Romanzen vom Rosenkranz/Romanze X: Schöpfungsgeschichte des Moles

« Romanze IX: Apo und Moles auf dem Turme Clemens Brentano
Romanzen vom Rosenkranz
Romanze XI: Biondetta in dem Theater »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).


[127]

Schöpfungsgeschichte des Moles

„Als das Licht sich hat entzweiet,
Stieg was leicht und sank was schwer,
Und das Eine war gezweiet
Zwischen Gott und Luzifer.

5
Luzifer, dem stolzen Geiste,

Diente nun der feste Kern,
Und was unterirdisch kreiste,
Nannte ihn den mächtgen Herrn,

Der von unten aufwärts greifet

10
Und mit Wonne und mit Schmerz

Was unsicher oben schweifet
Niederreißt ans erzne Herz.

Und der Oberfläche Zweifel
Stehet an der Scheide Weg,

15
Und das eben ist der Teufel,

Daß so eben ist sein Weg.

Aber nieder sah mit Neide
Gott zum festen Erdenstern,
Und er wollte, daß sie beide

20
Anteil hätten an dem Kern.


Wollte, daß als Friedensgeisel
Einer zwischen beiden geh,

[128]

Und, des großen Künstlers Meißel
Lobend, an der Sonne steh;

25
Der, den Geist der Erde preisend,

Hafte an dem Grunde schwer,
Mit der Stirne aufwärts weisend,
Mit dem Leibe irdisch wär.

Und der Herr sprach: „Nieder reise

30
Zu der Erde, Gabriel,

Bring in ihre sieben Kreise
Des Allmächtigen Befehl,

Daß sie dir des Staubes reiche
Aus den sieben Tiefen schnell,

35
Daß ein Bildnis, das mir gleiche,

Ich ihr draus zum Herren stell.“

Als der Seraph niedersteigend
Zu der irdschen Feste schwebt,
Lag die Erde einsam schweigend,

40
Von der Geister Puls durchbebt.


Wo des Engels Flug ausgreifet,
Spaltet sich das Firmament,
Und aus seinen Ufern schweifet
Bang das nasse Element.

45
Und es drehet sich das Eisen

Schmerzlich in der Erde Herz,
Daß die Quellen los sich reißen
Aus der Tiefe himmelwärts.

Auf den Fittichen gebreitet

50
Steht der Seraph vor dem Kern:

„Erde, dir ist Heil bereitet
Durch den Willen deines Herrn!

[129]

Sei gegrüßt, Gebenedeite!
Denn mit dir will sein der Herr,

55
Und aus deinem Eingeweide

Soll erstehen dir der Herr.

Und die Frucht aus deinem Leibe
Soll dem Herren ähnlich sehn;
Daß dir Gottes Liebe bleibe,

60
Soll sein Bild aus dir erstehn.


Drum aus deinen sieben Reifen,
Von der Rinde bis zum Kern,
Laß mich eine Handvoll greifen;
Also ist der Will des Herrn!“

65
Vor des Engels lautem Schreie

Widertönt der Erde Erz,
Und mit einem tiefen Schreie
Tönet auf aus ihr das Herz:

„Gabriel! zum Herrn ich schreie,

70
Tief in innrer Angst erbebt,

Daß er mir den Wunsch verzeihe,
Daß ich bleibe unbelebt.

Daß ich jungfräulich im Scheine
Seines Lichtes freudig steh,

75
Nimmer um den Menschen weine,

Nicht in Sünde untergeh.

Jetzo bin vor Gott ich reine;
Soll ein Herr aus mir erstehn,
Wie soll bleiben er der meine,

80
Wenn er in das Licht gesehn?“


Und den Seraph hat das Weinen
Der Jungfräulichen bewegt,

[130]

Zu des ewgen Lichtes Scheinen
Ihn der Flügel wieder trägt.

85
Und wo er im Flug verweilet

In der weiten Himmelshöh,
Geht die Sonne, da er eilet,
Auf, daß sie die Erde seh.

Und er sprach: „O Herr, verzeihe!

90
Mich durchdrang ihr rührend Flehn;

Ihre Bitte, Herr, verleihe,
Laß in Reinheit sie bestehn!“

Doch der Herr sprach: „Will im Scheine
Meiner Sonnen keusch sie gehn,

95
Will sie bleiben immer reine,

Eh ihr auf die Augen gehn?

