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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Prometheus oder der Caucasus
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Erstes Bändchen, Seite 102–115
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1827
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Προμηθεύς
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[102]
Prometheus
oder
der Caucasus.
Merkur. Vulkan. Prometheus.

1. Merkur. Dieß hier ist der Caucasus, Vulcan, an welchen dieser unglückliche Titan festgenagelt werden soll. Wir wollen uns nach einem passenden, von Schnee freien Felsen umsehen, wo die Bande fest eingeschmiedet werden können, und von welchem herab der Angefesselte allenthalben sichtbar sey.

Vulcan. Das wollen wir, Merkur. Denn wir dürfen ihn nicht zu tief am Boden kreuzigen, damit ihm seine eigenen Machwerke, die Menschen[1], nicht zu Hülfe kommen; [103] aber auch nicht zu hoch, weil er sonst von unten nicht gesehen werden könnte. Ich denke, wir kreuzigen ihn hier, ungefähr in der Mitte, über dieser Schlucht, den einen Arm auf diese Seite, den andern auf die andere gespannt.

Merkur. Du hast Recht: die Felsen sind hier schroff, unersteiglich, und von allen Seiten abschüssig, daß man schwerlich einen Punkt finden wird, wo man auch nur auf den Zehen stehen kann. In der That, dieser Platz ist für die Kreuzigung vortrefflich gelegen. Wohlan also, Prometheus, nicht gezaudert: steige herauf und laß dich an den Berg annageln!

2. Prometheus. O Vulcan, o Merkur! Erbarmt euch doch: ihr wißt ja selbst, wie ich ohne Verschulden so unglücklich bin.

Merkur. Du meinst also, wir sollen unsern Auftrag nicht ausrichten, und uns dafür an deiner Statt selbst kreuzigen lassen? Wahrlich der Caucasus wäre groß genug, daß noch ein Paar Andere angenagelt werden könnten. – Kurz und gut, die rechte Hand her! Du Vulkan, zugeschlossen, angenagelt, tapfer draufgehämmert! – Nun die andere! Auch diese nur recht fest verwahrt! – Gut! – Nun wird sogleich auch der Adler herbeifliegen, der dir die Leber abfressen soll, damit du das volle Maaß der Strafe für deine schöne und künstliche Menschen-Drechslerei erhaltest!

3. Prometheus. O Saturn und Iapetus, und du, o Mutter Erde, was muß ich Unglückseliger leiden, und habe doch Nichts verbrochen!

Merkur. Was? Nichts verbrochen? Warst du nicht für’s Erste, als du die Fleischaustheilung zu besorgen hattest, [104] unbillig und betrügerisch genug, die besten Stücke für dich zu behalten, den Jupiter aber mit Knochen zu hintergehen,

– – in weißliches Fett sie verhüllend?[2]

Denn so spricht Hesiodus von der Sache, wie ich mich noch recht gut erinnere. Sodann hast du ja die Menschen, die schlimmste und verwegenste Art von Thieren, und was noch ärger ist, die Weiber geschaffen. Endlich hast du den Göttern sogar das kostbarste ihrer Güter, das Feuer entwendet und den Menschen geschenkt. Und nach solchen argen Streichen behauptest du unschuldig gefesselt zu seyn?

4. Prometheus. Ich sehe, Merkur, daß auch du, um mit Homer zu sprechen,

– – Unschuldige gerne beschuldigst[3].

Du wirfst mir Dinge vor, um deren willen ich meinen Platz an der Tafel der Prytanen verdiente, wenn es gerecht zugienge. Wolltest du dir Zeit nehmen, mich anzuhören, so wollte ich mich gerne über diese Beschuldigungen gegen dich verantworten, und dir zeigen, wie ungerecht Jupiter über mich gerichtet hat. Du hingegen bist ja ein so beredter Advocat: du könntest also seine Vertheidigung übernehmen, und die Rechtmäßigkeit des Urtheilspruches darthun, daß ich hier am Caspischen Engpasse, zum jämmerlichen Schauspiel für alle Scythen, solle gekreuzigt werden.

