Textdaten
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Autor: C. F.
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Titel: New Yorks Riesenhäuser
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 18,19
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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New Yorks Riesenhäuser.

Auf der schmalen Insel Manhattan, zwischen dem Hudson- und dem East-River, stand einst die Wiege New Yorks, und dort schlägt auch heute das Herz der größten Handelsstadt in der mit Riesenschritten vorwärts eilenden Neuen Welt. Auf Manhattan liegt das Centrum des Geschäftsverkehrs; derselbe wächst von Jahr zu Jahr, und allmählich wird es ihm zu eng auf dem schmalen Eilande. Wo es nur irgendwie anging, hat man bereits seit Jahren dem Wasser Grund und Boden abzuringen gesucht, aber diese Landgewinnung hat schließlich ihre Grenzen erreicht. Kein Wunder also, daß Grund und Boden in den gesuchtesten Straßen New Yorks teuer geworden sind und für 1 qm Bauplatz bereits Preise von 12000 Mark bezahlt wurden. Trotzdem muß das Häusermeer dieses Viertels der Millionenstadt weiter wachsen, und da es sich in der Breite nicht ausdehnen kann, so wächst es in die Höhe.

In der That hat im Laufe des letzten Jahrzehnts das Centrum New Yorks ein ganz neues eigenartiges Aussehen erhalten. Die Geschäftshäuser wurden höher und höher gebaut; Stockwerk auf Stockwerk wurde gesetzt, und bald galten Gebäude mit sechs und sieben Stockwerken verhältnismäßig niedrig; die neuen Bauten erreichten schließlich Höhen, welche sonst nur beim Bau von Kirchtürmen vorkamen; ja, selbst dieses Ziel wurde überschritten. Vor wenigen Jahren war der schlanke 87,5 m hohe Turm der Dreieinigkeitskirche das Wahrzeichen der Stadt, heute erheben schon mehrere Geschäftshäuser ihre Dächer über das Kreuz des Gotteshauses!

Unsere nebenstehende Abbildung giebt eine Gruppe der Riesenhäuser in der Nähe der City-Hall, des Rathauses, und des Court-House oder des Gerichtshofes wieder. Ueber die Dächer dieser Monumentalgebäude erheben sich die Stockwerke der Geschäftspaläste wie Riesen über Zwerge. Eine Stadt in Kirchturmshöhe, erfüllt mit emsigstem Treiben, fürwahr, das ist ein Bild, das neu ist unter der Sonne!

Brooklynbrücke.   „World.“   „Sun.“       „Tribune.“       „Traktat-Gesellschaft.“
„Times.“

Ansicht des Rathauses und der Zeitungspaläste am Printing-House Square.

In dieser modernen Bauart war einst New York nicht tonangebend, Chicago durfte sich rühmen, daß es die gewaltigsten Riesenhäuser besitze, die man dort „sky-scraper“ oder Wolkenschaber nannte. Dort setzte jedoch die Legislatur dem Trieb ins Hohe eine [19] Grenze und heute darf man in Chicago nur noch Häuser von höchstens zwölf Stockwerken und nicht über 40 m hoch bauen. In New York kennt man keine derartige Beschränkung und neue Riesenhäuser wachsen über die alten empor.

Unsere zweite Abbildung zeigt uns eine Zusammenstellung der höchsten Gebäude New Yorks, der noch zum Vergleich der 87,4 m hohe Monumentalbau des Kapitols zu Washington beigefügt ist. Das Haus der amerikanischen Traktatgesellschaft ist schon etwas höher, denn es mißt 88,2 m, der Palast der Zeitung „World“ übersteigt diese Höhe noch um mehr als 1 m, sie erreichen jedoch ebenso wie das St. Paul genannte Haus mit 25 Stockwerken und der Sitz der Manhattaner Lebensversicherungs-Gesellschaft noch nicht das runde Hundert von Metern. Aber auch dieses wird überschritten werden. Auf Park Row ist ein Haus mit 29 Stockwerken im Bau begriffen, das nach seiner Vollendung das höchste der Welt sein wird. Seine Höhe von der Straßenebene bis zur Spitze der Türmchen wird 117,4 m betragen; der gewaltige Unterbau des Hauses ist gegen 12 m tief, so daß die Gesamthöhe des Bauwerks vom Grundstein bis zur Turmspitze sich auf rund 130 m beläuft. In diesen Riesen wird eine Unmasse von Stein und Eisen hineingesteckt. Einzelne eiserne Träger, die zu ihm verwendet werden, haben das Gewicht von 55 Tonnen, und das Gewicht des Eisens, das zu seiner Aufführung nötig ist, wird auf 9000 Tonnen berechnet. Vollendet und bezogen, wird das Riesenhaus aus Park Row insgesamt 50000 Tonnen schwer sein. Es ist klar, daß solche Bauten nur auf einem festen Grunde aufgeführt werden können. New York ist in der glücklichen Lage, über einen solchen zu verfügen, da die Manhattaninsel aus solidem Felsen besteht.

