Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
korrigiert  
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Band I A,1 (1914), Sp. 1923
Raben und Krähen in der Wikipedia
Raben und Krähen in Wikidata
Linkvorlage für WP   
* {{RE|I A,1|19|23|Rabe 1|[[REAutor]]|RE:Rabe 1}}        

Rabe. 1) Der Vogel. Name und Arten. Er heißt griech. κόραξ, lat. corvus (Corvus corax). Mit dem sogenannten R. (ὁ καλούμενος κόραξ Arist. hist. an. VIII 3p. 593 b 15) ist Phalacrocorax carbo gemeint. Man unterschied eine griechisch-italische, ägyptische und libysche Spielart (Aelian. hist. an. II 48); die afrikanischen waren kleiner, Arist. hist. an. VIII 28, p. 606 a 24. Der junge R. heißt (κορακῖνος, Aristoph. Equ. 1053.

Gestalt und Lebensweise. Der R., den Homer nur einmal Od. XIII 408 (κόρακος πέτρη) erwähnt, ist schwarz, (Arist. anal. pr. II 3, p. 55 b 26. Anth. Pal. XI 436. Petron. 43. Mart. I 53, 8. III 43, 2); doch wird er mit zunehmendem Alter falb, was Arist. de color. 6, 799 b 1 damit zu erklären sucht, daß sich die Nahrung im Gefieder ansetze; und infolge von Kälte sogar weiß, hist. an. III 12, 519 a 6; dagegen ist es ohne Einfluß auf seine Farbe, wenn er in andere Gegenden gebracht wird, probl. IX 7, p. 891 b 16. Sein Kopf soll weiß werden, wenn er falsch weissagt, Hor. sat. I 8, 38. Er hat feurige Augen und ist daher geil, physiogn. 6, p. 812 b 12. Schol. Pers. III 61. Weil seine gleich von der Stirne ausgehende Nase hakenförmig ist, ist er unverschämt, 811 a 35. Sein dauerhafter Schnabel (part. an. III 1, p. 662 b 7) führt die Speisen nicht in einen Kropf, sondern in eine nach dem Magen zu erweiterte Speiseröhre, hist. an. II 17, p. 509 a 1. Plin. n. h. XI 201. Die Gallenblase sitzt an den Därmen, Arist. hist. an. II 15, p. 506 b 21. Anaxagoras hatte nach Arist. gen. an. III 6, p. 756 b 14 die Lehre aufgebracht, daß die Begattung der R. durch den Schnabel erfolge (vgl. Rufin. Clement. VIII 25), was Aristoteles mit der ganz richtigen Begründung zurückweist, daß man den Fortpflanzungsakt bei diesen Vögeln selten, das Schnäbeln dagegen viel häufiger beobachten könne. Plin. n. h. X 32 fügt noch hinzu, daß sie nach Volksglauben ihre Eier fräßen und dann die Jungen auch nach dem 21. Juni aus dem Schnabel kommen ließen, was unter großen Schwierigkeiten vor sich gehe, besonders wenn man sie zahm halte. Die Anzahl des Geleges betrage meistens fünf, während Arist. h. a. VI 6, p. 563 b 1 von zwei oder mehreren (IX 31, p. 618 b 17 dagegen von vier bis fünf) Eiern und einer Brutzeit von 20 Tagen (Plin. n. h. X 165 von fünf) spricht. Dagegen meint auch dieser gut beobachtende Forscher, daß der Vogel die Jungen aus dem Neste werfe. Daß diese die Eltern auffressen, meldet dagegen Aelian. hist. an. III 43. Daher findet sich in mageren Gegenden meist nur ein [20] einziges Paar, z. B. in Krannon, wo allerdings die Eltern den Jungen den Platz räumen sollen ([Arist.] mir. ausc. 126, p. 842 b 610. Plin. n. h. X 31) und bei Koptos in Ägypten, Aelian. hist. an. VII 18. Auch an einem Zeusheiligtum sollten nur immer zwei R. nisten, von denen der eine einen weißen Flecken auf dem Nacken hatte, [Arist.] mir. ausc. 137, p. 844 b 6. Ihre Gattenliebe soll soweit gehen, daß χηρεύει ὁ ὑπολειπόμενος, frg. 271, p. 1527 a. 26. Sie zeigen sich oft in Städten und gehen selten auf die Wanderung, hist. an. IX 23, p. 617 b 13. Feinde des R. sind die Gabelweihe, die ihm alles zu entreißen sucht (IX 1, p. 609 a 20), ja sogar die Eier zerstört (Cic. nat. deor. II 125. Ae1ian. hist an. IV 5. V 48), was er selbst freilich nicht anders macht (Plin. n. h. X 208); die Rostweihe (Arist. hist. an. IX 1, 609 b 32. Plin. n. h. X 205); der Grünspecht (beide stehlen sich gegenseitig nachts die Eier, 208); und der Wolf, Tertull. idol. 24. Er selbst soll dem Scherg und Stechrochen nachstellen (Aelian. hist. an. VI 45), auf den schwarzflügligen Adler percnopterus losgehen (Plin. n. h. X 8), Stiere und Esel belästigen (Aesop. 