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Titel: Photographische Abenteuer in der Eisregion
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 242–245
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Photographische Abenteuer in der Eisregion.


Die Landschaftsphotographen sind hinter dem himmelstürmenden Drange des Jahrhunderts nicht zurückgeblieben und in die Gegenden der Erstarrung emporgedrungen. Von solchen halsbrecherischen Gebirgstouren haben die Photographen Bilder mit herabgebracht, durch welche Leute, die zu bequem sind, einen Hügel zu ersteigen, in den Stand gesetzt werden, sich einen zutreffenden Begriff von der Zerrissenheit der Grate, dem Aussehen der Geröll- und Trümmerhaufen, den halb verwehten Eisspalten und ähnlichen Schrecknissen zu machen. Ja, von der stillen Stube aus sogar in die Unermeßlichkeit der weiten Welt zu schauen, ist ihnen hierdurch ermöglicht worden. Denn die Photographen haben Panoramen geliefert, in welchen zahllose Gipfel aufragen und der Horizont vom Eise weiß aufleuchtet.

Solche photographische Unternehmungen bieten schon in niedrigen Regionen viele Schwierigkeiten. Das Mitschleppen des Zeltes, in dessen Dunkel das Silberbad bereitet und das Bild „hervorgerufen“ wird, die Last der Camera und insbesondere des dreifüßigen Stativs sind dabei das Geringste. Schwieriger erscheinen die Hindernisse, welche Hitze und Kälte dem geeigneten Zusammenwirken der Chemikalien, Staub, Insecten und andere kleine Teufeleien, die sich auf die feuchte Collodiumschicht der Platte stürzen, dem Manne, der im Schweiße seines Angesichts arbeitet, bereiten. Mit jedem Hundert Meter über der Meeresfläche vermindern sich die Aussichten des Gelingens. Maulthiere oder Träger können an den Werkzeugen etwas verderben; der Wind kann das aufgeschlagene Zelt bedrohen, geeignetes Wasser schwer zu finden sein, im wichtigsten Augenblicke sich Nebel vor das Objectiv legen, die Platten und Kasten können zertrümmert werden – und wie die Störungen, die einer fortgesetzten Reihe von chemischen Experimenten drohen können, alle heißen mögen.

Nach diesen Bemerkungen gehe ich zur Schilderung eines Spaziergangs über, den ich am 17. October 1873 unternommen.

Die Zugspitze in Oberbaiern ist 2974 Meter oder 10123 bairische Fuß hoch. Im Umfange des dermaligen deutschen Reiches bildet sie die höchste Erhebung über das Meer, ein Umstand, der Manchem für diesen erhabenen Giebel besondere Theilnahme beibringen möchte. Die Wände des Stockes, dessen höchste Erhebung die Zugspitze bildet, fallen gegen Baiern und Tirol ab. Die Grenzlinie zieht sich durch ihre Schneewüsten. Während von der bairischen Seite her, von Partenkirchen oder Garmisch aus, Hunderte den Gipfel erstiegen haben, sind es nur sehr Wenige, die vom ersten Tiroler Dorfe, von Ehrwald, aus sich an die Erklimmung der furchtbaren Schrofen gewagt haben, in welchen sich hier das Gebirge gegen den Eibsee streckt. Ich machte die Tour in Begleitung des den Gartenlauben-Lesern bekannten Malers Sundblad und des Photographen Johannes, von dessen Bemühungen, die deutsche Bergewelt in großen Bildern darzustellen, in diesen Blättern schon öfter gesprochen wurde.

