Nach neunzehn Jahren!

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Titel: Nach neunzehn Jahren!
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 640
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[640] Nach neunzehn Jahren! Wir haben in Nr. 45 der Gartenlaube des vorigen Jahrs eine, wie wir selbst gestanden, gewagte Nachfrage nach einem seit 1853 Vermißten veröffentlicht und werden nun dennoch mit einer Nachricht über ihn überrascht, die einen denkwürdigen Theil seines amerikanischen Lebens schildert und genaue Spuren zur Weiterforschung nach ihm angiebt. Es ist dies der ehemalige Kaufmann und Chemiker Andreas Adam aus Pappenheim, dessen beklagenswerthe Gattin als Wittwe gilt, obwohl in ihrem Herzen der Glaube an den Tod ihres Mannes noch nicht hat Herr werden können. Die arme „Wittwe“ hat ihren einzigen Sohn und mit ihm ihre einzige Stütze zum Soldaten gegen Frankreich hergeben müssen, und wir wissen nicht, ob die bittere Klage über ihre Verlassenheit von aller Welt seitdem durch des Staats und edler Vaterlandsfreunde Hülfe gelindert worden ist. Umsomehr freut es uns, der tapferen Hoffnung ihres treuen Herzens mit unserer Nachricht zu Hülfe kommen zu können.

Herr Andreas Adam trat beim Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs in das Heer der Union ein. Ein deutscher Landsmann, Philipp Gries aus Mannheim, der sich in das achte New-Yorker Regiment (Blenker’s Jäger) hatte einreihen lassen und dann in Müller’s Camp bei Washington der vierten Compagnie, welche Gustav Struve bis nach der zweiten Schlacht von Bull Run als Hauptmann commandirte, zugetheilt worden war, fand in diesem Camp auch den damals von ihm auf fünfzig bis zweiundfünfzig Jahre geschätzten A. Adam. „Derselbe,“ so schreibt er, „trug langes Kopfhaar sowie einen vollen Bart, beides offenbar früher schwarz, jetzt aber stark mit grau untermischt. Er hatte ein ausdrucksvolles Gesicht, große schöne Augen, eine etwas lange spitze Nase, seine Sprache war kräftig und verrieth im Dialekt seine bairische Abstammung. Später bezeichnete er mir auch Nürnberg als seine Heimath. Adam war immer still und schloß sich dem lustigen Treiben der übrigen Cameraden höchst selten an. Sein größtes Vergnügen bestand darin, in freier Zeit in der Natur herumzuwandeln, Gebirge, Thäler, Schluchten und Wälder zu durchstreifen, um fremde Pflanzen sowie seltene Steine zu suchen und die so vielerlei Holzarten der virginischen Wälder kennen zu lernen. Namentlich erfreuten ihn die Wurzeln des wilden Lorbeerstrauchs, aus denen er Pfeifenköpfe mit prächtigen Holzschnitzereien herstellte; auch viele kunstreiche Spazierstöcke bekamen wir von ihm. Ich begleitete ihn oft auf seinen Ausflügen und er theilte mir dann Manches aus seiner Nürnberger Heimath mit, das auf eine sehr glücklich verlebte Jugendzeit hindeutete. Einen Kummer schien er übrigens im Herzen zu tragen, denn er konnte ganz plötzlich von der freundlichsten Stimmung in ein stilles Hinstarren versetzt werden; sonderbarer Weise hat er mir, seinem sonst intimsten Freund, gegenüber nie etwas von Pappenheim erwähnt.“

Adam erfreute sich, trotz der harten, oft unerträglichen Strapazen des Feldzugs, stets der besten Gesundheit und ging aus allen Gefechten des achten Regiments unversehrt hervor. Auf einem der letzten Märsche desselben, gegen Gainsville und Aldie, gerieth er in Gefangenschaft der Rebellencavallerie, ward aber bald ausgewechselt und ging zu seiner Erholung nach Annapolis. Zum Regiment kam er nicht wieder, da die Mannschaft bald darauf ausgemustert wurde. Aber im Mai 1863 muß er unbedingt nach New-York gekommen sein. Ob er nun dort sich angesiedelt, oder ob er, was wahrscheinlicher ist, den von ihm sehr unterstützten Plan einer gemeinsamen Ansiedelung im fernen Westen mit ausgeführt hat, darüber sind in New-York selbst die genauesten Nachrichten sicherlich zu erfahren.

Es pflegen nämlich viele Mitglieder des achten Regiments, kurzweg die Achter genannt, die jetzt in New-York, Hoboken, Brooklyn oder Williamsburg wohnen, sich häufig sowohl in Menzel’s Hôtel (jetziger Eigenthümer Herr Fritz Brickbauer, Nr. 29 Bowery, corner of Bayard street and Bowery) als in dem daneben liegenden Hübner’schen Lagerbiersalon, Nr. 27 Bowery, zusammen zu finden. Diese Männer werden, ohne daß wir sie bei ihren Namen auffordern, gern das Liebeswerk auf sich nehmen, wenn irgend noch möglich, Andreas Adam zur Heimkehr zu den Seinen, seiner Gattin, seinem Sohn und seiner Tochter, zu bewegen. Zu befürchten hat er sicherlich im heutigen Deutschland nichts mehr für seine Vergangenheit, denn sein Verbrechen war schwerlich ein anderes, als das, welches unter Bismarck’s Vorführung die Könige von Preußen und Baiern sammt allen übrigen deutschen Fürsten jetzt zur Vollendung gebracht haben: die Herstellung eines einigen deutschen Reichs! Im Jahr 48 wollte dies das deutsche Volk gegen den Willen der Fürsten, im Jahr 71 die deutschen Fürsten mit dem Willen des Volks. Warum soll ein Achtundvierziger jetzt nicht in Frieden heimkehren können, um nach verkümmertem und verstürmtem Mittag den Abend des Lebens mit den Seinen zu genießen?