Politik und geistige Arbeit (Bekker)

Textdaten
Autor: Paul Bekker
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Titel: Politik und geistige Arbeit
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aus: Das Flugblatt Nr.6
Herausgeber: Norbert Einstein
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1918
Verlag: Tiedemann & Uzielli
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Erscheinungsort: Frankfurt am Main
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Quelle: Scans bei commons
Kurzbeschreibung:
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[1]

Das Flugblatt


herausgegeben von Norbert Einstein


VI

Paul Bekker


Politik

und geistige

Arbeit


Preis 40 Pfg.


Tiedemann & Uzielli Verlag, Frankfurt a. M.

1918

[2]
Politik und geistige Arbeit

Von Paul Bekker


Die Revolution geht über die Erde. Nicht nur die politische, die soziale, die wirtschaftliche Revolution, die den mehr oder minder gewaltsamen Umsturz des Überlieferten und Bestehenden bewirkt, alte Ordnungen über den Haufen wirft und, ungewiß des eigenen Zieles, der Auflösung entgegentreibt. Das, was den Bewegungen auf diesen Einzelgebieten erst den tieferen Antrieb gibt, ist die Revolution des Geistes, die Erschütterung jeglichen Autoritätsglaubens überhaupt – nicht in einem kleinen Kreise berufsmäßig Unzufriedener, nicht in einer einzelnen, schlecht behandelten Volksschicht, auch nicht einmal nur bei den Völkern, die im Augenblick unter die Räder des Geschickes geraten sind. Die große, furchtbare Erschütterung, von der wir bisher nur die ersten gewaltsamen Stöße spüren, richtet sich nicht gegen Einzelerscheinungen und Einrichtungen bestimmter Lebensformen einzelner Völker. Sie wurzelt in der zur Verzweiflung gesteigerten Erkenntnis des Mißleitetseins, und dieses Mißleitetsein gilt von Siegern wie von Besiegten, wenn es auch im Augenblick diesen am niederdrückendsten, den Siegern aber erst in einer späteren Entwicklungsphase zum Bewußtsein kommt. Wer aber nicht kindlich genug ist, um auf der einen Seite nur niederträchtigste Bosheit, auf der andern nur ideale Engelhaftigkeit der unmittelbar Verantwortlichen anzunehmen, der wird, unbeirrt durch den gegenwärtigen Stand der Dinge, die gleichmäßige Schuld aller anerkennen, eine Schuld, die sich am kürzesten kennzeichnen läßt als falsche Auslese der Führer.

