Rußlands asiatische Politik

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Titel: Rußlands asiatische Politik
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aus: Das Ausland, Nr. 102 S. 405-406
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
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Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Quelle: Scans bei Commons
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Rußlands asiatische Politik.

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Wenn Rußland seine Grenzen in Asien ausdehnt, soll man darüber klagen? Nie hat der Grundsatz der Stabilität, durch welchen die heilige Allianz den Frieden sicherte, außer Europa gegolten, und die Engländer, welche gegenwärtig so gerne mit Rußland wegen Verletzung dieses Grundsatzes rechten möchten, haben ihm selber in einem Theil der Erde, den sie mit ihren Flotten erreichen konnten, je beobachtet. Rußland, sofern es sehr mächtig ist und schwache Nachbarn hat, wird erobernd; es zieht zu sich heran, was in die Nähe seiner Sonnenbahn kommt. Dieselbe Erscheinung zeigt die Geschichte aller Völker. Europa mag sich Glück wünschen, daß der Osten Rußland einen so ungeheuern Spielraum darbietet, welchen verfolgend, es sich nothwendig immer weiter vom Westen entfernt, wo in erster Linie Oesterreich und Preußen, in zweiter Frankreich eine mächtige Schildwache bilden. Was soll das Gerede von der Großmuth in der Politik?

Parcere subjectis et debellare superbos,

Aber vergesse Rußland nicht, daß es die schöne Aufgabe hat, deren Erfüllung ebenso sehr seine Ehre als sein Interesse von ihm fordert, die eroberten Länder nicht wie die Krym in öde Wüsten zu verwandeln, sondern mit den Segnungen europäischer Kultur zu erfreuen. Gewiß werden dann in Europa die Besorgnisse schwinden, mit welchen man seit langer Zeit jede Vergrößerung der russischen Macht zu betrachten gewohnt ist. — —

Die Kirgisen und einige andere Nomadenstämme vom Geschlecht der Kalmücken bewohnen eine Landstrecke, die an Flächenraum wenigstens so groß als Frankreich mit Einschluß des Königreichs der Niederlande ist. Dieses große Gebiet‚ ein Theil der sogenannten freien Tatarei, ist in den letzten Jahren, fast ohne daß man in Europa etwas davon erfahren hat, mit dem russischen Reiche vereinigt worden. Es war nicht die Waffengewalt Rußlands, sondern die Gewinnsucht der Häuptlinge jener Völkerschaften, welche sie dem Hof von St. Petersburg unterwarf, indem sie einen Vergleich eingingen, die Caravanen, die jährlich von Orenburg und der sibirischen Grenze nach Bokhara ziehen, nicht mehr zu beunruhigen. Kaum waren die kirgisischen Fürsten in Unterhandlungen mit den Agenten des russischen Gouvernements getreten, als dieses auch bereits damit anfing, ihr Land gegen Westen durch eine Kette von Militärposten zu umschließen, in der Absicht, die Fortdauer ihrer guten Gesinnungen zu sichern. Diese Linie, die mit Cosacken und andern Truppen besetzt ist, geht von dem Fort Zverinogolovska auf dem linken Ufer der Abouya bis zum See Denghiz-koul, von da südwärts, darauf südöstlich über die Redouten Avlikouiskaja, Tschiyanli, Danabika, Gipsovoi, Naourvoumskaya, Kabanei, Kaikoupa, Saritourai, Moukourkoupa, Alebastrovoi und Yelaminskoi, die sänmtlich erst seit der Unterwerfung der Kirgisen gebaut wurden. Die letzte liegt auf dem rechten Ufer des Yalama-tourgai, der westwärts fließt und sich mit dem Tourgai vereinigt. Von da wendet sich die neue Grenze südöstlich bis zu den Gebirgen, denen sie eine bedeutende Strecke folgt. Weiter umgeht sie den obern Lauf des Yar-yakhschi und seiner Nebenflüsse, fährt fort ihre S. O. Richtung zu verfolgen bis zu dem Khaltaigebirge [406] und den Quellen des Akbouta, richtet sich von da südlich gegen den großen See Baikhasch, den sie durchschneidet, geht weiter südwärts fort zu den Seen Alaktougoul und Alakoul, wendet sich nach Norden gegen den Saisan und endet sich nordöstlich, Boukhtarminsk gegenüber, auf dem linken Ufer des Irtisch, der früher die Grenze zwischen Sibirien und dem Lande der Kirgisen machte.

Außer den Redouten, die längs dieser Grenzlinie angelegt sind, hat Rußland auch drei Forts mitten in dem Umfang dieses neu erworbenen Gebietes erbaut. Diese sind: Alexandrovskaya an der Noura, Sanct Nicolas im Norden des Sees Karaya, und Sanct Constantin am Fuß des Berges Yakhschi-yanghis. Diese Forts beschützen die reichen Kupfer- und Bleiminen, die man in diesen Gegenden zu bearbeiten angefangen hat: die von Anninskoi und Sanct Constantin in der Nähe des Sees Airto, von Gourievskoi am Ufer des Irtschim, von Baganou und Araktscheevskoi am Tersekan, die von Mysto und Alexandrovskoi in dem Ouloutogebirge, die von Kart und Blagodatay an der Noura, die von Mikhailovskoi, Netschayannost, Marinskoi, Wolkonskoi und Jelisaretinskoi in dem Gebirge, in welchem die Flüsse entspringen, welche den Yer-yakhschi bilden, und endlich die Kupferbergwerke in dem Ken-koslan Gebirge und die von Kambau, die sich in geringer Entfernung, S. W. von dem Fort Yamytschevskaya am Irtisch befinden.

