Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Oeltschau

Textdaten
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Autor: M. G.
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Titel: Oelzschau
Untertitel:
aus: Leipziger Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band I, Seite 191–192
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons = SLUB Dresden
Kurzbeschreibung:
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen I 293.jpg
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Oeltschau


das alte Olscnizi, auch Olsnize liegt 4 Stunden südöstlich von Leipzig, 3 Stunden nördlich von Borna, 3 Stunden westlich von Grimma an der Gösel, welche hier eine Breite angenehme Aue bildet, voll der schönsten Wiesen und Acker. Von den Mölbiser Anhöhen gewährt Oeltzschau einen vortrefflichen Anblick. Der Ort grenzt östlich mit Belgershain südlich mit Kemlitz und Mölbis, westlich mit Dahlitzsch und Kleinpetzschau.

Ob Oeltzschau der Ort, seine Entstehung[WS 1] dem dasigen Rittersitze, oder der Rittersitz dem Orte seinen Ursprung verdankt ist unermittelt. Aller Wahrscheinlichkeit nach, hatte in der frühesten Zeit hier eine Ansiedlung der Sorben statt und erst nach Unterjochung derselben durch die Franken und zu ihrer Ueberwachung wurde hier eine Burg oder Schloss erbaut, welches einen Befehlshaber oder Voigte als Wohnsitz angewiesen wurde, der die fürstliche Gewalt handhabte.

Nachdem diese Voigte oder diese Aufsichtsherrn zu einem gewissen Ansehen gelangt waren, versuchten sie es sich in ihrer Besitzung zu erhalten und zu befestigen und dadurch entstand die Verleihung in der Familie.

Ueber den ersten Erbauer von Oeltzschau sind keine sichern Nachrichten vorhanden. Nur so viel steht fest, dass das edle Geschlecht derer von Zehmen schon im 14. Jahrhundert hier, wie in Mölbis, sesshaft war, denen die Herren von Gaudlitz folgten.

Im Jahre 1554 acquirirte Oeltzschau Hans von Holläufer, von welchem es wieder an die Herren von Zehmen gelangte. Dieses altadliche Geschlecht befand sich noch im 18. Jahrhundert im Besitze von Oeltzschau. Denn im Jahre 1751 war Erb-, Lehn- und Gerichtsherr von dieser Besitzung der Kammerjunker C. G. Adolph von Zehmen.

Später gelangte das Gut in die Hände der Familie von Boltenstern, die es bis in die 30ger Jahre dieses Jahrhunderts behaupteten.

Der gegenwärtige Besitzer ist Herr Gustav Krötzsch.

Das Rittergut, zu welchem bis zur Einführung der neuen Gerichtsorganisation nur das Dorf gehörte, wurde mit einem Ritterpferd verdient.

Es befindet sich hier ein geschmackvolles 14 Fenster breites Schloss, welches sich, wie die Abbildung darthut, herrlich ausnimmt.

Die Wirthschaftsgebäude sind in einem vortrefflichen Zustande und die dasige Brauerei ist berühmt seit langen Jahren. Das hier gebraute Bier gehörte sonst zu den beliebtesten Leipzigs und der Umgegend und nur durch Einführung der bayerischen Biere ist das Oeltzschauer in Leipzig selbst einiger Maasen verdrängt worden. Der Ackerbau, die Viehzucht ist eine ausgezeichnete und der Obstbau ein vorzüglicher zu nennen.

Das frühere alte Schloss ist schon im 30jährigen Kriege mit zerstört worden, so dass von der alten Einrichtung, von der alten Anlage desselben keine Spur mehr vorhanden ist.

In diesem unglückseligen Kriege hat überhaupt Oeltzschau viele und harte Drangsale zu ertragen gehabt. Wallenstein berührte Oeltzschau mit seinen Schaaren, die nicht die freundschaftlichsten Gefühle bewiesen und keine schöne Erinnerung den damals lebenden Innwohnern hinterlassen haben.

