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Meine Tante Therese

Textdaten
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Autor: [A. D.]
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Titel: Meine Tante Therese
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
auch in der Marburger Zeitung, 8. Jg. 1869, ab Nr. 35, 21. März 1869, dort Autorenangabe: A. D., Google
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[673]
Meine Tante Therese.
Keine erfundene Geschichte.
1. Ein deutscher Edelmann.

Wie werde ich jemals meine Tante Therese vergessen? Sie war so bleich und so schön, und so freundlich und weich und doch so stark. Und so war sie, da ich sie zum ersten Male sah vor beinahe fünfzig Jahren, und sie hatte sich nicht verändert, sie war noch eben so schön, als ich sie zum letzten Male besuchte, im Jahre 1850.

Zum ersten Male sah ich sie im Sommer des Jahres 1814.

„Ich muß meine arme Schwester Therese besuchen,“ hatte meine Mutter schon seit dem Winter gesagt. „Ich muß sehen, ob ich ihr keinen Trost bringen kann.“

Meine Mutter war damals selbst so traurig, schon länger als seit dem Winter, schon seit dem Sommer 1812. Sie hatte seitdem nur Trauerkleider getragen. Meine Mutter fuhr zu der Tante Therese, oder eigentlich zu ihrer Mutter, bei der die Tante lebte, mich nahm sie mit. Ich war ein Knabe von 12 Jahren.

Meine Großmutter wohnte in einem alten adligen Schlosse; Schloß Hawichhorst hieß es. Es gehörte mit dem Gute einer alten, reichen, ehemals reichsfreiherrlichen Familie Westphalens, die sich schon seit undenklichen Zeiten außerhalb Westphalens aufhielt. Schon eben so lange waren meine Vorfahren mütterlicher Seits Rentmeister auf Gut und Schloß Hawichhorst gewesen, zuletzt mein Großvater. Er war früh gestorben, und seine Stelle sollte auf seinen Sohn forterben; der jüngste Sohn, Franz, war dazu ausersehen. Der war aber bei dem Tode des Großvaters noch ein Kind; so wurde ein Verwalter genommen, bis er großjährig sein werde, und meine Großmutter blieb mit ihren Kindern im Schlosse wohnen, und der Verwalter hatte von ihr die Befehle zu empfangen; in der späteren Zeit von meiner Tante Therese, da meine Großmutter in Folge eines Schlaganfalles nicht mehr nach Allem sehen konnte. Solche patriarchalische Zustände gab es damals häufig in Deutschland. Ich glaube, der alte westphälische Adel hat sie noch aufrecht erhalten.

Das Schloß Hawichhorst lag am Ende einer großen unübersehbaren Haide. Als ich mit meiner Mutter zu der Großmutter und zu der Tante Therese fuhr, mußten wir schon eine Stunde vor dem Schlosse von der Landstraße abbiegen, um von da an immer in der großen Haide zu fahren, an der Hawichhorst lag. Lange Zeit sahen wir gar kein Ende von ihr, und ich meinte beinahe, sie werde kein Ende nehmen. Dann tauchte hinten ein großer, dunkler Wald herauf, der immer größer und breiter wurde, und ich meinte nun, der Wald könne kein Ende nehmen. Zuletzt fuhren wir um eine Ecke des Waldes herum, und da lag das Schloß Hawichhorst vor uns auf einer kleinen Erhöhung. Es war nicht groß, dafür desto älter und stammte aus dem Mittelalter. Die Mauern waren hoch, grau, mit wenigen schmalen, aber hohen Fenstern. Das Dach war spitz, mit kleinen Ziegeln gedeckt, die vom Alter dunkelbraun gefärbt waren. An der einen Seite ragte ein spitzer grauer Thurm über das Dach hinüber.

Es war am späteren Nachmittag, als wir ankamen. Man hatte uns nicht erwartet, die Leute des Gutes waren im Felde an der Arbeit. Draußen am Schlosse war Niemand; auch an den Fenstern sahen wir keinen Menschen. Ein großes Einfahrtsthor führte in den Schloßhof, der mit hohen Mauern umschlossen war. Früher war vor den Mauern noch ein Graben gewesen, der aber nun ausgefüllt war. Nur die Brücke hatte man gelassen, über die man zu dem Einfahrtsthore gelangte. Wir fuhren über diese Brücke hindurch in den Hof. Auch dort war Niemand. Wir stiegen aus, und meine Mutter führte mich in das Haus. Wir kamen zuerst in eine kleine Halle, an der mehrere Thüren lagen. Zu einer, die uns gerade gegenüber am Ende der Halle lag, gingen wir. Vor der Thür blieben wir stehen, meine Mutter horchte hindurch. Um uns her war die tiefste Stille, man hörte in dem ganzen Hause keinen Laut. Das alterthümliche Schloß machte einen eigenthümlichen feierlichen Eindruck auf mich. Ich war noch nie in dem Schlosse gewesen. Meine Mutter war blaß geworden. Sie war seit mehreren Jahren nicht dagewesen und hatte die Mutter nicht gesehen, seitdem sie gelähmt, die Schwester Therese nicht, seitdem sie so traurig war, Beide nicht seit jenen entsetzlichen Begebenheiten, die die Eine für immer auf das Krankenlager geworfen, der Anderen für immer das Herz gebrochen hatten.

Sie machte langsam die Thüre auf und wir traten in ein hohes, altertümliches Gemach. Es war wohl schon das Wohngemach der Ritterfamilie gewesen, die einst hier gehaust hatte; jetzt war es das Wohnzimmer der Familie meiner Großmutter. Mitten in dem Zimmer stand ein Rollstuhl; darin saß oder lag meine Großmutter. Sie lag so, daß sie nach zwei Seiten die Fenster des Zimmers wahren konnte. Auf der einen Seite fiel ihr Blick auf die Bäume des Waldes, auf der anderen in die unabsehbare Haide hinein.

Die Großmutter war eine starke, kräftige Frau. Trotz ihrer Trauerkleidung lag in ihrem ganzen Wesen eine herzliche, milde Freundlichkeit. Meine Mutter mußte weinen, als sie sie sah.

Die alte traute Frau tröstete sie.

„Weine nicht, Elisabeth. Es ist eine schwere Zeit über uns dahingegangen, seitdem wir uns zuletzt sahen. Aber sie ist vorüber, und Gott hatte sie uns geschickt. Weine nicht, um der armen Therese willen.“

[674] Da that die Thür sich auf, und die Tante Therese trat in das Zimmer. O, wie werde ich jemals den Anblick vergessen können! Sie war in tiefer Trauer; ihr Gesicht war weiß, wie der frischeste Schnee; die feine, durchsichtige Haut ließ keinen Blutstropfen wahrnehmen. Und doch war es so wunderbar schön. Es war eine verklärte, heilige Schönheit, die nicht mehr der Erde anzugehören schien. Und so klar und still und freundlich war sie dabei, auch das war so wunderbar; man meinte darin ein stilles, sanftes Weinen ihres Herzens zu sehen.

Sie ging langsam auf meine Mutter zu. Die beiden Schwestern hielten sich lange umarmt und sprachen beide kein Wort. Meine Mutter war die ältere, wohl über ein Dutzend Jahre älter, als die Tante. Sie hatte diese erzogen, und sie hatten sich immer so innig und so herzlich geliebt. Meine Mutter mußte zuletzt bitterlich weinen, trotz jener Ermahnung der Großmutter. Da ließ die Tante Therese sie los.

„Was weinst Du, Elisabeth?“

„Arme, arme Therese!“ rief meine Mutter.

„Ja!“ sagte die arme Schwester leise.

Sie sagte nur das eine Wort. Dann wandte sie sich zu mir. Ihre Augen sah ich feucht glänzen, aber sie war milde und freundlich.

„Du bist groß geworden,“ sagte sie zu mir, „und Deine Mutter hat mir nur Gutes von Dir geschrieben. Bleibe immer ihre Freude.“

Sie sprach es so unendlich klar und mild und freundlich. So blieb sie, so war sie immer, so oft ich sie nachher wiedersah. Und auch eben so schön war sie geblieben; dieselbe Feinheit und Durchsichtigkeit der Haut; dieselben edlen Formen des blassen Gesichtes; keine Runzel darin; derselbe ruhig klare Blick der dunkelblauen Augen. Und sie war, als ich sie zum letzten Male sah, nahe an den siebziger Jahren.

Sie ist gestorben seitdem. Im Tode soll ihre Schönheit eine noch wunderbarere gewesen sein. Ich konnte sie nicht mehr sehen; ich mußte fern von ihr im fremden Lande leben.

Sie war so unglücklich gewesen. „Was fehlt der Tante Therese?“ mußte ich schon damals, als ich sie zum ersten Male sah, meine Mutter fragen.

„Du weißt es ja,“ war die Antwort. „Der Tod des Onkels Fritz. Wir Alle trauern noch um ihn.“

Aber die Tante Therese war so besonders traurig. „Es muß doch noch etwas Anderes sein, Mutter,“ sagte ich.

„Der Onkel Fritz und die Tante Therese waren Zwillingsgeschwister,“ sagte die Mutter. „Sie hatten sich ganz besonders lieb.“

„Es muß doch noch etwas Anderes sein, Mutter.“

„Ja,“ sagte die Mutter, tief seufzend. „Es ist auch noch etwas Anderes. Aber das verstehst Du nicht, Kind.“

Später verstand ich es, und ich werde es nachher erzählen. Vorher muß ich von dem berichten, was ich damals schon wußte, und worüber sie Alle noch trauerten.