Merkur. Du kommst zu spät mit deiner Appellation, Prometheus: es wird dich nichts helfen. Jedoch laß hören. Ich muß ohnehin warten, bis der Adler herabkommt, der [105] deine Leber zu versorgen hat. Diese Zwischenzeit kann ich mir also gefallen lassen, mit der Anhörung einer Defension zu verbringen, wie sie ein so durchtriebener Sophist, wie du, uns liefern wird.

5. Prometheus. Rede vielmehr du zuerst Merkur. Klage mich immer auf’s schwerste an, und vergiß mir ja keinen von den Rechtsgründen, die für deinen Vater sprechen. Dich aber, Vulcan, mache ich zum Schiedsrichter.

Vulcan. Nein, beim Jupiter! Einen Ankläger, und keinen Schiedsrichter sollst du an mir haben. Hast du mir nicht das Feuer gestohlen, und mich bei der kalten Esse sitzen lassen?

Prometheus. Je nun, so theilt euch in die Anklage: sprich du zuerst, Vulcan, über meinen Diebstahl; Merkur soll mir sodann die Vergehen der Menschenmacherei und der Fleischaustheilung vorhalten. Ihr beide seyd ja große Künstler, und scheint mir auch stark im Wortemachen zu seyn.

Vulcan. Merkur soll auch an meiner Statt sprechen. Ich schicke mich schlecht zu Rechtshändeln, und habe es bloß mit meinem Amboß zu thun. Der da ist ein Redner vom Handwerk, und nicht wenig in solchen Dingen geübt.

Prometheus. Ich war bloß der Meinung, Merkur würde nicht gerne vom Diebstahl reden, um mir nicht ein Verbrechen daraus machen zu müssen, daß ich – sein Kunstverwandter bin. Doch, wenn du auch das auf dich nehmen willst, o Sohn der Maja, so ist es jetzt Zeit, die Klagepuncte nach einander vorzutragen.

6. Merkur. Als ob es einer langen Rede und weitläufiger Zurüstung bedürfte, dir deine Unthaten vorzuhalten! [106] Nein es genügt, die hauptsächlichste derselben nur zu nennen. Als dir die Vertheilung des Fleisches oblag, hast du die schönsten Stücke für dich behalten, und Jupitern, den König, hintergangen. Zweitens hast du unnöthiger Weise die Menschen verfertigt: und drittens uns das Feuer gestohlen, um es diesen zu bringen. Und du willst, mein Bester, wie es scheint, dieß nicht einmal einsehen, wie sich Jupiter’s Milde und Nachsicht, deiner so großen Verbrechen ungeachtet, gleichwohl an dir erweist? Wolltest du nun der letztern nicht geständig seyn, so müßte ich mich freilich in eine weitläufige Beweisführung einlassen, um die Wahrheit so klar als möglich an’s Licht zu stellen. Giebst du aber jene Art der Vertheilung des Opferfleisches, die Neuerung, daß du die Menschen verfertigtest, und den Diebstahl des Feuers zu, so bin ich mit meiner Anklage zu Ende, und brauche kein Wort hinzuzusetzen. Denn alles Weitere wäre leeres Geschwätz.

7. Prometheus. Ob dieß nicht schon von Demjenigen gilt, was du so eben vorgebracht, werden wir wohl bald sehen. Du sagst also, das Angeführte genüge zu meiner Verurtheilung. Wohlan, ich versuche, dasselbe in seiner Nichtigkeit darzustellen. Was vorerst die Fleischgeschichte betrifft, so schäme ich mich, beim Uranus, für euren Jupiter, wenn ich sagen muß, daß er so erbärmlich futterneidisch seyn konnte, um eines kleinen Knochens willen, den er in seinem Antheile fand, einen so alten Gott, wie mich, an den Galgen zu schicken, und, ohne an meine ihm ehemals geleisteten Dienste, und die Geringfügigkeit des Gegenstandes zu denken, wie ein Kind zu zürnen, das böse wird, wenn es nicht das größte Stück erhält.