Sie liegt in des Traumes Zweifel,
Wenn mein Bild nicht auf ihr lebt;
Aus ihr schreiet nur der Teufel,

100
Wenn sie zierend widerstrebt.“


Und der Herr sprach: „Niedersteige
Zu der Züchtgen, Michael!
Daß sie dir des Staubes reiche,
Nach des Ewigen Befehl!“

105
Als der Seraph sie umkreisend

Sieht im Mittagsglanze stehn
Und, des Herren Milde preisend,
Sich im Sonnenstrahl ergehn,

Rühret ihn, den göttlich Freien,

110
Der nicht kannte irdisch Weh,

Ihr metallisch heißes Schreien,
Daß ihr hart Gewalt gescheh.

[131]

Und er blieb, zur Höhe eilend
Bittend vor dem Ewgen stehn,

115
„Herr!“ sprach er, „hör Gnad erteilend

Schonend an der Erde Flehn!

Ich hab sie im Sonnenkleide
Also schuldlos schlummern sehn,
Aller Tränen Augenweide

120
Unter meines Fittichs Wehn.


Als ich meine Flügel breitend
Sie mit meinem Flug erweckt,
Ihre Schmerzen tief mitleidend,
Hat mich ihr Geschrei erschreckt!“

125
Und der Ewge sprach: „So steige

Zu der Jungfrau, Raphael,
Daß sie dir des Staubes reiche,
Bringe ihr des Herrn Befehl!“

Und der Seraph niederschweifet

130
Überm blauen Wogenmeer,

Und die Erde lag umreifet
Von dem Abendglanz umher.

In dem roten Sonnenscheine
War sie so in Trauer schön,

135
Stille lauschend, wie sie weine,

Blieb er auf den Wogen stehn.

Und von ihrem heißen Weinen
Wurden seine Flügel schwer,
Und er mußte mit ihr weinen

140
Nieder in das dunkle Meer.


Da er in die Wogen weinet,
Da erbitterte das Meer,

[132]

Und ihr Herz in Schmerz versteinet
Floß in salzgen Quellen her.

145
Und der Engel wollte weichen,

Da die Sonne stieg zur See,
Und er stellt zum Friedenszeichen
Ihr den Mond in blauer Höh.

Da er zu dem Licht aufreisend

150
Durch das hohe Himmelsfeld,

Rollen seine Tränen kreisend
Um die Erd das Sternenzelt.

Und der Herr sprach: „Niedersteige
Zu der Erde, Azrael!

155
Daß sie dir des Staubes reiche,

Bringe ihr des Herrn Befehl!“

Und der Seraph weit ausbreitet
Er die Flügel um sich her,
Daß der Schatten mit ihm schreitet

160
Und die Nacht so tief und schwer.


Ihn soll nicht ihr Schmerz ergreifen,
Er will sie nicht trauern sehn,
Und vor ihm an ihren Reifen
Mond und Sonne untergehn.

165
Von der neuen Lichter Scheine

Die Geblendeten vergehn,
Als sie freudig und alleine
In ihr eignes Herz gesehn,

Und fand allerlei Gebeine,

170
Die das Licht in ihr erregt,

Fand in sich die edlen Steine
Dunkel schimmernd ausgelegt.

[133]

Und traumwandelnd sie beschleichet
Nun der schlaue Azrael,

175
Und die Träumerin sie reichet

Sieben Staube dem Gesell.

Da er zu dem Ewgen steiget,
Ließ er sie im Schlafe stehn,
Der der Erde hat gezeiget,

180
Daß sie müsse untergehn.


Da den Staub dem Herrn er reichet,
Spricht der Ewge: „Azrael!
Wer das Leben so beschleichet
So vollbringet den Befehl,

185
Der soll alle Seelen leiten

Zu dem Himmel, zu der Höll,
Die sich von dem Leben scheiden,
Todesengel Azrael!“

Und die Erden schärfer scheidend

190
Ließ des Meisters Will entstehn,

Tiere immer höher schreitend
Kriechen, schwimmen, fliegen, gehn.

Und die sieben Erden einet
Er zum Menschen noch zuletzt;

195
Der da lachet und auch weinet

Ward zum Erdherrn eingesetzt.

Ihn haucht an der Herr der Geister,
Hat ihm einen Geist geschenkt,
Daß er ähnlich sei dem Meister,

200
Irdisch lebend göttlich denkt.


Von der Erd zum Sternenkreise
Reicht er, wenn er aufgestellt;

[134]

Sonnen gleich zu Gottes Preise
War das Antlitz ihm erhellt.

205
Ruhend ihm die Stirne reichte,

Wo die Sonne aufersteht;
Ruhend ihm die Ferse reichte,
Wo die Sonne untergeht.

Und die Tiere und die Geister

210
Blieben betend vor ihm stehn,

Glaubten ihn den ewgen Meister,
So war herrlich er und schön!

