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Textdaten
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Autor: Carus Sterne
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Titel: Rettig und Radieschen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 846, 848–849
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Zeugen für die Darwin’sche Theorie.
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[846]
Rettig und Radieschen.
Als Zeugen für die Darwin’sche Theorie.


Es vergeht in unserer Zeit beinahe keine Woche, in welcher nicht neue Zeugnisse für die Richtigkeit einer Theorie eingebracht würden, der unter allen Entdeckungen, allen wissenschaftlichen Fortschritten unseres Jahrhunderts der erste Rang gebührt. Die Naturforscher der verschiedensten Glaubensbekenntnisse und philosophischen Richtungen endigen, nachdem sie sich dem eingehenden Studium irgend einer Thier- oder Pflanzenclasse hingegeben, fast ohne Ausnahme mit der Erkenntniß der Thatsache, auf welcher die Darwin’sche Theorie beruht: es giebt keine wirklichen, beständigen Arten in der Natur, sondern nur Uebergänge. Wir überlassen es gerne Denen, welche die alle Tradition überragende Erhabenheit der Natur- und Gottesanschauung, die diese Theorie ihren Anhängern eröffnet, nicht zu erfassen vermögen, sich an diesen Fortschritten der Erkenntniß zu ärgern, das aber tritt unleugbar hervor, daß das Häuflein der Darwin-Gegner unter den Naturkundigen – der Andern Meinung fällt nicht in’s Gewicht – mit jedem Jahre mehr zusammenschmilzt.

Darwin wurde bekanntlich in seinen Ansichten am meisten bestärkt, oder gar erst auf dieselben geführt, durch das Studium der außerordentlichen Veränderungen, denen Pflanzen und Thiere im Zustande der Zähmung und Züchtung unterliegen. Wir wissen Alle, daß Thierzüchter und Gärtner durch eine geschickte Benutzung des freiwilligen Variirens in der Zuchtwahl förmlich nach Belieben neue Racen und Formen, die zuweilen in’s Unendliche gehen, erzeugen können, Alle die unzähligen Formen der Haustaube stammen wahrscheinlich von einer einzigen wilden Stammart ab, und ebenso die bis zur Unähnlichkeit verschiedenen Gemüsesorten, welche, mit der Endsilbe Kohl gekennzeichnet, unserem Speisezettel im Winter selten fehlen. Meistens sind die Veränderungen, welche die Cultur bewirkt, so tiefgehend, daß wir die Stammformen unserer Hausthiere und Gartenpflanzen kaum wiederzuerkennen im Stande sind. Die kleine Meerstrandpflanze, welche man für die Urgroßmutter der Familie Kohl ansieht, hat weder mit Kopfkohl und Kohlrabi noch mit Blumen-, Wirsing-, Kraus- oder Rosenkohl, und wie sie sonst noch heißen mögen, irgend welche nähere Aehnlichkeit. Gleichwohl hat man gerade die Züchtungserfolge als Beweismittel gegen die Darwin’sche Theorie anzuwenden gesucht, indem man anführte, die Züchtung sei durchaus nicht im Stande gewesen, wirklich tiefgehende Veränderungen hervorzurufen, sie habe in den beinahe fünftausend Jahren, durch welche man ihre Erfolge vergleichen könne, viel zu wenig geleistet. So zum Beispiel gelinge es dem Gärtner nicht, diejenigen Organe zu verändern, welche dem Botaniker die Hauptkennzeichen der Arten und Gattungen liefern, seine ganze Kunst erschöpfe sich an der Geschmacksverbesserung der Blatt-, Stengel-, Wurzel- und Fruchttheile, an der Vermehrung und [848] Vergrößerung der Blüthen. Aber die Blüthen- und Fruchtbildung an sich sei bei dem Blumen-, Wirsing- etc. Kohl im Wesentlichen dieselbe geblieben, wie bei der erwähnten Meerstrandpflanze. Das ist in den meisten Fällen zutreffend, aber auch sehr leicht dadurch zu erklären, daß die Gärtner ihr Augenmerk eben nur auf Erzielung eines guten Obstes oder Gemüses resp. schöner Blumen gerichtet hatten und nicht auf Erzeugung neuer Gattungen. Uebrigens kommen zuweilen auch in den wichtigeren Unterscheidungs-Charakteren sehr wesentliche Abänderungen bei Culturgewächsen vor, wie wir an Mandel und Pfirsich sehen können, welche die meisten neueren Botaniker zwar als unähnliche Brüder, aber im Wesentlichen als Kinder eines Vaters anzusehen beginnen.