Die Menge, erbittert durch das ihr zugefügte Leid und nicht geneigt, sich in lange Betrachtungen einzulassen, schlägt kurzerhand die alten Götzen kaput und setzt neue an ihre Stelle. Sie spricht von Demokratisierung, von Parlamentarisierung, von Volksregierung und ähnlichem und glaubt, in diesen Worten Zauberformeln für ein glücklicheres Dasein gefunden zu haben, nur weil sie äußerlich einen Gegensatz zu den bisher herrschenden Anschauungen bedeuten. Der abseits stehende Skeptiker – er braucht nicht Reaktionär zu sein – fragt, wo denn der Beweis für die wahrhaft befreiende Wirkung dieser Einrichtungen sei. Er führt Gegenbeispiele aus der Vergangenheit an, er weist auf die feindlichen Staaten hin, in denen nicht nur die Demokratie unvermögend war, den Krieg zu verhindern, sondern eben durch den Krieg die demokratischen Regierungsformen durch nahezu absolutistische ersetzt worden sind. Die Wahrheit ist, daß Namen auch hier nur Dunst sind. Ein Regierungssystem, das die Lebensansprüche der Gesamtheit erkennen und vertreten soll, wird nicht durch Schlagworte und auch nicht durch aus diesen Schlagworten resultierende augenblickliche Maßnahmen gewährleistet. Hüten wir uns, aus der Anbetung der Alleinherrschaft in das Extrem: die Anbetung der Massenherrschaft zu verfallen. Die Masse als solche, und wenn sie aus [3] lauter Genies bestünde, ist positiver Handlungen nicht fähig, sie kann nur zerstören, nicht ausbauen. Immer, beim Bolschewismus, wie beim Absolutismus, ist es die Lösung des Führerproblems, von der alles abhängt. Das Gelingen dieser Lösung ist an zwei Voraussetzungen gebunden: Es müssen geeignete Führerpersönlichkeiten vorhanden sein und es müssen die, denen die Auswahl obliegt, fähig sein, Entscheidungen zu treffen: Führerqualitäten zu erkennen. Die Wahlmethode ist demgegenüber von untergeordneter Bedeutung. Sie wechselt mit den Zeiten und Menschen und müßte, der Idee nach, sich in natürlicher, zwangloser Parallele den Veränderungen der menschlichen Denk- und Lebensweise organisch anpassen. Trägheit und Beharrungsvermögen auf der einen, Machtfreude und Starrsinn auf der andren Seite bringen es mit sich, daß dieses stetige Wachstum sich nicht in gleichmäßiger Entwicklung vollzieht, sondern, nach jeweiliger Anstauung und künstlicher Zurückdämmung der Kräfte, in ruckweisen Gewaltstößen. Die Gefahr dieser Entwicklungsart liegt darin, daß man über dem augenblicklichen Zweck solches Gewaltstoßes das Ziel vergißt, dem er dienen soll und damit die inneren Vorausetzungen mißachtet, an die sein dauerndes Gelingen gebunden bleibt. Das Ziel ist nicht Veränderung der Wahlart, sondern des Wahlresultates. Es liegt im Wesen des politischen Tagesstreites, daß er, jemehr er sich zuspitzt, ein Kampf um die Mittel wird, statt Kampf um den Zweck zu sein. Und so sicher die Mittel nötig sind, um den Zweck zu erreichen, so sicher entwertet man sie, wenn man seiner vergißt. Dies ist die Gefahr aller revolutionären Bewegungen gewesen, es ist auch die der heutigen.

Der Sinn jeglichen menschlichen Gemeinschaftslebens ist Schaffung einer Kulturlebens, das will sagen eines Lebens, in dem die Kräfte aller einzelnen sich frei, ihrer Natur gemäß zum sinnvollen Ganzen ineinanderweben. Je ungehemmter dieser Zusammenfluß der Kräfte sich vollzieht, je klarer und zweckmäßiger die Verteilung der verschiedenen Posten geordnet, je gesünder der Gesamtorganismus ausgebaut ist, umso bedeutungsvoller und reiner die Ergebnisse. Die Richtlinien dieses Aufbaues zu bestimmen, die Mittel zu finden, die geeignet sind, alle vorhandenen Kräfte zu wecken, furchtbar zu machen und ihnen den für ihr Wirken bestgeeigneten Platz anzuweisen, ist Aufgabe der Kulturpolitik.

Jedes politische System muß daher im Grunde auf Kulturpolitik zielen. Da aber die Wirksamkeit der Politik zunächst an die Voraussetzung des Machtbesitzes gebunden und gerade dieser dauernden Angriffen von Reinen und Unreinen, Selbstsüchtigen und Ideologen ausgesetzt ist, bleibt das, was wir gemeinhin als Politik zu bezeichnen pflegen, meist unbefriedigende Halbheit. Wir haben uns längst daran gewöhnt, unter Politik nur den Kampf um die Macht zu verstehen, während sie in Wirklichkeit Fruchtbarmachung der Macht sein sollte. Kulturelle Wirkungen, die ihr Ziel sein müßten, übt diese Art Politik nur noch nebenher, sozusagen unbeabsichtigt und unverschuldet. Demgegenüber ist zu betonen, daß einzig in der Gewährleistung kultureller Forderungen die innere Rechtfertigung jeder Politik liegt. Politik nur um der Politik willen ist zwecklose Kräftevergeudung, gleichviel ob sie sich absolutistisch oder demokratisch gebärdet. Wenn der Sinn der jetzigen Umwälzung nur der wäre, an Stelle des einzelnen Machthabers den Machthaber Demos zu setzen, wenn sie also nur aus ein Spiel mit vertauschten Rollen hinausliefe, so wären wir übel daran. Wichtig ist daher, daß die neue Politik nicht erst wartet, bis sie den Kampf mit ihren Gegnern zu Ende geführt hat, um sich dann [4] auch kulturellen Aufgaben zuzuwenden – das könnte lange dauern, – sondern daß sie von vornherein auf das Ziel dieses Kampfes hinsteuert, daß sie nicht Selbstbehauptung, sondern Dienst an einer Idee als ihren Daseinszweck erkennt, daß sie nicht Machtpolitik, sondern Kulturpolitik sein will.