Doch da sie ihm näher schreiten,
Haben sie ihn erst erkennt,

215
Da er schrie: „Die Herrlichkeiten

Gottes sind ohn Zahl und End!“

Aber Gott sah ihn mit Neide,
Wollte ihn verkleinern gern,
Auf daß künftig unterscheide

220
Man den Diener von dem Herrn.


Ließ vom Schlafe ihn beschleichen,
Den erfunden Azrael,
Zu ihm, zu den irdschen Reichen
Stieg er, daß er ihn bestehl.

225
Machte um viel Ellen kleiner

Und beraubt sein eigen Werk,
Streute um ihn her die Beiner,
Daß er seine Herrschaft merk.

Und da Adam war alleine,

230
Sah die Tiere paarweis gehn,

Wollt der Herr, daß er nicht weine,
Ihm nach einem Weibe sehn.

[135]

Und er rief: „Hernieder steige
In die Tiefe, Azrael!

235
Daß sie dir des Staubes reiche,

Bringe ihr des Herrn Befehl!“

Aber alle sieben Kreise
Waren durch und durch belebt,
Daß den Staub er zu sich reiße,

240
Harten Kampf der Geist erhebt.


Als er in der Nacht ausgreifet,
Griff er in ein Pfauennest,
Und den Vogel hochgeschweifet
Steckt im Wolkengurt er fest.

245
Weiter fassend zu ihm schleichet

Eine Katze augenhell,
Funken sprühen, wenn er’s streichet,
Aus dem glatten Schmeichelfell.

Aus der Wurzel sodann reißt er

250
Belladonna Azrael,

Und Fünffingerkraut; der Meister
Wird schon wissen, was ihm fehl.

Eine Purpurschnecke reichet
Ihm sodann das weite Meer,

255
Und aus seiner Höhle steiget

Basiliskus zu ihm her.

Und mit diesen Sechsen einet
Er den König, der sich hebt,
Und in roter Schminke scheinet,

260
Wenn Merkur bei Sulphur lebt.


Diese böse Sieben reichet
Klug dem Engel Luzifer,

[136]

Der vor ihm im Dunkel schleichet,
Als wenn er die Erde wär.

265
Diese Sieben formt zum Leibe

Nun der Herr, die sonst getrennt,
Gibt dem Adam sie zum Weibe;
Lilith war das Weib genennt.

Adam! Adam! du mußt leiden,

270
Dir ist bös ein Weib gesellt!

Wer mag dich von Lilith scheiden,
Die vom Herrn dir ward bestellt?

Schreiend, widergellend, keifend
Eifert sie und widerbellt,

275
Mit den tausend Augen schweifend,

Die der Pfauenschweif enthält.

Und da heuchelt sie und schmeichelt
In dem weichen Katzenfell,
Und wenn er betört sie streichelt,

280
Kratzt und beißt sie den Gesell.


Nach der Belladonna weisend
Er sie etwas giftig nennt,
Bald auf seinen Wangen beißend
Das Fünffingerkraut entbrennt.

285
Purpur und Zinnober weiset,

Wie es mit der Wahrheit steht,
Wenn der Basiliske gleißend
Aus der falschen Schminke geht.

Ewig waren sie entzweiet,

290
Sie erkannt ihn nicht als Herrn,

Den Schemhamphorasch laut schreiend[1]
Flog sie in die Lüfte fern.

[137]

Da sprach Adam: „Herr der Geister,
Lilith floh aus meiner Welt;

295
Sie will nicht, daß ich als Meister

Über sie sei aufgestellt!“

Gott ließ nun drei Engel reisen,
Die sie fanden überm Meer;
Sie zur Güte hinzuweisen,

300
Machte sie den Engeln schwer.


Und nichts konnte sie erweichen,
Daß sie zu dem Adam kehr,
Und die Engel, daß sie schweige,
Drohn zu stürzen sie ins Meer.

305
Da schwur sie, zur Qual alleine

Sei geschaffen sie zur Welt,
Zu der eignen Kindlein Peine
Sei zum Leben sie bestellt.

Und der Herr sprach: „Ja, so bleib es!

310
Doch, um sie zu bändigen,

Sollen Kinder ihres Leibes
Täglich hundert untergehn!“

Und seit diesen Fluch der Meister
Ließ ergehen für ein Recht,

315
Sterben täglich hundert Geister

Aus der Lilith Urgeschlecht.

Um den Adam zu beschleichen,
Gott sein Haupt in Schlummer senkt,
Stiehlt die Rippe ihm, ein Zeichen,

320
Daß der Mensch denkt und Gott lenkt.


Denn er war durch Schaden weiser,
Scheute sich vor Luzifer,

[138]

Und er geht Werke leiser,
Will nun keine Erde mehr.

