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Textdaten
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Autor: Friedrich von Bodenstedt
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Titel: Niágara
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 16
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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 Niágara.


 Von Friedrich Bodenstedt.


Trüb war der Himmel, als ich zuerst dich sah
In deiner wilden Größe, Niágara.
Wie fernes Donnern schlug mir dein Schall in’s Ohr,
Als mein Blick sich im Suchen nach dir verlor
Im flachen, verödeten Wintergefilde,
Verdüstert durch bleierne Wolkengebilde …
Doch näher und näher stets hört’ ich es schallen,
Wie wenn Wasserberge an Felsen zerprallen,
Im unendlichen Meer vom Orkane gehoben.
Mit unsichtbaren Händen geschleudert nach oben.

Da plötzlich erhebt sich vor mir ein Geflimmer
Von versprühendem Schaum, der in eigenem Schimmer
Aus der Tiefe aufsteigt und ein Wolkengewimmel
Erzeugt, weit glänzender noch als das am Himmel.
Und ich folge dem Glanz, und jählings thut
Sich ein Abgrund auf voll demantener Gluth,
Wo die mächtig stürzenden Wasser von oben
Tiefunten zerstieben mit donnerndem Toben.
Da wühlt es und bäumt sich und wirbelt und gährt
In verwirrender Wuth, doch lieblich verklärt
Durch verschleiernd Gewölk aus versprühendem Schaum,
Das sich schimmernd erhebt, leicht schwebend wie Flaum.

Nun, als trüg’ er dem Glanze der Tiefe Neid,
Zerreißt auch der Himmel sein Wolkenkleid,
Und die Sonne gießt ihre ganze Gluth
Hinab in die tosende Wasserfluth,
Um in schwindenden Bildern noch Schön’res zu zeigen,
Als an ewigem Glanze ihr selber zu eigen.

Die Sturzfluthen trinken den sonnigen Glanz
Und strahlen ihn wieder, gesättigt ganz.
Und wie Künstler mit gottverlieh’nen Gewalten
Aus sich selbst die erhabensten Bilder gestalten,
So scheint nun in des Niágara Borden
Jede Welle, jeder Tropfen zum Künstler geworden,
Und Schöneres kommt durch sie an den Tag,
Als menschliches Schaffen zu bilden vermag.
Die Wogen glühen, von Schönheit trunken,
Aus den Schaumkronen springen blitzende Funken;
Es leuchtet in allen Formen und Farben.
Hier erheben sich schimmernde Strahlengarben;
Dort, über die Irisinsel gezogen,
Schwebt hoch ein durchsichtiger Regenbogen,
Und darunter die Felswand stemmt auf den Wegen
Des gewaltigen Stroms sich ihm breit entgegen,
Daß die Wasser getheilt das Eiland umwinden,
Bis sie unten sich wieder zusammenfinden
Nach tiefem Sprung von getrenntem Hang
In donnerndem Triumphgesang.

Nie erschien mir ein Strombild an Wundern so reich,
So stürmisch im Wechsel, doch immer sich gleich
In bezaubernder Macht urgewaltigen Seins
Und hehrer Gebilde des Schalles und Scheins.

Trüb war der Himmel, als ich zuerst dich sah
In deiner wilden Größe, Niágara,
Und die Sonne war schon im Untergehn,
Als ich kam, dich zum letzten Male zu sehn.
Und du hießest mich, selbst tief hinunterzusteigen,
Um dich mir in voller Größe zu zeigen
Im tiefen, gewundenen Felsenbette.
Dich umragt keine schimmernde Bergeskette;
Deine Ufer sind flach und öde ganz,
Doch du brauchst keines prangenden Rahmens Glanz:
Deine eigene Gluth, deiner Wellen Klang
Wird mir leuchten und klingen mein Lebenlang.