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XIX.
13. April.
Ida,
Wittwe.


 Ida war eine Tochter von erlauchter Abkunft, aus dem Geschlechte Karls des Großen, und zwar von väterlicher und mütterlicher Seite. Ihr Vater war Gottfried der Bärtige, Herzog von Lothringen. Sie wurde von ihren Eltern mit Eustachius II., Grafen von Boulogne, gleichfalls aus dem Geschlechte Karls des Großen, vermählt und durch denselben Mutter mehrerer Kinder, unter denen sich drei Söhne von hochberühmten Namen finden. Der älteste trug des Vaters Namen und folgte ihm; der zweite war Gottfried von Bouillon, der Eroberer von Jerusalem, und König der heiligen Stadt; der dritte war Balduin, der seinem Bruder Gottfried in Jerusalem folgte. Eine ihrer Töchter war an Kaiser Heinrich IV. vermählt. Was an dieser Ida hervorleuchtet, ist die Vereinigung| der Mutterliebe und großer Thätigkeit mit der weltentsagenden Richtung der Frömmeren ihrer Zeit. Es war ihr eine heilige Pflicht, ihre Kinder von Jugend an selbst zu nähren und ihr eigenes Auge, ihre persönliche Aufsicht ihnen zu widmen; sie hätte, wenn sie andern die Obsorge überlaßen, zu sehr den bösen Einfluß der Menschen gefürchtet. Wie sie es aber mit ihren Mutterpflichten genau nahm, und deren strenge Erfüllung ebensowohl mit ihrem hohen Stande, als mit ihrer Lust zu einem geistlich abgezogenen Leben zu vereinigen wußte; so nahm sie es hinwiederum mit der Abtödung und mit den Werken der Barmherzigkeit genau; sie strebte nach hohen Zielen und begehrte dabei das rechte Maß zu faßen. Weil sie in die Würde gesetzt war, hüllte sie ihren Leib in das fürstliche Gewand und zierte ihn mit herrlichem Schmuck; dabei aber kasteite sie ihn wie eine Büßerin. Sie übte eine fürstliche und überfließende Barmherzigkeit, aber sie bemühte sich nichts desto weniger, ihr Almosen wohl anzulegen, und forschte daher fleißig nach dem persönlichen Verhalten derjenigen, die sie unterstützte. Sie übte eine ausgedehnte äußere Thätigkeit, aber sie war ebenso darauf bedacht, sich durch das äußere Leben nicht zerstreuen zu laßen,| sondern ihre Gedanken möglichst auf der Bahn der Andacht zusammenzuhalten. Dieser Charakter, Einseitigkeit zu vermeiden, und scheinbar sich widersprechende Tugenden in sich zu vereinen, – man möchte ihn einen Charakter des rechten Maßes nennen, – bewährte sich bei ihr auch in böser Zeit. Ihr Gemahl starb, nachdem er Wilhelm, dem Eroberer, das englische Königreich hatte erobern helfen, und ließ sie zu einer Zeit als Wittwe zurück, wo ihr die Erziehung ihrer Kinder und deren Versorgung besonders große Noth und Verlegenheit bereiten konnte. Aber auch da verlor sie den Muth nicht; sie blieb sich selbst getreu trotz der ungewohnten Last, sorgte für ihre Kinder, aber nicht weniger für ihre Seele, für die Kirche und für die Armen. Um der Wohlthätigkeit gegen die letzteren so uneingeschränkt wie vorher leben zu können, bedurfte sie neue Mittel; daher reiste sie persönlich nach Lothringen und Deutschland und verkaufte Güter, die ihr mit ihrem väterlichen Erbe zugefallen waren. Wir sehen also an ihr eine ebenso dem stillen Leben des Gebetes, als der praktischen Thätigkeit hingegebene Wittwe, und wenn wir nun etwa geneigt sein wollten, zu vermuthen, daß ihr bei einer solchen Energie gegen sich und für andere| vielleicht etwas Unweibliches und Hartes angehangen habe; so dürfen wir dennoch der Vermuthung keine Folge geben, denn sie war wegen ihrer Mildigkeit und Sanftmuth von ihren Unterthanen ebenso geliebt, als man sich scheute, ihr vor Augen zu kommen, wenn man Böses gethan hatte. Zuletzt überwand sie eine langwierige Krankheit mit großer Geduld und gieng am 13ten Januar des Jahres 1113 mit kindlicher Freudigkeit aus der Welt. Ihr Leib fand seine Ruhestatt in der von ihr gestifteten Abtei zu St. Vedast.

 Sind es auch wenige und allgemeine Züge, welche wir hier zusammengestellt haben, so geben sie doch mit einander ein Frauenbild von nicht gewöhnlicher Art, und wer angelegt ist, wie Ida, die Mutter der beiden Könige von Jerusalem, der folge ihr nach.




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