[107] 8. Ich sollte meinen, dergleichen Neckereien, die man sich bei einem Gastmahle erlaubt, hätte man einem nicht zu gedenken, sondern, wenn auch einer der fröhlichen Gäste zu weit gegangen wäre, es für Scherz aufzunehmen, und seinen Unwillen nicht mit nach Hause zu tragen. Aber auf den folgenden Tag noch seinen Groll bewahren, einen gestrigen Spaß einem heute mit Rachgier nachtragen – pfui! das schickt sich für keinen König, geschweige für einen Gott. Wollte man aus dem Gastmahle dergleichen Scherze und Neckereien, und das Recht verbannen, einander aufzuziehen, auszulachen, und ein Bischen zum Besten zu haben, was würde übrig bleiben, als stillschweigend da zu sitzen, saure Gesichter zu schneiden, sich mit Essen und Trinken bis zum Ueberdruß anzufüllen – lauter Dinge, die einem Gelage schlecht anständen. Ich glaubte also gar nicht anders, als Jupiter wurde des andern Tages des Spaßes sich gar nicht mehr erinnern, geschweige so furchtbar darüber aufgebracht seyn, und sich höchst beleidigt fühlen, wenn einer bei Austheilung des Fleisches sich den Spaß erlaubte, zu versuchen, ob der Andere das beste Stück herauszufinden wüßte.

9. Setze nun auch den ärgern Fall, Merkur, ich hätte dem Jupiter nicht bloß das schlechtere Theil vorgelegt, sondern das Ganze weggeschnappt: wäre es auch dann der Mühe werth gewesen, Himmel und Hölle zu bewegen, auf Ketten, Kreuzigung, und leberaushackende Adler zu sinnen, und den ganzen Caucasus zu seiner Rache zu brauchen? Frage dich selbst: verräth nicht dieß Alles die kleine Seele, die niedrige Denkungsart, das leidenschaftliche Temperament des zürnenden Gottes? Was würde er nicht erst angefangen haben, [108] wenn ich ihn um den ganzen Ochsen gebracht hätte, da er schon um ein Stück Fleisch so wild geworden ist?

10. Wie viel vernünftiger sind doch hierin die Menschen, von denen man ja erwarten sollte, daß sie zum Zorne schneller, als die Götter, wären? Wo hat je einer derselben seinen Koch kreuzigen lassen, wenn er den Finger in eine Schüssel gesteckt und die Brühe gekostet, oder ein Stückchen vom Braten abgerissen und verschluckt hat? Man läßt ihm Verzeihung angedeihen, oder höchstens, wenn der Herr recht böse wird, setzt es ein paar Streiche auf’s Maul oder hinter die Ohren. Aber gekreuzigt ist wegen solcher Erbärmlichkeiten noch keiner bei ihnen geworden. Soviel über den ersten Punkt. Es war eine Schande für mich, auf eine solche Anklage antworten zu müssen; aber eine weit größere war es gewiß, sie vorzubringen.

11. Ich komme nun auf den zweiten Klagepunkt, betreffend die Verfertigung der Menschen. Da hierin ein zweifacher Vorwurf liegen kann, so weiß ich nicht, Merkur, in welcher der beiden Beziehungen ihr mich schuldig findet. Sollten die Menschen gar nicht entstehen, sondern roher, todter Lehm bleiben; oder sollten sie zwar geschaffen, aber nach einem ganz andern Modell geformt werden? Ich werde mich über Beides erklären, und zwar für’s Erste zu zeigen suchen, wie dadurch, daß ich die Menschen in’s Leben einführte, den Göttern durchaus kein Schaden zugieng, sondern es für dieselben im Gegentheil viel vortheilhafter ist, als wenn die Erde leer und unbevölkert geblieben wäre.