Es hatte bis zum Jahre 1813 eine schwere Zeit auf dem deutschen Lande und Volke gelegen. Das deutsche Volk war von einem fremden Tyrannen an die Sclavenkette gefesselt, mit der Sclavengeißel gezüchtigt. Aber keine Geißel, keine Fessel kann ein edles, kann das deutsche Volk zu Sclaven machen. Auch unter jener fremden Tyrannei lebte fort und fort in dem deutschen Volke die Liebe zur Freiheit, der Haß gegen den Despotismus, der Ingrimm gegen den Tyrannen, das glühende Verlangen, die Ketten zu zerbrechen, die Geißel dem Tyrannen zu entwinden, um sie züchtigend und strafend über ihn selbst zu schwingen. Aber das Verlangen konnte noch nicht sofort zur That werden, die Fürstenpolitik stand ihm entgegen, und das deutsche Volk trug das Aeußerste um seiner Fürsten willen – auch damals. Nur einzelne glühende Herzen konnten den Unmuth, den Zorn, den Ingrimm nicht in sich verschließen. Sie wurden das Opfer ihrer Unvorsichtigkeit.

Mein Onkel Fritz, der Zwillingsbruder meiner Tante Therese, war ein Mann von Geist, von Muth, von lebhaftem edlem Herzen. Er hatte die Rechtswissenschaft studirt und kam als Doctor der Rechte in die Heimath zurück. Er machte seine Examina und wurde Advocat an dem kaiserlich napoleonischen Gerichtshofe in der Provinzstadt seiner Heimath. Er hatte sich bald einen Ruf erworben und war der Stolz seiner Familie, der Triumph seiner Zwillingsschwester Therese. Sein Herz glühte von Liebe zum Vaterlande, von Liebe zur Freiheit, von Haß gegen den Unterdrücker.

Eines Abends – es war im Sommer des Jahres 1812 – saß er mit Freunden im Weinhause. Es war an dem Tage die Nachricht eingetroffen, daß die französische Armee den Niemen überschritten habe. Die Freunde sprachen über den möglichen Ausgang des napoleonischen Krieges gegen Rußland. Sie waren allein und thaten sich keinen Zwang an und wurden bald in ihrem Gespräche lebhafter. Anfangs hatten sie Befürchtungen ausgesprochen, dann Wünsche, dann Hoffnungen.

Mein Onkel ergriff sein Glas.

„Stoßt an, Freunde! Verderben und Tod dem Tyrannen in den Eisfeldern Rußlands!“

Er rief es mit lauter, erhöhter Stimme. Während er es rief, öffnete sich die Thür des Zimmers. Die Freunde wollten mit ihm anstoßen, da hörten sie ein Geräusch hinter sich und sahen sich um. Ein französischer Officier stand in der Thür, der Chef der Gensd’armerie der Provinz. Die Freunde stießen nicht an; sie setzten sich still nieder und stellten schweigend die Gläser vor sich hin; sie blickten verwirrt zu Boden. Auch mein Onkel schwieg; aber er hatte sich nicht gesetzt, er hatte nicht die Augen gesenkt.

Er sah ruhig, stolz den Officier an, der die französische Polizeiuniform trug und ein Deutscher war. Er sah ihn mit Verachtung an. Der Officier entfernte sich stumm.

„Er wird nichts gehört haben,“ sagten die Anderen.

„Er hat jedes meiner Worte gehört,“ sagte ruhig mein Onkel.

„So wird er nichts gehört haben wollen. Er kann nicht. Er ist ein Deutscher.“

„Und gerade weil er ein Deutscher ist,“ rief mein Onkel, „hat er jedes Wort gehört, und wird keins vergessen. Der Deutsche, der gegen Deutsche dem fremden Tyrannen dient, der deutsche Edelmann gar, wie dieser einer ist – Gottlob, er ist kein Westphälischer; in dem westphälischen Adel fließt besseres Blut – ein solcher Mensch ist der verkommenste Renegat, kann nur der elendeste Verräther sein. Meine Stunden sind gezählt. Ich weiß es. Entfliehen kann ich nicht, ich mag es auch nicht. Laßt uns trinken. Tod den Verräthern! Dreifacher Tod den deutschen Verräthern!“

Sie stießen wohl mit ihm an, aber ihre Lippen waren stumm, und ihre Herzen voll Schreck und Angst um den Freund, den auch sie verloren sahen.

Noch in derselben Nacht wurde mein Onkel von den französischen Gensd’armen verhaftet. Am andern Morgen wurde er vor ein französisches Kriegsgericht gestellt. Er war angeklagt der Complotstiftung gegen das Leben des Kaisers. Der Commandant der Gensd’armerie trat gegen ihn als Denunciant und als Zeuge auf.

Der Name dieses französischen Commandanten der Gensd’armerie? Ich erzähle hier eine wahre Geschichte. In der westphälischen Stadt, in der sie passirte, ist sie noch heute, nach mehr als funfzig Jahren, in Jedermanns Andenken. Die älteren Leute, obwohl sie damals Kinder waren, haben auch das Bild des schönen muthigen jungen Doctors nicht vergessen, der zum Tode verurtheilt wurde, weil er auf den Kaiser Napoleon geschimpft hatte, und der so ruhig und so muthig in den Tod ging. Sie haben auch den Verrath des deutschen Edelmanns nicht vergessen, der ihn in den Tod trieb. Auch der Name dieses Verräthers lebt noch in dem Gedächtnisse Vieler von ihnen. Aber ich will hier den Namen des Verräthers nicht nennen. Der Mann hatte Kinder; sie mögen noch leben, sie mögen besser geworden sein, als ihr Vater war; sie mögen gar, wie ihre brave Mutter – aber ich will dem Gange meiner Erzählung nicht vorgreifen. Jedoch Eins muß ich hier erklären: der Mann war kein Westphale, seine Heimath war jenseits der Elbe.

Die Freunde meines Onkels waren als Zeugen für ihn aufgetreten. Sie bekundeten, daß er in der Aufregung des Weines gesprochen, daß sie selbst seine Worte ihm nicht zugerechnet hätten. Mein Onkel hatte nicht geleugnet. Er trat stolz der Behauptung entgegen, daß er unüberlegt, daß gar der Rausch aus ihm gesprochen habe. Die Richter – sie waren französische Officiere, aber Franzosen, sie waren keine Verräther; der schöne, stolze, muthige, junge Mann hatte ihre Theilnahme erweckt; sie wollten ihm das Leben retten.

„Sie selbst, Angeklagter,“ sagte der Präsident des Gerichts zu ihm, „können kein klares und richtiges Urtheil darüber haben, ob Sie mit Ueberlegung sprachen, oder in der Hitze des Weines. Es steht fest, daß Sie Wein getrunken hatten, und wer unserem erhabenen Kaiser und seiner glorreichen Armee Tod und Verderben [675] wünschen kann, von dem ist in einer solchen Lage anzunehmen, daß er nicht den vollen Gebrauch seiner Vernunft hatte.“

Da verlangte der Commandant der Gensd’armerie noch einmal das Wort, und er versicherte auf seine Ehre als Officier und auf seinen Eid als Zeuge, daß der Angeklagte mit der vollen Klarheit des Geistes gesprochen und auf ihn Blicke des Hasses und der Herausforderung geworfen habe; über seinen bedachten bösen Willen könne kein Zweifel sein.

Und das Kriegsgericht mußte den Angeklagten zum Tode verurtheilen.

Mein Onkel wurde am folgenden Morgen erschossen.

Erst als er todt war, erfuhren die Seinigen da hinten an der großen Haide seine Untersuchung, seine Verurtheilung, seinen Tod. Meine Großmutter warf der Schreck auf das Krankenlager. Der Tod ging an ihr vorüber, aber sie war gelähmt, und sie blieb es ihr Leben lang. Meine Tante Therese war bis zu dem Tage frisch und blühend gewesen, wie das frischeste junge Leben, obwohl der Tod schon einmal recht hart ihr an das Herz herangetreten war. Von der Stunde der entsetzlichen Nachricht an hat Keiner einen Blutstropfen mehr in ihrem Gesichte gesehen. Doch, damit das Gesicht ihr ganz so weiß und blutleer wurde, wie es war, als ich sie sah, dazu hatte noch anderer Schreck, anderes Entsetzen kommen müssen, und davon erzähle ich jetzt. Jenes hatte sich im Sommer des Jahres 1812 ereignet.

Es kam der Herbst des Jahres 1813. Die glorreichen Armeen des französischen Kaisers waren längst in den russischen Eisfeldern vom Tode, vom Verderben ereilt.

Die Schlacht bei Leipzig war darauf geschlagen. Die Macht Napoleon’s in Deutschland war völlig vernichtet. Der Feind floh aus Deutschland. Erst jenseits des Rheins fühlten die Fliehenden sich sicher, die Massen wie die Einzelnen. Im Süden bei Hanau nur mußte erst noch am vorletzten Octobertage eine zweite Schlacht geschlagen worden, und im Nordwesten Deutschlands, nach dem Rheine hin, hielt in manchen Gegenden das fremde Regiment sich noch fest, bis die ersten Preußen oder die ersten Kosaken ankamen. Dann wurde noch schnell raubmäßig zusammengerafft, geplündert, mitunter gemordet, und nun begann in der rasenden Eile des letzten Augenblicks die wilde Flucht vor den verfolgenden Befreiern, die oft in das eine Thor einer Stadt einrückten, während die letzten Fliehenden noch durch das entgegengesetzte Thor sich hinausdrängten. Manchmal war aber auch die Flucht zu spät, und die Räuber traf blutige Züchtigung. Manchmal kam es aber auch noch anders.

