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XXVI.
22. Mai.
Helena.


 Im Jahre 326 nach Christo, zog eine Gesellschaft von allerlei Menschen nach dem heiligen Lande, an ihrer Spitze eine hochbetagte Greisin, die Mutter des Kaisers Constantin des Großen, Flavia Julia Helena. Schon vorher, im Jahre 325[1], bei Gelegenheit des Concils von Nicäa, hatte der Kaiser den Bischof Macarius von Jerusalem beauftragt, das Grab Christi wieder aufzusuchen, da seit den Tagen des Kaisers Adrian (117–138) und seines Vertilgungskrieges gegen die Juden Jerusalem und seine heiligen Orte mit Schutt und heidnischem Greuel bedeckt waren. Im Jahre darauf wurde nun beschloßen, Hand anzulegen, und die alte, fast 80 jährige Jüngerin Helena stellte| sich mit Begeisterung an die Spitze der Gesellschaft, welche die Spuren der heiligsten Vergangenheit aus dem Schutt zu Tage fördern sollte. Insonderheit galt es das heilige Grab, die Auferstehungsstätte des HErrn. Da man wußte, daß Adrian gerade diese Orte durch heidnische Tempel und Götzenbilder verunreinigt hatte, dienten nun diese Denkmäler grimmiger Feindschaft den Suchenden zu Wegweisern. Man fand das Grab und ganz nahe, wie die Kundigen mit Hinweisung auf die Sitten der Juden bei der Kreuzigung vorausgesagt hatten, die drei Kreuze und von ihnen gesondert die Überschrift Pilati – wie versichert wird, mit rother Schrift auf einem weiß getünchten Brett. Die Freude war groß, aber nun wußte man nicht, welches von den dreien Kreuzen Christo, welche den Schächern gedient hätten. Bischof Macarius, dem an den Kreuzen mehr lag, als manchem Jünger des 19. Säculums, kam auf den Gedanken, unter Gebet und Flehen die Kreuze als Heilmittel an einem Kranken zu erproben. Hatten die Gebeine des Propheten Elisa im alten Testamente die Kraft, einen Todten zu erwecken, weil Gott es wollte; hatten Koller und Schweißtüchlein, ja der Schatten von Aposteln nach dem neuen Testamente| durch Gott die Kraft, Kranke gesund zu machen: warum nicht das Kreuz, an welchem unser ewiges Heil vollbracht ist? Ein Schluß, den man umzuwerfen versuchen mag. Eine Matrone lag am Tode: an der versuchte Macarius die Kreuze, und siehe, das letzte von den dreien machte die Sterbende lebendig, und damit war den gläubigen Gemüthern die Gewisheit gegeben, daß das dritte das Holz war, an welchem der HErr und in Ihm die Menschheit Sieg und ewiges Heil gewonnen hatte. Das war Helena’s größte Freudenstunde: ihr Andenken ist seitdem an’s Kreuz des HErrn gebunden. – Einen Theil des Kreuzes sandte sie ihrem Sohne nach Constantinopel, einen andern gab sie der von ihr zu Rom erbauten Kirche, welche noch den Namen vom heiligen Kreuze trägt, – den beträchtlichsten Theil aber übergab sie für eine über dem heiligen Grabe zu Jerusalem zu erbauenden Kirche dem Bischof Macarius und zwar in einem kostbaren silbernen Kasten. – Dieser letztere Theil wurde später von dem Perserkönig Chosroë’s II. mit anderem weggeführt, im Jahre 628 aber von Kaiser Heraclius nach Ueberwindung des Chosroë’s zurückgebracht und 629 am 14. September von ihm in tiefer Demuth,| nach abgelegtem kaiserlichem Schmucke und Schuhen, auf eigener Schulter in die heilige Stadt an den Ort getragen, wo er zuerst gewesen. Seit dem 5. und 6. Jahrhundert hatte man zu Ehren der Kreuzerfindung, zugleich im Andenken an das Gesicht, welches Constantin der Große vom heiligen Kreuze am Himmel gehabt hatte, im Morgen- und Abendlande am 14. September ein Fest der Kreuzerhöhung gefeiert. Erst im 8. Jahrhundert führten die Lateiner ein eigenes Fest der Kreuzerfindung ein, während man am alten Kreuzerhöhungstage nun auch, und zwar insonderheit, jene merkwürdige Kreuzerhöhung feierte, welche Kaiser Heraclius nach Besiegung der Perser zu Jerusalem vollbrachte.
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 Ob Helena, welcher ihr Sohn den hohen Namen Augusta beilegte, mehr durch ihren Sohn Constantin, oder durch die Thatsache der Kreuzerfindung oder Kreuzauffindung der Kirche empfohlen wurde, fragt sich. Jedenfalls helfen beide Thatsachen, daß sie Mutter des großen Kaisers und Kreuzauffinderin war, zusammen. Allerdings aber würde ohne ihre Frömmigkeit und ihre sittliche Würde keines von beiden hinreichen, ihr Gedächtnis frisch und grün zu erhalten. Dieselben gleichzeitigen| und bald nach ihr lebenden Schriftsteller, welche die Geschichte ihrer Fahrt nach Jerusalem beschreiben, stimmen aber auch über ihre Persönlichkeit zusammen. Constantin selbst ehrte daher seine Mutter auffallend, und diese Erfüllung des vierten Gebots ist einer der schönsten Züge in seinem Bilde.
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 Von der Abkunft Helena’s ist nichts Gewißes vorhanden. Jedenfalls stammt sie aus Britannien; ob sie aber, wie die einen sagen, eine Wirths- oder eine Königstochter gewesen ist, kann man nicht mehr ausmachen. Ambrosius sagt, sie werde für eine Gastgeberin gehalten, die Constantins Chlorus geheirathet habe, da er in Britannien gewesen. Als dieser sie verstieß, um die Stieftochter Maximians, Theodora, zu ehelichen und dadurch Cäsar zu werden, war sie bereits die Mutter Constantius. Im Jahre 306 finden wir sie hochgeehrt am Hofe ihres Sohnes. Dem HErrn gewonnen, ließ sie sich doch erst im 63. Lebensjahre taufen und scheint je älter, je flammender in der Liebe Christi geworden zu sein. Gregor der Große sagt, sie habe in den Herzen der Römer das Feuer, von dem sie selbst glühte, die Liebe Christi, entzündet. Die Ehrerbietung gegen die Mutter Helena theilte mit ihrem| Sohne, dem Kaiser, die ganze Kirche. – Sie starb, 80 Jahre alt, zwei Jahre nach ihrer Fahrt in’s heilige Land, zu Rom im Jahre 328.

 Bei Helena hieß es: je älter, desto jünger, – rastlos in der Liebe JEsu bis ins Grab! Das sei auch dir, o Leserin, obschon du die Stellung in der Welt nicht einnimmst, welche Helena hatte, ein heiliger Entschluß, ein werthes Symbolum.





  1. In demselben Jahre hatte Constantin die Todesstrafe der Kreuzigung in seinem ganzen Reiche abgeschafft: und das Kreuz zum höchsten Ehrenzeichen erhoben.
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