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Titel: Nizza und seine Umgebung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 104-108
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Nizza und seine Umgebung.
Nizza’s charakterlose englische Physiognomie. – Drei Tage in einer italienischen Familie. – Das Fürstenthum Monaco und sein Landesherr Florestan. – Riviera di Ponente (die Corniche-Straße.) – Der Landsitz eines Adeligen. – Hausmannskost. – Der Hausfreund. – Zeitungen und Politik. – Citronenbau. – Das Getreide der Süd-Sardinier oder Piemonteser. – Fischerei alla fucina. – Ventimiglia.

Ich habe Ihnen in letzter Zeit aus Neapel und schon früher einmal aus Genua von Truppen und Kriegsschiffen geschrieben. Sehen wir uns jetzt auch andere Theile Sardiniens und zwar im Frieden an, zunächst meinen Aufenthaltsort Nizza.

Nizza mit seinem wundervollen blauen Himmel, seinem lachenden Meere vor sich und seinem großen Schutzpatron, der vor dem rauhen Norden und dem barbarischen Osten schützenden Felsenparthie, im Rücken, ist gleichwohl ein sehr langweiliger und eigentlich gar kein Ort. Er ist zunächst durchaus nicht italienisch. Von der nahen Grenze des kaiserlichen Frankreich würde er etwas Französisches haben, wenn er nicht zu englisch wäre. Als zu englisch hat er zugleich zu wenig von dem materiellen Komfort, der in wirklich englischen Städten die Leute für Langeweile und Farblosigkeit ihres Lebens entschädigt, denn er ist außer französisch auch russisch und deutsch. Nizza hat keine Individualität; es fehlt den 35,000 Einwohnern an Allem, was man charakteristisch oder interessant finden könnte. Die Leute haben nicht einmal alle die Schwindsucht, um derentwillen die Meisten sich hier aufhalten sollen. Dieses Privilegium, den Lungenleidenden als Labe zu dienen, hat die Stadt längst verloren, seitdem die Aristokratie und reiche Shopkeeperei Englands sich gewöhnt hat, sie zu ihrem Winterquartiere zu machen. Dies thun zwar auch Deutsche, Franzosen, und neuerdings besonders

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Die Gartenlaube (1857) b 105.jpg

Nizza.

[106] die Russen u. s. w., aber sie kommen gegen das englische Gepräge nicht auf. Englisch sind die Bademaschinen auf dem sonnigen Gestade, englisch die Kaufläden und Waarenlager, englisch die Apotheken und Restaurationen, englisch die Italiener-Waarenläden, die Klubs, die Doktors, die Juristen, die Agenten, die Diener und Dienstmädchen. Alles hat einen englischen Scknitt bis auf die Kinderhemdchen und Schnürleiber in den Schaufenstern. Der Engländer ist inwendig und zu Hause sehr gemüthlich, wie es heißt, aber er wohnt auch hier dreifach hinter Schloß und Riegel und ist immer zugleich nach allen Richtungen der Windrose exklusiv, so daß diese Engländer für uns andern Leute schlechterdings gar nicht da sind.

Von dem herrlichen Piemont, von der ganzen merkwürdigen „Einsiedelei des Liberalismus,“ wie hier eine Zeitung Sardinien nannte, von dem Leben und Streben der Nation, von den politischen Krisen in der Hauptstadt Turin, ja von Italienern bekommt man hier wenig oder gar nichts zu sehen und zu hören. Ich würde Ihnen also außer von einem Ausfluge nach Genua nichts Erlebtes mittheilen können, ohne Sie zu langweilen, wenn mich nicht ein liebenswürdiger junger Italiener, dessen flüchtige Bekanntschaft ich auf dem Wege gemacht, in’s Leben und in eine italienische Familie eingeführt hätte.

