Ritter von Bayonne an Emma

Textdaten
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Autor: Karl von Lackner
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Titel: Ritter von Bayonne an Emma
Untertitel:
aus: Neue Thalia. 1792–93.
1792, Erster Band,
S. 413–420
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
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[413]
VIII.
Ritter von Bayonne.
an
Emma.


Emma! denkst du noch der Rosenzeiten?
Da wir keines Erdenglücks uns freuten,
Als des Glückes treuer Liebenden.
Da wir noch von tausend wundersüssen

5
Reinen Lustgefühlen hingerissen

Durch das stille Hainthal wandelten;
Bis wir uns ermüdet in der Halle,
Oder an dem kleinen Wasserfalle
Bey der alten Eiche lagerten.

10
Wo du dann, von meinem Arm umschlungen,

Mit des wonnevollsten Herzens Drang
Manch hinschmelzend Lied der Liebe mir gesungen,
Daß ich von dem Zauberklang
Deiner Silberstimme süß durchdrungen,

15
Meiner unbewußt ans Herz dir sank,

Und ins Paradies entzücket an der Fülle
Deines Busens Götterwonne trank,
Und der Mond aus seiner Wolkenhülle
Freundlich trat, und schien, als horcht’ er zu:

20
Da verklang dein Lied in feyerlicher Stille,

Da entglitten uns der Freudenthränen viele,
Und so selig waren Ich und Du! –

[414]

Aber ach! wie leicht, wie leicht verschwinden
Die Gebilde süsser Phantasie,

25
Die mit reitzender Magie

Unsre Sinnen sanft umwinden;
Und wie bald verwünschen wir die Welt,
Welcher wir ob ihren Freuden
Noch so gut sind, wenn ein Tropfen herber Leiden

30
Unsers Lebens Taumeltrank vergällt,

Wenn des frohen Wahnes mürbe Mauer
Durch des Schicksals Wink zerfällt,
Und ein Angstgefild in Weh und Trauer
Unsern Blicken sich entgegenstellt.

35
Wenn wir hellern Auges sehen müssen,

Daß sich Mörder in der Freundschaft Banden küssen;
Daß der größten That Unsterblichkeit,
Nur in langsamrer Vergänglichkeit,
Modert, wie die Helden in den Krüften.

40
Daß der Liebe Kelch, den uns ein Mädchen beut,

Dessen Trank uns reitzt mit zauberischen Düften,
Einen Augenblick berauschet, um die Zeit
Unsers ganzen Lebens zu vergiften.
Daß die Wohlthat zu der Dankbarkeit

45
Ungehört um Gegenhülfe schreit

Aus des eignen Abgrunds unwirthbaren Klüften:
Daß es keinen Glücklichen hier geben kann,
Wenn nicht Wahn und Zufall ihm die Augen schließen.

[415]

Einstens wähnt’ ich auch viel Freuden zu genießen,

50
O, da war mir noch mein Himmel aufgethan!

Da entfloh die Zeit mit Flügeln an den Füssen,
Da verträumt’ ich hochbeglückter Mann
Noch mein Wonneleben unter deinen Küssen.
Aber du, – mein Weib – ach Emma Du!

55
Hast ermordet meiner Seele Ruh’,

Hast die Binde mir vom Aug gerissen.

Dreißig düstre Monden trug die Zeit
In das Meer der dunklen Ewigkeit,
Seit dem letzten Tag voll Seligkeit,

60
Da ich wähnend, Kaiser müßten mich beneiden,

Nimmersatt am Glück der Liebe mich zu weiden,
Himmeln träumend noch in deinen Armen schlief,
Als mich Friederich zum Zuge gen die Heiden
Für das heilge Grab in Palestina rief,

65
Und der Ehre Sporn mich zwang von meiner Freuden

Quell, von meinem Himmelreich zu scheiden. –
Emma! denkst du noch der Küsse von uns beyden?
Noch der Thräne, die von meiner Wange lief?
Unterdrückend das Gefühl des Schmerzens,

70
Und mich schämend meines Weiberherzens,

Schwang ich blindbetäubt mich auf mein Roß;
Flog beym Augenblick der Ueberwindung
Mit verhülltem Haupt aus meinem Schloß,
Jagte fort im Sturme der Empfindung,

75
Bis des Abends Dunkel mich umfloß.

Dann erst wurd’ ich der Beklemmung wieder los,
Und des Blutes flammender Entzündung.