Johannes hatte wenige Tage zuvor von einer Höhe aus, die etwa neuntausend Fuß über dem Meere liegt, mehrere Bilder der um ihn gelagerten gewaltigen Natur-Scenerien aufgenommen. Die Absicht, in welcher er uns heute begleitete, war keine andere, als uns den Weg zu zeigen, auf welchem er damals zur Durchführung seiner künstlerischen Absicht vorgedrungen war, und uns angesichts der großartigen Natur die Erlebnisse seines photographischen Höhengangs zu schildern. Sundblad ging mit, um durch den Augenschein sich zu einer zeichnerischen Darstellung der Fährlichkeiten jenes Ganges vorzubereiten, und ich wollte durch die Feder Das ergänzen lernen, was der Letztere durch den Stift festzuhalten trachtete. So traten wir Drei, von dem kühnsten Führer Ehrwalds, Franz Rauch, begleitet, unsere Wanderung an.

Während wir in der Frühstunde – die Sonne lag noch hinter dem Zugspitzgebirge versteckt – durch die abscheulich verwüsteten Wälder den Felsen und ihren Schneemulden entgegen stiegen, flogen lichte Wolken über die Grate dem Norden zu. Der Südwind tobte um die Spitzen, desto wärmer, je höher wir hinauf kamen. Oben, wo die letzten grauen Baumleichen stehen, kurz vor einer kleinen, mit spärlichem Grase bedeckten Mulde, die „Das Tiefet“ genannt wird, war es ein heißer Sturm. Schon dieser allein ließ uns die Schwierigkeiten ahnen, mit welchen beim Hervorbringen von Photographien in den hohen Einöden gekämpft werden muß. Denn ein Zelt, das die Dunkelkammer vorstellt, mußte von ihm im ersten Augenblicke niedergeweht werden.

Der Blick in die Gründe des Thales, in welchem die Loisach fließt, gewährt einen erhabenen Eindruck. Die Wissenschaft berichtet uns von dem ehemaligen Vorhandensein eines Loisachgletschers, der den Zwischenraum zwischen diesen Bergen ausfüllte und sich weit in das Flachland hinaus, bis dahin ausbreitete, wo jetzt blühende Städte stehen, in deren Nähe heute noch die von ihm fortgeschobenen Felsblöcke seine alten Moränen andeuten. Und eben ein solcher Gletscher lag jetzt unter uns, aber nicht von Eis, sondern von dichtem Nebel gebildet, von oben herab in seiner flockigen Oberfläche silbern beleuchtet. In seiner zusammengeballten Masse zeigten sich Wellen, Brüche, Anschwellungen, Einsenkungen und Klüfte. Es war das wolkige Gegenspiel eines Firnmeeres, Das Thal lag, während wir uns der Sonne erfreuten, in feuchtem winterlichem Grau.

Dort, jenseits des „Tiefet“, wo das letzte Krummholz zwischen weißen Riffen kriecht, begann für uns der Weg der Gefahr. Die wenigen, bereits herbstrothen Gräser bebten im Winde. Die Kniee zitterten mir, während ich hinter den gewandteren Gefährten hinschritt. Bewegungslos lag die Welt da. Unten die gleißende Hülle starr zwischen Bergen, bei uns hier oben manchmal der rasche Schatten eines Steinhuhnes, das piepend, uns unsichtbar, irgendwo an den Wänden hinstrich. Wenn ein Stein von unseren Schritten in die Tiefe rasselte, bemaß ich bangend die lange Zeit, nach welcher sein Aufschlag von unten heraufscholl. Unter manchem überhängenden Vorsprunge mußte hindurch gekrochen werden. Wehe uns, wenn wir in die „Ludergrube“ und den Eibsee, der lothrecht über viertausend Fuß unter uns lag und durch die Nebelhülle dunkelte, hinab geblickt hätten! Der Schwindel hätte uns sicher ergriffen und hinabgestürzt. So wanden wir uns vom „Tiefet“ ab fast zwei Stunden an den sich ausbeugenden oder einwärtssenkenden Felsen hin, zur Linken die glänzende Tiefe, zur Rechten die Wände, an denen oft die Hand sich nicht halten konnte, die Füße auf einem Boden, dessen Breite meist nicht mehr als vier oder fünf Handflächen betrug.