330) und ihnen sogar die Augen aushacken, II 51. Arist. hist. an. IX 1, 609 b 5; der Hase hat vor seiner Stimme Angst, Aelian. hist. an. XIII 11. Sein Freund dagegen ist der Fuchs, dem er auch der Rostweihe gegenüber beisteht, Arist. hist. an. IX 1, p. 609 b 32. Plin. n. h. X 205. Aelian. hist. an. II 51. So konnte man ihn zur Fuchsjagd benützen, Ctes. Ind. 11. Die Gefräßigkeit der R. ist eine ungeheure (Aesop. 207f.) und daher sprichwörtlich; nicht nur verwüsten sie die Getreidefelder (Hieron. ep. 24), nein auch Leichen fressen sie an, tract. in psalm. I, S. 297, 24. Hor. epist. I 16, 48. Catull. 108, 5 wünscht dem unsauberen Commius: effossos oculos voret atro gutture corvus. Vgl. Cassiod. in psalm. 146, 9: pulli corvorum caelesti rore vescuntur et cadaverum fetores beneficio aetatis ignorant. Selbst vor Altären zeigen sie keine Scheu. Aesch. Suppl. 751. Wenn der R. ein Chamäleon gefressen hat, schlingt er Lorbeerblätter hinterdrein, um die Giftwirkung aufzuheben, Plin. n. h. VIII 101. Häufig wird er von den Schriftstellern, namentlich religiösen, der Taube gegenübergestellt, die keinen größeren Gegensatz im Vogelreiche kennen, so von Iuv. II 63. August. in ev. Joh. VI 2. Sedul. hymn. I 104. Anthol. Lat. 390, 30. Man tötet ihn durch Senfkohlsamen, Aelian. hist. an. VI 46; Arist. περὶ μέθης frg. 102, p. 1494 b 19 nennt als Namen des Krautes, nach dessen Genuß die Vögel betrunken und so leicht gefangen werden, οἰνοῦττα, was, da es nichts weiter als weinig bedeutet, wohl dasselbe wie εὔξωμον ist oder überhaupt keine bestimmte Pflanze bezeichnet. Die ägyptischen R. fressen, wenn die Schiffer ihnen nicht freiwillig etwas geben, das Tauwerk an, und die libyschen wissen sogar versteckte Wassertöpfe zu finden, Aelian. hist. an. II 48. Denn 60 Tage müssen sie im Hochsommer dursten, bis der Herbst die Feigen reift, Plin. n. h. X 32. Apollon hatte nämlich einst einen R. zum Wasserholen ausgesandt. Doch dieser vergaß die Bestellung und kam nicht wieder. Deshalb werden alle zur Strafe von heftigem Durste geplagt: [21] τοῦτο ἔοικε μύθῳ μέν, εἰρήσθω δ’ οὖν τῇ τοῦ θεοῦ αἰδοῖ, sagt Aelian. hist. an. I 47; doch II 51 weiß er die naturwissenschaftliche Erklärung zu geben, der Drang zu trinken sei instinktiv wegen sehr leicht eintretender Diarrhöe aufgehoben. Vgl. ferner Priap. 61, 12. Den Namen hat der R. von seiner Stimme (Varr. l. l. V 75), die cras, cras klingt (August. serm. 82, 14), volltönend (in ev. Joh. VI 2) und jauchzend (Verg. georg. I 423) ist. Er gebraucht sie nur allzu oft (Aesop. 204), und seine Geschwätzigkeit (Pind. Ol. II 156) ist schuld daran, daß er, der früher weißer als Schnee, Schwäne, Tauben und Gänse war, schwarz geworden ist. Denn er krächzte dem lichten Gotte ins Ohr, daß dessen liebe Koronis sich mit einem hämonischen Jünglinge eingelassen habe, Ovid. met. II 531ff. Auch die menschliche Stimme ahmt er nach (Varr. l. l. VI 56), kann aber nur, was er oft gehört hat, wiederholen, Apul. flor. 13, S. 45. Besonders gut imitiert er fallende Regentropfen, Aelian. hist. an. VI 19. Gegen bösen Blick, den man auf seine Jungen richtet, weiß er sich durch Keuschlamm zu schützen, I 35. Seine Lebensdauer ist eine außerordentliche hohe: nach Hes. frg. 171 Rzach, dem die Späteren wie Plin. n. h. VII 153 nacherzählen, wird er 3600 Jahre alt. Vgl. Sen. ben. II 29, 1. Macr. Sat. VII 5, 11.