[416]

Lechzend sank ich an der Save Mündung
Von dem Pferde hin auf feuchtes Moos;

80
Lieb und Ehre traten in Verbindung,

Und die Ruhe nahm mich auf in ihren Schooß.

Emma, dacht’ ich, wirst du wieder sehen,
Eh sich Erd und Mond um unsre Sonne drehen:
Emma’s ist kein Weichling werth.

85
Zeuch, du Zager, hast du nicht ein Schwert,

Soll dein Nam’ in Schanden untergehen?
Zeuch, wohin man dein als Rittersmann begehrt,
Emma’s ist kein Weichling werth.

Und, Aurora, stieg empor am Himmelsbogen. –

90
„Auf! zu Pferd! Jerusalem liegt dort!“

Sprachs: und Erd und Himmel flogen
Unter über mir wie Luftgesichte fort.
Bald erreicht’ ich den bestimmten Ort,
Wo die Christenheere gleich den Meereswogen,

95
Kaiser Friederich und seine Ritter zogen.


Ha! wie viele sahn denn auch das Grab
Unsers Heilands und die Heimath wieder?
Tausend, wieder tausend meiner Brüder
Drückte Todesnoth zu Grabe nieder,

100
Ich nur stürzte nicht hinab;


Was das Schwert nicht fraß, das starb in Hungerswehen;
Dorrte wie des Grases Halmen ab,
Ich nur konnte nicht mit untergehen:
Gott, wie unbegreiflich dein Gericht! –

105
Wo vom Blut der Christen Bäche flossen,

Hab auch ich mit ihnen meins vergossen,

[417]

Sank mit ihnen, starb mit ihnen nicht.

Fiel in Sklavenketten der Barbaren,
Wo man alles mir nur nicht das Leben nahm,

110
Ward gebeugt, und nicht erwürgt vom Gram;


Brach die Ketten mit des Tods Gefahren
Sollte nicht entkommen, und entkam;

Hatte Flutentod für Sklaventod zu wagen,
Warf mich in den Ozean und schwamm

115
Einen flotten Nachen zu erjagen.

Flog im Sturm seit sieben grausen Tagen,
Ward gen Nord, Ost, Süd und West geschlagen,
Krümmt’ und kümmerte mich hin in Todesklagen:
„Sterben! sterben! stöhnt’ ich aus erstorbnem Mund.

120
Die Natur will mich erlösen meiner Plagen;

Eine Wooge kömmt im Wirbelsturm daher,
Faßt und dreht mich, um an Klippen im zerrißnen Meer
Die vom Abgrund mir entgegen ragen,
Meinen Schädel in Splitter zu schlagen. –

125
Aber sieh des härtern Schicksals Hand

wirft mit mir die Wooge hin ans Land.

Ah, ich kam zurück vom Grabesrand,
Um auf einem Eiland zu verderben;
Doch umsonst, hier sollt’ ich noch nicht sterben.

130
Durch ein Schiff, das ich am Ufer fand,

Das an Bord mich nahm, erreicht’ ich Spaniens Küsten;
Froh erblickten wir das erste Land der Christen;
Als Torgosas Ufer unsre Nachen küßten.

[418]

Sprangen wir ans Ufer, ich verschwand;

135
Zog durch Arragoniens dürren Sand,

Trieb mich hungernd durch Navarras Wüsten
Und nach langen jammervollen Fristen
Kam ich schmachtend, sterbend in das Land,
Wo ich Leben sog an meiner Mutter Brüsten.

140
Tiefe todte Mitternacht umwand

Meinen Blick mit dicken Finsternissen:
Eilend wankt’ ich auf den ungewissen
Pfaden hin mit vorgestreckter Hand;
Rang mich durch von Ast und Dorn gerissen,

145
Bis ich hingewelkt zu Boden sank,

Und den kalten Nachtthau durstig trank.

