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Textdaten
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Autor: Max Haushofer
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Titel: Mittenwald
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 680–683
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Mittenwald.
Die Gartenlaube (1888) b 680.jpg

Am Lautersee bei Mittenwald. Originalzeichnung von R. Püttner.

Wo die jugendliche Isar mit ihren lichtgrünen Wellen aus den Hochkalkalpen Nordtirols hervorbricht, um sich einen Ausgang nach der bayerischen Hochebene zu suchen, liegt noch auf bayerischem Gebiete, aber hart an der Grenze, das Gebirgsdorf Mittenwald. Ein prachtvolles und großartiges Landschaftsbild umrahmt den Ort; denn südöstlich von ihm streckt sich die lange Kette des Karwendelgebirgs mit Hunderten von schroffen Felszacken hin, um unmittelbar hinter Mittenwald scharf nach der Straße hin abzufallen; im Südwesten baut sich das Wettersteingebirg empor, um in der Zugspitze den höchsten Punkt des Deutschen Reichs zu ersteigen. Nordwärts von dem Marktflecken aber dehnt sich eine grüne Thalebene aus, von Hügelreihen durchzogen und begrenzt, zwischen welchen schöne Seespiegel glänzen. Und ringsum ist Wald, endloser Wald; und darüber in flimmerndem Dufte graue Felshörner mit blinkenden Schneefeldern.

Es ist ein alter Ort; auch die Straße ist uralt, die hier durch das breite Felsenthor aus den Alpen ins Flachland herauszieht. Hier saß einst der rhätische Volksstamm der Breonen oder Brennen, im Zeitalter des Augustus von den römischen Legionen unterjocht. Pfahlbauten auf dem grünen Grunde des Barmsees zeugen hier von vorgeschichtlichen Menschen. Die römischen Eroberer zogen eine breite Straße durch das Thal. Sie führte südwärts über den Brenner nach Italien, nordwärts nach Augsburg. Heute ist sie vielfach zerissen und unkenntlich geworden, von den Wildwassern zerwaschen, von Geröll überschüttet, von Gras und Krummholz überwachsen. Doch so mächtig war der Bau, daß er jetzt noch auf Strecken von vielen Meilen sich deutlich verfolgen läßt.

Nach dem Sturze der Römerherrschaft bleibt die Geschichte des Gaues und des Ortes lange in tiefes Dunkel gehüllt. Erst mit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts lichtet sie sich wieder; von dieser Zeit ab kam Mittenwald, das vordem unter der Botmäßigkeit der Grafen von Eschenlohe gestanden, unter die Herrschaft der Freisinger Bischöfe, um fünfhundert Jahre unter ihr zu bleiben. Mannigfach sind die Schicksale, welche der Marktflecken in dieser Zeit erlebte. Wie ein Märchen klingt es, daß hier einst reiche Silberadern entdeckt wurden. Aber der Bergsegen erwies sich als trügerisch; denn ehe noch der Streit, der sich seinetwegen zwischen Bischof und Herzog entspann, ausgetragen war, verschwanden die Adern wieder.

Weit werthvoller als der kärgliche Bergbau ward für die Mittenwalder der Holzreichthum ihrer unermeßlichen Waldungen und die Viehzucht auf ihren Almen; aber das Wichtigste war der bedeutende Handelszug, der aus den oberdeutschen Handelsstädten über Mittenwald nach Tirol und Italien führte. An einem Straßenknotenpunkt und zugleich an der Landesgrenze gelegen, erblühte Mittenwald zum lebhaften Stapel- und Speditionsplatz. Hier saßen die herzoglichen Zöllner; hier waren große Waarenlagerhäuser, und die Mittenwalder Fuhrleute, in einer Zunft, der sogenannten „Rott“ vereinigt, fuhren mit ihren schwerbeladenen Frachtwagen ins bayerische Land hinaus nach Augsburg, der blühenden Handelsstadt, und durch den Scharnitzpaß dem Brenner zu, und weiter nach Bozen. Selbst der wilde Bergstrom, die Isar, ward zur Floßstraße benützt. Auf ihr ward namentlich der feurige Wein des Etschlandes hinausgeführt nach den bayerischen Städten und Klöstern, auch Südfrüchte, Gewürz und Baumwolle aus Italien und der Levante, während deutscher Gewerbfleiß seine Eisenwaaren und Tücher in Mittenwald aufstapelte, um sie von da nach Welschland zu bringen. Da gab’s ein buntbewegtes Treiben zu Mittenwald; hier begegneten sich die Kaufleute aus Süden und Norden mit ihren Saumrossen und Frachtwagen. Hufgestampf und Peitschenknall belebte die schöne Alpenstraße und den wohlhabenden Markt; reitende und laufende Boten verkehrten zwischen den Venetianischen und Nürnberger Kaufhäusern über Mittenwald. Die Mittenwalder Rottstraße erfreute sich auch einer größeren Sicherheit als die andern Handelsstraßen des Mittelalters; nie hörte man hier von den Plackereien der Stegreifritter.

Gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts erlebte Mittenwald als Handelsplatz seine höchste Blüthe; damals verlegten die Venetianer, von der Tiroler Regierung beleidigt, ihren wichtigen Bozener Markt nach Mittenwald. Der Wohlstand stieg; stets mehrten sich die Waarenhäuser und Stallungen; neue Straßen wurden erbaut; die Fuhrleute wurden unternehmender und übermüthiger; neues Gewerb aller Art erblühte. Ueber ein Jahrhundert lang währte diese Blüthezeit Mittenwalds; dann kam der Verfall. Der deutsch-italienische Handelsverkehr blieb zwar noch in lebhafter Bewegung, auch nachdem Venedig längst von seiner meerbeherrschenden Höhe herabgestiegen war, aber er vertheilte sich auf eine größere Zahl von Alpenstraßen. Dazu kam der wirthschaftliche Niedergang Deutschlands seit dem Dreißigjährigen Kriege; dann die Drangsale, welche der Markt selbst während des spanischen Erbfolgekriegs und noch mehr in den ersten neun Jahren des gegenwärtigen Jahrhunderts erlitt, als er den Heeren der Oesterreicher und Franzosen zum Kriegsschauplatze diente und durch die Felsenengen des Scharnitzpasses Kanonendonner scholl. Und als endlich gar die erste Lokomotive ihren Weg zum Brenner fand, war es um die alte Handelsstraße von Mittenwald vollends geschehen; sie verödete mehr und mehr;

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Die Gartenlaube (1888) b 681.jpg

Straße in Mittenwald.
Originalzeichnung von R. Püttner.

[682] die großen Stauungen und Waarenlager stehen leer, und auf der einst so reich belebten Straße, die unter den grauen Wänden des Karwendelgebirgs hinüberführt nach den Thälern Tirols, kann man tagelang hinwandern, ohne ein anderes Fuhrwerk zu sehen, als etwa den gelben Wagen der königlich bayerischen Post.

Wenn aber auch die Handelsblüthe Mittenwalds dahingegangen ist, der einmal geweckte Unternehmungsgeist der Mittenwalder schuf sich einen Ersatz in einem Gewerb ganz eigener Art. Das ging folgendermaßen zu:

Im Jahre 1663 wanderte ein zehnjähriges Bübchen aus Mittenwald mit einem Fuhrmann von da durch Tirol, um in dem gewerbfleißigen Oberitalien eine Kunst zu erlernen. Das Bübchen hieß Hiesel (Mathias) Klotz und wurde, nachdem es wie ein Stück Frachtgut von einem Fuhrmann an den andern abgegeben worden, schließlich in der Werkstätte des Geigenmachers Nicolo Amati zu Cremona als Lehrling untergebracht. Der kleine Klotz ward bald einer der besten Gehilfen des Meisters. So sehr zeichnete Amati den Mittenwalder aus, daß die Eifersucht der welschen Gesellen sie dazu trieb, den jungen Deutschen mit bewaffneter Hand anzufallen. Der Mittenwalder wehrte sich zwar tapfer genug, aber er ward verwundet. Sein Meister verhalf ihm zur Flucht aus Cremona. Dann diente er kurze Zeit als Landsknecht und wanderte hierauf als Geigenmachergesell wieder von Stadt zu Stadt, um endlich nach zwanzigjährigem Aufenthalt in der Fremde mit einem reichen Schatz von Modellen, Zeichnungen und Erfahrungen in die Heimath zurückzukehren.

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Am Stammtisch in der „Post“ zu Mittenwald.
Nach einer Kohlenskizze von F. Prölß.

Er kam, um aus seinem Heimathorte ein bayerisches Cremona zu schaffen. Seit Mathias Klotz aus Welschland zurückkehrte, singt und klingt es in Mittenwald und von da durch ganz Deutschland und durch die ganze Welt, ein holder, langgezogener Saitenklang – die Mittenwalder Geigenindustrie. Von dem berühmten Tiroler Geigenmacher Stainer zu Absam hatten die Mittenwalder gelernt, daß die edle Haselfichte, die an den Sonnenbergen um Mittenwald wächst, im Holze ihres schlanken Stammes zauberischen Wohllaut verbirgt. Wie es Stainer einst gethan, so wanderte jetzt Klotz durch die Wälder und schlug mit der Axt an die Stämme, um zu hören, welchen Ton sie gäben. Und wenn die Holzknechte droben im Hochgebirg Bäume niederwarfen und sie über das steile Gehäng herabstürzten, saß er daneben, um zu lauschen, welchen Klang die stürzenden Stämme gaben; und die, welche den schönsten Klang hatten, wählte er zum Holz für seine Geigen.

Es währte freilich manches Menschenalter lang, bis Mittenwald sich in der Geigenindustrie den stolzen Ruf erwarb, den es heute besitzt. Jetzt ist das Absatzgebiet der Mittenwalder Saiteninstrumente die ganze Welt. Den Absatz der Instrumente besorgen zwei große Verlagsgeschäfte, während das Hausiren der Geigenmacher selbst immer seltener wird. Fast in jedem Hause von Mittenwald ist eine Werkstätte; und wenn man an einem schönen Sommertage von dem nächsten schroffen Hügel herunter schaut in den Markt, sieht man in allen Gärten die zum Trocknen aufgehängten Geigen schimmern und im Winde tanzen.