12. Vor diesem waren – und so wird sich’s am leichtesten ergeben, ob ich Unrecht gethan, diese neue Art von [109] Wesen zu schaffen – die Götter und himmlischen Wesen allein vorhanden: die Erde war ein wildes, häßliches Ding, voll rauher, finsterer Waldungen. Wie konnte es da Altäre der Götter, Bilder derselben aus Marmor und Elfenbein, Tempel und alle jene Herrlichkeiten geben, die man jetzt allenthalben antrifft, und so sorgfältig in Ehren hält? Ich also, der ich stets für das allgemeine Beste besorgt bin, und darauf sinne, wie der Vortheil der Götter gefördert werden, und das Allgemeine an Wohlordnung und Schönheit gewinnen möchte, dachte bei mir selbst, wie es wohl das Beste seyn würde, ein wenig Lehm zu nehmen und eine Gattung von Thieren zu verfertigen, deren Gestalt der unsrigen gliche. Denn ich glaubte immer, es mangle der göttlichen Natur etwas, so lange es nicht einen Gegensatz gebe, gegen welchen gehalten jene um so verherrlichter erschiene. Sterblich sollte zwar das neue Geschlecht, übrigens aber mit Kunstfertigkeit, Verstand und Gefühl des Guten und Schönen im reichsten Maße ausgestattet seyn.

13. Ich benetzte und erweichte also (wie der Dichter[4] sagt) mit Wasser ein Stück Thon, und formte die Menschen, wobei mir Minerva auf meine Bitte behülflich war. Dieß ist es nun, womit ich mich an den Göttern so groß versündigt haben soll. Das ganze gewaltige Unheil ist, daß ich aus Lehm lebende Wesen gemacht, und was bisher bewegungslos war, in Bewegung gesetzt habe. Man sollte wirklich meinen, die Götter wären nun weniger Götter als zuvor, seitdem auf der Erde etliche sterbliche Thiere mehr existiren. Denn Jupiter [110] ist ja so bitterböse, als ob die Götter durch die Entstehung der Menschen Wunder wie viel verloren hätten. Es müßte nur seyn, daß er sich fürchtete, die Menschen möchten gleichfalls, wie die Giganten, einen Aufstand gegen ihn erregen, und mit einem Kriege den Göttern über den Hals kommen. Allein – es ist ja augenscheinlich, Merkur, daß weder von mir, noch von meinen Geschöpfen euch irgend ein Schaden zugefügt worden: und kannst du mir auch nur den geringsten aufweisen, so will ich schweigen, und jede Strafe von euch verdient haben.

14. Daß aber im Gegentheile diese Geschöpfe den Göttern zum Nutzen sind, davon kannst du dich selbst überzeugen, wenn du die Erde betrachtest, wie sie nun nicht mehr verwildert und häßlich aussieht, sondern mit Städten, angebauten Feldern und zahmen Gewächsen prangt, wie ihre Gewässer von Schiffen belebt, ihre Inseln bewohnt, und allenthalben Altäre und Tempel errichtet sind, allenthalben Opfer und festliche Spiele gefeiert werden. Voll sind ja alle Straßen von Jupiter’s Verehrung,

und voll die Märkte der Menschen[5].

Hätte ich mir dieses Geschlecht zu meinem alleinigen Besitze geschaffen, so könnte dieß strafbarer Eigennutz heißen: so aber habe ich es euch Göttern als ein gemeinschaftliches Gut überlassen. Und, was der stärkste Beweis ist, Tempel, die dem Jupiter, dem Apollo, und dir, Merkur, geweiht sind, sieht man ja aller Orten, einen des Prometheus nirgends. Daran [111] kannst du sehen, wie ich nur mein eigenes Interesse suche, das gemeinsame hingegen verrathe und verderbe?

