O lieb, so lang du lieben kannst

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Titel: „O lieb, so lang du lieben kannst!“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 36
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[36] „O lieb, so lang Du lieben kannst!“ Von allen Liedern Freiligraths hat keines so sehr alle Herzen gewonnen wie dies Mahnlied der Liebe, bei dessen seelenvollen Tönen noch manches Auge sich feuchten wird, wenn die meisten Lieder unserer Tage verklungen sind. Eine Mitteilung darüber, wie die herrlichen Verse entstanden sind, verdient darum mit Fug und Recht, für die Mit- und Nachwelt gebucht zu werden. Ich verdanke sie Herrn Wilhelm Aufermann, Rentner in Wiesbaden, der in jungen und späten Jahren viel mit Freiligrath verkehrte. Er erzählte mir jüngst im Wiesbadener Ratskeller Folgendes: „Es mag 1841 gewesen sein, als ich mit Freiligrath in Limburg an der Lenne im Bentheimer Hof zusammentraf (Limburg hat den Beinamen „das westfälische Heidelberg“). Ich kam von Iserlohn und die beiden anderen Freunde, nämlich Ludwig Elbers und von Eynern, von Barmen. Wir saßen fröhlich bei einer Bowle und huldigten den neuen Poesien des an jenem Abend besonders gut aufgelegten Dichters. Plötzlich kam ein Mißton in die Gesellschaft, weil Freiligrath in seiner überschäumenden Jovialität zu derb gegen Elbers’ Aufbruch protestierte. Diesen rief die Pflicht nach Barmen zurück, und somit verletzten ihn Worte wie „Pedanterie“ etc. Er lief erzürnt weg und blieb auch am folgenden Tage noch kalt, als Freiligrath ihn in Barmen aufsuchte. Da nahm dieser schließlich Abschied mit den Worten: „Nun wohl, wenn Du mit mir nichts mehr zu thun haben willst, so behalte dieses Blatt zum Andenken!“

Kaum aber hatte Elbers die ersten Strophen gelesen, so eilte er Freiligrath nach und rief: „Komm her, alter Freund!“ Eine herzliche Umarmung endete den Zwist. – In später Nacht hatte der Dichter die Mahnung seines Gewissens gespürt und das in Verse gebracht, was so tief, so rein menschlich jedes Herz berührt. Eben weil die Ursache eine so harmlose, die Folge aber, der Verlust eines Freundes, so bitter war, sang der Dichter sein ergreifendes Mahnlied, treue Liebe nicht zu verletzen. Gelegenheitsgedichte sind manchmal die besten. Nicht grübelndes Nachsinnen, sondern tiefe Reue hatte dem edelgesinnten Dichter die Strophen eingegeben:

Und wer dir seine Brust erschließt,
O thu’ ihm, was Du kannst, zu lieb!
Und mach’ ihm jede Stunde froh
Und mach’ ihm keine Stunde trüb!

Und hüte Deine Zunge wohl;
Bald ist ein boses Wort gesagt!
O Gott, es war nicht bös gemeint –
Der andre aber geht und klagt.“
 Friedrich Fischbach.