Unter solchen Umständen begrüßten wir mit Freude das Ziel unserer heutigen Wanderung, das „Schneekar“, eine kleine [246] Mulde, in welcher sich ein winziger Gletscher angesiedelt hat. Sie bot, seit wir das „Tiefet“ verlassen hatten, uns zum ersten Male die Möglichkeit zum Ausruhen. Während wir im Angesichte der Staffeln, die sich jenseits des Schnees bis zum Zugspitzgrat übereinanderthürmen, von den überstandenen Mühen ausruhten, begann Johannes seine Erzählung. Sie bot, mit Rücksicht darauf, daß sie über den Wolken, die das Flachland verdüsterten, gegeben wurde und der vorzüglichste Schauplatz derselben gerade vor uns lag, einen Reiz, den ich in meiner Schilderung nicht wiedergeben zu können bedauere.

Die Gartenlaube (1874) b 246.jpg

Aufgang über der „Ludergrube“.
Nach der Natur aufgenommen von G. Sundblad.

Johannes begann seine Erzählung, indem er mittheilte, er habe den Gipfel der Zugspitze auf dem Wege über die Knorrhütte schon sechszehnmal erstiegen und daher bei seinem neulichen Versuche den viel kürzeren, aber auch um so viel halsbrecherischen Weg von Ehrwald aus eingeschlagen. Auf diesem die Instrumente nach dem Grat zu schaffen, ist ein Ding der Unmöglichkeit – hatten ja doch wir Mühe gehabt, die unbepackten Leiber an den Wänden glücklich vorbei zu schieben. So waren also die Träger wieder auf dem gewöhnlichen Wege nach der Knorrhütte geschickt worden, wo sie Johannes zu erwarten hatten. Dieser aber brach zu dem verhängnißvollen Gange von Ehrwald an einem Septembertage dieses Jahres um Mittag auf.

Dem Photographen hatten sich kühn die Herren Albert Reiser aus Partenkirchen, Emil Rauscher aus Württemberg und Ungelehrt aus Nürnberg angeschlossen. Vom Aufbruch an leuchtete nur eine fahle Sonne. Ein starker Westwind jagte die Wolken, und die Färbung des Himmels wie der Berge deutete auf schlechtes Wetter. Johannes gedachte noch an demselben Tage über den Zugspitzgrat hinweg die Knorrhütte zu erreichen, um am nächsten Morgen mit dem Apparat, der dorthin für ihn hinaufgeschafft worden war, die Gläser einem Gesichtskreise zuzuwenden, der den Böhmerwald wie die Bernina, die württembergische Rauhe Alp wie die Salzburger Berge umfaßt.

Bis zum Schneekar, wo Johannes uns jetzt seinen Vortrag hielt, war trotz des Weststurmes und der immer bedenklicher sich gestaltenden Wetterzeichen Alles gut gegangen. Man kümmerte sich nicht viel um das Pfeifen in den Klippen, um den blauschwarzen Hauch, der die Berge, und um den nächtlichen Farbenton, der den Eibsee überzog. Die Fährlichkeiten der Abstürze über der „Ludergrube“ (so genannt, weil in deren Tiefe oft Aas, „Luder“, von zerschmetterten Gemsen etc. gefunden wird), die Vorsprünge über den fahlen Wänden waren überwunden. Man war im Schneekar angekommen und rastete guten Muthes.