15. Bedenke ferner, Merkur, ob wohl irgend ein Werk oder Besitzthum, das von Niemand gesehen und bewundert wird, dem Besitzer eben so angenehm und erfreulich ist, als wenn er es auch Andern zeigen kann? Was ich damit meine? Siehst du, wenn es keine Menschen gäbe, so würde die Schönheit des Weltalls ohne Zeugen seyn: wir besäßen einen Reichthum, der von Niemand bewundert, und von uns selbst weniger geschätzt würde, weil wir ihn mit keinem geringeren vergleichen könnten. Eben so wenig würden wir die ganze Größe unserer Glückseligkeit inne werden, wenn wir keine Wesen vor Augen hätten, denen das Schicksal unsere Vorzüge versagt hat. Denn das Große erscheint nur dann groß, wann das kleine daran gemessen wird. Und ihr, anstatt mich für diese weise Veranstaltung, wie ich’s verdiente, zu ehren, habt mir meine wohlgemeinte Fürsorge mit dem Kreuze vergolten?

16. Aber Viele unter den Menschen, wendest du mir ein, sind Uebelthäter, brechen die Ehe, gehen mit Waffen auf einander los, heirathen ihre leiblichen Schwestern, und trachten ihren Vätern nach dem Leben? Als ob nicht auch bei uns diese Verbrechen in reichem Maaße zu finden wären: und dennoch klagt deßhalb Niemand den Himmel und die Erde an, daß sie uns gezeugt haben. Vielleicht wirst du auch noch geltend machen wollen, daß die Sorge für die Menschen uns so viele Geschäfte auferlege. Allein eben so müßte sich auch ein Schäfer beklagen, daß er eine Heerde habe, weil er sie besorgen muß: dieß Geschäft mag mühsam seyn; aber eben diese Fürsorge wird zu einer Unterhaltung, die ihren besondern [112] Genuß gewährt. Was wollten denn wir Götter anfangen, wenn wir für Niemand zu sorgen hätten? Wir lägen müßig, und wüßten nichts zu thun, als Nektar zu trinken, und uns mit Ambrosia anzufüllen.

17. Was mich aber am meisten ärgert, ist dieß, daß ihr es mir zum Verbrechen macht, die Menschen, und besonders die Weiber, gebildet zu haben, während ihr doch in die letztern verliebt genug seyd, um unaufhörlich zu ihnen herabzusteigen, in Stiere, Satyrn, Schwäne euch zu verwandeln, und – Götter von ihnen erhalten zu wollen. Jedoch – du sagst vielleicht, die Menschen hätten immerhin geschaffen werden mögen, nur nach einem ganz andern Modell, als nach dem unsrigen. Allein, konnte ich ein besseres Muster vor Augen haben, als dasjenige, welches ich für das schönste erkannte? Oder hätte ich vernunftlose und viehisch wilde Bestien daraus machen sollen? Wären sie nicht so, wie sie sind, geworden, wie würden sie euch Göttern opfern, und alle die vielen Ehren, die ihr von ihnen genießt, euch erweisen können? Und dennoch, wenn sie euch Hecatomben darbringen, ist euch der Weg auch zum äußersten Ocean nicht zu weit,

– – zum Mahl der unsträflichen Aethiopen[6].

Und mich, dem ihr diese Ehrenbezeugungen und Opfer alle verdankt, mich habt ihr gekreuzigt! – Doch genug hievon!

18. Ich gehe nun, wenn es dir gefällt, auf den mir so schwer angerechneten Feuerdiebstahl über. Und nun sage mir, um der Götter willen, doch gleich: fehlt uns etwas an diesem Feuer, seitdem auch die Menschen etwas davon bekommen [113] haben? Du weißt mir nichts zu antworten. Das ist ja eben, dünkt mich, die Natur dieses Gutes, daß es durch Mittheilung nicht geringer wird: es erlischt nicht, wenn einer sein Licht daran anzündet. Es ist also der offenbare Neid, wenn ihr den Bedürftigen die Theilnahme an einem Gute verwehren wollt, das euch dadurch nicht beschädigt wird. Vielmehr solltet ihr ja, als Götter,

– – die himmlischen Geber des Guten,[7]

gütig gegen die Menschen, und von allem Neide ferne seyn. Und hätte ich auch all euer Feuer auf die Erde gebracht, und euch kein Fünkchen übrig gelassen, so hätte ich euch doch keinen großen Schaden zugefügt. Ihr könnt es ja entbehren; ihr friert nicht, ihr braucht eure Ambrosia nicht zu kochen, und bedürft keines künstlichen Lichtes.