Blos den Nachkommen wurde mit einem gewissen Anfluge von Stolz erzählt: Wir haben den grössten Mann jenes Kriegs bei uns gesehen, den Mann der mit seiner wunderähnlichen Herrscherkraft über die Menschen alle Hindernisse bewältigte und aus dem Wege zu räumen wusste, die ihm auf seiner Siegesbahn entgegen gestellt wurden. Unbestreitbar [192] ist das, dass Wallenstein eine seltene Grösse eine seltene Erscheinung war und eine Parallele mit irgend einem andern grossen Kriegsmann dürfte schwerlich zu ziehen sein.

Ein Geistesblick zum richtigen Erschauen, ein Muth zum tollsten Wagniss, eine eiserne Willenskraft war ihm angeboren; das Glück begünstigte die natürlichen Anlagen und die Umstände führten die doppelte Kraft auf ein unermessliches Feld des Wirkens.

Grossmuth und Seelenadel, wie bei den Gepriesensten der Helden fehlten ihm nicht, und darum wird er stets der Anstaunung Werth erscheinen.

Diese Anstaunungswürdigkeit hat auch die damals lebenden Oeltzschauer ihr ertragenes Elend vergessen lassen, so dass sie ihren Kindern und Kindeskindern immer nur von dem grossen Manne, von Wallenstein erzählt haben.

Mit dem Ende des 30jährigen Krieges sollte aber das Ende der Prüfungen für unsre lieben Oeltzschauer noch nicht eintreten.

Im Jahre 1719 den 24. Juli ertönte in der Stunde des Nachts die Sturmglocke und bald schlugen die Flammen weithin über mehre Häuser, so dass beinahe der ganze Ort abbrannte.

Auch im Jahre 1813 wurde der Ort heimgesucht von den Leiden des französischen Feldzugs und lange genug litt es an den Nachwehen dieses Krieges.

Nur die vortreffliche Lage des Orts und der Fluren, und der vorzügliche Ackerbau, der hier betrieben wird, hat wieder zur Aufhilfe den Einwohnern gedient, wozu die einzelnen Gerichtsherrschaften ebenfalls stets das Ihrige im reichen Maase beigetragen haben.

Der dasigen Gerichtsherrschaft steht auch das Collaturrecht über Kirche und Schule zu. Eine Kirche war hier schon in den frühesten katholischen Zeiten, welche im Jahre 1017 vom Kaiser Heinrich II. dem Stifte Merseburg einverleibt wurde, nach dem derselbe im Jahre 1064 die Freude der Wiederherstellung des Bisthums genoss, welches der Bischof Giseler als Erzbischof von Magdeburg im Jahre 982 in eine Abtei verwandelte, das Gebiet zerstückelt und alle Urkunden verfälscht und verbrannt hatte.

Diese Einverleibung der Oeltzschauer Kirche unter den Sprengel des Bischoffs zu Merseburg war die Veranlassung zu der irrthümlichen Bemerkung einiger Geschichtsschreiber, dass ganz Oeltzschau früher dem Bisthume Merseburg gehört habe.

Die Stiftslande von Merseburg haben sich nie bis in die hiesige Gegend erstreckt. Solche bestanden vielmehr aus 20 schriftsässigen Rittergütern des Amtes Merseburg, aus 28 im Amte Lützen, aus 24 im Amte Schkeuditz und aus 11 im Amte Lauchstädt; Wohl aber waren mehre Kirchen der hiesigen Gegend dem Sprengel des Bischoffs von Merseburg unterworfen, wie z. B. Mölbis u. a. m.

Die hiesige Kirche ist ein geräumiges schönes Gebäude, wohin blos noch das Dorf Kemliz eingepfarrt ist.

Besondere Merkwürdigkeiten sind in derselben nicht vorhanden.

Oeltzschau gehört nicht mehr wie früher zum Gerichtssprengel von Leipzig, sondern zum Gerichtsamte Rötha und zählt jetzt in seinen 83 Gebäuden 473 Einwohner, welche dem Bezirksgerichte Borna einverleibt und dem Amtshauptmannschaftlichen Bezirke von Borna und der Kreisdirection Leipzig zugetheilt sind.

M. G.     



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Enstehung