In jene Haiden Westphalens waren die Befreier noch nicht vorgedrungen. In der Provinzstadt hausten noch die Franzosen. Bereiteten sie zu jener hastigen, räuberischen Flucht sich vor, so geschah es heimlich, und nur Wenige erriethen es. Die es nicht erriethen, waren um so mehr von Sorge befangen. Die Flucht der Franzosen mußte bald und unvermeidlich eintreten; aber waren nicht eben so unvermeidlich Raub und Plünderung mit ihr verbunden? Trotzdem erwartete man die Befreier mit heißer, brennender Sehnsucht. Das Schloß Hawichhorst lag, wie gesagt, einsam an dem Ende der großen, unübersehbaren Haide. In nächster Nähe war nicht einmal ein Dorf. Die Landstraße zog sich, über eine Stunde weit entfernt, am anderen Ende der Haide, jenseits des Waldes entlang, der sie begrenzte.

Auch im Schlosse Hawichhorst hatte man von der großen Völkerschlacht bei Leipzig erfahren. Seitdem waren aber über acht Tage vergangen, ohne daß man weitere Kriegsnachrichten erhalten hatte. Nur Gerüchte waren über die Haide gedrungen, oft widersprechend genug. Bald hieß es, die Preußen und Russen seien als Befreier im Anzuge. Bald sollten aus Frankreich neue Truppenmassen heranrücken, um in neuem, verzweifeltem Kampfe die Verfolger aufzuhalten, zurückzuwerfen. Da wurden die Bewohner des Schlosses plötzlich durch Kriegsgetümmel in ihrer unmittelbaren Nähe erschreckt. Es war gegen Abend. Der Tag war kalt und naß.

Meine Großmutter und meine Tante Therese waren in dem gewöhnlichen Wohnzimmer. Die Tante las der Großmutter vor, die in ihrem Rollstuhl lag, die Tante saß am Fenster und strickte bei dem Lesen. Ueber Buch und Strickzeug glitt manchmal ihr Blick durch das Fenster, durch das sie weit in die Haide hinein sehen konnte. Sie war unruhig und schien etwas zu erwarten, was sie fürchtete. Die Großmutter bemerkte ihre Unruhe nicht. Mitten im Lesen hörte die Tante Therese plötzlich auf und horchte nach dem Fenster hin, hinaus in die Haide.

„Was giebt es da?“ fragte die Großmutter.

„Nichts, Mutter.“

„Aber Du stehst so sonderbar aus, Therese.“[1]

„Ich meinte, ich hätte draußen etwas gehört.“

„Was Dich erschreckte?“

„In der jetzigen Zeit kann Einen wohl jedes plötzliche Geräusch erschrecken. Wir wohnen hier so allein.“

Die Großmutter wollte etwas erwidern. Die Tante war rasch aufgesprungen.

„Mein Gott!“ rief sie.

Ihr bleiches Gesicht war blässer geworden.

„Aber was ist da, Therese?“

„Nichts, nichts, Mutter.“

In demselben Augenblicke zuckte auch die Großmutter auf. Auffahren konnte der gelähmte Körper nicht.

„Da wird geschossen, Therese!“

„Ja, Mutter.“

„Und da wieder, und wieder. Es ist jenseits des Waldes.“

„Wenn es nicht schon im Walde ist, Mutter!“

Die Großmutter horchte. „Nein,“ sagte sie dann bestimmt und ruhig.

Man hörte schießen. Es war ein regelmäßiges Gewehrfeuer, aber noch in weiter Ferne; darum hörte man auch nur die regelmäßigen Salven, nicht die einzelnen Schüsse, die vielleicht auch fielen. Es kam von dem Walde her. Es sei schon im Walde, hatte die Tante gefürchtet; es sei noch jenseits desselben, meinte die Großmutter. Die Tante widersprach ihr nicht weiter, sie wollte wohl die alte Frau nicht unnöthig ängstigen.

Ein anderes Geräusch wurde plötzlich laut. Es war in der Haide und schien sich dem Schlosse zu nahen. Anfangs war es ein dumpfes Dröhnen des Haidegrundes; als es näher kam, unterschied man das Stampfen von Pferden, dazwischen das Feuern von Waffen.

Die Großmutter konnte in ihrem Rollstuhle, der mitten in dem Zimmer stand, wohl in die weitere Ferne der Haide blicken, nicht aber das sehen, was in der Nähe darin war.

„Das ist Cavallerie, Therese?“ fragte sie.

„Ja, Mutter, Franzosen. Es sind Carabiniers.“

„Wohin ziehen sie?“

„Sie sprengen dem Walde zu.“

„Also zu dem Kampfe dort?“

„Ja.“

Beide schwiegen und horchten dem Vorbeiziehen der Soldaten. Die Tante stand am Fenster. Zwei Schwadronen französische Carabiniers sprengten dicht am Schlosse vorüber der Ecke des Waldes zu. Sie jagten im Galopp, in geordneten, geschlossenen Zügen, ein Officier voran, andere Officiere zur Seite. Kein Commandowort der Officiere wurde gehört, kein Laut kam aus den Reihen der Soldaten. Man vernahm nur das Stampfen der Pferde auf dem dumpf drohnenden Haideboden und das Klirren der Säbel. So flogen sie durch die Haide, unheimlichen wilden Haidegespenstern gleich. Jenseits der Waldecke verschwanden sie und eilten dem Kampfe entgegen, der im oder am Walde stattfand. Als man das Stampfen der Pferde nicht mehr hörte, tönten die Schüsse wieder über den Wald herüber.

Die Tante stand noch am Fenster. Sie sann nach; sie überlegte etwas; sie schien in steigender Unruhe zu einem Entschlusse, den sie suchte, nicht gelangen zu können. Die Großmutter hatte sie beobachtet. Sie mußte den Kopf schütteln. Sie war eine verständige, besonnene, muthige Frau, sie hatte Vieles erlebt in ihrem langen und auch in jener Einsamkeit unruhigen Leben, und es waren damals wildbewegte Zeiten, Noth und Gefahren drangen in die stillste, verborgenste Einsamkeit hinein.

„Du ängstigst Dich, Therese?“ sagte sie zu der Tante.

„Der Kampf kann sich hierher ziehen und hier anhalten, Mutter.“

„In der Haide, Kind? Hierher kommen nur Fliehende und Verfolger.“

„Und können nicht auch die in das Haus dringen, plündern, rauben –?“

„Dazu gehört Zeit, Therese, und weder die Einen noch die Anderen haben sie. Indeß Du hast Recht, daß Du besorgt bist. Triff also Anstalten gegen einen möglichen Ueberfall. Ich hier auf meinem Krankenlager kann Dir nicht helfen, armes Kind, [676] und der Franz und der Verwalter sind noch nicht zurück. Sie sind aber auf der entgegengesetzten Seite des Kampfes, und dort sind sie sicherer, als wir hier.“

„Aber wenn sie nun zurückkämen, gerade weil sie uns in Gefahr wissen, um uns beizustehen, und wenn sie dann zwischen die Kämpfenden, Fliehenden und Verfolgenden geriethen?“

Die Großmutter verlor ihren Muth und ihr Vertrauen nicht.

„Die Haide ist groß, Therese, und man sieht und hört weit darin. Gehe jetzt. Laß das Thor verschließen, die Fensterladen fest vorhängen, was zerstörbar ist, unten in die Keller bringen. – Aber wozu brauche ich Dir Weiteres zu sagen? Du bist ja verständig, und hast noch nie Deine Geistesgegenwart verloren.“

Die Tante Therese verließ mit einem schweren Seufzer das Zimmer. Die Großmutter mußte wieder den Kopf schütteln.

„Was ist ihr nur? Sie hat sonst immer den frischen, klaren Muth. Seit dem Tode des armen Fritz freilich – Aber so ganz muthlos wie jetzt, wie seit heute Morgen, war sie noch nie. Was mag passirt sein? – In der Nacht? – Sie wich meinen Fragen aus. – Sollte von Adalbert – – –“

Die Großmutter sank in tiefes, stilles, aber unruhiges Nachdenken.




2. Ein westphälischer Edelmann.

Die Tante Therese war mit sorgenvollem Gesichte in die kleine Halle getreten, die den Hausflur bildete, und wollte auf eine Seitenthür zugehen. Sie besann sich; sie hatte vorher noch etwas Anderes zu thun. Sie schritt quer durch die Halle, geradeaus. Dort öffnete sie eine Thür und winkte in die Stube hinein. Eine alte Magd trat heraus.

„Mache die Thür zu, Christine.“

Die Magd gehorchte.

„Wie geht’s ihm, Christine?“

„Gut, Mamsell.“

„Kann ich zu ihm gehen?“

„Ja, Mamsell.“

„Wo ist der Freiherr?“

„In seinem Zimmer.“

„Er hat nichts gemerkt?“

„Gar nichts.“

„Er spionirt gern.“

„Er weiß von nichts, Mamsell. Sie können ruhig sein. Ich sprach ihn noch vor einer Viertelstunde. Er war ganz unbefangen.“

„Noch Eins, Chrtstine, habt Ihr nichts gehört?“

„Was sollten wir gehört haben, Mamsell?“

„Draußen, hinten am Walde, wird geschossen. Die Preußen oder Russen müssen da sein und mit den Franzosen kämpfen.“

„Um Gott, Mamsell –“

„Ihr hattet also nichts gehört?“

„Die Spinnräder gehen laut.“

Man hörte durch die verschlossene Thür das Schnurren der Spinnräder in der Stube.