Es ist notwendig, den unlösbaren Zusammenhang politischer und kultureller Aufgaben ganz klar zu erfassen, denn davon hängt unsre Stellung zu den Kulturproblemen der nächsten Zeit ab. Man trifft jetzt häufig auf wohlmeinende Leute mit weitreichenden geistigen Interessen, die entsetzt fragen: Wie denken Sie sich unser kulturelles Weiterleben? Wo soll das Geld dafür herkommen? Die Denkweise dieser scheinbar so praktisch und realpolitisch argumentierenden Leute ist bedingt durch die bisherigen Zustände. In der Tat war das, was man bisher für Kulturzwecke tat, hauptsächlich ein Geldopfer und auch dieses wurde nur gebracht im Hinblick auf besondere außerkulturelle Zwecke. Man denke an die unsinnigen Gelder, die für die Forderung des künstlerisch belanglosen Männergesangs zum Fenster hinausgeworfen wurden, an den Denkmals- und Bautenunfug namentlich in Berlin. Aber nicht nur diese aus persönlichen Launen höchster und „allerhöchster“ Persönlichkeiten zurückzuführenden Kulturtaten belasten unsre Vergangenheit. Es ist nötig hervorzuheben, daß es in der Bürgerschaft nicht im mindesten besser aussah. Unsre Städte haben Theater gebaut und unterhalten, bei deren Anlage man wohl repräsentative und wirtschaftliche Erwägungen in Betracht zog, die künstlerischen Forderungen aber nur als notwendiges Übel behandelte und sie unter die Oberaussicht einer rein kaufmännisch urteilenden Verwaltung stellte. Man hat Universitäten gegründet – nicht um Sammelpunkte geistigen Lebens zu schaffen, sondern um nach außen hin mit ihnen zu prunken und dabei das Wirtschaftsleben der Stadt zu fördern, und man hat die anfänglich zaghaft geforderte Freiheit in der Berufung der Lehrer unbedenklich geopfert, nur um die an die Gewährung der staatlichen Konzession geknüpften Geschäfts- und Eitelkeitshoffnungen verwirklichen zu können. Wenn man die Summen zählt, die in deutschen Städten für kulturelle Zwecke verausgabt wurden, so könnte man zu der Ansicht kommen, hier sei ein Kulturleben von höchster Geistigkeit in Blüte gewesen. Sieht man genau zu, so erkennt man, daß fast überall mit unseren geistigen Gütern Raubbau getrieben wurde, und daß ihre Pflege nur den Vorwand gab für Spekulationen durchaus ungeistiger Art. Der tatsächliche Zustand war also gerade das Gegenteil von dem ideell Notwendigen: man trieb nicht Politik, um der Kultur des Volkes, des Landes und damit der Menschheit zu dienen, sondern man vergewaltigte die kulturellen Mittel im Dienste der Politik. Nur soweit sie sich den Zwecken dieser Politik gefügig erwiesen, wurden sie mit hohen Reden voll pathetischen Schwunges als der Förderung würdig befunden.

