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Nachklänge der Alliteration in der deutschen Sprache

Textdaten
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Autor: A.
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Titel: Nachklänge der Alliteration in der deutschen Sprache
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 574
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[574] Nachklänge der Alliteration in der deutschen Sprache. Bekanntlich waren bis gegen Ende des neunten Jahrhunderts die poetischen Erzeugnisse der alten Deutschen nicht in Reimen abgefaßt, sondern man bediente sich des sogenannten Stabreims oder der Alliteration, das heißt in einer oder in zwei aufeinander folgenden Zeilen hatten die bedeutungsvollsten Wörter denselben Anfangsbuchstaben, welcher von dem vortragenden Sänger noch besonders accentuirt wurde. Unsere biederen Altväter lagen hierbei auf ihren Bärenhäuten, tranken aus gewaltigen Trinkhörnern Meth oder Bier und begleiteten die alliterirenden Worte durch Anschlagen an die Schilde. Einige neuere Dichter haben Versuche gemacht, die Alliteration wieder einzuführen, haben jedoch wenig Beifall gefunden. Vielleicht wäre indessen für einzelne Fälle die Einführung derselben so übel nicht; manche stürmische Versammlung würde viel friedlicher verlaufen, wenn die Zuhörer die Reden ihrer Wortführer und Agitatoren alliterirend durch Klappern mit den Gläsern begleiteten, und mancher fromme Andächtige würde durch sanfte, alliterirende Rippenstöße vor dem fatalen und anstößigen Kirchenschlafe bewahrt werden.

Ist nun auch in unserer Poesie die Alliteration fast vollständig verschwunden, so sind doch noch mancherlei Nachklänge derselben vorhanden. Redensarten wie: sammt und sonders, hoch und heilig, Wehr und Waffen, Küche und Keller etc. giebt es allein hundert und mehr. Hierzu kommen noch andere mit ähnlich klingenden Anfangsbuchstaben, wie: kurz und gut, kreuz und quer, Gras und Kräuter, und wieder andere, wie: Schiff und Geschirr, Kraut und Rüben, die jedenfalls auch als alliterirende zu betrachten sind, da G in Geschirr und K in Kraut bei der Aussprache sehr wenig, dagegen das sch und r scharf hervortreten. Wir freuen uns über den goldgelb schimmernden Wein; ein Anderer wird quittengelb vor Aerger oder weiß wie die Wand; ein gesättigtes Grün nennen wir grasgrün; mancher Ehemann seufzt unter dem Joch einer wetterwendischen Frau oder gar einer bitterbösen Schwiegermama; oft wird Jemand windelweich gehauen und ist in Folge dessen lendenlahm etc. Wir rufen: Guter Gott, gerechter Gott, gütiger Gott, gnädiger Gott, und selbst der Teufel mußte sich schon von Alters her der Alliteration als Belzebub und Fliegenfürst unterwerfen, und jetzt gar, wo der arme Mann vollständig antiquirt und pensionirt ist, muß er sich als dummer Teufel brandmarken lassen.

Wahlsprüche und Büchertitel sind nicht selten ebenfalls alliterirend; so das „frisch, fromm, fröhlich, frei“ der Turner, treu bis in den Tod, ferner Blüthen und Perlen, Kreuz und Kelle, Hammerschläge und Historien. Ja auch die Gartenlaube rubricirt die kleineren Mittheilungen nicht unter „Blätter und Knospen oder Früchte“, sondern alliterirend unter „Blätter und Blüthen“. Fernere Beweise unserer noch bestehenden Vorliebe für die Alliteration sind Wörter wie: die blaue Blume der Romantiker, Griesgram, Zickzack, Singsang, Mischmasch und viele andere. Manche Dichter haben – bewußt oder unbewußt – neben dem Reim noch durch Alliteration eine besondere Wirkung hervorzubringen gesucht, besonders Bürger. Beispielsweise will ich den Schluß der „Lenore“ anführen:

„Geduld! Geduld! Wenn’s Herz auch bricht!
Mit Gott im Himmel hadre nicht!
Des Leibes bist du ledig;
Gott sei der Seele gnädig!“

und den Vers aus „Lenardo und Blandine“:

„Wohl schwellen die Wasser, wohl hebet sich Wind;
Doch Winde verwehen, doch Wasser verrinnt.
Wie Wind und wie Wasser ist weiblicher Sinn,
So wehet, so rinnet dein Lieben dahin.“ –

Sollte nun die geehrte Redaction der Gartenlaube vorstehendes Product eines sehr heißen Nachmittags für nicht „gehauen und gestochen“ und für „ganz und gar“ unpassend zur Aufnahme unter die „Blätter und Blüthen“ erklären, so ist das kein „Schimpf und Schande“ für mich und geht mir auch nicht an „Kopf und Kragen“; mein „Wohl und Wehe“ wird dadurch gar nicht afficirt und mein „Haus und Hof“ und „Hab und Gut“ geht auch nicht verloren; ich ärgere mich weder „grün und gelb“, noch speie ich „Feuer und Flammen“; ich bin weder voll „Gift und Galle“, noch fluche ich „Tod und Teufel, Himmel und Hölle“ und „Donner und Doria“ – sondern ich gehe in „Friede und Freude“ an meine Geschäfte, trinke vielleicht ohne „Scham und Scheu“ einen „Kirsch und Kümmel“ und sage „frank und frei“: Ich war sehr „matt und müde“, der Tag war höllenheiß und: Viele sind berufen und Wenige auserwählt!!
A.