„Wo sind die Knechte?“ fragte die Tante.

„Bei der Arbeit; in den Ställen, auf dem Boden.“

„Christine, kehre in die Stube zurück und laß Dir nichts anmerken.“

„Was soll es aber werden, Mamsell, wenn das Schießen hierher käme?“

„Noch ist es weit. Ich will mit ihm sprechen. In zehn Minuten bin ich wieder hier.“

Die alte Magd kehrte in die Mägdestube zurück, und die Tante Therese ging zu der Seitenthür, auf die sie vorhin schon hatte zugehen wollen, öffnete sie und stand am Fuße einer schmalen, dunklen Wendeltreppe. Sie zog die Thür hinter sich zu und stieg leise und vorsichtig die Treppe hinauf. Sie kam in einen langen, dunken Gang und in der Mitte des Ganges an einen Seitengang, der dort einmündete. Ihr Schritt wurde fast unhörbar. Am Ende des Ganges war eine Thür. Ein paar Augenblicke blieb sie horchend stehen. Es war Alles still, rund um sie her. Sie zog aus ihrer Tasche einen Schlüssel hervor, öffnete die Thür kaum hörbar und trat in ein kleines, rundes Gemach. Es war alterthümlich, wie Alles in dem alten Schlosse, das aus den Ritterzeiten stammte. Es war das oberste Stübchen in dem grauen, spitzen Thurme, der über das Dach des Schlosses hinüberragte.

Sie verschloß die Thür hinter sich. Hinten in dem Gemache war ein Bett, und auf diesem saß aufrecht ein großer, schöner, junger Mann in der Uniform eines preußischen Officiers. Er war verwundet, eine Binde umgab seine Stirn, in einer Binde lag sein linker Arm. Sein Gesicht war tief blaß, die Züge waren erschlafft. Er konnte sich nur mit Mühe in seiner sitzenden Stellung aufrechthalten. Die Tante war besorgt zu ihm getreten.

„Lege Dich wieder, Adalbert,“ sagte sie zu ihm.

Er legte sich auf das Bett zurück. Er hatte sich nur bei ihrem Eintreten erhoben. Sie sah ihn mit schwerem Herzen an und zögerte mit der Botschaft, die sie ihm zu bringen hatte.

„Wie geht es Dir, Adalbert?“ fragte sie ihn.

„Es wird besser werden, Therese,“ sagte er.

Seine Stimme war matt, aber seine Augen ruhten voll Liebe und voll Dank auf ihr. Er hielt ihr seine Hand hin, und sie legte die ihrige hinein.

„In Deiner Pflege werde ich genesen,“ fuhr er fort, „in Deiner Liebe, in Deiner edlen, verzeihenden Liebe. Du hast mir das Leben wieder gegeben. Wie sollte es nicht frisch wieder aufblühen?“

Sie seufzte schwer, denn sie mußte ihm sagen, was sie herführte.

„Adalbert, Du fürchtetest einen Zusammenstoß der Alliirten und der Franzosen hier in der Gegend?“

„Er wird kaum zu vermeiden sein, Therese. Die Spitzen der Alliirten rücken kühn, oft tollkühn, in kleinen Abtheilungen vor. Die Provinzstadt hat noch eine starke französische Garnison; sie kann schnelle Hülfe aus den rheinischen Festungen bekommen, die noch in den Händen der Franzosen sind. Da wird sie ohne Kampf sich nicht zurückziehen wollen.“

„Ich fürchte, der Kampf ist schon entbrannt, Adalbert.“

„Was – wo?“ rief lebhaft der Officier.

„Drüben am Walde, rechts, wird geschossen. Die Mutter und ich hörten das Gewehrfeuer seit einer Viertelstunde. Die Wohnstube liegt nach dem Walde hin.“

„Rechts vom Walde?“ fragte der Officier.

„Rechts vom Walde. Und von der anderen Seite, quer über die Haide, eilten vor wenigen Minuten zwei Schwadronen Carabiniers in gestrecktem Galopp dem Kampfplatze zu.“



[689] Der Officier sann nach diesen von der Tante Therese erhaltenen Mittheilungen einen Augenblick nach. Sein Gesicht zeigte Besorgniß.

„Ihr hörtet nur Gewehrfeuer,“ sagte er. „Es ist also nur eine schwache Abtheilung der Verbündeten im Kampfe, die rechts vom Walde kämpfen. Jenseits des Waldes läuft die große Heerstraße, die auch nach der Straße führt. Die Verbündeten werden in der Heerstraße auf dem Marsche zur Stadt gewesen sein und haben wahrscheinlich gar keine, oder nur noch eine schwache französische Besatzung darin vermuthet, aber sie hatten sich darin geirrt. Die Franzosen sind ihnen mit Uebermacht entgegengerückt, haben sie zurückgeworfen, aus der großen Straße hinter den Wald gedrängt; die Carabiniers sollen ihnen von der Haide her in den Rücken fallen. So soll die ganze Abtheilung aufgerieben, vernichtet werden.“

„Und es wird geschehen?“ sagte meine Tante.

„Wenn meine Voraussetzungen richtig sind, und wenn sie sich nicht in den Wald werfen können.“

„Werden sie dies können?“

„Infanterie wohl. Nur sie auch wäre dort gerettet, weil Cavallerie ihr nicht folgen könnte, und weil die Nacht ihnen zu Hülfe käme. Bis morgen früh muß das größere Corps, dem sie vorausgeeilt sind, eintreffen und sie befreien.“

Die Tante Therese hatte noch eine Frage, für sie die wichtigste.

„Kann der Kampf sich hierher ziehen?“

Der Officier zögerte mit der Antwort. „Wir wollen es nicht hoffen, Therese, aber es ist möglich.“

„Und Du glaubst daran!“

Der Officier widersprach nicht. Er schwieg; aber er wurde unruhig. Ein desto klarerer, ruhigerer Muth kam über meine Tante Therese.

„Wir müssen klar sehen, Adalbert,“ sagte sie. „Wir dürfen uns selbst und Eins dem Andern nichts verhehlen. Jeder französische Officier von der Besatzung der Stadt kennt Dich.“

„Ja,“ sagte der verwundete Officier.

„Kommen die Franzosen hierher, so bist Du verloren.“

Der Officier antwortete nicht. Er konnte wiederum nicht widersprechen.

„Fort von hier kannst Du nicht.“

Der Officier hatte seinen Entschluß gefaßt. „Ich kann, Therese,“ sagte er. „Ich kann, weil ich muß.“

„Nein,“ sagte entschieden die Tante. „Du kannst, Du darfst nicht. Es wäre Dein Tod.“

Aber er erwiderte ihr, nicht minder entschieden: „Und mein Bleiben, Therese, wäre nicht blos mein Tod; es wäre auch der Deinige, der Deiner Mutter; es wäre Euer Aller Verderben.“

Meine brave Tante ließ sich nicht irren. „Den Anderen“ sagte sie, „kann und wird man kein Leid zufügen, sie wissen von nichts. Und ich, Adalbert – wenn Du mir jetzt wieder entrissen wirst, zum zweiten Male, dann werde ich mit Dir sterben, dann ist der Tod eine Wohlthat für mich.“

„Therese!“ rief der Officier.

Er richtete sich auf und erhob den gesunden Arm, um die Geliebte zu umfassen. Das Gespräch, die Aufregung hatten ihn angegriffen, und erschöpft fiel er auf sein Lager zurück.

„O mein Gott!“ hauchte seine matte Stimme, und die Augen schlossen sich.

Tante Therese beugte sich mit ihrem schönen, bleichen Gesichte auf sein blasses Gesicht und legte leise ihre Lippen auf seine verwundete Stirn. Eine Thräne drang aus ihrem Auge. – Der Tod war schon einmal meiner Tante Therese recht hart an das Herz getreten, und daran mochte sie wohl in diesem Augenblick denken.

Sie war zehn Jahre alt und war frisch, blühend, lebhaft, fröhlich. Sie sprang durch den Wald und flog über die Haide und war das schönste und das anmuthigste Bild, das Wald und Haide jemals gesehen hatten. So fand die Abendsonne eines schönen Maitages sie in der Haide, am Saume des Waldes. Und in den Strahlen der untergehenden Sonne fand sie so eine glänzende, mit vier Pferden bespannte Equipage, in welcher ein vornehmer Herr und ein bildschöner Knabe von zwölf Jahren mit blonden Locken und wilden schwarzen Augen saß. Der Wagen flog vorüber mit dem vornehmen Herrn und dem schönen Knaben. Aber es waren kaum zehn Minuten vergangen, da stand der Knabe wieder vor ihr und sah sie mit den feurigen Augen so scheu und ehrerbietig an, als wenn sie ein höheres Wesen wäre.

„Saßest Du nicht eben in der schönen Kutsche, die hier vorbeifuhr?“ fragte das zehnjährige Kind des einsamen alten Schlosses den Knaben, als er sehnsuchtsvoll zu ihr zurückkehrte und in seiner Schüchternheit nicht den Muth hatte, ganz an sie heranzutreten.

