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Autor: Paul Bekker
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Titel: Musikalische Autarkie
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 272 (10.09.1934), S. 4
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Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Musikalische Autarkie


In Deutschland macht man jetzt aus Holz Kunstseide. Andere Erfindungen sollen folgen, um fehlende Rohprodukte zu ersetzen. Nur in der Musik, sollte man meinen, wird Deutschland nicht nötig haben, „Ersatz“ zu beschaffen. In der musikalischen Produktion steht Deutschland quantitativ vielleicht überhaupt an erster Stelle, qualitativ zweifellos in vorderster Linie. Es mag Italien und Frankreich wohl neben sich, niemanden aber braucht es vor sich gelten zu lassen.

So müsste gerade auf diesem Gebiete das Problem der Autarkie am leichtesten lösbar oder überhaupt kein Problem sein. Hier ist Deutschland Erzeuger, der wohl allen anderen von seinem Ueberfluss abgeben kann, aber keines Zustromes von aussen her benötigt, um den eigenen Bedarf zu decken.

Verhält es sich wirklich so?

Es gibt vielleicht kein Gebiet, auf dem sich der Grundirrtum des autarkischen Wirtschaftsprinzipes so drastisch offenbart, wie bei der Kunst im allgemeinen und bei der Musik im besonderen. Die bildenden Künste sind durch Klima und Landschaft noch in gewisser Beziehung gebunden, die Dichtung ist es durch das Gestaltungsmittel der Sprache. Zweifellos wirken die gleichen Elemente auch erheblich auf die Formung der Musik ein. Aber als endgültige Erscheinung hat die Musik sie schliesslich überwunden. Sie stellt eigentlich das dar, was oberhalb der Verschiedenheiten all dieser materiellen und ideellen Bedingtheiten als ihr menschlich Gemeinschaftliches übrig bleibt.

Indessen darf man deswegen doch nicht sagen, Musik sei international. Zwar wird sie ihre jeweiligen nationalen Eigenschaften stets in sich bewahren, denn sie sind Wurzelkräfte. Aber sie wird diese Wurzelkräfte so zur Erscheinung bringen, dass eben nur das menschlich Gemeinschaftliche, wie es die organische Struktur aller Menschen bestimmt, in der Musik zum klingenden Ausdruck gelangt. Musik ist also kein Esperanto, kein charakterloses künstliches Fabrikat, hergestellt zu internationalen Verkehrszwecken. Sie spricht die menschliche Ursprache oberhalb und unterhalb aller sonstigen Verschiedenheiten. Nur soweit sie diese Ursprache spricht, ist und bleibt sie Musik, und der höchste Masstab ihres Wertes liegt in ihrer Allgemeingeltung für alle Völker.

Nach diesem Masstab bewerten wir auch die führenden Erscheinungen grosser Musiker. Sie sind nicht Internationalisten, sie sind nicht Kosmopoliten, sie sind Universalisten. Ihr Werk gilt und gehört der Welt. Und je mehr es seine Eignung erweist als Besitz dieser Welt, um so höher steht es im Wert. Musik ist eigentlich der stärkste Gemeinschafts-Wertmesser, den die Menschheit überhaupt kennt. Sie bedarf keiner Umschaltung, keiner literarischen und rechnerischen Uebersetzung. Sie ist ein absoluter Wert aus sich heraus, in noch höherem Sinne als die edelsten Metalle, denn sie ist von keinerlei Schätzungsschwankungen abhängig.

Solche Allgemeingiltigkeit kann nur Bestand haben, so lange sie sich in der Wirklichkeit zu bewähren vermag, solange also die Musik selbst ihre höchste Eigenschaft der allmenschlichen Geltung wahrt. Ihre Aufteilung an mehrere verschiedenartige Volksbegabungen kann lediglich den Sinn haben, die praktisch nur selten erreichbare Zusammenfassung aller Kräfte durch Zerlegung in mehrere Teile zu ersetzen. Dementsprechend zeigt auch das Bild des musikalischen Werdens die fast regelmässige Abwechslung zwischen Zeiten des Auseinanderstrebens in nationale Gruppen und Zeiten der Vereinigung zur grossen universalen Gemeinschaft.

Die Zeiten des Auseinanderstrebens sind durchweg Zeiten der kleineren und mittleren Begabungen, Zeiten des Kräftesammelns, des Aufspürens verborgener Quellen volkshafter Art, die dann wieder zum grossen Strom vereinigt werden. Diese Zeiten des Auseinanderstrebens sind zugleich Zeiten des Suchens und Experimentierens, auch der Gegensätzlichkeit und Fehden, Zeiten des Theoretisierens. Fast immer tragen diese Zeiten das Bewusstsein ihrer Schwäche in sich. Sie erkennen die Ueberlegenheit der universalen Perioden, sie wissen, dass sie das Tal sind, das von einem Berg kommt. Je deutlicher sie sich dessen bewusst sind, umso näher sind sie auch dem neuen Ziel, der neuen Höhe, zu dem die Talstrasse wieder emporführen soll.

Was aber soll man zu einer Zeit sagen, die ihre Schwäche als Stärke proklamiert und die meint, gerade das Nichtkönnen als Sinn der Kunst bezeichnen zu dürfen?

Wenn Musik als Gemeinschaftsbesitz der Menschheit erkannt ist, wenn die Betrachtung ihrer Geschichte lehrt, dass alle Höhepunkte da erreicht werden, wo die grossen Gemeinschaftsideen der Menschheit zum Durchbruch kommen – wie sollte es da einem einzelnen Volke möglich sein, aus sich heraus jene Höhe zu erreichen? Sei es noch so begabt, sei es noch so guten Willens, sei es von den reinsten und höchsten Kräften bewegt – immer wird es nur einen Teil der Gemeinschaft erfassen und bedeuten können, immer wird eben das Wesen der Musik das Erreichen der absoluten Geltung solange unmöglich machen, als dieses Volk sich auf seine Besonderheit stützt. Eine Nation kann als solche eine grosse Dichtkunst schaffen, sie kann auch zu einer grossen nationalen bildenden Kunst gelangen. Nationale Musik grossen Stiles gibt es nicht, hat es nie gegeben, kann es nie geben, weil alle nationale Musik nur eine Teilerscheinung des Menschheitlichen ist, das in seiner Totalität zu erfassen eben die Sonderbestimmung der Musik bleibt.

Zeiten nationaler Aufteilung sind demnach für die Musik stets Zeiten des Niedergangs und der Zersplitterung. Sie wollen durchkämpft werden, und mögen im einzelnen dieses Kampfes manches Gute und Stärkende mit sich bringen. Aber sie bleiben Zeiten der Schwäche. Erkennt man sie als solche, so mag man daraus den Nutzen ziehen, den jeder Durchgang bringen kann. Verkennt man sie aber und glaubt das, was Schwäche und Unvermögen ist, als Zeichen der Kraft nehmen zu dürfen, so wirken sie zerstörend.

Das ist die Bedeutung jeder Autarkie in der Musik. Mag sie deutsch, französisch, italienisch, russisch oder wie sonst noch sein – immer ist sie ein Unfug und eine Sinnlosigkeit, eine Verkennung der ewigen und höchsten Bestimmung jeder Kunst: den Menschen über alle Schranken seines äusseren Seins hinaus zum Bewusstwerden seines eigentlichen Daseinswertes innerhalb der Schöpfung zu führen.