Als ich nämlich in der weichsten, heitersten Seeluft der „englischen Promenade“ („Promenade des anglais,“ wie sie hier allgemein genannt wird) umher schlenderte, begegnete mir der junge Herr mit einem alten Einarmigen, seinem Onkel, der als Oberst im Kriege gegen die Oesterreichs 1849 Invalide geworden war und sich unweit Nizza ein Gut gekauft hatte. Ich sah den Alten zum ersten, den Jungen zum zweiten Male, gleichwohl bekam ich von Beiden eine ganz ehrlich und herzlich gemeinte Einladung, der zu folgen ich durchaus keinen Anstand nahm.

Wohl Jeder hat von der Corniche-Straße – Riviera di Ponente – gehört, die Genua am Gestade des Meeres hin über und durch Felsen und Schluchten mit Nizza verbindet. Der Theil, welcher nach Latte, wo sich der Einarmige angekauft hatte, von Nizza aus führt, ist vielleicht der schönste und malerischste der berühmten Straße. Zuerst windet sich der Weg allmälig in die Höhe durch Wälder und Parke von Oliven, Cherubias, Cypressen und Orangen, die bald landeinwärts unbeschreiblich großartige Aussichten über Wiesen, Weiden, Dörfer und Städte und ansteigende, wilde, in reichsten Farbentinten abgestufte Gebirgslager, bald rechts auf den in’s Unendliche hinflimmernden Spiegel des Meeres eröffnen und einrahmen. Eine plötzliche Wendung führt dicht an die Kante der Felsen, die theils schnurgerade in’s Meer hinabsteigen, theils über dasselbe hinaushängen, da sich unten „der Tropfen, welcher Steine aushöhlt,“ geltend gemacht. An manchen Stellen übersieht man endlose Stufen von Hochlanden mit Meeresbuchten dazwischen, von Städten, die wie Nester an große Felsen angeklebt sind oder hervorragende freie Kämme von Berghäuptern bilden. Unten ruhte das Meer in glänzender Majestät wie ein endloser Spiegel für die dunst- und wolkenlose Schönheit des Himmels.

Hinter Turbia, einem durchweg aus alten römischen Ruinen gebauten Dorfe, senkte sich die Straße allmälig wieder und schlängelt sich hoch am Meere hin vor dem merkwürdigen Fürstenthume Monaco vorbei, dem kleinsten Staate auf Erden, dessen Hauptstadt gleiches Namens unter uns lag, als wäre sie eine der stolzesten Städte und grimmigsten Festungen. Sie streckt nicht nur viele Thürme empor, sondern sieht mit ihren Zickzackfestungswerken auch aus, als wollte sie die Souveränität ihres Staates gegen alle Großmächte der Erde vertheidigen. Der Weg zu ihr führt durch manche enge Windungen hinab. Der rauhe Felsenvorsprung, auf dem sie ruht, legt vom Lande her starke schützende Arme um sie, und bildet eine der lieblichsten Meeresbuchten. Noch abenteuerlicher liegt die zweite Hauptstadt dieses Liliputstaates, Roccabruna, nämlich auf dem ziemlich steil abfallenden Dache eines Felsen. Man begreift nicht, wie Leute überhaupt dort hinklettern konnten und wie sie es anfangen, um sich zu halten, daß sie nicht in’s Meer hinabrutschen. Mein Fuhrmann erzählte mir, daß die ganze Stadt vor etwa hundert Jahren ein paar hundert Fuß herabgerutscht sei, ohne irgend ein Gebäude zu beschädigen.

