Punische und phönizische Inschriften

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Titel: Punische und phönizische Inschriften
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aus: Das Ausland, Nr. 38–39; 41, S. 150-151, 156.
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
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Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Quelle: Scans bei Commons
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Punische und phönizische Inschriften.


Die Denkmale der beiden Völker, welche die Civilisation nach Griechenland brachten, haben sehr verschiedene Schicksale gehabt. Egyptens Denkmale bedecken noch jetzt das Nilthal. In Ermanglung des Holzes bediente man sich der dauerhaftesten Baumaterialien, die es gibt, und Festigkeit wurde der Grundzug des Nationalcharakters, gegen welchen kein fremder Einfluß etwas vermochte; die Tempel aus der Zeit des Sesostris, der Ptolemäer, der Cäsaren, sind von demselben Stil. Anders verhält es sich mit den Phöniziern; von den Werken ihrer Baukunst ist nichts geblieben, als wenige schwer zu entziffernde Inschriften. Umgeben von Cedernwäldern, bedienten sie sich des Holzes mehr als des Steins; die Herrschaft der Seleuciden verdrängte den Nationalcharakter ihrer Künste durch den griechischen Stil, den man in Carthago schon vor dem letzten punischen Krieg eingeführt findet. Münzen und Inschriften sind die einzigen Reste der Phönizier und ihrer Kolonien, die einzigen Denkmale, woraus man einige Kenntniß der Sprache von Tyrus und Carthago schöpfen kann. Ohne Zweifel hatte das phönizische Idiom die größte Aehnlichkeit mit dem hebräischen[1], und das karthagische war nur eine Mundart des phönizischen. Die Hebräer, als Hirten und Ackerbauer, erhielten die Sprache Kanaan’s reiner als die Schifffahrt und Handel liebenden Phönizier, die bei ihrem großen Völkerverkehr in Spanien und Afrika manches Fremdartige in ihre Sprache aufnehmen mochten, ohne daß jedoch der kanaanitische, d. h. hebräische Grundstock der Sprache verloren ging. Mit Hülfe des Hebräischen also wird man die Erklärung jener Inschriften versuchen müssen, und wo dieß nicht zureicht, mit weiterer Hülfe des Syrischen und Samaritanischen.

Nach Herodot bestand eine große Aehnlichkeit zwischen phönizischer und altgriechischer Schrift; eine auffallende Aehnlichkeit [151] fand man mit samaritanischer Schrift. Demungeachtet scheiterten die ersten Erklärungsversuche; Swinton und Barthelemy, Bayer, Tychsen und Akerblad waren glücklicher. Indessen ist die Erklärung immer mit großen Schwierigkeiten verknüpft. Die Inschriften bestehen aus wenigen Worten oder Linien; wie bei allen semitischen Schriften sind die Worte ohne Vokale geschrieben; mehrere Zeichen von verschiedener Bedeutung gleichen einander auf täuschende Weise; andere unterscheiden sich nur durch kleine Züge, die sich leicht verwischen; dieselben Zeichen erscheinen in verschiedenen Formen; die Worte sind nicht getrennt, man muß sie theilen oder vielmehr erst schaffen, und dieses Schaffen ist oft ungewiß; ungewiß auch in sofern, als man verschiedene Dialekte vor sich hat, aus welchen die Worte geflossen seyn können. Minder gewöhnliche Sprachformen, Verunstaltungen von Buchstaben, sind neue Hindernisse für den Alterthumsforscher. Leichter ist die Arbeit, wo die phönizischen Inschriften griechische neben sich haben; allein diese sind keine wörtlichen Uebersetzungen, daher sie zwar die Auslegung, besonders rücksichtlich der Eigennamen, begünstigen, und im Allgemeinen interessante Annäherungen darbieten, aber zu keinem völligen Verständniß der Sache führen, so lange man keine größeren Texte als bisher besitzt. Vielleicht wenn einmal die zwei Papyrusrollen des Vatikans gekannt sind, welche nach dem Urtheile des jüngern Champollion phönizische Schrift haben, daß man dann weiter kommt. Die Verbindung dieser Schrift mit egyptischen Denkmälern ist nichts neues, und sie kommt auch auf einigen Münzen und auf dem Basrelief von Carpentras vor.

