Reisebriefe 3

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Autor: Alexandre Weill
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Titel: Reisebriefe 3
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aus: Die Grenzboten (1841/1842), 1. Jg., Band 1, S. 128–130
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Erscheinungsdatum: 1841
Verlag: Herbig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Band 1: SUUB Bremen = Commons
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Reisebriefe.
von
A. Weill.
3.


Paris.     


Ist es gut zu reisen oder nicht? fragte man einst Rousseau. — Darauf, versetzte er, kann ich nicht antworten, fragen Sie mich aber, ob es gut sei gereist zu haben, und ich antworte Ihnen kühn mit einem Ja. Ich möchte dasselbe von Deutschland sagen, wenn man von Paris dahin und von dort aus wieder zurück geht. Nicht alle Bemerkungen, die man macht, erfreuen das Herz; das Feuer, das leuchtet und erwärmt, brennt auch sehr oft. Hier sieht man die Vortheile Deutschlands, in Deutschland die Frankreichs, und namentlich der Stadt Paris. Aber gut ist es, wenn man von Zeit zu Zeit sich aus dem gewöhnlichen Schlendrian des materiellen und geistigen Lebens einer Nation herausreißt, um sich in einer anderen Sphäre zu bewegen. Der Geist gewöhnt sich nur zu leicht an die Denkungsart seiner anregenden Umgebung. Der Geist soll und muß reisen, eher noch als der Körper, sonst wird er zum Sklaven der Vorurtheile, zum Despoten seiner Umgebung, besonders so lange Bücher und Zeitungen nur existiren, um das, was man denkt, unter Phrasen zu verbergen. Ich weiß nicht, ob es gut ist in Deutschland zu leben, aber es ist gut darin gelebt zu haben, ich möchte noch hinzufügen, es ist gut, darin zu sterben.

Das Erste, was dem Reisenden aus Frankreich in Deutschland auffällt, ist das Langsamfahren der Posten. Schon im Elsaß fühlt man das. Man sieht gleich, daß man im Lande der Vorsicht ist, fast hätte ich gesagt der Vorsehung.

Das Zweite ist die Frische auf den Gesichtern der jungen Welt; besonders der Mädchen. Dagegen bemerkt man zugleich, daß die Frauen auffallend sich vernachlässigen. Es ist einem deutschen Weibe fast unmöglich sich als Mädchen auszugeben. In Frankreich ist man gewöhnt, alle Mädchen a priori mit Madame anzusprechen, und die Weiber werden umgekehrt wie Mädchen behandelt.

Bei den Männern in Deutschland fällt es auf, daß sie entweder geputzt oder nachlässig gekleidet gehen, in Frankreich ist man nie geputzt, aber immer elegant gekleidet.

In Deutschland sind die Klassen der Menschen, oder besser, die Menschen der Klassen, durchaus verschieden von einander. Daher das Steife, sogar auf der Straße. Der Mensch denkt immer an sein Amt und an seine Cravatte. In Frankreich gibt'S keine Klassen, blos Menschen oder Unmenschen; aber beisammen scheinen letztere sogar menschlich, da sie ihre Laster liebenswürdig zu machen suchen. Dies sind freilich oberflächliche Bemerkungen, Frausnbemerkungen, wenn Sie wollen, aber sie sind nichts desto weniger wahr. Eine jede Nation hält sich für die vollkommenste, der Deutsche aber hat einen andern Stolz, er hält sich für den Bescheidensten, und das ist oft der unerträglichste Stolz von Allen.

Die Sitten eines Landes sind bessere Gesetzbücher als alle Coden und Pandekten, und alle Vor- und Nachtheile entspringen ihnen. Es gibt in einem Staatsleben nichts Kleines und Geringfügiges. Alles verkettet sich in Eins zusammen; der Strickstrumpf, die Toilette, die Küche, der Betschemel, das Lied, das Buch, das Journal, bis zur That, alles hängt an einem Faden und trägt zum Ganzen bei.

Einigen anspruchslosen Bemerkungen, die ich flüchtig in mein Notizenbuch eingetragen, mögen Sie den Raum in Ihrem Blatte nicht versagen.

Baden-Baden krümmt sich wie eine Schlange zwischen Berg und Fels hin. Wies¬ baden hingegen schläft an einem Hügel, wie ein unschuldiges Mädchen, das im Herzen eine heißsprudelnde Leidenschaft trägt. Baden-Baden ist ein Dorf, Wiesbaden eine Stadt. Ersteres Bad hat den ungeheuern Vortheil, daß die Gäste weder Frankfurter, noch Mainzer sind, die sich einander kennen und sich einander langweilen. In Baden-Baden ist freies Leben, lebendige Conversation, ein wirkliches Klein-Paris; in Wiesbaden ist alle Sonntag und Mittwoch Kirmeß. Lewald hat eine der reizendsten Wohnungen in Baden. Es würde der Europa nicht schaden, wenn er einmal seine Haushaltung selbst darin abgravieren ließe.