325
Und die Rippe wird zum Weibe;

Heva hat er sie genennt,
Sie war Fleisch von Adams Leibe,
Und sie haben sich erkennt.

Ihre Locken zu den Seiten

330
Flocht und schmückte ihr der Herr,

Salbte sie, und tanzend schreiten
Mußte sie zu Adam her.

Tausend Engel, sie zu preisen,
Vor dem klaren Weibe gehn,

335
Singend, spielend sie umkreisen

Rings mit himmlischem Getön.

Und es tanzten rings den Reigen
Sonne, Mond und Sterne fern
Nach der Engel Harf und Geigen

340
Vor der Braut des Erdenherrn.


Während seinen Segen beiden
Reichet gütig nun der Herr,
Zu der Mahlzeit sie zu leiten
Eilten dann die Engel her.

345
Auf dem Tisch von Edelsteine

Da die Hochzeitsspeisen stehen,
Schenkend wohlgekühlte Weine
Engel um die Tafel gehn.

Gott zeigt in dem Paradeise

350
Einen Baum, der hoch aufstrebt,

Spricht: „Die Frucht nehmt nicht zur Speise,
Sie ist tödlich!“ und entschwebt.

[139]

Da er von der Erde weichet,
Von dem Herren zum Geschenk

355
Raphael ein Buch ihm reichet,

Daß er seiner Liebe denk.

Aller Schöpfung Heimlichkeiten
In dem Buch verzeichnet stehn,
Und die Engel aller Seiten

360
Schleichen, in das Buch zu sehn.


Hinter seinem Rücken schreibet
Ab das Buch der Samael,[2]
Luzifer ihn dazu treibet,
Daß auch nicht ein Buchstab fehl.

365
Doch zu viel sitzt seinem Weibe

Bei dem Buche der Gesell,
Und sie schweift zum Zeitvertreibe
Durch den weiten Garten schnell.

Und sie sieht zu ihr herreiten

370
Auf dem ragenden Kameel,

Der sie will zur Freiheit leiten,
Stolz den hohen Samael.

„Wollet mich zum Baum doch leiten“,
Spricht er, „der im Garten steht,

375
Der verboten ist euch beiden,

Auf daß ihr euch nicht erhöht!

Aus des Buches Heimlichkeiten
Hab ich heute eingesehn:
Wer der Früchte ißt, wird schreiten

380
Auf zu Gott, ja gleich ihm stehn.“


Und geführet von dem Weibe
Greift zum Baume Samael;

[140]

Daß er ungetötet bleibe,
Zeigt er essend ohne Hehl.

385
Und das Weib zum Baume greifet;

Aber wehe! vor ihr schnell
Zu der Erde niederschweifet
Todesengel Azrael.

Sie gedacht in tiefem Leide,

390
Daß sie nicht alleine sterb.

„Sterben wir doch besser beide,
Daß kein Weib ihn mehr erwerb.“

Zu dem Mann ist sie geeilet,
Der bei seinem Buche steht;

395
Bis die Sünde er geteilet,

Eher sie nicht von ihm geht.

Und der Herr sah es mit Neide,
Und aus Adams Händen schwebt
Weg das Buch, daß er mit Leide

400
Seinen Blick zu Gott erhebt.


Und er schlug sein Haupt und weinte,
In den Gichon-Fluß sich stellt,
Und so jammerte und weinte,
Daß er bis zum Haupt ihm schwellt.

405
Und der Schimmer seines Leibes

Rostet und wird träg und schwer,
Und es wird zum Fluch des Weibes,
Daß mit Schmerzen sie gebär.

Gott stürzt sie vom Paradeise,

410
Und sie stürzten ab, getrennt;

In der Erde tiefstem Kreise
Adam sich zuerst erkennt.

[141]

Erez Hattachtona heißet[3]
Sie und Welt im finstern Kern;

415
Aber Luzifer beweiset

Sich als einen guten Herrn.

Er schickt zu dem zweiten Kreise
Adamah, den Erdgesell,
Daß den Boden er aufreiße

420
Und das Bergwerk ihm bestell;


Wo er hundert Jahre bleibet.
Lilith drang da zu ihm her,
Und mit diesem bösen Weibe
Zeuget Zwerg und Riesen er.

425
Heva lebt im tiefern Kreise

Mit dem Geiste Samael,
Zeugt mit ihm in gleicher Weise
Geister und Dämonen schnell.

Da bevölkert er die Kreise,

430
Wie er wollte, Luzifer,

Ließ er sie zur Arka reisen,
Die die vierte Erde wär.

