Neue Heilmittel

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Titel: Neue Heilmittel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 686–687
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Neue Heilmittel.

Unsere Aerzte schreiben nicht mehr die ellenlangen Rezepte, die in früheren Zeiten üblich waren. Der Arzneischatz ist einfacher geworden und viel Kraut und Fett, das werthlos war, ist aus den Apotheken verschwunden. An Stelle der alten Heilmittel treten aber neue. Das war früher auch der Fall, und wir werden immer von neuen Heilmitteln hören, denn wir müssen vorwärtsschreiten und kennen noch lange nicht alle heilsamen Stoffe, welche die Natur erzeugt.

Das Auftauchen neuer Heilmittel ist aber in unserer Zeit besonders häufig geworden, denn einerseits ist die wissenschaftliche Erforschung ferner Länder eine gründlichere geworden, andererseits hat die Chemie ungeahnte Fortschritte gemacht und überschüttet uns förmlich mit neuen Stoffen. Wir können mit dieser regen Thätigkeit zufrieden sein. Viel Gutes und Segensreiches ist damit erreicht worden. Denken wir z. B. nur an das Cocain, mit dessen Hilfe schmerzlose Augenoperationen gemacht werden! Und doch haben die neuen Heilmittel einen Uebelstand mit sich gebracht, der im allgemeinen Interesse aufgedeckt werden muß.

In irgend einer Klinik werden Versuche mit irgend einer neuen Drogue oder neuerzeugten Verbindung angestellt, sie berechtigen zu den schönsten Hoffnungen und der Leiter der Klinik theilt seine Erfahrungen in einem ärztlichen Fachblatte der ärztlichen Welt mit. Er bezweckt damit, daß seine eigenen Beobachtungen durch sachverständige Kollegen kritisch geprüft werden, damit alsdann, vielleicht nach einer Reihe von Jahren, über das neue Heilmittel ein zutreffendes Urtheil abgegeben werden kann. Aber die Mittheilungen des Arztes erlangen rasch weitere Verbreitung. Unsere Presse muß für Neuigkeiten sorgen: je mehr Aufsehen die Neuigkeit macht, desto lieber wird sie gelesen. Die Medizin bietet da ein recht dankbares Gebiet, von dem man viel Ueberraschendes holen kann, und diese Neuigkeiten interessiren so viele, denn viele sind krank und fast jeder hat einen kranken Freund oder Verwandten.

Der Versuch des Klinikers wird also ins Volk getragen. In ein paar Druckzeilen – denn die Notizen müssen für unsere hastige Zeit möglichst kurz gehalten werden, damit die schwachen Nerven der Leser nicht ermüden – wird die Quintessenz der mühevollen Forscherarbeit mitgetheilt und die Laienwelt liest eines schönen Morgens, daß dieser oder jener berühmte Professor in einer afrikanischen Drogue oder in einem Nebenerzeugniß der Anilinfabrikation ein neues Heilmittel gegen Herz-, Lungen- oder Nervenleiden aufgefunden habe! Von Neben- und Nachwirkungen desselben ist in der Notiz selten die Rede; dazu fehlt es ja an Raum und das würde auch die Wirkung abschwächen. So schafft eine kritiklose Sucht nach Neuheit eine Art Reklame für ein Heilmittel, welches die Aerzte selbst nur in bestimmten Fällen und mit größter Vorsicht anwenden. Diese Reklame bleibt nicht ohne Folgen; ein Droguenhändler oder Fabrikant wendet dem neuen Heilmittel seine „besondere Aufmerksamkeit“ zu. Es stand ja gedruckt, daß es gegen Migräne, Nervenschwäche oder dergleichen geholfen habe. Der unternehmende Mann verarbeitet es in Pastillen, Thee oder Wein, und bald darauf ist das neue Heilmittel überall zu kaufen und wird in zahllosen Zeitungsinseraten als Heilmittel gegen bestimmte Krankheiten anempfohlen.

Kann dadurch die Gesundheit der Abnehmer geschädigt werden? Diese neuen Heilmittel, meinen die meisten, sind doch keine Gifte! Wären sie Gifte, so würde man den Verkauf nicht gestatten. Dafür giebt es ja Gesetze!

Darauf ist zu erwidern, daß es auch Stoffe giebt, die nur bei längerem Gebrauch zerrüttend wie Gifte auf den Organismus wirken, und viele der neuen Heilmittel sind gerade solche schleichende Gifte. Der Mißbrauch, der mit ihnen von dem verleiteten Publikum getrieben wird, enthüllt alsdann diese verderblichen Eigenschaften, welche unter steter sorgfältiger ärztlicher Bewachung nicht hätten zur Geltung kommen können.