Bei dieser Lage der Sache ist nun eine Beobachtung sehr interessant, welche in den letzten Jahren gemacht worden ist, die Verwandlungsfähigkeit einer als Wildling und als Gartengewächs uns Allen gleich bekannten Pflanze betreffend, die Entdeckung, daß der verhaßte Knoten-Hederich unserer Felder und der geliebte Rettig unserer Gärten nur Formen einer und derselben Pflanze sind. Daß der Letztere seinerseits von dem Radieschen und ähnlichen Unterarten nur leicht verschieden ist, erkennt jeder Gärtner aus den häufig vorkommenden Formübergängen. Zwei Umstände scheinen uns diese Beobachtung für die überzeugende Darlegung in weiteren Kreisen besonders geeignet zu machen, einmal weil sie die Umwandlungsfähigkeit einer Pflanze in eine andere zeigt, welche in den wichtigeren Charakteren so von ihr verschieden erschien, daß sie die strengeren unter den neueren Botanikern nicht einmal in dieselbe Gattung setzen wollten, zweitens, weil Jeder im Stande ist, diese beiden Pflanzen miteinander zu vergleichen oder wohl gar den Versuch zu wiederholen. Im Totaleindruck ist zwar eine ziemlich bedeutende Aehnlichkeit zwischen den beiden Gewächsen nicht zu verkennen, dieselbe beweist aber um so weniger, weil die meisten Angehörigen der Familie der Cruciferen, zu denen auch Kohl, Senf, Meerrettig etc. gehören, eine große habituelle Uebereinstimmung zeigen.

Auch der Umstand, daß der Hederich ebenso häufig blaßgelbe als weiße und violettgeaderte Blüthen, wie der Rettig, hervorbringt, fällt nicht in‘s Gewicht. An den Früchten jedoch, die gerade bei dieser Familie die wichtigsten und zuweilen einzigen Unterscheidungsmerkmale bieten, zeigt sich eine große Verschiedenheit. Der Hederich trägt jene bekannte, anderthalb bis zwei Zoll lange, dünne, mit einem ansehnlichen Schnabel versehene Schote, deren einzelne Abtheilungen bei der Reife tief eingeschnürt und rosenkranzartig aneinander gereiht sind, sich übrigens leicht trennen und je einen glatten Samen enthalten. Diese getrennten Fächer bilden bekanntlich eine der lästigsten Verunreinigungen unserer Feldsämereien (namentlich der Erbsen, Linsen etc.) und man hat sie, wiewohl unschuldig, verdächtigt, daß sie an der sogenannten Kriebelkrankheit Schuld trage, die früher öfter epidemisch im Lande auftrat. Radieschen und Rettig dagegen bringen eine fast gar nicht geschnäbelte, kegelförmige, markig geschwollene Schote hervor, die bei der Reife nicht in einfächerige Querabtheilungen zerbricht, sondern vielmehr durch eine Längsscheidewand in zwei Abtheilungen geschieden ist. Die Samen sind außerdem nicht glatt, sondern runzlig. Diese Unterschiede in der Fruchtbildung sind so auffallend, daß zahlreiche neuere Botaniker es nicht mehr haben übers Herz bringen können, die beiden Pflanzen mit Linné als verschiedene Arten Raphanus Raphanistrum und Raphanus sativus) derselben Gattung zu betrachten, sondern die erstere zum Range einer besonderen Gattung (Raphanistrum) erhoben haben.