„Ich saß in dem Wagen.“

„Und wo kommst Du denn schon wieder her?“

„Ich komme aus unserem Schlosse?“

„Aus Eurem Schlosse?“

Aber so wie die rasche Frage den frischen rothen Lippen entschlüpft [690] war, hatte das Kind sich auch schon selbst die Antwort gegeben. Das Schloß Hawichhorst lag hinter der Ecke des Waldes, war keine fünf Minuten weit entfernt. Sie wurde verlegen und schlug die Augen nieder.

„Ah, Sie sind der Freiherr Adalbert,“ sagte sie mit halblauter Stimme.

„Ja, der bin ich. Aber warum siehst Du mich nun nicht mehr an?“

Sie antwortete ihm nicht, schlug aber auch die Augen nicht zu ihm auf.

„Du sprangst vorhin,“ sagte er. „Du fingst wohl Schmetterlinge?“

„Ja.“

„Wollen wir nicht zusammen welche fangen?“

„Ich weiß nicht, ob ich das darf.“

„Warum solltest Du das nicht dürfen?“

„Sie sind so vornehm, sagen mein Papa und meine Mama. Und künftig, wenn Ihr Papa nicht mehr lebt, sind Sie unser Herr.“

Das war es, was sie so verlegen gemacht hatte, daß sie die Augen nicht mehr erheben konnte. Der Sohn des Reichsfreiherrn, der älteste Sohn gar, der „Stammherr“, der künftige Gutsherr, der jetzt schon ebenbürtig mit Grafen und Fürsten war! So hatten stets ihr Vater und ihre Mutter, anders hatte Niemand von ihm gesprochen. Und ihr Vater war der Rentmeister, war Diener, jetzt noch des alten Reichsfreiherrn, aber künftig des Freiherrn Adalbert. Und sie war die Tochter dieses Dieners.

Der junge Freiherr wußte das Alles vielleicht auch, oder er hatte eine Ahnung davon; vielleicht auch nicht, obwohl er noch Du zu ihr sagte, während sie ihn mit dem ehrerbietigen Sie anredete, freilich war sie ein Kind von kaum zehn Jahren. Er fragte sie dennoch: „Und darum dürfen wir keine Schmetterlinge zusammen fangen?“

„Ich will meine Mama fragen,“ fand sie ein Auskunftsmittel.

„Ich werde es bei Deiner Mama auf mich nehmen.“

Er wußte doch wohl, wer er war. Und da das Kind es schon vorher wußte, und mithin seine Verantwortlichkeit sie deckte, so fingen sie zusammen Schmetterlinge, bis es dunkel wurde und keine Schmetterlinge mehr zu sehen waren. Und wie sie darauf zusammen nach Hause gingen, da dachten sie nicht mehr daran, die Eine, daß der Andere ein Freiherr und künftig ihr Herr sei, der Andere, daß er Hand in Hand mit der Tochter des Dieners seines Vaters und künftig seines eigenen Dieners gehe. Hand in Hand gingen sie, vertraulich, scherzend und lachend. Sie sagte zwar noch Sie zu ihm und Freiherr Adalbert. Aber am andern Tage mußte auch sie Du zu ihm sagen, und sie nannte ihn nur noch Freiherr Adalbert, am zweiten Tage ließ sie aber auch den Freiherrn aus.

Der alte Reichsfreiherr war vom ältesten und reinsten Adel, und er war der stolzeste Mann auf seinen alten, reinen Adel. Er hatte Geschäfte mit meinem Großvater, darum war er gekommen, und nur wenn sie Geschäfte zusammen hatten, sah er seinen Rentmeister, dessen Familie aber gar nicht. Sie war die Familie seines Dieners, und für ihn nicht da. Er hatte seine Zimmer für sich, die Jahr aus, Jahr ein für ihn bereit standen, obwohl er vielleicht nur alle fünf oder sechs Jahre einmal herkam. In ihnen hielt er sich auf, wenn er nicht mit dem Rentmeister in der Rentstube rechnete oder draußen Flur und Wald besichtigte. In ihnen frühstückte er, aß er zu Mittag und zu Abend allein mit seinem Sohne, bedient von den Bedienten, die er mitgebracht hatte.

So sah der alte Freiherr meine Tante Therese nicht, er wußte vielleicht nicht einmal, daß sie existirte, und so sah er daher auch seinen Sohn nicht mit ihr. Hätte er aber auch die Beiden beisammen gesehen, er hätte wahrscheinlich nicht einmal gestutzt, Sein Sohn war der Stammherr einer so alten, reinen Adelsfamilie, und meine Tante war nichts als die Tochter seines bürgerlichen Rentmeisters, und Beide waren Kinder, und in acht Tagen reiste er mit seinem Sohne wieder ab.

Am Tage der Abreise aber waren der Freiherr Adalbert und meine Tante sehr traurig; sie suchten allein zu sein, so oft sie konnten, und sie trösteten sich dann damit, daß er versprach im nächsten Jahre wiederzukommen. Wie das werde möglich sein, fragte sie ihn, da doch sein Papa nicht wiederkomme. Er werde es schon machen, antwortete er ihr aber, und mit einer solchen Bestimmteheit, daß sie ihm vertraute. Und er hatte es machen können.

Der Reichsfreiherr hatte einen schwachsinnigen Bruder. Den Irren in eine öffentliche Anstalt bringen, in der er mit Bürgerlichen hätte zusammen leben müssen, litt der Stolz der Familie nicht. Im Hause des Freiherrn führte seine Erscheinung zu manchen Inconvenienzen. Am besten war er aufgehoben in der Familie eines Rentmeisters auf einem der entfernteren Güter. Der Freiherr hatte die Familie meines Großvaters auf Schloß Hawichhorst ausgesucht. Das Abmachen dieser Angelegenheit mit meinem Großvater war mit ein Zweck seiner Herüberkunft gewesen. Nach wenigen Wochen war der schwachsinnige Freiherr Max auf Schloß Hawichhorst gebracht.

Im nächsten Frühjahre war der junge Freiherr Adalbert da, um – zu sehen, was sein Onkel mache. Er war zu Pferde mit einem Reitknecht gekommen, denn er hatte in dem Jahre reiten gelernt und war größer geworden und gesetzter und fing keine Schmetterlinge mehr mit der Tante Therese; aber er gab ihr Reitunterricht, und sie mußte alle Tage mit ihm in den Wald und in die Haide reiten. Als er nach vier Wochen abreisen mußte, tröstete sie sich noch leichter damit, daß er auch im nächsten Jahre wieder kommen werde. Und er kam wieder, und sie setzten den Reitunterricht fort, der im vorigen Jahre nicht zu Ende gekommen war; hatte er selbst doch unterdeß erst die kleine und die große Volte gelernt. So war es auch in dem Jahre, das darauf folgte, und noch ein Jahr, und dann noch eins. Sie jagten wild und lustig und fröhlich durch den Wald, über die Haide.

Als er dann aber wiederkam, war er achtzehn und sie sechszehn Jahre alt geworden; er hatte ihr die Leiden des jungen Werther mitgebracht, sie lasen dieselben gemeinschaftlich, und in ihren Herzen wurde es ihnen sehr weh. Sie ritten nur bei Abend, wenn der Mond schien, über die Haide, suchten bei Tage nur das Dunkel des Waldes auf und jagten auch nicht mehr, sondern ritten langsam nebeneinander her, ließen die Köpfe hängen, wie ihre Pferde, und seufzten tief und schwer. In der Stunde vor seiner Abreise aber waren sie auf einmal die glücklichsten Menschen, ihre Augen leuchteten, ihre Gesichter strahlten; so nahmen sie Abschied von einander.

Aufgefallen war das Niemandem. Der Onkel Max konnte nichts sehen, weil er schwachsinnig war; meine Großeltern sahen eben so wenig, weil sie bürgerliche Leute waren und weil mein Großvater der Diener des stolzen Reichsfreiherrn war. Wie hätten Seufzer und strahlende Gesichter und entzückte Augen einen andern Gedanken in ihnen wecken können? Mein Onkel Fritz, der Zwillingsbruder der Tante Therese, war in der Provinzstadt auf dem Gymnasium, der jüngere Bruder Franz war noch ein Kind. Meine Mutter war schon verheirathet, sie war sechs Wochen später zum Besuch nach Hause gekommen. Das strahlende und dann wieder still träumerische Glück der Tante hatte ihr auffallen müssen.

„Therese, was ist mit Dir vorgegangen?“

„Nichts, Schwester Elisabeth.“

„Warum wirst Du denn so glühend roth?“

Sie besah sich im Spiegel und konnte nicht mehr leugnen, daß sie roth sah. Da konnte sie auch das Andere nicht mehr leugnen, und wie könnte das Glück eines jungen Herzens von sechszehn Jahren sich lange verschließen, zumal einer geliebten, vertrauten Schwester gegenüber?