Es wäre ebenso billig wie falsch, die Schuld an dieser geistigen und kulturellen Verelendung des deutschen Volkes, aus der heraus erst der militärische, politische und wirtschaftliche Zusammenbruch erklärlich wird, ausschließlich den alten Machthabern zuzuschreiben. Sie hätten sich trotz des Besitzes äußerer Machtmittel niemals so ungehemmt durchsetzen können, wenn nicht gerade die Träger der geistigen Volkskraft sich ihnen willig zur Verfügung gestellt hätten. Statt die Souveränität des Geistes zu proklamieren und, auf sie gestützt, der Wirklichkeit die Idee gegenüberzustellen, statt die Selbständigkeit und Unantastbarkeit ihres Führeramtes, [5] dieses einzigen und ewigen Gottesgnadentums zu wahren – was haben sie getan? Sie haben sich zu Söldlingen der Macht hergegeben, sie haben sich ihre Ziele von denen setzen lassen, denen sie sie hätten weisen müssen, sie haben sich verkauft und haben geglaubt, den Forderungen des Geistes Genüge zu tun, wenn sie auf ihren Einzelgebieten gute oder selbst hervorragende Sonderleistungen zuwege brachten, die ihnen als „Fortschritte“ der Wissenschaften, der Künste, der Technik erschienen und die in Wirklichkeit doch nur dazu dienten, die Sicherheit der herrschenden Macht zu festigen. Was ist aus unsren Universitäten geworden? Gewiß, wir haben einige ausgezeichnete Fachgelehrte an ihnen – aber wo sind die Persönlichkeiten, die, über ihr Lehramt hinauswirkend, den Beruf zu geistigen Führern erwiesen, ihn auch nur angestrebt haben? Und was ist das Ergebnis? Eine Unzahl von gelehrten Beamten, auf staatliche Berufe mit genau umgrenzten Wirkungskreis hin abgerichtet, kluge Leute, die ihr Fach ausgezeichnet verstehen, denen wir auf wissenschaftlichen Einzelgebieten manche grundlegende Entdeckung verdanken und denen eben doch das Beste und Wichtigste fehlt: die Erkenntnis nämlich, daß alle ihre Kenntnisse, all ihr Entdeckungseifer Eigenschaften von untergeordnetem Werte sind, solange ihr Menschentum kulturpolitisch kastriert ist, solange sie nur willenlose, des eigenen geistigen Schöpfertriebes ermangelnde Lohnsklaven einer kritiklos oder doch nur unter heimlichem Protest hingenommenen ungeistigen Macht sind. Stand es etwa um unsre Schulen besser, in denen bei Kriegsausbruch „Nun danket alle Gott“ gesungen und noch 1918 der Sedantag gefeiert wurde? Gewiß, wir und unsre Kinder sind gut unterrichtet worden, so weit die Mechanik des Wissens in Betracht kam. In allem aber, was darüber hinausging, haben unsre Schulen nicht nur völlig versagt, sondern geradezu planmäßig verheerend gewirkt. Sie haben das Geistige zum Diener des Nützlichen gemacht, und dieses Nützliche galt ihnen gleichbedeutend mit dem Gegebenen, Herrschenden. Die Idee einer Pflege des Geistes um des Geistes willen war ihnen fremd und unfaßlich – sie hätte zum Aufruhr gegen alles Bestehende führen müssen. So wurde uns die Idee einer Bildung als Kulturpflege ein fremder Begriff und es triumphierte die Bildung als Broterwerb und Mittel zur gesellschaftlichen Geltung. Wir waren stolz auf den niedrigen Prozentsatz der Analphabeten im deutschen Volk – aber haben wir dadurch, daß wir Lesen, Schreiben, Rechnen lernten, wirklich an Bildung gewonnen? Haben wir nicht die geistigen Güter nur dazu benutzt, Geld daraus zu machen? Kein besseres Zeichen für den tiefen Bildungsstand des deutschen Volkes als der Riesenerfolg von Chamberlains „Kriegsaufsätzen“ – einem Literaturprodukt, das, ganz abgesehen vom Sachlichen des Inhaltes eine derart minderwertige, wahrhaft kindisch unbeholfene Einstellung zu den Problemen der Weltgeschichte zeigt, daß ein kulturbewußtes Volk solche Erzeugnisse als nicht diskussionsreif instinktiv hätte ablehnen müssen. Bei uns sind sie in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet und gelesen worden – nicht etwa auf der Gasse, sondern in den „gebildeten“ Kreisen. Wohin wir blicken, sehen wir völliges Versagen des Qualitätsbewußtseins – nicht nur in den unteren Schichten, sondern gerade bei den Intellektuellen, bei denen, die berufen gewesen wären, mit den feinen Organen des geschärften Geistes. mit der Ahnungsgabe prophetischer Kraft über den wurmstichigen Glanz der historisch gegebenen Macht hinweg das Neue, Notwendige zu erwittern, ihm den Boden zu bereiten.