Vergleichende Zusammenstellung der Riesenhäuser in New York.

Zeitung „World“.
89,4 m
„Manhattan“
Lebensversicherungs-
gesellschaft.
94,9 m
Dreieinigkeitskirche
87,5 m
Park Row-Gebäude
117,4 m
„Traktat-Gesellschaft“.
88,2 m
St. Paul
93,4 m
Das Kapitol
in Washington
87,4 m
Zeitung „Sun“
21,3 m

Oft wird behauptet, daß in diesen neuesten Bauwerken die Sucht, Großartiges zu leisten, durch riesenhafte Schöpfungen seine Nebenbuhler zu übertreffen, zum Ausdruck gelange. Das ist jedoch keineswegs der Fall. Wir haben die Gründe dieses Bauens bis in die Wolken hinein bereits angedeutet. Der Grund und Boden in dem Centrum des Geschäftsverkehrs ist so teuer geworden, daß gewöhnliche Häuser nicht gut rentieren würden. Darum setzt man Stockwerk auf Stockwerk, schafft Häuserkolosse, die in sich ein kleines Stadtviertel bergen, und findet so seine Rechnung. Den Geschäftsmann stört die Höhe nicht; durch Treppensteigen wird er nicht belästigt, da die Fahrstühle den Verkehr zwischen „Himmel und Erde“ vermitteln. Die amerikanische Baukunst hat in der That eine großartige Wandlung erlebt. Vor zwanzig Jahren galt in New York ein Haus, wie das der Zeitung „Sun“ auf unserer zweiten Abbildung, für eine große Leistung - wie winzig klein nimmt es sich aber neben dem jüngsten Riesen aus!

Nach einer Zusammenstellung des „Scientific American“, dem wir auch die Vorlagen zu unseren Abbildungen verdanken, ist die Zahl der Riesenhäuser in New York keine geringe. Es giebt dort bereits 21 Häuser mit 10 Stockwerken, 6 mit 11, 14 mit 12, 6 mit 13, 4 mit 14, 4 mit 15, 2 mit 16, 1 mit 17, 2 mit 21, 2 mit 22, 1 mit 23, 1 mit 25 und 1 Haus mit 29 Stockwerken. Einige wenige solcher Häuser mögen das Stadtbild beleben und ihm ein eigenartiges Gepräge verleihen; ein noch größeres Anwachsen kann aber schwerlich erwünscht sein. Die Straßen der Städte würden alsdann in düstere Hohlwege verwandelt werden.

Zum Schluß wollen wir noch einen Vergleich zwischen den Riesenhäusern Amerikas und einigen hohen Bauwerken der Alten Welt anstellen. Das Gebäude auf Park Row ist 117,4 m hoch, der Turm des Berliner Rathauses nur 74 m, während die Kuppel des neuen Doms in der Reichshauptstadt eine Höhe von 110 m erreichen wird. Es giebt viele Großstädte in Europa, deren höchste Kirchtürme unter dem amerikanischen Geschäftshause zurückbleiben. So ist z. B. der Turm der Peterskirche in Leipzig nur 88,7 hoch. Die Alte Welt kann sich aber anderer unvergänglicher und höherer Baudenkmäler rühmen, ragt doch die Cheops-Pyramide noch 137,2 m in die Höhe, und in den 156 m hohen Türmen des Kölner Doms und dem 161 m hohen Turme des Ulmer Münsters besitzt Deutschland die höchsten Kirchtürme der Welt, die zugleich als zwei der herrlichsten Denkmäler der Baukunst zu preisen sind. C. F.