Freilich sitzen nicht alle Männer Mittenwalds an der Schnitzbank. Mancher, dem das Blut der Bergbewohner zu feurig durch die Adern rollt, zieht es heute noch vor, als Fuhrmann neben seinen schweren Rossen landein, landaus zu wandern oder bei der freien lustigen Holzarbeit droben im Hochwalde zu hausen, oder auch als Flößer auf seinem rohen Balkenfahrzeug die grünen Isarwellen hinabzuschwimmen nach Tölz und München, um hernach, mit der blinkenden Axt auf der Schulter, wieder bergeinwärts zu wandern. Auch das Wildschützenthum und das Schwärzergeschäft, die einst hier hoch im Schwunge standen, dürften noch nicht ganz aufgehört haben.

Mittenwald hat auch seine Honoratioren, und wer diese wackeren Männer kennen lernen will, braucht sich nur in der [683] Gaststube des stattlichen Postwirthshauses umzusehen. Da hängt ihre Tafelrunde als Bildniß an der Wand, eine Kohlenskizze von F. Prölß, die als Holzschnitt unsern Artikel schmückt. Abends aber, wenn das Tagwerk treulich gethan ist, kommen sie selber zur Thür herein, markige Gestalten mit ausgeprägten Charakterköpfen, von welchen keiner trotz des städtischen Berufs die Bergheimath verleugnet. Da sitzen sie dann beisammen und spielen friedfertig ihren „Rumpel“, der eine ein Instrumentenfabrikant, dessen Zithern und Geigen durch ganz Europa klingen; neben ihm der Lehrer des Orts, dann der Instrumentenverleger, der Arzt und der Kaufmann, der Posthalter und der Thierarzt. Schon manchem Fremdling, den das großartige und prachtvolle Gebirgsthal festgehalten hat, ward das Scheiden schwer, nicht allein von der Natur, sondern auch das Scheiden von den gemüthvollen treuherzigen und lebensfrohen Menschen, die da hausen, aus ihrer unverwüstlichen Bergnatur wie aus ihrer kunstsinnigen Beschäftigung beständige Anregung schöpfend. Die Mittenwalder wissen auch wohl, wem sie die Erhaltung ihres geistigen und materiellen Wohlstandes danken; ein schönes Denkmal für den Gründer der Mittenwalder Geigenindustrie wird demnächst Zeugniß von dieser Dankbarkeit wie vom künstlerischen Sinne der Bevölkerung ablegen. In diesem Sommer befand sich dasselbe, aus dem Atelier von F. v. Miller stammend, in der Münchener internationalen Kunstausstellung.

Der Markt selber ist äußerst malerisch. Die alten Häuser, größtentheils mit Fresken reich bemalt, zeugen noch von der ehemaligen Blüthe des Ortes mit ihren zierlichen Erkern, Vorsprüngen und Eisenornamenten. Und über die schiefen Dächer schauen dräuend und gewaltig die Felskolosse des Karwendelgebirges herein. Das baut sich, vier Ketten hinter einander, als ungeheurer Grenzwall auf zwischen Bayern und Tirol. Und zwischen diesen Ketten ziehen die unbeschreiblich einsamen Thäler hinan, aus welchen die Quellbäche der Isar hervorbrechen. Wer Mittenwald am frühen Morgen verläßt, um eines dieser Thäler hinaufzuwandern und eins der wilden Joche zu überklettern, die nach Tirol hinüberleiten, dem mag es leicht begegnen, daß er bis zum Abendroth keine menschliche Gestalt erblickt und keinen Laut vernimmt, als etwa in weiter Ferne den scharfen Knall eines Gewehrs. Die Felsenhäupter des Oedkar und Birkkar schauen in schweigender Größe auf ihn herab; um ihre Schultern hangen selbst im Hochsommer Schneefelder, und grauenhafte Schutthalden ziehen sich aus ihrem zerklüfteten Geschröff bis zur Thalsohle herunter. Legt sich aber der Wanderer am Ende eines dieser Hochthäler in den Schatten der letzten Bäume, wenn der Bergwind durch dieselben rauscht, dann kann er wohl jenen singenden Ton vernehmen, der den Bäumen dieser Thäler eigen ist. Und wenn man einst diesen Baum niederwerfen und zersägen wird, um Geigen aus ihm zu schnitzen, so wird sein Holz immer feiner und klarer den Ton der Saiten mitempfinden und nachklingen lassen, als spürte das Instrument ein unvergängliches Heimweh nach der Bergeinsamkeit, die seine Wiege war.
Max Haushofer.     
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Die Gartenlaube (1888) b 684.jpg

Ansicht von Mittenwald mit dem Blick auf den Wetterstein.
Originalzeichnung von R. Püttner.