Aechzend lag ich zwischen Tod und Leben,
Und noch sterbend, Emma, dacht’ ich dein.
Plötzlich wird es lauter in den Wüsteneyen

150
Töne vom Geklirr und Hufestampfen beben

Mir ins Ohr, die Nacht verschlingt ein Fackelschein;
Ich ermanne mich mein Haupt empor zu heben
Moruan, mein Feind, von Reisigen umgeben,
Steht vor mir. „Was!“ ruft er, „soll das seyn?

155
Heinrich du? – Liegt nicht in Syrien dein Gebein

Deine Seele scheint am Thor des Tods zu schweben.“
Sprachs im Spott, „drum helf ich ihr hinein.“ –
Flüche hatt’ ich auf den starren Lippen,
Doch der Bube stieß sein Schwert mir durch die Rippen.

160
Dreymal dunkler wards mir um den Sinn,

Und ich starb in Todesohnmacht hin.

[419]

Meines Jammers Kelch war noch nicht ausgetrunken,
Ha! drum bin ich zur Verwesung nicht gesunken.
Von des Grabes Schauerschlaf erwacht’ ich, fand

165
Mich in eines frommen Clausners Zelle,

Der die Todeswunde mir verband. –
Schwer entrang ich mich der Ewigkeiten Schwelle.
Plötzlich warf von sich der Greis das Mönchsgewand,
Und mein guter alter Treuhold stand

170
Wie gezaubert an des Clausners Stelle. –

Weinend drückt’ er mir die Hand.
Werde stumpf Empfindung! fleuch Verstand!
Eine Nachricht fuhr aus Treuholds Kehle,
Wie ein Wetterschlag in meine Seele.

175
Hitze, Durst und Hunger warf mich nicht ins Grab,

Tausend Feindesschwerter konnten mich nicht tödten,
Brechen sollt’ ich halbverkümmert meine Ketten,
Mich mit Todsgefahr vom Sklaventode retten,
Stürzen in des Meeres Schlund hinab,

180
Das mich brüllend wieder von sich gab,

Schmachtend sollt’ ich, reif zur Sterbestunde
Meine Heimath, und nach einer Todeswunde
Dieses Leben wieder sehn,
Um in Schmerzen der Verzweiflung zu vergehn.

185
Emma, du bist Moruans Weib? Den Segen,

Den ein Gottverlaßner Pfaff verwegen
Ueber dieses Band am Altar sprach,

[420]

Trift des Himmels Fluch. In Moruans Armen, ach!
Nimmer möglich, daß dieß Weib die Treue brach,

190
Das an Franken Heinrichs Brust gelegen.

Aber wenn es möglich – wenn es wirklich ist,
Moruans Weib! drey Tage hast du Frist.

Zwar fast stürz’ ich unter meines Schicksals Schlägen,
Doch mein wacher Grimm, der jede Nerv’ durchpocht

195
Und so heiß in meinen Adern kocht

daß sich stürmisch meine Pulse regen,
Flügelt mich empor: In ganz Guyenne tönt
Schon mein Nahme, meiner Rache Fackel lodert,
Wer als Freund mich Heinrich von Bayonne kennt,

200
Den nicht selbst ein Laster auf der Seele brennt,

Wem nicht jeder Keim von Ehr’ im Busen modert,
Wird erscheinen, wenn mein Ruf ihn fodert.

Als Verderber komm’ ich dann mit Speer und Wehr,
Euer Todesengel schreitet vor mir her,

205
Dir im Arm, in deinem Brautbett will ich tödten

Deinen Buhlen, dich an seinem Leichnam ketten,
Dann hinab mit dir und ihm hinab
In ein ödes nie besuchtes Grab,
Das verirrte Wandrer nur betreten.

210
Sterben, sterben muß, verworfnes Weib,

Dein geschändetes Gedächtniß wie dein Leib. –
Doch für deine Seele will ich beten.

K. von Lackner.