„Ich bin die Braut des Freiherrn Adalbert, Schwester Elise; aber kein Mensch darf es wissen, ich habe es ihm versprechen müssen.“

Meine Mutter war leichenblaß geworden. „Um Gotteswillen, Kind, Kind!“

Die Tante Therese begriff sie nicht. „Wie kann Dich das erschrecken, Elisabeth? Er liebt mich, und ich liebe ihn; wir lieben uns eigentlich schon seit sechs Jahren, und als er vor sechs Wochen zum letzten Male hier war, haben wir uns beim Abschiede verlobt, und wenn er großjährig wird, werden wir uns heirathen.“

„Und seine Eltern, Therese?“

„Wissen noch von nichts.“

„Und die unsrigen?“

„Dürfen auch noch nichts wissen.“

„Kind, armes Kind!“ mußte meine Mutter noch einmal ausrufen, diesmal schmerzlich. Und sie setzte dem Kinde Alles auseinander, was bei solchen Gelegenheiten auseinanderzusetzen ist, den stolzen Adel des Freiherrn, ihre bürgerliche Geburt, die Veränderlichkeit des Jünglingsherzens, das erst jetzt in die Welt, in eine [691] vornehme, glänzende Welt, eintreten werde. Sie beschwor die Schwester, an den Freiheren nicht mehr zu denken und, wenn er im künftigen Jahre wiederkomme, ihm aus dem Wege zu gehen und so lange zu ihr, meiner Mutter, zu kommen. Es war umsonst.

Die Tante blieb auch bei dem, was das liebende junge Herz in solcher Lage zu sagen pflegt.

„Er liebt mich und ich liebe ihn, und wir werden uns treu bleiben, mag kommen was da will. Da muß sein stolzer Vater doch zuletzt nachgeben. Und was das Ausdemwegegehen betrifft, so wird er sogar schon in diesem Jahre wiederkommen, zu Michaelis, ehe er zur Universität abgeht, und ich habe ihm versprochen, daß wir uns dann wiedersehen würden, und sein Versprechen muß man halten, denn wenn ich zu Dir ginge, würde er mir nur zu Dir nachreisen.“

In dem Gedanken an Liebe und an Treue war sie glücklich, wurde sie glücklicher. Meine Mutter konnte sie nur mit desto trüberen Ahnungen verlassen!

Aber das Glück der Tante Therese hielt manches Jahr an. Der Freiherr Adalbert blieb ihr treu während seiner Universitätsjahre; er besuchte sie jedes halbe Jahr in den Ferien, seine Liebe war immer gleich zärtlich, gleich herzlich. Er mußte nach Beendigung seiner Studien eine zweijährige Reise durch Europa machen. Seine Briefe an sie während dieser Zeit athmeten vom ersten bis zum letzten Tage nur die herzlichste und zärtlichste Liebe. Als er zurückkam, eilte er zuerst zu ihr. Wie war er glücklich an der Seite des schönen Mädchens mit dem klaren, gebildeten Geiste, mit dem reinsten und edelsten Herzen! Wie war sie glücklich in dem Glück des Geliebten, der sich zu einem vollendeten Manne ausgebildet, der in der fremden Welt, an den ersten Höfen, unter der höchsten Aristokratie und unter den schönsten Frauen Europa’s ihr seine Liebe und seine Treue bewahrt, und nur die eine Sehnsucht gekannt hatte, Arm in Arm mit ihr wieder durch die kahle, graue westphälische Haide zu streifen!

Er sollte noch ein Jahr in dem elterlichen Hause bleiben: dann wollte sein Vater ihm eines seiner Güter zur eigenen Bewirthschaftung abtreten, und dann wollte der Sohn dem Vater seine Liebe entdecken, seine Liebe, die seit acht Jahren in sein Herz gewachsen, die mit seinem Herzen verwachsen war, von der er sich nie und nimmer losreißen konnte. So war der Plan. Und an dem Gelingen des Plans, an der Einwilligung des Vaters zweifelten die Liebenden um so weniger, als unterdeß über Deutschland und auch über Westphalen politische Zustände gekommen waren, die auch dem inneren Leben des Volkes und der Gesellschaft, den Verhältnissen der Schichten des Volkes und der Gesellschaft zu einander eine völlig andere Farbe, eine wesentlich veränderte Gestalt gegeben, die namentlich die bisherige hohe, exclusive Stellung der Geburtsaristokratie vollkommen verrückt hatte. Seit dem Jahre 1807 herrschten die Franzosen im Lande, und es waren die Franzosen der Revolution, und – es ist nicht zu leugnen, die Revolutionen von unten nivelliren nun einmal nach oben, und die französische Revolution that es radical.

Da kam das Jahr 1811. Der Kaiser Napoleon besuchte in jenem Jahre die rheinischen Provinzen seines Reiches. In Düsseldorf hielt er ein großes, glänzendes Hoflager. Alle Notabeln von Rheinland und Westphalen waren dahin entboten. Der vornehme alte Adel beider Länder durfte am wenigsten fehlen, trotz, vielleicht gerade wegen jenes Nivellements der Revolution. Und sie waren alle da, die alten, edeln, stolzen Geschlechter. Das fremde Gewaltregiment hatte zu jener Zeit so viele Mittel des Zwanges. Mit welchen Gesinnungen und Gefühlen manche von ihnen kamen?

Damals war es, als ein westphälischer Edelmann dem stolzen, mächtigen Kaiser jene ewig denkwürdige, stolze und muthige Antwort gab.

Als der Freiherr von Plettenberg zu Plettenberg in der Grafschaft Mark in dem großen Coursaale dem Kaiser Napoleon vorgestellt wurde, herrschte dieser ihn mit finsterem und drohendem Blick an: „Man hat mir gesagt, daß Sie ein guter Preuße sind!“

„Ja, Sire, bis zum Tode,“ war die laute, furchtlose Antwort des westphälischen Edelmanns.

Seine Freunde zitterten für ihn, der Kaiser that ihm nichts. Aber nicht Alle, die hingekommen waren, blieben so ihrer deutschen Gesinnung treu.

Unter den Entbotenen und Erschienenen waren auch der Reichsfreiherr und sein Sohn, der Stammherr Freiherr Adalbert. Der Freiherr repräsentirte eins der edelsten und reichsten Geschlechter Westphalens. Sein Sohn war sein künftiger Erbe; war ein schöner, ein gewandter junger Mann; war frei und sicher und zwanglos in den glänzenden Sälen des mächtigen Kaisers, als wenn er in seinem eigenen Hause wäre; wurde das Verlangen der Frauen und Töchter an dem kaiserlichen Hoflager; wurde umgarnt von den Netzen einer der schönsten, auf Befehl des Kaisers selbst, der den Glanz des neu von ihm geschaffenen Adels befestigen wollte durch den Ruhm und den Reichthum des alten Adels in den von ihm eroberten Provinzen.

Seine Marschälle hatten den Kaiser begleiten müssen, mit ihren Familien. Adelaide, die Tochter eines dieser Marschälle, war in den Cirkeln des Kaisers die Perle der Schönheit, der Anmuth und der Koketterie. Ihr wurde der kaiserliche Befehl, die Gemahlin des jungen westphälischen Freiherrn zu werden. Es hätte freilich des Befehles nicht für sie bedurft. Er konnte vielleicht nur das Feuer ihrer schönen Augen zündender, ihre Stimme schmelzender, alle ihre Netze siegreicher machen. Nirgends in der Welt geht mehr Stolz, mehr Mannhaftigkit, mehr Treue, mehr Liebe zu Grunde, als an den Höfen der Kaiser und Könige.

Der Freiherr Adalbert war in den Netzen der schönen Adelaide gefangen, ehe er eine Ahnung davon hatte. So wußte er auch nicht, wie es geschehen war. Er gewahrte es plötzlich, und da er es gewahrte, wollte zuerst ein tödtlicher Schreck ihn ergreifen. Aber er überwältigte den Schreck, und nun schlugen die Flammen einer wild und unbändig begehrenden Leidenschaft ganz über ihm zusammen. Sie waren angefacht und wurden genährt durch alle Netze einer eleganten Schönheit, durch den hinreißendsten Zauber eines lebhaften Geistes, durch die feinsten Künste einer sieggewohnten Koketterie. Ein Haus, das auf allen Seiten in Brand gesteckt ist, muß rettungslos niederbrennen.

Als alle die anderen westphälischen Edelleute von Düsseldorf in ihre Heimath zurückkehrten, zog der Freiherr Adalbert mit der schönen Adelaide und dem kaiserlichen Hoflager gen Paris. Die schöne und geistvolle Dame hatte ihn fast rührend darum gebeten; ihre Mutter hatte so freundlich ihre Einwilligung, der Kaiser selbst hatte ihm seinen Wunsch zu erkennen gegeben. Das waren Befehle für ihn. Der Wunsch des Kaisers mußte zugleich für den alten Reichsfreiherrn ein Befehl sein.

In Paris wurde der junge Mann betäubt, und der erste Schritt zieht den zweiten nach sich. Nach sechs Wochen bat er seinen Vater um die Erlaubniß, dem Wunsche des Kaisers gemäß in französische Kriegsdienste treten zu dürfen; der Kaiser wolle ihn in seine Adjutantur aufnehmen. Alle Wünsche des Kaisers waren Befehle für seine Unterthanen, und der ehemalige Freiherr des deutschen Reiches war Unterthan des französischen Kaisers. Der Freiherr Adalbert wurde Officier in der französischen Armee und speciell dem Marschall, dem Vater der schönen und geistvollen Adelaide, als Adjutant überwiesen.

Nach einem Vierteljahre bat er seinen Vater um die Einwilligung seiner ehelichen Verbindung mit der schönen und geistvollen Tochter des Marschalls. Dieser Schritt war nur die nothwendige Consequenz der vorigen, und von Anfang an der Wunsch und Befehl des Kaisers gewesen. Der alte Reichsfreiherr konnte seine Einwilligung nicht versagen. Er gab sie freilich mit schwerem Herzen; denn von altem Adel war der Marschall nicht, und also auch die Tochter nicht. Aber selbst die deutschen Fürsten mußten damals auf Befehl Napoleon’s Mesalliancen mit den Töchtern napoleonischer Granden schließen, oder ihre Töchter diesen hingeben, und die deutschen Fürsten suchten wohl gar um solche Verbindungen, wie um eine Gnade, bei dem französischen Kaiser nach.