19. Den Menschen hingegen ist das Feuer zu unendlich Vielem, besonders aber zu den Opfern unentbehrlich, um die Straßen mit Opferdampf zu füllen, Weihrauch anzuzünden, und fette Hinterviertel auf euern Altären zu verbrennen. Und ist es nicht eben dieser Dampf, der euch so große Freude macht? Ist es nicht der süßeste Schmaus für euch,

Wenn hoch wallet der Duft in wirbelndem Rauche gen Himmel?[8]

So steht also eure Anklage mit dieser eurer Liebhaberei im größten Widerspruche. Ich wundere mich nur, daß ihr nicht auch dem Sonnengotte verboten habt, meinen Menschen zu leuchten, da sein Feuer noch viel göttlicher und ächter ist, [114] als das gemeine; oder warum ihr ihn nicht ebenfalls anschuldigt, euer Eigenthum zu verschleudern. Doch – ich bin zu Ende. Ihr aber, Merkur und Vulcan, wenn euch meine Rede irgend worin mißfällt, so berichtigt oder widerlegt sie: ich werde mich sodann ferner zu verantworten wissen.

20. Merkur. Es ist nicht leicht, Prometheus, mit einem so tüchtigen Sophisten sich einzulassen, wie du bist. Uebrigens darfst du dir Glück wünschen, daß nicht auch Jupiter dich mit angehört hat: ich bin gewiß, er würde sechszehn Geyer deine Eingeweide zerhacken lassen, so arg hast du ihn angegriffen, unter dem Vorwande dich zu vertheidigen. Nur das Einzige kann ich nicht recht begreifen, wie du als Prophet diese deine Strafe nicht solltest vorhergesehen haben?

Prometheus. Ich wußte es wohl, Merkur, und weiß auch, daß ich erlöst werden, und daß in nicht gar langer Zeit ein Freund von dir aus Theben[9] kommen, und den Adler schießen wird, der, wie du sagst, auf mich herabstoßen soll.

Merkur. Möchte es in Erfüllung gehen, und ich dich wieder frei und froh an unserer Göttertafel erblicken, doch – nur nicht als Fleisch-Austheiler!

21. Prometheus. Sey unbesorgt: ich werde wieder mit euch schmausen; Jupiter selbst wird mich gegen einen wichtigen Dienst in Freiheit setzen.

Merkur. Und dieser Dienst wäre? Laß doch hören!

Prometheus. Du kennst ja die Thetis? – Doch, nein – ich darf’s nicht sagen. Es ist besser, ich bewahre das Geheimniß als Preis für meine Loskaufung.[10]

[115] Merkur. Behalt’ es immer bei dir, Titan, wenn es besser für dich ist. Wir wollen nun gehen, Vulcan: denn hier ist der Adler ja schon. – Halte standhaft aus! Wiewohl ich wollte, der Thebanische Schütze, von dem du sagtest, ließe sich jetzt schon sehen und befreite dich von der Qual, von diesem Vogel zerfleischt zu werden.



  1. S. dieses Bdchn. S. 29. Anm. 2.
  2. Theogonie v. 541.
  3. Iliade XIII, 773.
  4. Hesiodus Werke und Tage v. 61.
  5. Aratus Phänomena v. 3.
  6. Homers Iliade I, 423.
  7. Odyss. VIII. 325.
  8. Iliade I, 317.
  9. Herkules.
  10. S. das nächstfolgende Göttergespräch.