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Titel: Nena Sahib
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 588–590
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Nena Sahib.

Der Inbegriff und die Persönlichkeit aller Schrecken und alles Abscheues der indischen Revolution gegen die hundertjährige Herrschaft der „ostindischen Compagnie“ (nicht Englands), hier sitzt er persönlich vor uns, wie er 1850 von Mr. Beechy, Portraitmaler des Königs von Audh (Oude) gemalt ward. Seine verrätherische Schlächterei der Engländer mit Weibern und Kindern in Cawnpore wird noch aus den Zeitungen bekannt sein, so daß wir in dieses mehrere Zoll hohe Bad von Menschenblut nicht noch einmal hineinwaten wollen. Nena Sahib wurde von Engländern früher als einer der liebenswürdigsten und gebildetsten abgesetzten Mahratten-Häuptlinge geschildert. Sie aßen und tranken bei ihm, er stellte ihnen seine Frauen und Kinder vor; er holte sie ein in seinen glänzenden Palast, und ließ sie prächtig auf Elephanten wieder nach Hause geleiten. Wie wurde er nun ein so schauderhaftes Ungeheuer? Auf dieselbe Weise, wie alle revoltirenden Indier zu wüthenden Mördern und Vertilgern alles Englischen wurden – durch die Politik der indischen Compagnie. Sie täuschte, sie betrog ihn, wie ein Dutzend andere indische Herrscher abgesetzt und betrogen wurden.

Nena Sahib ist adoptirter Sohn eines von der indischen Compagnie pensionirten und abgesetzten Local-Tyrannen in Cawnpore. Dieser starb und der adoptirte Sohn, nach indischen Rechtsbegriffen auch der rechtmäßige Sohn, hoffte, daß die Compagnie ihm die Pension fortzahlen werde. Dies ward ihm verweigert, da er blos adoptirter Sohn sei, obgleich der Compagnie nachgewiesen ward, daß sie an andere adoptirte Söhne pensionirter Herrscher die (wenn auch kleinere) Pension fortzahle. Nena Sahib hatte deshalb durch die Engländer anerkanntes Recht auf die Pension. Aber die Compagnie sagte Nein! und wies ihn nach England. Er schickte Bevollmächtigte hierher. Durch diese ward er von England an die Compagnie gewiesen, welche ihn abermals an England, an’s Parlament wies. So ward er hin und her für’n Narren gehalten und sein heißes Mahrattenblut durch die englische „Rechtlichkeit“ und Civilisation bestialisirt. Diese von

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Die Gartenlaube (1857) b 589.jpg

Nena Sahib.

[590] Engländern gesäete und gepflegte Bestialität brach nun über sie und ihre Weiber und Kinder aus.

Nena Sahib vertilgte nicht nur alles englische Leben, dessen er habhaft werden konnte, sondern erließ auch eine Proclamation, durch welche er alle Indier auffordert, zum Schutze der Religion alles Englische in Indien zu vertilgen, wie Gott schon angefangen, es zu thun. Die Engländer hätten die Absicht, die Indier zum Christenthume zu zwingen. – Das hassen sie mit dem tiefsten Ingrimm, da sie das Christenthum nur durch Engländer kennen gelernt haben, als Wortbruch, Raub, Tortur, Verwandelung blühender Länder in Wüsten und Einöden.

Wie sie säeten, so ernten sie.

Nena Sahib ist ein Spitz- oder vielmehr Kindesname des Mannes, der eigentlich Sreenath heißt und in Briefen „Mahradschah Sreenath Bahaduur“ adressirt wird. Er gehört zu der tapfersten Race der indischen Bevölkerung, den Mahratten, und zur höchsten Kaste der Gesellschaft, den Brahminen. Das Fleckchen auf der Stirn, der Tilluk, ein Stückchen weißer Thon von der Dicke einer Oblate, von einem geistlichen Brahminen aufgeklebt, ist das Zeichen ersten gesellschaftlichen Ranges. Von ebenfalls religiöser, socialer Bedeutung ist der rothe Fleck auf der linken Seite des schneeweißen Muslinkleides, dessen speciellen Sinn wir aber nicht angegeben fanden. Wir wissen überhaupt nichts Gescheidtes von Indien und den Indiern, um deren Sinn und Denken, um deren Wohl und Wehe sich die Engländer nie bekümmerten. Sie nahmen ihnen blos Land und Geld und die Möglichkeit eigener Entwickelung ab, ohne je an die „beste Politik“ zu denken.

Die Früchte einer Drachensaat reifen, wie dies in der moralischen und materiellen Welt mit unabweisbarer Nothwendigkeit geschieht. Unsinn ist es, in dem Processe einer so Gericht haltenden Nemesis Partei zu nehmen. Die Indier waren eine despotisch zerrüttete Bevölkerung, die erobert werden mußte. Daß die Engländer sie noch mehr verwahrlosten, war eben eine Thätigkeit, durch welche Demoralisation und Entmenschlichung auf beiden Seiten so weit ausgebildet wurden, daß sich nur durch Auswerfen des Giftes aus beiden Lagern ein neuer gesunder Zustand vorbereiten kann.