Meine Tante Therese hatte von dem Geliebten einen Brief aus Düsseldorf erhalten, dann einen zweiten aus Paris, dann keinen mehr. In den beiden Briefen hatte er ihr seine unwandelbare Liebe und Treue so sonderbar, so leidenschaftlich, so sich selbst überstürzend versichert, daß ihr beim Lesen glühend heiß und eisig kalt wurde. Halb und halb war sie deshalb darauf vorbereitet, daß sie einen dritten nicht erhalten werde. Aber was war der Grund dieser plötzlichen Umwandlung? In die graue westphälische Haide drang lange keine Kunde davon. Fragen konnte sie Niemanden. In die Provinzstadt war aber nach einiger Zeit die Nachricht gekommen, der junge Freiherr lebe in Paris, sei dort Adjutant in der unmittelbaren Nähe des Kaisers, werde an dem kaiserlichen Hofe sehr ausgezeichnet, habe eine der schönsten, geistvollsten [692] und vornehmsten jungen Damen dieses Hofes geheirathet. So erfuhr es auch der Bruder meiner Tante, mein Onkel Fritz, der damals so eben sein Examen als Advocat gemacht hatte. Er war der Vertraute der Tante; er eilte nach Hawichhorst und mußte der armen Schwester die entsetzliche Nachricht mittheilen. Sie nahm sie mit großer Fassung auf.

„Konnte er,“ sprach sie, „ein Feind seines Vaterlandes werden, so konnte er auch keine Liebe zu mir mehr in seinem Herzen bewahren.“

Weiter sprach sie kein Wort, weder über ihn noch über sich. Sie zeigte keinen Schmerz, wie gewaltig er in ihrem Inneren wühlen mochte. Sie war still, freundlich; sie konnte heiter sein und erhielt nach einiger Zeit sogar ihre frische, blühende Farbe wieder, die sie nur auf Wochen verloren hatte.

Meine Mutter, mein Onkel Fritz, meine Großmutter, die von Beiden, dann von ihr selbst Alles erfuhr, mußten sie bewundern in der Stärke, in der Größe ihrer Seele. Sie blieb so, auch als später weitere Nachrichten über den Freiherrn Adalbert eintrafen. Er war noch ein Jahr lang in der Adjutantur des Kaisers geblieben; auch ein Jahr lang hatte seine Ehe gedauert, nur ein Jahr lang. Eines Tages hatte er seine schöne und geistvolle Frau in den Armen eines schönen und geistvollen jungen Franzosen betroffen. Den jungen Franzosen hatte er erschossen und von seiner Frau sich scheiden lassen. Dann hatte er vom Kaiser seinen Abschied verlangt; derselbe war ihm nicht bewilligt, dagegen war er zu einem Regimente in einem der entlegensten Winkel Frankreichs verwiesen worden; dort lebte er wie ein Gefangener. Das erfuhr man noch von ihm. Dann hörte man über ihn nichts mehr. Sein alter Vater hatte vielleicht noch Nachrichten; er theilte sie Niemandem mit. Sie mochten ohnehin den Stolz des westphälischen Freiherrn kränken.



3. Ein preußischer Officier.

In der Nacht vor dem Tage, an welchem meine Großmutter und meine Tante von dem Gewehrfeuer am Walde erschreckt wurden, war von der Haide her ein mit zwei Pferden bespannter offener Bauerwagen langsam auf das Schloß Hawichhorst zugefahren und hatte an dessen Rückseite gehalten. Er war bis fast an den Rand der Leitern mit Heu angefüllt. Als er aber hielt, richtete langsam und mühsam ein Mann in einem Mantel sich in dem Heu auf. Er hatte den Kopf verbunden und trug den linken Arm in einer Binde.

Der Bauer, der den Wagen fuhr, war an ihn herangetreten. Ihm zeigte der verwundete Mann im Wagen eines der unteren Fenster an der Rückseite des Schlosses, an der sie hielten.

„Klopft leise an das Fenster,“ sagte er zu dem Bauer – seine Stimme war matt – „und wenn dann eine alte Frau öffnet, so sagt ihr, ein Sterbender lasse sie bitten, zu ihm herauszukommen.“

Der Bauer that, wie ihm befohlen war. Das Fenster öffnete sich.

„Wer ist da?“ fragte die alte Magd Christine hinaus.

„Ein Sterbender dort im Wagen läßt Euch bitten, zu ihm herauszukommen.“

Es war Mondschein. Die alte Christine sah einen Menschen und einen Wagen, die sie beide nicht kannte. Sie war zweifelhaft, was sie thun solle. Da rief aus dem Wagen eine matte Stimme leise ihren Namen. Sie erschrak, denn sie erkannte die Stimme, oder glaubte sie zu erkennen.

Die alte Magd war eine verständige Person. Auch sie hatte in jener bewegten Zeit so Manches erlebt und das Verhältniß der Tante Therese zu dem Freiherrn Adalbert war ihr, der alten, treuen, vertrauten Dienerin des Hauses, nicht unbekannt geblieben. Auch die späteren Schicksale des Freiherrn kannte sie, und zu dem Kriege, der jetzt noch von Napoleon in Deutschland geführt wurde, hatte der Kaiser auch den letzten Mann, der in Frankreich die Waffen tragen konnte, über den Rhein kommen lassen. Die Schlacht bei Leipzig war vor wenigen Tagen geschlagen. Eine Menge kleiner Gefechte, meist unglücklich für die zersprengten, fliehenden Franzosen, waren ihr gefolgt.

„Ich komme,“ sagte die Magd.

Sie verschloß leise ihr Fenster und trat leise aus einer Hinterthür des Hauses. Ein Geheimniß lag hier unter allen Umständen vor. Sie ging an den Wagen.

Der Verwundete im Wagen richtete sich auf.

„Nenne meinen Namen nicht, Christine.“

Es war der Freiherr Adalbert. Sie konnte ihm vor Zittern nicht antworten.

„Ist die Mamsell Therese zu Hause?“ fragte der Freiherr sie.

„Ja.“

„Bitte sie zu mir. Aber sie muß allein kommen, lasse ich sie bitten. Außer ihr und Dir darf Niemand wissen, daß ich hier bin.“

„Ich gehe zu ihr,“ sagte die Magd.

Sie kehrte in das Haus zurück. Nach zehn Minuten war sie mit meiner Tante Therese wieder da. Die Tante war leichenblaß. Die alte Magd nahm den Bauer auf die Seite. Was der Verwundete im Wagen und ihre Herrin sich zu sagen hatten, das durfte kein Dritter hören.

„Kommt, Mann. Ihr werdet durstig sein. Ich habe Euch zu trinken mitgebracht.“

Meine Tante und der Freiherr waren allein. Sie war an den Wagen herangetreten. Er erhob sich, er hatte sich zurücklegen müssen, als die Magd in das Haus ging, ihre Herrin zu rufen, denn er war zu schwach, um sich lange aufrecht zu erhalten. Der Mond beschien voll sein verwundetes, blasses, erschöpftes Gesicht. Er wollte zu der Tante sprechen; da er sie sah, vermochte er es nicht. Ein Sterbender wollte sie sprechen, hatte der Fuhrmann zu der alten Christine gesagt. Die Magd hatte es ihrer Herrin wiedergesagt. Die Tante sah das zum Sterben matte Gesicht vor sich. Der Anblick wollte ihr das Herz zuschnüren, aber Worte hatte auch sie nicht.

[705] „Therese,“ konnte der Verwundete endlich hervorbringen, „ich muß sterben. Ich kann es nicht, ohne ein Wort von Ihnen vernommen zu haben. Können Sie mir verzeihen?“

Kann man einem Sterbenden die Verzeihung versagen? „Gewiß,“ sagte meine Tante. „Ich verzeihe Ihnen.“

„Alles, Therese?“

„Alles!“

„Aus vollem Herzen?“

„Aus dem Grunde meines Herzens.“

Er wollte noch etwas sagen und sah sie zweifelhaft an. Er kämpfte mit sich.

„Haben Sie Dank, Therese,“ sagte er. „Der Himmel lohne es Ihnen – lohne es Ihnen tausend Mal!“

Es waren nicht die Worte, um die er mit sich gekämpft hatte. Zu ihnen hatte er nicht den Muth gehabt. Aber ihr seine Hand hinzuhalten, das wagte er doch. Sie zögerte, ob sie die ihrige hineinlegen sollte, und er sah es, und ein tiefer Schmerz zog sich durch sein Gesicht.

„Therese,“ sagte er, und seine Stimme war fast tonlos – „darf ich Sie bitten, den Fuhrmann herzurufen?“

Sie erschrak doch. „Sie wollen wieder fort?“ sagte sie zögernd.

„Ja.“

„In der kalten Nacht? Auf diesem unbequemen Wagen?“

„Ich muß weiter.“

„Und wohin?“

„Wo ich sterben kann.“

„Nein, nein,“ rief die Tante. „Sie dürfen nicht sterben. Sie sollen nicht sterben. Es wäre Ihr Tod, wenn Sie weiter führen, Sie müssen hier bleiben.“

Sie war außer sich und hatte Alles vergessen, was er ihr gethan, was sie gelitten hatte, was er von ihren Worten denken könne. Er gewahrte, er ahnte es, und ein Strahl der Freude zuckte über sein Gesicht.