Durch Alleen und Haine von Rhododendron und Oleandern, durch Wälder von Feigenbäumen, deren dunkeles Grün feierlich kontrastirte zu den lachenden Kleidern der Olivenhaine, kamen wir nach Mentone, der dritten und letzten Stadt in dem Staate Florestan’s, Fürsten von Monaco und Herzogs von Valentinois, der die schweren Geldmassen, die er seinen Unterthanen abtrieb, leichtsinnig in Paris verschwelgte. Das Meiste schüttelte er ihnen mit dem Mehlbeutel seiner Windmühlen aus. Er war nämlich der einzige Müller seines Reiches, deren etwa 5000 Bewohner gesetzlich gezwungen waren, alle bei ihm mahlen zu lassen. Außerdem gehörten ihm auch alle Bäckereien, so daß er als sorgsamer, zärtlicher Landesvater für alle seine Unterthanen Brot buk, das schlechteste, berüchtigste Brot in ganz Italien. So weit ich meinem entsetzlich zwischen Französisch und Italienisch plaudernden Fuhrmann verstand, war der junge Beherrscher des Reiches unlängst mit einer feindlichen Armee von sechs Mann in den Thoren seiner Hauptstadt erschienen, um sich als Souverän zu proklamiren, der noch mehr Geld brauche, worauf ihn seine treuen Unterthanen mit Hülfe österreichischer Schutztruppcn arretirt und wieder nach Paris geschickt hätten. – Die Schutztruppcn sollten hauptsächlich dazu dienen, den Plan des Landesvaters, sein Land an Nordamerika gegen eine hübsche Summe auf einmal zu verkaufen, nöthigenfalls mit Gewalt zu vereiteln. Der König von Sardinien hat sich mehrmals als Kauflustiger gemeldet, aber ihm gönnte er den schönen Keil seines Landes, der bei Nizza anfängt und bei Specia aufhört, durchaus nicht. Er möchte dem vom Lande durch Berge und vom Meere her durch freiheitliebendes Seewasser geschützten „Einsiedler konstitutioneller Freiheit“ den Keil eines fremden, mächtigen Staates in’s Herz stoßen.

Hinter Mentone wurde die Straße zuweilen wahrhaft erhaben. Düstere schauerliche Hohlwege zwischen grimmigen Felsen, welche das Meer einst im Zorne wie mit einer Riesenaxt gespalten zu haben scheint, unzuverlässige, liederliche Brücken über diese Klüfte und Spalten hin, lachende Pflanzen-, düstere Baumgruppen dazwischen geklemmt, belebt von malerischen Wanderern und Eselrittern (auch von zwei Pilgrimmen nach Rom aus Spanien, deren Geschichte mich hier zu lange ablenken würde) – kurz eine Naturmalerei, wie sie kein Achenbach, kein Calame künstlich auf die Leinwand hindichten könnte, ohne der Unnatur und Unwahrscheinlichkeit bezüchtigt zu werden.

Um eine Felsenecke herum eröffnete sich ein lachendes Thal mit einer alten Domaine zwischen Bäumen versteckt, die Besitzung des alten Soldaten. Ein Bauer wartete auf uns mit einem Maulesel, dem mein bescheidenes Gepäck aufgeladen ward. Durch Weinpflanzungen, Oliven- und Obstgärten näherten wir uns einem alten Thore, das noch Spuren ehemaliger Ornamente von Trophäen und Waffen trug. Innerhalb desselben wurden wir zunächst von einem großen Hunde empfangen, der seine beiden Vorderpfoten auf die Schultern des Bauern legte und ihm mit großer Herzlichkeit im ganzen Gesichte herumleckte. Dann kam der junge Herr und der alte Herr und dessen Schwester unter einem Hute, der ganz die Gestalt der chinesischen hatte, wie man sie auf Originaltheekisten abgebildet sieht, und halb in deren Kleidern versteckt die kleine briccona, die so wunderlieblich scheu und neugierig aus ihren mandelkernförmigen Augen, den sanften, langen Augen der Provence, auf mich blickte; dann kamen auch die Kühe und die Hühner und die lustig umherschießenden ganz kleinen, runden Hühner und Kinder, und ein langer Weg zwischen weißen Säulen mit Rosen und Wein umschlungen, und ein großer grüner Platz mit Palmen, Oleandern und Citronenbaumgrotten und in der Mitte desselben ein prächtiger Palast mit einer großen Doppeltreppe außen, die vom Porticus aus auf eine breite Plattform und von da in ein Vestibula mit großen Glasthüren führte. Durch letztere ward ich in die Sola, die Prachthalle, in das Besuchzimmer geführt, das auf der andern Seite durch eben so prächtige Glasthüren auf einen Balkon hinauslief, der über das Meer hinaushängend eine Aussicht bot, die ich nie vergessen werde. Das ruhige, sonnige, leuchtende Meer mit drei kleinen grünen Hochlanden, jedes mit der schimmernden Blüthe einer Stadt, im Hintergrunde duftende Grotten von Palmen und allerlei Blumen und Blüthen – alle Schönheit der Riviera in einem einzigen Bilde.