Carlsruhe ist das langweiligste Städtchen zwischen Wald und Sand, das ich kenne. Wenn man am Schlosse ist, kömmt es einem vor, wie eine Commode, jede Straße eine Schublade drin. Wären die Straßen nicht so breit und die Stadt mehr auf die Schnur gebaut, dann wäre es hübsch. Wann werden unsere Baumeister einsehen, daß die Alten mehr verstanden haben als sie, und daß eine Stadt keine Caserne ist. Das kleinste alte Städtchen ist interessanter, schöner, als die neuen großen Städte. Breite Straßen für eine kleine Stadt ohne Menschen! das ist lächerlicher, als wenn ein Knabe Riesenhosen trägt.

Niklas Becker in Cöln, ist ein schlanker, eben nicht sehr reizender Deutscher, verschönert durch eine Brille und durch ein gutes Gemüth. Die Natur hat ihn zum Ehemann geschaffen, der Rhein machte einen Dichter aus ihm.

Zu Mainz lernte ich den liebenswürdigen Moriz aus Stuttgart kennen, der einzige deutsche Künstler, der auch ein Urtheil über Literatur hat. Daß Deutschland Künstler hat wie Moriz, die weit mehr als Schauspieler sind, tröstete mich mit seiner Zukunft. Moriz hat Stoff genug in sich für einen Diplomaten, und oben drein ist er noch ein guter Patriot und hat Weltkenntniß. Ich habe eine glückliche Stunde mit ihm verbracht und die ganze Nacht darauf nicht geschlafen.

Eine Frage beschäftigte mich sehr, als ich den Rhein herabfuhr. Wie kömmt es, daß die schönsten Städte grade auf dem linken Rheinufer liegen. Für einen Gelehrten gäbe das Stoff und Gelegenheit zu einem dicken Buche.

Es sind gerade drei Monate als ich Paris verließ; instinktmäßig trieb michs nach Deutschland. Andere mögen nach Italien, nach der Schweiz reisen. Ich suche weder Berge, noch schöne malerische Punkte, noch Alterthümer, Menschen suche ich, und in ihnen Geist, und im Geiste Bewegung; denn die Bewegung ist das Element des Geistes, ist seine Ruhe, so wie das Wiegen dem Kinde, so wie der Fisch nur in dem Heben und Schweben der Welle sich ergötzt und sich behaglich fühlt. Wo Menschen und Geist sind, da ist alles schön, ein Stück Holz, ein Galgen wird zum Tempel, zur Fahne der Menschheit, wenn ein Jesus daran stirbt. Der Mensch heiligt Alles; Gott wäre Gott nicht, hätte er nicht den Menschen erschaffen, damit er ihn lobe, mit ihm aber auch streite und kämpfe. Ja, es scheint vielmehr, als schuf er ihn nur, um mit ihm zu kämpfen, was so schön und so oft in der Bibel angedeutet ist.

Die politischen Diskussionen über Frankreich, haben in Deutschland einen musischen Boden, wahrscheinlich wegen der phrasenhaften Correspondenzartikel, womit die deutschen Journale von hier aus, fast von lauter Handlangern, angefüllt sind, man sieht weder die Lage Frankreichs, noch die soziale Bewegung darin mit rechten Augen, und hält die Debats für ein Orakel. Ich habe es oft schon gesagt, daß die wahren Interessen Frankreichs gar kein Organ haben, weil die großen Journale alle egoistischen Zwecken dienen.

Man machte Deutschland bisher den Vorwurf, daß es unpraktisch und träumerisch sei. Wie fand ich es verändert. Mir wurde vor lauter Praxis und Industrie schwindlig. Ich gehöre zu den Poeten, über die sich List mit schneidender Ironie lustig macht. Aber nachdem ich drei Monate dort war, wurde ich ein ganz anderer Mensch. — Ich sprach von nichts als von Baumwolle, vom Zollverein, von der Landwehr, von einer deutschen Flotte, von den Eisenbahnaktien, von Holland, weg war die Poesie, verschwunden die Literatur, verdammt die Kunst, verstoßen die Musik, vergessen die schönen Mädchen am Rhein, ich war ganz Baumwolle. Wie schmeckte Ihnen die Küche in Frankfurt? fragte mich Einer. Ach, versetzte ich, fürchten Sie nichts, die Deutschen werden den Franzosen nicht die geringste Conzession machen, um das Schlachtvieh einzuführen. Die Consomation des Fleisches ist enorm seit der Rhein-Schleppschiff- Dampffahrt — ich sprach dies ganz richtig aus. In Elberfeld, die schönste Stadt, die ich auf meiner Reise gesehen, sagte mir ein Bibelverkäufer, den ich barsch abwies: Mensch, wenn Du Dich erzürnen willst, warte noch eine halbe Stunde! Ein herrlicher Spruch; ich werde diesen Spruch in Zukunft so anwenden: Mensch, willst Du langweilige Notizen schreiben, warte noch eine halbe Stunde!