Natur als sogenannter Winterlaichfisch die frischesten Gewässer hierzu auf. Der Mensch hat in der eigentlichen Brutzeit nichts zu thun, als für einen regelmäßigen Zufluß von sauerstoffreichem Wasser zu sorgen und außerdem die Feinde fernzuhalten. Unter diesen zählt merkwürdiger Weise unser Aller Freund, das Licht, zu den gefährlichsten.

In der Natur bedeckt die weibliche Forelle diejenigen Eier, welche der hinterdreinschwimmende Herr Gemahl nicht gleich auffrißt, durch Wedeln der Schwanzflossen mit Sand; wahrscheinlich lebt auch schon in ihrem Instinct das dumpfe Bewußtsein von der Lichtscheu ihrer zukünftigen Sprossen. Diese an und für sich so häßliche vaticanische Eigenschaft begründet sich ganz wie bei den Römlingen auf Furcht vor neuem jungen Leben, und so sehr wir wünschen müssen, daß das junge Licht und Leben des Geistes dem vergreisten Institut zu Rom bald vollends heimleuchten möge, ebenso sehr müssen wir hoffen, daß unser Einsiedeler Institut dem jungen Leben dauernd trotzen möge, nämlich dem vegetabilischen, welches das frische animalische bedroht. Das Licht bringt nämlich die massenhaften Samensporen im Wasser zur Entwicklung und die verschiedenartigsten Algen und Pilze ersticken, zerfressen und zersetzen das junge animalische Leben. Ein weiterer sehr gefährlicher Feind ist unreines Wasser. Der abgesetzte Schlamm befördert die Entwickelung jener gefährlichen Feinde und die Samensporen sind in ihm in viel größeren Mengen vorhanden, so daß selbst die dichteste Finsterniß, welche man durch einfache Holzdecken in den Brutkästen herstellt, nicht im Stande ist, das Uebel ganz aufzuheben. Glücklicher Weise liegen die Quellen der Anstalt sehr tief im Schiefergebirge, so daß sich das Wasser selbst nach langem Regen nicht trübt.

Nach ungefähr ein bis zwei Monaten nach der Befruchtung werden die Augen des jungen Wesens als zwei unverhältnißmäßig große schwarze Punkte sichtbar und das Leben hat begonnen; bei leisem Druck dreht das Thierchen sich in seiner gummiartigen zähen Hülle im Kreise herum. Jetzt sind die Eier am wenigsten empfindlich, und die Zeit ist gekommen, in welcher sich die Anstalt der Ueberzahl ihrer Zöglinge entledigen muß. In Holzkästen, etwa auf zwei- bis dreitausend Stück berechnet, wird das halblebendige Volk in feuchtes Moos sorgfältig verpackt und den Bestellern per Post oder Bahn zugesandt. Auf diese Weise hat man selbst von England aus embryonirte Lachseier mit Erfolg nach Australien spedirt.

Die zurückbleibenden, die eigentlichen Zöglinge der Anstalt, kriechen je nach der Temperatur des Wassers in zwei bis drei Monaten aus ihren immer dünner gewordenen Hüllen, ähnlich wie der Keim aus einer enthülsten Erbse, und es kommt ein Geschöpf zum Vorschein, welches der Nichteingeweihte eher für einen vorweltlichen Lurch, als für eine Forelle halten wird. Ein dünnes, durchsichtiges, fadenartiges Gallert mit einem großen Kopf, der eigentlich nur aus zwei Augen besteht, schwankt unbehülflich auf einem gelblichen Dottersack und müht sich mit dieser Last vergeblich vorwärts. In dieser Dotterblase hat ihm die Natur für die erste Zeit seines Lebens einen Freßkorb mitgegeben, dessen Vorrath circa vier bis fünf Wochen ausreicht. In dieser Zeit ist das junge Wesen so unbehülflich, daß jedenfalls in der Natur Abermillionen derselben zu Grunde gehen.

Nicht einmal gegen die Welle kann es sich halten und seinen zahllosen Feinden (seine liebevollen Eltern inbegriffen) ist es hülflos preisgegeben; ein einziger Elritze, dieser bubenböse Sperling des Wassers, kann in kurzer Zeit ganze Massen dieser gesuchten Nahrung vertilgen. Selbst der aufgewirbelte Sand wird ihnen schon gefährlich – ein Körnchen, das sich in die Kiemen legt, führt sehr oft den Erstickungstod herbei. Man sieht, wie erfolgreich hier die Menschenhand die Natur unterstützen und schützen kann.