Als ich zu Tische eingeladen ward, entschuldigte sich die Herrin des Hauses, des Obersten Schwester, wegen ihrer einfachen Kost, die sonst nicht Mode sei. Der Oberst habe die verfallene ländliche Besitzung zu Ehren einer verfallenen, verwandten Adelsfamilie gekauft, und man müsse sich hier schon einfach einrichten, [107] da die Bequemlichkeiten, an die man sonst in Piemont gewöhnt sei, hier schlechterdings unerreichbar wären. – Wie luxuriös muß man in Norditalien leben gegen den Süden, da dieses Mahl ein ärmliches genannt ward! Der Speisesaal lag unter dem Prachtzimmer mit großen offenen Thüren gegen Garten und Park und gegen das Meer auf der andern Seite.

Unten ward mir ein Hausfreund, Signor Bonaventura Ricci aus Ventimiglia vorgestellt, ein mittelalterlicher, lebhafter Herr mit einem klugen, offenen Gesichte, ein Exemplar Jung-Sardiniens, gegen den Repräsentanten des alten, den Oberst, wie ich bald merkte. Die Mahlzeit war ein Muster simpler Hausmannskost Norditaliens, so daß ich fast den Speisezettel mittheilen möchte.

Signor Bonaventura weihete mich nachher auf einem Spaziergange durch die Gärten in die Geheimnisse des Citronenbaues ein. Die 500 Bäume dieser Besitzungen hätten in zehn Monaten über 100,000 Citronen gegeben, 30 bis 50,000 seien noch während der beiden andern Monate zu erwarten. Man ernte im Durchschnitte alle zwei Monate das ganze Jahr hindurch. In guten Zeiten bekomme man 50 Francs für jedes Tausend von Schiffskapitainen und Händlern, welche sie nach England und Amerika verschiffen. Citronen- und Olivenbäume werden, wenn sie gut aushalten sollen, aller drei Jahre mit wollenen Lumpen gedüngt, die man einen Fuß tief in einem Cirkel um den Baum herum eingräbt. Er zeigte mir einen Haufen dieser kostbaren Citronenerzeugungsmasse: abgelegte und abgefallene Lumpen der zerlumptesten Lazzaroni von Neapel, von wo sie hauptsächlich eingeführt werden. Jeder Baum verlangt etwa 20 Pfund solcher Speise und außerdem eine zärtliche Hütung, besonders gegen gewisse Insekten und Mehlthau, der sich in Form von schwarzen Flecken auf den glänzenden grünen Blättern ankündigt. In solchen Fällen werden alle Mädchen der Nachbarschaft, die Geld verdienen wollen, zusammengerufen, um jedes Blatt jeden Baumes sorgfältig erst naß, dann trocken abzuwischen.