Durch diese neue Ausdehnung ist die russische Grenze gegenwärtig nicht weiter als 280 Stunden von Atak am Indus und eine viel geringere Strecke von Bokhara entfernt.

Ein Theil der Kirgisen-Horden, die durch diese Grenzerweiterung in das russische Gebiet eingeschlossen worden sind, hing früher von China ab: d. h. die Kirgisen sandten alle drei Jahre nach Peking Geschenke, welche die chinesische Regierung mit andern erwiederte, die hundertmal mehr werth waren. Aber sie waren unruhige und unbequeme Nachbarn und es ist wahrscheinlich, daß die Chinesen ohne Schwierigkeit eingewilligt haben, sie den Russen unterworfen zu sehen, die sie leicht ın Gehorsam zu erhalten wissen werden.

Daß die Russen hier nicht stehen zu bleiben gesonnen sind, läßt sich voraussetzen. Die Leichtigkeit, mit der sie diesen Theil des Kirgisenlandes erworben haben, wird sie anreizen, sich des Ganzen bis an die Grenzen von Bokhara zu bemächtigen und sie können dies um so leichter, da Eroberungen dieser Art den europäischen Mächten fast immer unbekannt bleiben und niemals von ihnen bestritten werden.

Wenn die Russen sich einmal im Land der Kirgisen festgesetzt haben, das keinesweges eine bloße trockene Steppe ist, wie man sich dasselbe gewöhnlich vorstellt, sondern auch fruchtbares Land und Waideplätze, dicke Wälder und Gebirge einschließt, so können sie Militär-Colonien dahin senden, in der Nähe der Kupferbergwerke Stückgießereien anlegen und die gesammte militärische Ausrüstung für einen Feldzug vorbereiten; ihre Cavallerie können sie durch die vortrefflichen Pferde von Mittelasien completiren, zu deren Ankauf die englische Regierung von Ostindien den verstorbenen Moorcroft absandte. Sie können Straßen und Communicationswege anlegen und in wenigen Jahren sich zu weiteren Eroberungen vorbereiten; und wahrscheinlich werden sie mit Kokan, Bokhara und andern kleinen Khanaten, welche Rußland von Persien und Indien trennen, den Anfang machen.

  1. Nach der Histoire secrète du Cabinet de Buonaparte (Londres 1809) hatte der Tractat von Tilsit folgende geheime Artikel:
    • 1. Artikel. Rußland wird Besitz nehmen von der europäischen Türkei und seine Eroberungen so weit ausdehnen, als ihm geeignet scheint.
    • 2. Die Dynastie der Bourbons in Spanien und des Hauses Braganza in Portugal soll aufhören zu existiren; ein Prinz von dem Blute der Familie Napoleons soll mit der Krone dieser Königreiche bekleidet werden.
    • 3. Die zeitliche Macht des Pabstes wird aufhören und Rom mit seinen Dependenzien dem Königreich Italien einverleibt werden.
    • 4. Rußland macht sich verbindlich, mit seiner Marine Frankreich zur Eroberung von Gibraltar beizustehen.
    • 5. Die Städte in Afrika, wie Tunis, Algier u. s. w. sollen von Frankreich in Besitz genommen, und, bei dem allgemeinen Frieden, alle Eroberungen, welche die Franzosen während des Krieges in Afrika gemacht haben, den Königen von Sardinien und Sicilien als Entschädigungen gegeben werden.
    • 6. Malta soll von den Franzosen besetzt und nicht eher ein Friede mit England gemacht werden, bis diese Insel an Frankreich abgetreten ist.
    • 7. Aegypten soll gleichfalls von den Franzosen besetzt werden.
    • 8. Nur Schiffen, die den folgenden Mächten gehören, nämlich Frankreich, Rußland, Spanien und Italien, soll erlaubt werden, in dem mittelländischen Meere zu segeln; alle andern sollen ausgeschlossen seyn.
    • 9. Dänemark soll, wenn es einwilligt, seine Flotte Frankreich zu überliefern, im Norden von Deutschland und durch die Hansestädte entschädigt werden.
    • 10. Ihre Majestäten von Rußland und Frankreich werden versuchen, zu einem Arrangement zu kommen, daß in Zukunft keiner Macht erlaubt seyn soll, Schiffe in die See gehen zu lassen, außer wenn sie eine gewisse Anzahl von Kriegsschiffen unterhält.
    Wie wenig es indessen Napoleon mit jenen Concessionen Ernst war, ersieht man aus Histoire de Napoléon par Monsieur de Norvins. Tom. III, p. I. (Par. 1828.) In der Botschaft, durch die Napoleon am 29 Januar 1807 dem Senat von dem Bündnisse mit dem Hause Sachsen Nachricht gab, finden sich folgende Worte, die dem Gegenstande der Mittheilung ziemlich fremd zu seyn scheinen: „Wer könnte die Dauer der Kriege, die Zahl der Feldzüge berechnen, die es eines Tages kosten würde, um die unglücklichen Folgen wieder gut zu machen, die aus dem Untergange des Thrones von Constantinopel hervorgehen würden, wenn feige Friedensliebe und das Verlangen nach den Vergnügungen der Hauptstadt die Rathschläge einer weisen Vorsicht zurückdrängten? Wir würden unsern Enkeln eine unermeßlihe Erbschaft von Elend und Unglück hinterlassen. Wenn die griechische Tiara einmal siegreich vom baltischen Meere bis zum Mittelmeere erhoben ist, so werden wir bald unsere Provinzen durch Schaaren von Fanatikern und Barbaren angefallen sehen, und wenn in diesem zulange verschobenen Kampfe das civilisirte Europa erliegen sollte, so würde unsere strafbare Gleichgültigkeit mit Recht den Unwillen der Nachwelt erregen und für immer ein Schmachfleck in unserer Geschichte seyn."