Die Nachforschungen nach Abstammung und Heimath unserer beiden gaumenreizenden Gemüse haben größtentheils nach Ostasien geführt. Rettig wie Radieschen waren den Griechen und Römern bekannt und der Name, welchen die Letzteren allem Wurzelgemüse beilegten (Radix), ist wenigstens dem Radieschen erkennbar verblieben. Allein die aus dieser Bekanntschaft der Alten hergeleitete Vermuthung, daß die Stammpflanze am Mittelmeer wild wachsen möchte, hat sich nicht bewährt. Dagegen will Thunberg den Rettig in Japan wildwachsend bemerkt haben. Sicher ist, daß er in China und Indien in zahlreichen Varietäten gebaut wird, unter denen besonders eine bemerkenswerth ist, weil ihre Früchte mit denen des Knotenhederichs größere Aehnlichkeit besitzen als unser Rettig, so daß sie beinahe als Mittelform gelten könnte. Es ist dies eine besonders auch auf Java gebaute Abart mit langgeschnäbelten eßbaren Schoten (Raphanus caudatus), wozu noch eine erst neuerdings bekannt gewordene Abart, mit gegliederten Schoten wie Hederich, gekommen ist.

Den Hederich findet man in Europa stets nur in Aeckern und Gärten, also auf cultivirtem Boden, dagegen fand ihn von Siebold in Japan wild wachsend. Alle diese Umstände mochten den Verdacht rege gemacht haben, daß am Ende doch der Rettig mit dem Hederich nähere Beziehungen habe, und der Garteninspector Carrière am Jardin des Plantes in Paris begann vor einigen Jahren Versuche zur Entscheidung dieser Frage anzustellen. Er nahm mit großer Vorsicht Samen von Hederichpflanzen, die fern von Paris und von allen Rettigfeldern gewachsen waren, um jede Wahrscheinlichkeit einer Bastarderzeugung auszuschließen, und säete ihn im September an verschiedenen Stellen aus. Vor Eintritt des Frostes nahm er die Pflanzen aus der Erde, suchte diejenigen heraus, welche die fleischigsten Wurzeln zeigten, schnitt die Blätter bis auf die jüngsten unentwickelten, das sogenannte Herz, weg, und überwinterte die Pflänzchen an einem frostfreien Orte.

In den ersten Frühlingstagen pflanzte er sie wieder ein, nahm von den kräftigsten Pflanzen Samen und wiederholte mit ihnen viermal diese Züchtungsversuche. Nachdem er so durch vier Generationen stets nur die Pflanzen mit den dicksten Wurzeln zur Samenzucht ausgewählt hatte, gelang es ihm in dieser verhältnißmäßig außerordentlich kurzen Zeit, die dünnen Wurzeln des Hederichs in ein ansehnliches Rübchen zu verwandeln. Er erzog darunter mehrere Varietäten, die sich der Form und Farbe nach entweder mehr der rübenförmigen Gestalt des Rettigs oder der zwiebelähnlichen des Radieschens näherten. Ebenso fiel der Geschmack verschieden aus, bei einigen mehr süß und mild, bei anderen schärfer. Aber da die Gestalt der Schoten dieselbe blieb wie beim wilden Hederich, so glaubte Carrière keineswegs, echte Rettige oder Radieschen erzeugt zu haben, er nahm vielmehr das Verdienst in Anspruch, unsern Nachtisch mit einem neuen Wurzelgemüse bereichert zu haben.