Abends in der großen Sola wich das buccolische und idyllische Element der Politik. Und jetzt merkte man, daß man in einem freien Lande mit Preßfreiheit und großen Aufgaben, sich auf der Bahn der Freiheit zu halten, und deshalb auch unter Parteien lebte, die zu sprechen und zu streiten wissen. Es waren Zeitungen von Ventimiglia angekommen. Der Oberst und seine Schwester, aus einer alten Adelsfamilie, lasen nur die „Armonia“ (Harmonia) „die Kreuzzeitung“ Sardiniens und speciell Piemonts, worin das Land seit 1848 als am Vorabende einer „atheistisch-socialen Revolution“ stehend, geschildert wird. Die Aufhebung der Klöster wäre gleich der Verstopfung aller Lebensbrunnen der Nation. Die Klöster allein seien noch die Kultusstätten wahrer Religiosität und Achtung vor der „Autorität.“

Bonaventura und der Neffe gehörten zu „Jung-Sardinien“ und hatten unter dem Vorwande, daß man auch die Meinungen Anderer hören müsse, um sie gelegentlich bekämpfen zu können, die „Piedmontese Gazette“, „Il Parliamento,“ und sogar „Italia e Popolo,“ die Zeitung der Mazzinianer und „rothen Republikaner“ eingeführt. Letztere durfte aber „die Tante“ nie zu Gesicht bekommen, weil sie, wie er mir zuflüsterte, einmal beinahe ohnmächtig geworden, als der Neffe ihr wie zum Spaß einen Artikel daraus vorgelesen. Da sich übrigens bald die neunte Stunde näherte, lassen wir uns zum Abendessen und dann in’s helle, helle Mondlicht und die goldene und blaue Nacht am Gestade hinausfahren, blos um damit zu sagen, wie die höhern Stände hier leben und genießen.

Am nächsten Morgen brachte Bonaventura seine beiden Töchter mit, prächtige, reizende Exemplare der mezzo cetto-Sorte italienischer Mädchen, aber von zu ländlicher Einfalt. Sie wunderten sich immerwährend mit großen Augen, und getrauten sich kaum Ja und Nein zu sagen, so daß schlechterdings mit ihnen gar nichts anzufangen war. Sie wußten von A bis Z ganz und gar nichts, selbst nicht in Bezug auf Häuslichkeit, Kleiderstoffe, Moden, so daß sie sich, wie gesagt, immerwährend ungeheuer wunderten, auch über das merkwürdige Schauspiel, wie der Oberst seinen Hund im Meere badete. Aber schön waren sie bis zum Exceß und von so natürlicher Grazie in ihren einfachen, blauen Musselinkleidern und runden, schmucklosen Strohhüten. Der Vater merkte auch, daß ich mich über ihre Einfalt ärgerte, während ich von ihrer Schönheit entzückt war und sagte, daß seine Mädchen noch lange nicht zu den schlechtesten Produkten der hier üblichen Klostererziehung gehörten. Da sie erst vor einigen Wochen zurückgekehrt, werde er lange faule Geschichten aus- und gesunde Ansichten und Kenntnisse eintreiben müssen, ehe es menschlich in ihren Köpfen aussehen könne. Er ärgere sich jetzt oft genug, seiner Frau nachgegeben zu haben. Er selbst bewährte sich durchweg als ein kluger, praktisch erfahrener Mann, so daß ich mich auf unsern Wanderungen während des Vormittags hauptsächlich an ihn hielt.

Am Gestade fielen mir unter den Hütten der Fischer und Bauern ganz sonderbare Gebäude auf, hohe, schmale Thürme, die mit den Wohnungen nur durch hölzerne Ziehbrücken verbunden waren und sonst ganz isolirt standen. Bonaventura gab dazu prächtige historische Kommentare. Die Thürme waren Ueberbleibsel aus jener Zeit, als die Raubstaaten von Algier, Tunis und Tripolis noch auf dem mittelländischen Meere hausten, und die Korsaren nicht selten über Nacht diese Küsten überfielen, um Sachen als Beute und Menschen als Sklaven fortzuschleppen. Die Thürme dienten in solchen Fällen als Zufluchtsort für die Personen, die, wenn die Brücke aufgezogen war, wenigstens sich retten und halten konnten, wiewohl von ihrem Eigenthume nicht viel übrig blieb. Jetzt dienen die Thürme friedlicheren Zwecken. Nach gethaner Arbeit steigt der Bauer hinauf, und weidet sein Auge an seinen Kornfeldern, die hier aus Citronen-, Oliven-, Feigen- und andern Bäumen, auf denen „Italiener-Waaren“ wachsen, aus Schooten, Tomato’s und Melonen bestehen. Das eigentliche Korn und Brot die ganze cornische Straße entlang, zwischen Nizza und Genua, ist die Citrone, die geschützte Orte liebt, wie sie die Berge und Schluchten hier vortrefflich bieten. Jeder Baum gibt im Durchschnitt einen jährlichen Nettogewinn von zehn Francs (etwa drei Thalern), d. h. ein Jahr um’s andere beinahe zwanzig, da er sich jedes zweite Jahr ausruht und nur wenige Früchte liefert. Die Bauern, welche 1000 bis 1200 Bäume haben, gelten als wohlhabende, reiche Grundbesitzer. Selten findet man einen mit weniger als 500.