Nach abermals vier Wochen hat sich die Nabel-Ernährung unmerklich in eine Freßwerkzeug-Ernährung verwandelt. Die Durchsichtigkeit, welche anfänglich dem bloßen Auge schon allerhand Beobachtungen des innern Baues, des Herzschlages etc. zuließ, hat sich verloren, und das Thierchen ist reif, nunmehr selbstständig seine Laufbahn zu beginnen. Jetzt drängen sie sich tausendweise an die künstlich hergestellten Rüsche und zeigen ihren Pflegern damit, daß sie Hunger haben und daß sie fähig geworden sind, ihr Futter selbst zu suchen. Die Quellen werden nun aus dem Bruthause in die bereits genannten Gräben geleitet und das schwärzliche, fröhlich wimmelnde Volk folgt ihnen nach. Die feine und so verschiedenartige Nahrung, wie sie das Wasser enthält und wie sie das junge Fischchen bedarf, kann ihm nur die Natur bieten. Der Mensch hat jetzt ein Vierteljahr lang nur auf Schutz gegen Krähen, Wasserratten und ähnliches Gethier bedacht zu sein; später gewöhnt man sie allmählich an das Mastfutter. Maden, Kerbthierchen, feingehacktes Pferdefleisch wird ihnen wechselsweise gereicht, bis sie sich schließlich mit bloßem Pferdefleische begnügen müssen. Es bilden sich bald sogenannte „Fresser“ heraus, welche ihre Cameraden oft an Umfang um Leibeslänge überholen. Diese gefährlichen Burschen müssen entfernt und allein gehalten werden, denn hier schont die Schwester leider den Bruder nicht. Ein einziges solches Exemplar kann nach und nach, à la Hecht, ganze Teichbevölkerungen auffressen.

Je größer nun das Völkchen wird, je weniger dicht darf es gehalten werden, was die Anstalt in den Teichen nicht unterbringt, verkauft sie als Satzforellen weiter. Die fernere Pflege ist ohne Interesse. Man hält die Jahrgänge sorgsam auseinander und füttert sie mit Pferdefleisch; zu bemerken ist nur, daß auch die Forelle in gewisser Hinsicht sich civilisiren läßt. Sie sucht bald, wie ein Hausthier, regelmäßig die Futterbänke auf und denkt nicht mehr an das gegenseitige Auffressen. Nach drei Jahren stellen die nunmehr unter die Reihe der erwachsenen Forellen aufgenommenen Fische ihre erste Lieferung an Eiern für die Anstalt. Die Männchen werden jetzt meistens ausgeschieden und verkauft, denn zur Zucht bedarf man etwa auf vierzig Weibchen ein Männchen. Man nimmt ihnen, wie es bereits mit den Eltern geschah, die Sorge für Nachkommen, vielleicht in unliebsamer, aber gewiß sehr „zuvorkommender“ Weise ab, und der Rundlauf beginnt von Neuem.

In fünf bis sechs Jahren ist die „Saat im Wasser“ zur wohlschmeckenden, gesunden Fracht herangereift und harrt blau oder in Butter ihrer endlichen Bestimmung entgegen.

Das ist, dem reichen Stoffe gegenüber in kurzen Worten das Schicksal einer Anstaltsforelle. Möchten aber auch diejenigen Zöglinge der Anstalt, welche hier nicht aufgezogen werden können, immer eine Stätte finden, daß der Absatz leicht von Statten gehe und daß die in’s Leben gerufenen Thierchen nicht frühzeitig wieder zu Grunde gehen. Und darum rufe ich den Besitzern von Seen, Teichen, Flüssen, Bächen und Quellen zu:

Saat in’s Wasser! Verwandelt Eure todten Moore in lebendige! Hier ist die Anstalt, aus der Ihr jetzt embryonirte Eier und im Frühjahre junge Satzforellen beziehen könnt. Manche Quelle, die sich jetzt miasmenträge durch das Moor dahinwindet, kann Euch zu einer silbernen werden. Ihr namentlich im Erzgebirge, die Ihr es so in der Nähe habt und dazu die schönen forellenfrischen Gewässer, eßt Euch und Euren Nachkommen nicht mit den ewigen Kartoffeln die Scrophulose an den Hals, schafft Euch eine gesündere Nahrung an, schüttet [128] den letzten Teich nicht zu oder legt ihn trocken, um saures Futter darauf zu erbauen. Bebaut die flüssige Ackerkrume rationell! Sie ist nicht weniger dankbar, als das Feld! darum: Saat in’s Wasser! Vielleicht erleben wir noch, daß die traditionellen Forellenwirthshäuser des Erzgebirges wieder in die alten Rechte ihres Ruhmes eintreten, die sie mit ihren bejammernswerthen Miniaturausgaben gegenwärtig ganz verloren haben.

Den Männern aber, welche die Natur so wacker unterstützen, ein treues erzgebirgisches Glückauf! Möge sie Euch danken mit hundertfältiger Frucht!

Gampe.