Doch war das Aussehen der Umgebung damals ein völlig anderes. Die Tiefe bedeckte nicht ein unbewegliches, glänzendes starres Meer wie jetzt, sondern es zogen Wolkenungethüme mit gewaltiger Schnelle, dem Zuge der Walküren und des Wütenheeres vergleichbar, durch die dem Scheine nach so nahen schlehfarbenen Bergengen. Ueber das Schneekar hatte sich bereits Nebel herabgesenkt – es war nicht möglich, die grauen, mächtigen Staffeln zu sehen, die sich von ihm aus bis zum Kreuze der Spitze übereinander thürmen. Da die Zeit drängte, stieg man nach kurzem Verweilen über den kleinen Gletscher des Schneekars aufwärts. An seinem oberen Ende angekommen, bemerkten die Wanderer, was ihnen bis jetzt der dichte Nebel verhüllt hatte, daß die Randkluft, durch welche der Firnschnee vom Felsen abstand, zu breit und zu tief sich gestaltet hatte, als daß sie hätte überschritten werden können. Man mußte sich deshalb von dem Gletscher wieder entfernen und seitwärts eine steile, steinerfüllte Rinne im Kalkgewände, einen sogenannten „Kamin“, aufsuchen. Jenseits dieses Kamins begann man mit dem Hinaufseilen, denn von nun an wurden, wie wir deutlich sahen, die Absätze so steil und hoch, daß es nur einem Franz Rauch und Johann Koser gelingt, hinaufzuklettern. Die Anderen müssen sich das Seil herablangen und sich hinaufziehen lassen. Nur Johannes machte von diesen eine Ausnahme. Er stieg mit den beiden Führern hinauf und verstärkte die Kraft der Ziehenden. Zuletzt wurden die Bergstöcke und Rucksäcke auf diese Weise in die Höhe geschafft.

Die Scenerie hatte sich völlig verändert. Es begann in großen nassen Flocken zu schneien. Die Sonne, ihrem Untergange nahe, blendete unheimlich roth durch schwarzes Gewölke und weißes Gestöber. Ein höllisches Licht flirrte ringsum in Luft und Schnee. Die Führer und Johannes hatten ihre Schuhe wegen der Glätte und Steilheit der Felsen ausziehen müssen. Sie zogen die Uebrigen am Seil hinauf, während sie mit den Strümpfen in jenem eisigen Brei standen, der sich rasch bildet, wenn ein mächtiges, nasses Gestöber von starkem Winde auf den Felsen gejagt wird.

Bei der fortgesetzten Wanderung wiederholte sich mehrfach das Hinaufseilen. Von einem jähen Kamin ging es in den anderen. Gegen die Höhe hin verwandelte sich der West- in einen eisigen Nordsturm. Beim „bösen Ort“, etwa eine Stunde unter dem Grat, war es ein Orkan, der die Nahenden wie mit Nadeln blendete. Die Dämmerung begann. Die gute Laune war entschwunden, und Ahnungen der Gefahr tauchten auf. Koser und Johannes kletterten voran. Rauch blieb mit den Uebrigen zurück. Plötzlich wurde

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Die Gartenlaube (1874) b 247.jpg

Das Hinaufseilen auf den Kamin. Nach der Natur aufgenommen von G. Sundblad.

[248] Koser buchstäblich von einem Stoß des Orkans in die Höhe, Johannes aber auf die Seite geworfen. In dieser Lage, aus welcher er sich erst nach einer Weile wieder aufrichtete, sah er unter sich in der Dämmerung die Genossen sich an den übereisten Felsen abmühen und manchmal zwischen ihren Gestalten eine Nebelbank durchjagen, aus welcher es röthlich vom letzten braunrothen Wiedersehen des westlichen Sturmhimmels flimmerte.

Johannes hatte kurze Beinkleider an, wie sie von den Holzknechten und Jägern unserer Berge getragen werden. Seine Weste hatte er, des bequemeren Steigens halber, in dem Gepäck gelassen, welches die durch das Rainthal vorausgesandten Träger nach der Knorrhütte gebracht hatten. So drangen ihm die aufgejagten Eisnadeln, vom Wüthen des Sturmes in die Höhe gehoben, unten in die Kniehosen ein und schoben sich bis zu den Hüften innerhalb der weit anliegenden Beinkleider hinauf, so daß er die weichen Massen dort mit den Fingern herausheben konnte. Der Körper begann zu erstarren; die Erschöpfung nahm zu, und weder er noch Koser hofften auf ein Entrinnen aus den Schrecknissen.