Nach den Citronen kommt das Olivenöl. Wenn die Früchte anfangen zu reifen und schwarz zu werden, legt man Tücher unter die Bäume und schüttelt sie leise. Die so gesammelten Früchte werden in besondern luftigen Räumen aufbewahrt, bis eine Ladung für die Mühle beisammen ist. Hier wird das klare, schäumende Oel erster Klasse ausgepreßt, das man selten im Handel echt bekömmt, da es durch das Oel zweiter Pressung aus den zermahlenen Oliven gar zu häufig schon getauft wird, ehe es den Producenten verläßt. Zuletzt wird Wasser auf die Steine und den Brei gegossen, welches das Oel in die Höhe treibt. Letzteres gehört dem Müller, der damit allein bezahlt wird.

Die dritte Haupt-Erwerbsquelle fließt von den Feigenbäumen. Ich sah überall lange Flechtwerke von Rohr, auf denen die Feigen getrocknet und dann in Kasten gepreßt werden, in welchen sie durch ganz Europa auf den Markt kommen. Die Feigen von Ventimiglia sollen denen von Smyrna nicht nachstehen. Durch alle diese schöne Naturindustrie ging eine erfreuliche Offenheit, ein nirgend eingezäuntes und abgeschlossenes Vertrauen. Die Gärten blühen und duften und zeitigen am offenen Meere in einladenster Fülle und Appetitlichkeit. Doch bewacht Niemand je seine Schätze und niemals vermißt Jemand nur eine einzige Frucht.

Wir waren bis Ventimiglia geschlendert, so daß der Abend herankam, ehe wir an Rückkehr dachten. Diese Verspätung verschaffte uns das reizendste, malerische Schauspiel einer hier berühmten, populären Art zu fischen, eines Fischfestes „alla fucina“ d. h. mit Fackeln von den duftigen Spänen der Meeresfichte. Die Späne sind im Hintertheile der Bote an Eisenstäbe befestigt und flackern und laufen nun mit vielen Dutzenden anderer ebenso illuminirter Boote durch das blendend scheinende Meer. Die feurigen Ritter des Meeres stürmen in alle die kleinen Buchten hinein, in welchen die Fische so gern schlafen, die nun von dem blendenden Lichte aufgeschreckt, nach allen Richtungen davon schießen, und dabei von der geschickten Hand der Fischer mit einem zwölf Fuß langen Spieße aufgestochen werden. Das Schauspiel, wie wir es vom Lande aus sahen, war von unbeschreiblich malerischem Effect und glich einer geisterhaften Schlacht übermenschlicher Wesen mit den Bewohnern der Tiefe. In hellster Beleuchtung sah man die Fischer in einer Leidenschaft, einem Eifer, einem dramatischen Leben, wie es sonst die Bühne nur in den effektvollsten Scenen letzter Akte zuweilen versucht. Uebrigens ist diese Fischerei alla fucina [108] an der ganzen italienischen Küste entlang eine Hauptlust der Fischer und des in Gondeln und Schiffen zusehenden Volkes.