[6] Nun ist die Revolution gekommen – ohne sie. Was jetzt? Bisher waren die Intellektuellen Nützlichkeits- und Zweckmäßigkeitsapostel – der Geist galt ihnen nicht als etwas Heiliges, um seiner selbst willen Vorhandenes, er galt ihnen als Betriebskapital, mit dem sie Geschäfte machten gleich dem Kaufmann. Sie stehen setzt vor der Entscheidung, ob sie diesess Prinzip weiterführen und nur die Firma wechseln, ob sie also wieder zu Mitläufern und Hörigen der Macht werden oder ob sie sich auf die Klarheit und Würde und damit auf die Selbständigkeit des Geistes besinnen wollen. Der erste Weg führt zur Versklavung – wobei es allerdings zweifelhaft bleibt, ob die neuen Machthaber so gut mit Titeln und Geld bezahlen werden, wie es die alten getan haben. Der zweite ist der Weg, der zur Führerschaft hinleitet. Er fordert Entsagung, sowohl im Hinblick auf Besitz, wie auf Macht und Ansehen, denn geistige Führerschaft erwächst nur aus der Einsamkeit, aus dem Entferntsein von der Masse, aus der Gleichgiltigkeit gegenüber ihren unmittelbaren Wünschen. Es handelt sich aber hier nicht um die Frage nach dem Wohlergehen der „Geistigen“, sondern um die weit wichtigere Frage, wie die ihnen verliehenen Fähigkeiten dem Ganzen dienstbar gemacht werden können – im Hinblick auf die Lösung des Problems, das wir als das Wichtigste jeder Kulturpolitik erkannten: das der Auslese der Führer.

Wenn die bisherigen Intellektuellen sich jetzt plötzlich in „geistige Arbeiter“ umtaufen und als solche nach politischem Anschluß und Einfluß streben, so bleiben sie ebenso lächerlich und unfruchtbar wie bisher – ja, sie überbieten noch die Intellektuellen alter Ordnung, indem sie beweisen, daß sie selbst mit den Ereignissen der Revolution nichts gelernt haben. Sie sehen nicht das Bedingte der einzelnen politischen Weltanschauung, sie erkennen nicht, daß Politik an sich mit all ihren sozialen und wirtschaftlichen Verzweigungen nur Mittel ist, nicht Zweck, und sie Vergessen, daß dieser Zweck zu allen Zeiten die Schaffung eines Kulturlebens bleibt. Damit ist nicht gesagt, daß der geistige Mensch als Einzelwesen politisch indifferent sein soll oder muß – im Gegenteil: je schärfer das Persönliche in ihm sich ausprägt, umsomehr wird er sich zu politischer Aktivität gedrängt fühlen. Er kann Monarchist, er kann Demokrat und kann Sozialist sein, ohne seiner Geistigkeit zu schaden. Aber er würde die ethischen Grundlagen seiner Geistigkeit zerstören, wollte er sich mit anderen zu einer Gruppe der Geistigen zusammentun. Eine solche Gruppe könnte nichts anderes sein als eine Interessenvertretung. die sich im Kampfe notwendig immer mehr zur wirtschaftlichen Einseitigkeit verschärfen müßte. Eine wirtschaftliche Interessenvertretung aber auch noch der Geistigen als deren Repräsentation würde ihnen den letzten Anschein ihrer Daseinsberechtigung oder doch ihres Daseinswertes rauben, würde sie endgiltig zu Produzenten im gewerblichen Sinne stempeln, würde den „Geist“ zur Materie und das geistige Produkt zur Ware machen. Es gibt keine unglückseligere Begriffsprägung als die des „geistigen Arbeiters“, denn in ihre letzten Folgerungen durchdacht, hebt sie das Unfaßbare des geistigen Wertes auf und macht den geistigen Schöpfer zum mechanistischen Gewerbetreibenden.