Als sie auf dem Grat ankamen, war es beinahe schon Nacht geworden. Sie befanden sich nun nahezu zehntausend Fuß über dem Meer. Niemand hätte vermocht, hier aufrecht zu stehen, so raste der Wind über die wilden Zacken. Die schmale Schneide des Grates war von Schnee überweht, von sogenannten „Gachwinden“, gebogen überhängenden Schneedächern, überdeckt.

In jedem Reisehandbuche ist zu lesen, daß der Grat links steil gegen den Eibsee etwa sechstausend Fuß, rechts ebenfalls mehrere tausend Fuß gegen den Schneeferner abstürzt und daß man schwindelfrei sein muß, wenn man denselben begehen will. Man stelle sich diesen Grat bei Nacht und von einem Sturm umwettert vor, der das Ohr betäubt, das Auge blendet und den Athem hemmt, und dazu die gefährliche Erweiterung durch die in’s Leere hinaus hängenden Schneedächer: da wird man begreifen, daß er von den halb Erstarrten auf allen Vieren durch langsames Kriechen zurückgelegt werden mußte.

Vom Grat bis zur nächsten bösen Stelle, der „Nase“, nennt man den Felsen „Schneeferner-Seite“. Hier schöpfte Johannes wieder Hoffnung auf Erhaltung des Lebens, denn sie befanden sich nunmehr wieder in Oertlichkeiten, die ihnen von früheren Besteigungen her bekannt waren, und außerdem hatten sich die wackeren Führer selbst in den Schrecknissen der Wände auf der Ehrwalder Seite so über alles Lob erhaben bewährt, daß man mit einiger Zuversicht in die wilde Schneenacht hinein bergab schreiten konnte.

Nur wegen der „Nase“ hegte Johannes noch Besorgnisse. Dies ist eine steil geneigte Felsplatte, unten in lothrechte Wände, welche zum Schneeferner abstürzen, ausgehend. Sie muß quer überschritten werden. Der locker darüber hingehäufte durchfeuchtete Schnee konnte das in der Dunkelheit zu einer gefährlichen Unternehmung machen. Aber sie gelang, und damit wuchs das Selbstvertrauen der nächtlichen Wanderer. Unterhalb der „Nase“ legte sich auch der erstarrende Nordwest; dagegen begann ein kalter Ost aus dem Rainthal heraufzuwehen. Eine andere gefürchtete Stelle, der „Kamin“, ein röhrenförmiger, steiler, mit lockeren Steinen angefüllter Abstieg, war heute leichter als sonst zu durchklettern, da er mit Schnee angeweht war. Wenn man gleich knietief darin einsank, so bot der Schnee den Füßen doch festeren Halt, als die lockeren Steine, die unter ihm den Felsboden bedecken. Ebenso glücklich wurde die steile „Sandreiße“ zurückgelegt.

Nun stand man auf dem Schneeferner. Hier wurde Rath gehalten, in welcher Weise man den Gletscher überschreiten sollte. Die Einen waren dafür, entfernt von den Wänden über ihn hinwegzugehen, um vor den Lawinen sicher zu sein, die in Folge des Schneefalles herabstürzen mußten. Die Anderen wiesen auf die Klüfte hin, die den Schneeferner durchzogen, und betonten die Nothwendigkeit, sich am Rande zu halten und die kleinere Gefahr vorzuziehen. Letztere Ansicht behielt die Oberhand. Der Ferner wurde in dichtem Dunkel an den Wänden hin überschritten, während die Wanderer vor den Graupeln, die ihnen in die Augen rieselten, die eigene Hand nicht sehen konnten. Der Führer Koser sowie Reiser brachen in Klüfte ein, wurden aber herausgezogen. Beim Schneefernereck beginnt das „Weiße Thal“, eine rauhe Geröllmulde. Hier hörte der Schnee auf und begann ein eisiger Staubregen.