Medizinisches. Rabenlosung auf Wolle heilt Zahngeschwüre, Fisteln (Plin. n. h. XXX 26) und Keuchhusten, 137; Schwangere sollen sich hüten‚ Eier dieses Vogels zu essen, sonst abortieren sie durch den Mund, 130. Im übrigen besitzen die Eier aber die angenehme Eigenschaft, die Haare schwarz zu färben; nur muß man während des Einreibens Öl in den Mund nehmen, andernfalls nehmen die Zähne auch jene Farbe an, Aelian. hist. an. I 48. Plin. n. h. XXIX 109 fügt noch hinzu, daß man es im Schatten vornehmen müsse und vier Tage den Kopf nicht waschen dürfe, ferner daß andere Gehirn und Blut, kurz vor Mitternacht mit schwerem Wein in einem bleiernen Gefäß gekocht, dazu gebrauchen. Vgl. noch Cels. II 18. Wenn man Ferkeln R.-Gehirn unter das Futter streut, macht man sich bei ihnen sehr beliebt, Plin. n. h. XXX 147.

Der R. als weissagender Vogel. Wenn R. heiser krächzen, gibt es bald Regen und Wind, Arist. frg. 241, 7 (aus περ}ι σημ.). Plut. mor. 139 A. 152 D. Aelian. hist. an. VII 7. Lucr. V 1085. Verg. georg. I 382. Avien. Arat. 1715. Dracont. laud. dei I 527. Ist das Regenwetter vorüber, kreischen sie heller und öfter, Verg. Georg. I 410. Plin. n. h. XVIII 362. Überhaupt kann man aus ihren verschiedenen Stimmen, Flügen, Sitzplätzen die Zukunft vorausbestimmen, Aelian. hist. an. I 48. Phaedr. III 18, 12. Es galt als gutes Zeichen, wenn sie von rechts heranflogen, Plaut. Asin. 260; Anl. 624. 669. Prob. Verg. ecl. IX 13. Cic. div. I 12. 85. II 16. Vgl. auch Fest. 197. Curt. IV 6, 11. Suet. Aug. 96. Liv. X 40, 14. Schön vereinigt Hor. carm. III 27 in der 3. Strophe alle wichtigen Eigenschaften des R.: antequam stantes repetat paludes Imbrium divina avis innitentum Osczinem corvum prece suscitabo Solis ab ortu. Auch in den Prodigien spielt er eine Rolle; so flog im Winter 218/217 [22] ein R. in den Tempel der Iuno und setzte sich auf das Pulvinar, Liv. XXI 62, 4; noch zwei Jahre nach der Schlacht bei Cannä nisteten solche Vögel dort, XXIV 10, 6; und ein Jahr vor der Entscheidung bei Zama fraßen sie auf dem Kapitol Gold, XXX 2, 9. Daß die R. nicht instinktiv, sondern mit Überzeugung derartige Auspizien übermitteln, schließt schon Arist. hist. an. IX 31, p. 618 b 19 daraus, daß nach einer Schlacht, die in der Gegend von Pharsalos stattgefunden hatte, alle R. aus Attika und der Peloponnes verschwunden waren. Corvi in auspiciis soli videntur intellectum habere, redet ihm Plin. n. h. X 33 nach.