Der geistige Mensch als Einzelerscheinung mag sich, soweit er politisches Betätigungsbedürfnis spürt, einer politischen Partei eingliedern, auch mögen sich beruflich Nahestehende zur Wahrung wirtschaftlicher Rechte genossenschaftlich organisieren – die Gesamtheit der Geistigen aber läßt sich parteipolitisch niemals fassen. Sie wird und muß ihre einzige Aufgabe [7] darin finden, Kulturpolitik zu treiben und dies ist eine Politik, deren Wirkungsmittel nicht die äußerlich organisierte Macht, sondern die innerlich fortwirkende Erkenntnis ist. Im Reich der Geister gibt es nicht die unter einer Flagge marschierende äußerliche Vereinigung, sondern nur den organisatorisch unfaßbaren Bund der ideellen Zusammengehörigkeit. Voraussetzung jeder Kulturpolitik ist die Erkenntnis des relativen Wertes jeglicher machtpolitischen Verfassung, ist weiterhin die Erkenntnis, daß Machtpolitik kein Endzweck, sondern Weg ist zur Kulturpolitik, ist drittens gegenüber den öffentlichen Erscheinungen jeglicher Machtpolitik der stete Hinweis auf diesen ihren ideellen Endzweck, – ein Hinweis, der nur dann erteilt werden kann, wenn die absolute Freiheit des Geistes gesichert ist. Diese Freiheit des Geistes aber ist an zwei Voraussetzungen gebunden: erstens, daß die herrschende Macht eine solche Freiheit des Geistes wünscht und gewähren läßt, daß sie den Geist nicht zum Trabanten und Agenten ihrer auch im günstigsten Falle zeitgebundenen Ideen herabwürdigt. Wir hoffen, daß der Sozialismus diese überragende Gewalt des Geistes anerkennt und gelten läßt. Erfüllt er diese Hoffnung, so begrüßen wir ihn als Befreier. Die zweite Voraussetzung ist, daß die Arbeiter am Geiste eine solche Freiheit innerlich auch wahrhaft wollen und sich fähig erweisen, sie zu üben – daß sie nicht nach Ämtern, Geldern, Ansehen, Einfluß zielen, sondern daß sie nicht anderes erstreben, als das reine „Dienen am Geist“. Die Erkenntnis, daß nur solches Streben den höchsten Wert der geistigen Arbeit zu Tage treten läßt, kann erst dann allgemein werden, wenn man das Problem der Volks- und Menschheitsentwicklung nicht als Problem des Systems, sondern als Problem der Führerschaft, das will sagen als Problem der Persönlichkeit auffaßt. Die Machtpolitik schafft Systeme und Organisationen, die Kulturpolitik soll den Wert der Persönlichkeit erkennen lehren. Sie kann Persönlichkeiten nicht aus dem Nichts hervorrufen, aber sie kann sie zum Bewußtsein ihrer selbst und der ihnen innewohnenden Kraft bringen und ihre Bedeutung erkennbar machen. Auf dieses Ziel hinzusteuern ist die Aufgabe – die einzige Aufgabe – des geistigen Arbeiters. Es gilt, die Kultur aus der Hörigkeit der Machtpolitik zu befreien, die bisherige Dienerin wieder zur Herrin zu erheben, und durch sie den Weg zurückzufinden zu einem reinen, großen Menschentum.