Und hier fanden sie sich beide,
Und da sie sich hier erkennt,

435
Ward geboren ihrem Leide

Stolz ein Sohn und Kain genennt.

Und nun stiegen nach der Reihe
Um drei Erden still einher
Bis zur Tebhel alle dreie,[4]

440
Unsre Erde, unser Meer.


Adam hier ein Buch aufschreibet,
Was er unten hat gelernt,

[142]

Und was ihm erinnernd bleibet
Aus dem Buch, das Gott entfernt.

445
Viel vom Bann und Glück der Geister

Ihm die Eva auch erzählt,
Wenig hat ihr starker Meister
Samael vor ihr verhehlt.

Alles in das Buch er schreibet,

450
Alles in dem Buche steht,

Und das hohe Buch es bleibet
Als er stirbt dem Sohne Seth.

Von dem Seth zum Tubalkaine
Hat sich dann das Buch entfernt,

455
Der die harten Eisensteine

Daraus künstlich schmieden lernt.

Jubal lernt daraus der Geigen
Und der Flöten süß Getön,
Und aus seines Stammes Zweigen

460
Alle Pfeifer auferstehn.


Und so steigt es immer weiter
Von Geschlechte zu Geschlecht,
Und auf seiner ewgen Leiter
Stehen alle Künste recht.

465
Mündlich, schriftlich, stets erweitert

Geht es durch die trübe Welt,
Die es mit der Kunst erheitert,
Mit Erkenntnissen erhellt.

Noah schrieb hinein die Reise

470
Durch der Sündflut hohes Weh

Und der Tiere Art und Weise,
Ihrer Sprache A B C,

[143]

Und des Weines Zaubereien,
Und wie man am Firmament

475
Aus der Sterne klaren Reihen

Menschliches Geschick erkennt.

Abram, daß die Kunst mög bleiben
Die Gestirne zu verstehn,
Wollte sie auf Körper schreiben,

480
Die durch Feu’r und Wasser gehn.


Er schrieb sie zum Trost der Seinen
Auf zwei Säulen himmelwärts,
Eine von gebrannten Steinen
Und die andre war von Erz.“

485
So sprach Moles zu dem Meister,

Der in hoher Freude steht,
Daß die Weisheit aller Geister
Nun in seinen Händen steht.

„Aber sag,“ spricht er zum Geiste,

490
„Wie sich deine Mutter nennt?“

„Heva,“ sprach er, „mit mir kreiste
Durch den Vater Samael.

Und du selber, starker Meister,[5]
Stammest von der Lilith her;

495
Dein Urvater, Adam heißt er,

Und der Taufpat Luzifer.

In Ägypten hat verbreitet
Sich dein mächtiges Geschlecht,
Und durch deinen Vater streifte

500
Es herüber ungeschwächt.“


„He! mein Vater, he! wie heißt er?“
Spricht nun Apo zum Gesell.

[144]

„Amber, Amber, lieber Meister,“
Spricht der Hund, „doch ist’s nicht hell![6]

505
Denn es mag die Heimlichkeiten,

Die die Liebe zwirnt und dreht,
Selbst der Teufel nicht entscheiden;
Mancher erntet ungesät.“

Also sprachen diese beiden,

510
Bis es an dem Turme schellt,

Apo zu den letzten Leiden
Einer Kranken ward bestellt.

Und der Geist ward immer dreister:
„Mach, daß sie das Sakrament,“

515
Sprach befehlend er zum Meister,

„Nicht empfängt vor ihrem End!“

Anmerkungen des Herausgebers

  1. [400] Schemhamphorasch, der geheimnisvolle Name Gottes.
  2. [400] Samael, Gift Gottes, ein Dämon.
  3. [400] Erez Hatachtona, die untere Erde, die Gegenfüßlererde.
  4. [400] Tebhel, Erde, Welt.
  5. [400] Hier foppt Moles seinen Meister, indem er ihm die Lilith zur Stamm-Mutter gibt, ihn also als großen Geist, Übermenschen, bezeichnet; aber er demütigt ihn [401] gleichzeitig, indem er ihm nicht einen Dämon, sondern Adam zum Urvater gibt. („Er stammt aus Liliths Geschlecht“ – brauchen viele Dichter als Bezeichnung ungewöhnlicher Abstammung und daher Begabung.)
  6. [401] Amber war nur Adoptivvater Apos, der ja von Tannhus und Zinga erzeugt war. (S. Einführung.)
« Romanze IX: Apo und Moles auf dem Turme Clemens Brentano
Romanzen vom Rosenkranz
Romanze XI: Biondetta in dem Theater »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).