Phönizische und punische Inschriften hat man hauptsächlich auf Malta, Cypern, Sicilien, Sardinien, zu Athen und im nördlichen Afrika aufgefunden. Im Jahr 1820 brachte Major Humbert[2], der nach einer mehrjährigen Reise von Tunis zurückkehrte, unter andern vier Halbsäulen mit punischer Schrift, mit Verzierungen und Symbolen mit, die von Sr. Majestät dem Könige der Niederlande gekauft und in dem Leidener Museum niedergelegt wurden[3]. Die Inschriften befinden sich in einem Viereck oberhalb an den Steinen. Der erste von diesen war an der Spitze zerbrochen, die Inschrift stark beschädigt; an der Spitze des zweiten und dritten befand sich die Figur eines Arms mit geöffneter Hand, unmittelbar darunter ein Eierkranz (bande d oves). Eine vierte Halbsäule war an der Spitze mit einer Art von Palmblättern besetzt, unterhalb ein schmaler Saum von Dreischlitzen (triglyphes), sodann ein breiter Fries mit der offnen Hand nebst einer häßlichen vierfüßigen Thiergestalt. Noch tiefer unten ein Dreieck, darüber ein Kreis, und im Berührungspunkte dieser zwei Figuren eine wagrechte Linie, die sich an beiden Enden hakenförmig schließt. Diese Halbsäule ist ohne Inschrift.

[156] Unter der Inschrift der ersten Halbsäule sieht man die Figur eines Pferdes im Galopp; eben so auf der zweiten Vase mit zwei Henkeln; in derselben Lage auf der dritten eine Art Blumenkelch, woraus zwei Stengel hervorgehen, welche das, wie bei der vierten, aus einem Dreizack und Kreis zusammengesetzte Symbol halten. Ein Bruchstück von einer andern Halbsäule bietet mit einiger Variation dasselbe Symbol dar, so wie ein anderes Bruchstück die Reste einer punischen Inschrift. Ohne sich mit Entzifferung der Inschriften zu befassen, die Humbert für Grabschriften hält, beschränkt er sich in seiner angeführten Schrift auf Bemerkungen über die Bedeutung der Symbole: der Arm und die offene Hand, erinnert er, sind bei den Orientalen Symbole wohlthätiger Genien, ein Symbol, das nach dem Glauben der Mauren den Einfluß des bösen Auges abwendet. Sie bringen es deswegen an Häusern, an Schiffen, an Pferden an. Die maurischen Weiber halten denen, die ihre Kinder ansehen, die Hand vor die Augen, um die Wirkung des Blicks zu entkräften, und häufig trägt man die Figur einer Hand aus Metall als Amulette am Hals. Das Symbol des Kreises und Dreizacks hat Humbert auch auf einer zu Carthago gefundenen Münze entdeckt, wo aber ein Schlangenstab dabei ist. Hamaker[4], Professor der orientalischen Sprachen zu Leyden, hat eine Erklärung der Inschriften versucht, die indessen von Quatremère, in einem der Academie des Inscriptions et Belles-lettres mitgetheilten Mémoire, fast ganz umgestoßen wurde[5]. Uebereinstimmend sind Hamaker und Quatremère nur in der Uebersetzung des gleichlautenden Anfanges der drei ersten Inschriften, wonach dieselben einer Göttin Thalat (Tholat) gewidmet sind, die der griechischen Artemis entsprach, und von Quatremère für dieselbe Göttin gehalten wird, die Polybius (hist. I. X., cap. 10) Alete nennt. Die Verehrung der Astarte, wie die punische Sprache selbst, überlebte den Untergang Carthagos als selbstständigen Staats. Im römischen Carthago ward Astarte als eine Frau, die auf einem Löwen sitzt, dargestellt; nichts beweist aber, daß auch im punischen Carthago die Göttin dieselbe Gestalt hatte. Nach Polybius war Alete (Thalat, Astarte) ein Weib, das wegen Auffindung der Goldbergwerke in Spanien vergöttert worden war; sie hatte, gleich „Vulkan“ und „Saturn,“ in Carthagena, der Hauptstadt der carthagischen Kolonien in Spanien, einen prächtigen Tempel.

Eine andere Inschrift aus den Ruinen von Thugga in zwei Sprachen, wovon die eine punisch, die andere unbekannt, wahrscheinlich aber nicht iberisch, wie man vermuthet hat, sondern afrikanisch ist, wurde vom Grafen Borgia dem Major Humbert abschriftlich mitgetheilt. Die Schriftzeichen sind sehr verschieden von denen der vier Leichensteine, und mußten zum Theil erst restituirt werden. Die Auslegung Hamakers ist daher nichts weniger als gewiß. Merkwürdig wäre, sofern sich dieselbe bestätigte, darin die Erwähnung der Monate Nisan und Eliud (April und September), welche bewiese, daß die Carthager mit den hebräischen und aramäischen Namen der Monate wahrscheinlich auch die Zeitrechnung dieser Völker beibehalten; merkwürdig ferner die Notiz, daß von 6 zu 6 Monaten Todtenfeiern mit Gesang und Opfer stattgefunden hätten.