Am folgenden Morgen bei Milchkaffee und Chocolade (zusammen zur beliebigen Wahl aufgetragen) war fast ausschließlich von Politik die Rede, die ich hier übergehe. Ich spielte, um das Gastrecht nicht zu verletzen, den Neutralen, den Unwissenden, und äußerte nur den Wunsch, mich näher zu unterrichten. Auch von unsern Ausflügen notir’ ich nur den nach Ventimiglia auf einem Felsen dicht am Meere. Er verdient wegen seines echt italienischen Charakters und Gegensatzes zu Nizza ein Wort. Als wir durch die engen, steilen Straßen hinauf holperten, füllten sich alle Fenster und Balkone mit liebenswürdiger Neugier, und es entstand ein allgemeines Grüßen und Verneigen vor uns, besonders dem ehrwürdigen Oberst, der fortwährend seinen grauen Schnurrbart drehte, und angelegentlichst wieder grüßte. Es war die liebenswürdigste Kleinstädterei in einer naiven, graziösen Weise, wie sie nur dem echten, unverdorbenen Italiener gelingt. In den großen Städten Italiens, jenseits Sardiniens, gibt’s mehr Fremde und Flöhe, als Italiener und Citronen, mehr Polizei und Kerker, als Orangen, glühend im dunkeln Laube. Italien kommt zunächst nur in dem felsengeschützten Sardinien wieder zu sich. Weil sich darüber zu viel sagen ließe, schweigen wir lieber ganz.

Der Dom von Ventimiglia, zum Theil aus Ruinen eines Junotempels gebaut, bot außer einem alten Steine mit eingegrabener Schrift (kostbares Kleinod für Antiquare und Philologen) und einer Almosenbüchse vor einem zerfallenen Madonnenbilde mit einer Bittschrift, worin sie bat, man möchte etwas hineinthun, damit sie sich verjüngen könne, nichts Merkwürdiges. Auch über andere Sehenswürdigkeiten eilten wir hinweg, um in ein Herz der Klosterfrage, das Lateranenserkloster zu kommen, ein großes, zerstreutes, mißtönig-düsteres Gebäude, bis zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts Schloß der Grafen von Ventimiglia, die von hier aus lange kämpfend eine feudale Selbstständigkeit gegen kleine Nachbarstaaten oder mit denselben gegen das Haus Savoyen zu erhalten suchten, bis endlich die zahllosen kleinen Fürstenthümer, Grafschaften und Republiken, welche das jetzige Königreich Sardinien bilden, durch die Herrscher von Savoyen unterworfen wurden und nun als Theile eines respektabeln ganzen Staatskörpers Sicherheit, Ruhe, Ordnung und Freiheit finden.

Aber ich sehnte mich bald wieder hinaus, wie die kleine briccona, das niedliche Kind mit den langen, sanften, mandelkernförmigen Augen. – Wie heiter und schön grüßte uns jetzt die Meeresküste, als wir aus dem Kloster heraustraten!

Die schöne Küstenstrecke Sardiniens ist das Land, wo die Citronen blühen, im dunkeln Laube Goldorangen glühen; ein ewiges Blühen, Duften und Reifen der süßesten Erquickungen der Natur, ein ewiges Lächeln des Meeres, eine unerschöpfliche Malerei in Landschaften und Menschengesichtern, die so liebenswürdig sind, so treuherzig, so schön und so wißbegierig. Möge dem herrlichen Lande eine Zukunft werden, wie es sie verdient, wie ich sie mir schwärmend erträumte aus den langen, sanften, braunen Augen des Kindes.

Das schöne Kind war mir ein Bild der Zukunft, der Hoffnung für Italien. Freilich die nächste Zukunft hängt nicht von solchen Kindern ab, sondern von bärtigen Männern, besonders dem schnurrbärtigsten von Allen, dem Könige, den wir uns bereits früher und zwar in einem Portrait in Nr. 2 unseres Blattes angesehen haben und das unter den vielen Konterfei’s als das getroffendste gilt.