In der That konnten diese Versuche nicht als ein Beweis der Abstammung des Rettigs vom Hederich gelten, denn das Fleischigwerden irgend eines Pflanzentheils unter der sorgsamen Pflege des Gärtners beweist gar nichts. Beim Kohlrabi schwillt der untere Theil des Kohlstrunks dicht über der Wurzel kugelförmig an, ohne daß das einen Grund gäbe, die Pflanze als vom Kopfkohl botanisch verschieden zu betrachten, und bei unseren Kunstrettigen würde dasselbe Verhältniß sein. Ich will diesen Anknüpfungspunkt benützen, um zu erwähnen, daß die Botaniker Dasjenige, was wir vom Rettig und Radieschen essen, nicht als Wurzel, sondern als angeschwollenen Stammtheil betrachten; die Wurzel selbst bleibt dünn und wird beim Gebrauche weggeworfen. Daher erscheint es uns auch ganz in der Ordnung, daß manche Rettige wie der Kohlrabi (der seine Stammnatur deutlicher durch die an seinem Umfange entspringenden Blätter beweist, statt in den Boden hinein, über denselben hinauswachsen, als wollten sie sich gegen die Verdächtigung, Wurzeln zu heißen, feierlichst verwahren. Denn auch der Name Rettig dürfte seine Wurzel wie Radieschen in dem Worte radix zu suchen haben. Den Liebhabern dieser Pseudowurzeln, die meistens unter den Gourmands zu finden sind, wird es angenehm sein, auf eine Eigenart aufmerksam gemacht zu werden, die gleichsam den Beweis zu liefern scheint, daß Rettig und Radieschen nicht als solche geboren wurden. Man bemerkt jedesmal am Halse der Rübe zwei herabhängende Anhängsel wie Schlipszipfel, die mehr oder weniger verrottet zu sein pflegen. Es sind dies die Reste der primären Rinde, welche auf ein derartiges Embonpoint nicht eingerichtet war und daher bei Eintritt dieser Körperfülle auseinandergesprengt wurde. Die neue Rinde fügt sich dann besser dem Drange, in die Breite zu wachsen, obwohl es bei alten Rettigen selten ohne einige Längsrisse in der erdschwarzen Haut abgeht.

Die Versuche Carrière’s mußten, zusammengehalten mit dem Vorkommen der obenerwähnten Zwischenformen, obwohl sie wie ähnliche von Herincq angestellte Züchtungen keinen Beweis liefern konnten, doch wenigstens die Botaniker stutzig machen. Sie wurden daher fortgesetzt, und das eigentliche Experimentum crucis, der Nachweis, daß die Querbrüchigkeit der Hederichschote [849] kein beständiges Merkmal ist, glückte im Sommer vorigen Jahres dem berühmten Pflanzengeographen und Klimatologen Professor H. Hoffmann in Gießen. Er hatte ebenfalls seit vier Jahren Hederichpflanzen in einer abgelegenen Ecke des dortigen botanischen Gartens cultivirt und hatte die Freude, außer mehreren Uebergangsformen an zwei Pflanzen echte Rettigfrüchte zu erziehen. Da er den Verdacht, daß eine Hybridation mit Rettigpflanzen vorgekommen sein könnte, bei seinen Versuchen für ausgeschlossen hält, so dürfte damit der Beweis erbracht sein, daß die beiden Pflanzenformen, die man sonst als Angehörige zweier verschiedener Gattungen betrachten zu müssen glaubte, sogar einer und derselben Art angehören. Der letztere Umstand, die Verwandlung einer bis dahin für völlig beständig gehaltenen Fruchtform in eine sehr unähnliche, macht diese Entdeckung lehrreicher und beziehungsweise ärgerlicher als irgend eine ähnliche; sie gleicht einem Sprunge, der in rein morphologischer Beziehung vielleicht größer erscheint als der vom Menschen zum Affen. Die Gläubigen, die nichts von der Verwandlung der Arten wissen wollen, sondern sie alle für von Ewigkeit an unverändert halten, wie sie erschaffen worden sind, werden behaupten, der Teufel selber habe dem Professor Hoffmann ein paar Rettigfrüchte an die Hederichpflanzen gesteckt, nur um die Menschen zum Irrthum zu verführen. Bewahrheiten sich – wie wir nicht zweifeln – diese Versuche, und ist nicht etwa doch eine Blumenstaubvermischung vorgekommen, wie bei der vermeintlichen Verwandlung des Aegilops in Weizen, von welcher ehemals so viel Lärmen gemacht wurde, so wird der Rettig eins der wirksamsten Beweismittel für die Darwin’sche Theorie geben und wir müssen ihn künftig nachdenklicher und mit mehr Verstand genießen als bisher.

Carus Sterne.