Im J. 1824 hat Münter eine neue, sonst unbedeutende, punische Inschrift, die er dem dänischen Consul in Tunis verdankte, bekannt gemacht, und im J. 1825 Gesenius[6] eine punisch-griechische aus Grenne (Cyrene), die höchst merkwürdig ist wegen ihrer Beziehung auf die gnostische Sekte der Karpokratianer. Der Stein wurde nach Malta gebracht, und von da aus gelangten Copien nach Paris und Berlin. Ueber einer groben Sculpturarbeit, welche einen geflügelten Wagen mit zwei Fackeln von zwei Schlangen gezogen, darstellt, sieht man eine aus fünf phönizischen Charakteren bestehende Linie; unter jenen Figuren eine Linie mit griechischen Charakteren, darauf drei Linien mit phönizischer, und tiefer unten noch neun Linien mit griechischer Schrift. Diese endet sich in eine Schlange, welche sich in den Schwanz beißt. Es scheint, der Häretiker habe sich der phönizischen Schrift blos bedient, um seinem Machwerk, das in das sechste Jahrhundert gehört, ein höheres Alterthum zu vindiziren.

Unterm 19. Jun. 1827 kündigte Hamaker im Journal Asiatique (Heft 61) eine Schrift unter dem Titel Miscellanea Phoenicia an. Er spricht in der Ankündigung von der Entdeckung neuer Denkmale, und erwähnt insbesondere eines für die Paläographie sehr wichtigen Fragmentes aus Egypten. Wenn es ihm, sagt er, bei seinen Untersuchungen über die Inscriptionen von Thugga, Carthago und Cyrene auch nicht gelungen sey, alle Dunkelheiten zu zerstreuen, so schmeichle er sich doch, überall einen wahrscheinlichen Sinn gefunden zu haben. Bei dieser Gelegenheit habe er sich mit der Erklärung von ziemlich vielen phönizischen, punischen und andern Münzen befaßt; er nennt die berühmte sidonische mit einer Umschrift von fünf Linien, wovon es zwar mehrere Auslegungen aber immer eine falscher als die andere gebe, und zwei Münzen von den Asmonäern, deren Charaktere der gelehrte Bayer nicht zu deuten gewußt. Hamaker verspricht sodann Aufschlüsse über phönizische, egyptische etc. Eigennamen und Glossen, die sich zum Theil in den Schriften der Alten fänden, aber entweder bis jetzt nicht bemerkt oder nicht verstanden worden seyen, so wie manche neue Belehrungen über die Paläographie, Grammatik, Lexikographie, Geographie und über die Religion der Phönizier; vielleicht, meint er, könnte auch die große Frage über die Entstehung der Schreibkunst und der Hieroglyphen durch seine Forschungen gewinnen. Auf fünf lithographirten Blättern sollen treue Copien der Monumente, ihrer Inschriften und der Umschriften auf den Münzen, nebst den verschiedenen Alphabeten, um sie zu lesen, gegeben werden.

  1. Alle Spuren, welche die Zeit uns von der punischen Sprache bewahrt hat, beweisen ihre vollkommene Uebereinstimmung mit der hebräischen. Beim Propheten Jesaias (18. 19) wird die hebräische Sprache die Sprache von Kanaan benannt. Dieß Wort bezeichnete aber das Land, welches die Griechen Phönizien nannten. Sanct Augustin (ep. ad Rom. exp. T III col. 932. ed. Paris.) sagt, daß die Bewohner seiner Diöcese sich selbst Chanani nannten. Einen derselben, den er das Wort salus aussprechen hörte, fragte er, was der Sinn davon wäre. Er erhielt zur Antwort, es bedeute: drei. Jedermann aber wird sogleich das hebräische שׁלשׁ‎ darin wieder erkennen.
    Quatremère
  2. Notices sur quatre cippes sépulcraux et deux fragmens découverts en 1817 sur le sol de l’ancien Carthage par le Major J. E. Humbert. La Haye 1821.
  3. Diese Inschriften wurden in den Ruinen der Stadt Thugga, zuerst im J. 1631 von Thomas d’Arcos, einem Provenzalen, der in Tunis gefangen zum Mohamedanismus überging, entdeckt, und durch seinen Briefwechsel mit dem gelehrten Peiresc in Europa bekannt. S. Lettres de Peiresc, im Magasin encyclopédique p. 37 ff.
  4. Henrici Arentii Hamaker diatribe philologico-critica aliquot monumentorum criticorum nuper in Africa repertorum interpretationem exhibens Lugd. Bat. 1822.
  5. Nouveau Journal Asiatique, publié par la Société Asiatique, Janv. 1828 pag. 11–27.
  6. De inscriptione phoenico-graeca in Cyrenaïca nuper detecta, scripsit G. Gesenius, Halae, 1825. 4.