Märchen und Sprichwörter. R. zeigten Alexander dem Großen in wüsten Steppen Asiens den rechten Weg, Curt. IV 7, 15. Aristeas, der skythische Weise, soll einmal ein R. gewesen sein (Herod. IV 15), und so flog denn bei seinem Tode ein R. aus seinem Munde, Plin. n. h. VII 174. Als M. Valerius im J. 349 v. Chr. sich in einen Zweikampf mit einem Gallier einließ, setzte sich ihm ein R. auf den Helm, immer gegen den Feind gekehrt, und fuhr diesem schließlich mit Schnabel und Krallen ins Gesicht, sodaß er leicht niedergestreckt werden konnte. Dann flog er gegen Osten, M. Valerius aber erhielt den Beinamen Corvus, Liv. VII 26. Folgende Geschichten werden von Plin. n. h. X 121ff. berichtet. Zur Zeit des Kaisers Tiberius flog ein junger R. aus einem Neste oberhalb des Kastortempels in eine nahegelegene Schuhmacherwerkstatt und wurde von dem biederen Handwerker freundlich aufgenommen. Dieser brachte ihm das Sprechen bei, und schließlich flog der Vogel allmorgendlich aufs Forum, wo er den Kaiser und die Prinzen begrüßte. Eines Tages beschmutzte er einen Stiefel des benachbarten Schusters, und dieser tötete ihn aus Zorn. Aber das Volk war so aufgebracht, daß es jenen Menschen verfolgte und lynchte, dem Vogel aber ein königliches Leichenbegängnis mit allem nur erdenklichen Pomp bereitete. Dies geschah am 28. März 35 n. Chr. Ein gewisser Krateros Monokeros benutzte im Gau Erizena in Klein–Asien R. als Pfadfinder. Sehr für die Klugheit der Tiere würde noch folgendes sprechen, wenn es wahr wäre. Ein durstiger R. schleppte in einen ausgehöhlten Stein, der nur am Grunde mit Regenwasser gefüllt war, so viele Steinchen, bis er die Flüssigkeit von außen erreichen konnte. – Wenn man jemanden verwünschen wollte, sagte man ἐς κόρακας, entsprechend unserem ‚Scher dich hin, wo der Pfeffer wächst!‘ Namentlich bei Aristophanes kommt diese Wendung außerordentlich häufig vor, z. B. Vesp. 51. 982; Nub. 123. 133. 789. 879; Av. 28; dann bei Alexis II 327 K., Lys. XIII 81 und Lukian, z. B. Philopatr. 26; auch bei Theophylact. epist. 50 und anderen. Hellad. bei Phot. bibl. 532, 2 lehrt, daß man stets ἐς, nie εἰς κ. sagte. Abgeleitet davon sind die Verba σκορακίζειν (Dem. XI 11. Plut. Artax. 27. Luc. rhet. pr. 16) und ἀποσκορακίζειν (Alciphr. I 38 u. a.). Die Entstehung der Redensart schildern Eustath. Od. XIII 408 und Phot. s. ἐς κ. folgendermaßen: Als die Böoter einst, von den Thrakern vertrieben, neue Wohnsitze suchen wollten, riet ihnen der Gott, weißen R. zu folgen. Sie erblickten [23] solche, die übrigens Knaben mit Kreide beschmiert hatten, am κόλπος Παγασητικός., siedelten sich dort an und nannten den Ort Κόρακες. Später nahmen die Äoler jedoch diese Stadt in Besitz und benützten sie als Verbrecherkolonie. Eine andere Erklärung gibt Arist. in der Θετταλῶν πολιτεία frg. 454: Zur Zeit einer furchtbaren Pest seien gerade viel R. erschienen; die hätten die Kranken gefangen, ihnen die Seuche angehext und dann wieder fliegen lassen. Κόρακα λευκὸν ἰδεῖν ist so viel wie etwas Unmögliches sehen wollen, Anth. Pal. XI 436. Athen. VIII 359 C. Wir sagen ja ebenso ‚weißer R.‘ Κόραξ ὑδρεύσει galt von denen, die nur mit Mühe etwas erreichten (Zenob. IV 56. Hes. s. ὑδρεύσει), also etwa dem deutschen ‚einen Mohren weiß waschen‘ entsprechend. ἐκ κακοῦ κόρακος κακὸν ᾠόν ist: ‚Wie die, Alten sungen, so zwitschern die Jungen‘ oder ‚Was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten‘. Sext. Emp. adv. rhet. 97ff. bringt dies Sprichwort sehr schön in Verbindung mit dem schlauen Schüler des Redelehrers Korax, der ihm das Honorar erst nach einem gewonnenen Prozesse bezahlen wollte, sich dann aber von seinem Lehrer auf Zahlung verklagen ließ, verlor und dann nicht zahlte. Vgl. Otto Sprichwörter 95.