Ein Beispiel: Es sind erst wenige Jahre verflossen, seitdem die ersten Loblieder auf das Cocain ertönten und leider eine Unzahl von Cocainpräparaten in den Handel gebracht wurde, die ohne ärztliche Verordnung im Handverkauf abgegeben wurden. Wer dachte bei diesem Mittel, welches ja die Indianer zur Stärkung brauchen, an verderbliche Folgen?

Und heute? Unter den Heilanstalten am Rhein empfiehlt sich eine auch für Morphiumkrankheit, Cocainismus und Schlaflosigkeit. Der „Cocainismus“, die Cocainsucht, ist eine neue Krankheit, die wir vor nicht langer Zeit noch nicht kannten, eine neue Form der Nervenzerrüttung, die durch den Mißbrauch der Cocainpräparate hervorgerufen wird. Sie ist dem Morphinismus ähnlich, aber schlimmer als dieser und der Alkoholismus. Wer hätte das gedacht? Nachdem die Sucht um sich gegriffen hat, denkt man an Abwehr. In Schwarzburg-Rudolstadt wurde neuerdings das Cocain im Handverkauf verboten, und andere Verbote werden diesem bald folgen. Das neue Heilmittel hat indessen seine verhängnißvolle Nebenwirkung geübt. [687] Eine neue „Sucht“ ist wiederum in Sicht, die sich bald der Morphium- und Cocainsucht anreihen dürfte! „Hört! Hört! Ein neues Heilmittel, heilt Migräne, Kopfschmerzen, neuralgische Schmerzen, hebt die Nachwehen von übermäßigem Wein- und Biergenuß auf! Vertreibt Rheumatismen! Kauft Antipyrin!“ So ruft die Reklame, und das Antipyrin, das, vom sachverständigen Arzte im gegebenen Falle in entsprechender Dosis vorübergehend verordnet, treffliche Heilwirkungen zu erzielen vermag, wird als Hausmittel benutzt und neben Antifebrin und Phenacetin „wie Sodawasser und Brausepulver“ gegen Katzenjammer und Aufregung gebraucht. Auch dieser Mißbrauch wird sich rächen, und bald wird man auch von Heilanstalten für „Antipyrinismus“ hören. In Norwegen ist schon ein Verbot erlassen worden, wonach Antipyrin und Antifebrin nur auf ärztliche Verordnung abgegeben werden dürfen. Bei uns kann man es in „allen Apotheken“ kaufen.

Es giebt noch trefflichere neue Heilmittel, welche den an Schlaflosigkeit Leidenden den so peinlich vermißten Schlaf bringen. Man hat früher einmal von dem „unschädlichen und gefahrlosen“ Paraldehyd geschrieben; heute liegt uns ein amerikanischer Krankheitsbericht vor, die neue Krankheit nennt der betreffende Arzt „Paraldehydomanie“; eine Dame, die das Mittel fortgesetzt gebraucht hatte, war das Opfer derselben.

Doch genug der Beispiele! Wir könnten noch eine Reihe von Fällen anführen, in denen das Publikum werthlose neue Heilmittel erhält, die zwar nicht schaden, aber auch nichts nützen und nur dem Verkäufer Gewinn bringen. Die Wissenschaft hat längst deren Unzulänglichkeit erkannt, aber der Geschäftsmann weiß noch den ersten Glanz derselben auszubeuten.

Giebt es denn keine Mittel, diesen thatsächlichen Uebelständen abzuhelfen? Man rufe nicht gleich nach Gesetzen; unsere Behörden sind nicht müßig, aber sie können doch nicht vorausahnen, welche Droguen Amerika, Afrika, Asien und Australien uns in den nächsten Jahren schenken werden, oder was für neue Stoffe die Chemie erfinden wird; sie können nur das verbieten, was als schädlich erkannt worden ist, denn gesetzliche Verbote müssen auf Thatsachen begründet sein.

Das beste Mittel, diesen und ähnlichen Uebelständen abzuhelfen, bietet ein vernünftiges besonnenes Verhalten des Publikums. Es sollte durch den Schaden so vieler Opfer gewitzigt sein und den sogenannten „neuen Heilmitteln“ nicht über den Weg trauen; es sollte sich durch die Reklame nicht beirren lassen und Medizin, welcher Art sie auch sei, grundsätzlich nur auf ärztliche Verordnung einnehmen. Es nützt dem Laien nichts, wenn er, auf sein Halbwissen gestützt, die als schädlich bekannten Mixturen meidet, Cocain oder Antipyrin zurückweist, aber mit einer anderen „in“- oder „ol“- Substanz auf eigene Faust Versuche anstellt. Nur ein grundsätzliches Ablehnen aller durch Reklame angepriesenen „neuen Heilmittel“ oder Geheimmittel schützt ihn vor Gefahr die an Leib und Leben.