Während dieser Zeit saßen die auf der Partenkirchener Seite durch’s Rainthal heraufgekommenen Führer ruhig in der Knorrhütte. Keiner dachte mehr daran, daß die Gesellschaft noch anlangen würde. Rauch’s Bruder, einer der erfahrensten Führer, sagte:

„Entweder sind sie, das nahende Unwetter verspürend, gar nicht von Ehrwald fortgegangen, oder sie sind in ihm zu Grunde gegangen. Vom Kommen ist keine Rede mehr.“

Aber sie kamen doch. Vom Weißen Thale aus rannte Johannes voraus, um durch Geschrei Leute aus der Hütte zu locken, damit sie den hinter ihm Nachschreitenden mit Laternen entgegengingen. Als nach vielem vergeblichem Rufen endlich die Leute aus der Hütte herauskamen, erschraken sie, denn ihr erster Gedanke war der an ein großes Unglück.

„Um ’s Himmels willen, was ist geschehen?“ redete Johann, Koser’s Bruder, den herannahenden Johannes an. Und dieser war fürwahr eine seltsame Erscheinung. Die gefrorene Joppe stand weit von seinem Körper ab; der Rucksack war einen halben Schuh hoch mit Eis und Schnee bedeckt; die Haare glichen weißen Drähten – die ganze Gestalt war mit Glatteis überzogen.

Ich übergehe die Schilderung des Punschabends in der Hütte und der Freude aller Anwesenden über die fast wunderbare Rettung, und komme zu der Unternehmung des nächsten Tages.

Johannes war wie gelähmt, doch unterließ er, um die großen Opfer nicht umsonst gebracht zu haben, es nicht, während der Nacht die Chemikalien zu wärmen, um mit dem Frühesten seine Arbeit beginnen zu können. Auf die Sturmnacht folgte ein frostklarer Morgen. Nun ging es, obwohl dem unternehmenden Photographen alle Glieder wie zerschlagen waren und ihn die Muskeln schmerzten, abermals dem gestern auf so entsetzliche Weise überkletterten Grate zu. Die Luft war rein, wie sie Johannes niemals gesehen hatte. Der Großglockner und der Ortler standen greifbar über dem Gewoge der ewigen Alpen.

Die Absicht, ein Bild von den Wänden aufzunehmen, die gegen den Eibsee abfallen, gelang nicht, weil der Wind auf dem Grate die Aufstellung des Zeltes nicht zuließ. Erst nachdem man einen Schneedamm als Schutzwehr gegen den Wind aufgeführt hatte, war es möglich, das Zelt in einer Nische unter dem Grate aufzurichten. Am Morgen erschienen wegen des entgegengesetzten Standes der beleuchtenden Sonne die West-, am Nachmittage die Ostalpen reiner. So stellte der jetzt von quälenden Schmerzen heimgesuchte Photograph ein prächtiges Bild jener unermeßlichen Bergwelt her, die vom Brenner bis tief in die Schweiz hinein in Giebeln aufragt und in Firnmeeren gleißt. Die Kälte, welche der chemischen Wirkung Eintrag thut und die Niederschläge krystallisiren läßt, hinderte bald den Strebsamen. Es konnten nur wenige Aufnahmen gemacht werden. Abermals durchfroren, kehrte Johannes zur Knorrhütte zurück mit dem Vorsatze, Leben und Gesundheit nie wieder seiner Kunst zu lieb auf’s Spiel zu setzen. Ich für meinen Theil bezweifle, daß er diesem Vorsatze treu bleiben wird.

Der Führer Koser war achtzig Mal auf der Zugspitze. Nach seinem Geständnisse hat er aber nie größere Gefahren bestanden als bei dieser photographischen Expedition, und hofft von seinem Schicksale, daß es ihn fortan vor einem ähnlichen Gange bewahre.