„Haben Sie mir auch aus dem Grunde Ihres Herzens verziehen?“ fragte er.

„O gewiß, gewiß!“ rief sie. „Glauben Sie es mir.“

„Und Sie wollen mich hier aufnehmen?“

Sie wurde roth. „Sie sind ja hier in Ihrem Eigenthum,“ sagte sie hastig und – indem sie ihre Hand in die seine legte, setzte sie hinzu: „Sie müssen hier bleiben.“

Er widersprach nicht mehr. Sie rief den Fuhrmann und die alte Magd herbei, den Verwundeten aus dem Wagen zu heben, und half selbst mit. Dann führten sie ihn in das Haus, und in dem Hause in dessen verborgenstes Stübchen, oben in dem Thurme. Sie hatte gesehen, daß er die preußische Uniform trug, und errieth das Weitere. Sein Aufenthalt im Schlosse mußte das tiefste Geheimniß bleiben. Wurde nur bekannt, daß ein Verwundeter Aufnahme im Schlosse gefunden habe, so war der Verdacht der Franzosen, die noch Herren im Lande waren, geweckt, Nachsuchungen mußten unausbleiblich erwartet werden. Eine Fortsetzung seiner Reise hätte ihn freilich einer noch größeren Gefahr der Entdeckung ausgesetzt.

Der Fuhrmann wurde mit einer reichen Belohnung gegen das Versprechen des Stillschweigens entlassen. Der ehrliche westphälische Bauer hätte ohnehin nicht den Verräther gemacht.

In dem heimlichen Stübchen bereiteten die Tante und die alte Christine dem verwundeten ein weiches, bequemes Lager. Dann untersuchten sie den Verband seiner Wunden, am Kopfe, am Arme, es saß noch überall fest. Und es that dem Kranken so wohl, auf dem lange entbehrten weichen Lager, unter der sorgsamen Erquickung und Pflege der beiden Frauen ausruhen zu können. Er warf ihnen Blicke der Dankbarkeit zu, und wenn er noch an Sterben denken mußte, so geschah es wohl nicht ohne Schmerz. Die Tante konnte er nur schmerzvoll ansehen. Sie mußte ihn verlassen; die alte Christine blieb zur Wache und Pflege bei ihm. Er sagte nichts, als sie ging, aber als sie fort war, hatte er ein paar Fragen an die Magd.

„Ist hier Alles beim Alten geblieben, Christine?“

„Es ist Alles, wie es war, gnädigster Herr.“

„Auch mit der Mamsell?“

Er sprach die Worte zögernd. Sie mußte ihn ansehen.

„Was sollte mit der Mamsell anders geworden sein, Eure Gnaden?“

Er fragte nicht weiter. Ihre Gegenfrage war ihm Antwort.

„Werde ich die Mamsell wiedersehen?“ fragte er am andern Morgen die Magd.

Sie sagte es der Tante wieder, welche zu ihm ging, denn sie durfte den Kranken nicht ganz allein lassen. Die alte Christine konnte nicht immer bei ihm sein, wenn sie nicht vermißt werden sollte. Der Verwundete dachte wohl nicht mehr an Sterben, als die Tante wieder zu ihm kam.

„Therese,“ sagte er, „Sie kennen die Uniform, die ich trage?“

„Es ist die preußische.“

[706] „Ja, und in ihr habe ich mir die Verzeihung meines Vaterlandes erkämpft. Darf ich Ihnen erzählen, wie?“

„Ich werde zuhören.“

„Ich war in französische Dienste getreten – Sie wissen, wie, Therese.“

Sie antwortete ihm nicht; sie nickte nur leise mit dem Kopfe.

„Ich hatte mich dem Feinde meines Vaterlandes verkauft. Ich will, ich kann mich nicht damit entschuldigen, daß es im Wahnsinn geschehen war. Ja, Therese, im Wahnsinn!“

Er sah sie an. Sie hatte die Augen niedergeschlagen. Er fuhr fort:

„Das französische Regiment, bei dem ich stand, wurde erst vor wenigen Wochen nach Deutschland geschickt. Es war eines der letzten, denn es hatte in einer der entferntesten Garnisonen gestanden. Es war mir bisher nicht vergönnt meinem Vaterlande dienen zu können, jetzt sollte ich gegen meine Brüder kämpfen! Es war mir nicht möglich. So viele Schuld, so viele Schmach konnte ich nicht auf mein Haupt laden. In dem ersten Kampfe trat ich offen, mitten im Kugelregen, zu den Preußen über, und ich kämpfte von da an in ihren Reihen, auch bei Leipzig. Ich zog dann an der Spitze der Verfolger, die den fliehenden Franzosen auf den Fersen waren. Wir hatten noch Gefechte mit ihnen zu bestehen; in einem derselben, gestern, schon auf westphälischem Boden, wurde ich verwundet; ich erhielt einen Schuß in den linken Arm, einen Säbelhieb über den Kopf. Ich war vom Pferde gesunken und wurde für todt unter den Pferdehufen fort vom Kampfplatze getragen. Mit meinem Vaterlande war ich jetzt ausgesöhnt; seine Verzeihung hatte ich erhalten. Mir mußte noch eine andere werden, und sie konnte ich mir nicht erkämpfen; ich mußte sie mir erbitten, erflehen. Der Wundarzt hatte mich verbunden. Er erklärte meine Wunden nicht für lebensgefährlich; ich bedürfe nur der Ruhe und Pflege. In der Nähe des Kampfplatzes waren nur elende Dörfer, in der weiteren Nachbarschaft lagen nur kleine Städte, die noch jeden Augenblick der Unruhe und für mich der Gefahr des Durchzuges der Franzosen ausgesetzt waren. So wurde beschlossen, mich zu meinem väterlichen Schlosse zu bringen. Es geschah auf die bequemste Weise, die in dem Bauerndorfe unter den Unruhen des Krieges zu beschaffen war. Aber unterwegs kam das Wundfieber über mich, mit ihm das Gefühl des Sterbens. Und ich konnte nicht sterben ohne jene andere Verzeihung. Ich ließ mich hierher fahren.“

Er schloß seine Erzählung. Sie hatte die Augen wieder gesenkt.

„Sie haben mir nichts zu sagen, Therese?“ fragte er.

Sie sah stumm vor sich nieder.

„Sie haben mir verziehen, Therese – aus dem Grunde Ihres Herzens, sagten Sie.“

„Gewiß,“ sagte sie leise.

„Also nicht mit Haß im Herzen?“

„Nein –“

„Und Sie hätten so vielen Grund, mich zu hassen! Wie manche, wie schwere Leiden habe ich auf Sie gehäuft!“

Sie unterbrach ihn. „Freiherr Adalbert, Sie bedürfen der Ruhe.“

Freiherr Adalbert! Sie hatte ihn nur an dem ersten Tage so genannt, da sie als Kinder sich kennen gelernt hatten, seitdem nie wieder. Es gab ihm einen Stich in das Herz.

„Der Ruhe?“ rief er. „Wozu? Um wieder zu genesen? O Therese, jetzt, da ich Ihre Verzeihung habe, kann ich doch nicht sterben, darf ich nicht sterben. Therese, meine Hand ist wieder frei. Mein Herz hat Ihnen immer gehört, immer, immer, trotz seiner Verirrung. Glauben Sie es mir, Therese! Sie müssen es mir glauben. Und nun, Therese, entscheiden Sie über mein Leben, über meinen Tod! Sie sagten in der gestrigen Nacht, ich dürfe, ich solle nicht stechen. Soll ich es nicht – Therese, leben kann ich nur, wenn ich Ihr Herz, wenn ich Ihre Liebe wieder habe, wenn Sie wieder mir gehören, mein Weib werden wollen. Therese, Therese, sage das eine Wort, daß auch Du mich noch liebst!“

Er hatte ihre Hand ergriffen und sah ihr so liebend, so treu und so reuig und so ehrlich in das Gesicht. Und sie – sie hatte ihn ja immer geliebt, trotz seiner Verirrungen, trotz ihrer Leiden. Sie hatte ihm ihre Hand gelassen. Er zog sie an der Hand an seine Brust.

„Sei wieder mein, Therese!“

„Ich bin es.“

„Jetzt für immer!“

„Für immer!“

Sie hatte nicht anders gekonnt, mit ihrem Herzen voll treuer, gegenüber dem seinigen voll reuiger Liebe. Sie waren glücklich; sie waren es wieder, wie sie es nur je gewesen waren. Und mit diesem Glücke hatte sie der kranken Großmutter vorlesen müssen, aus irgend einem vortrefflichen, langweiligen Buche, über dem die alte Frau beinahe eingeschlafen war.

Und in dieses Glück war dann auf einmal jene Gefahr und jener Schrecken des Krieges hineingetreten. In der Nähe des Schlosses wurde gekämpft zwischen den Franzosen und Verbündeten, und aller Wahrscheinlichkeit nach mußten die Franzosen Sieger bleiben. Fast eben so wahrscheinlich war es, daß die Flucht der Besiegten sich in die Richtung des Schlosses Hawichhorst werfen werde. Auch die siegenden Franzosen kamen dann hierher. Kamen sie, so drangen sie auch in das Schloß. Waren sie im Schloß und fanden sie den preußischen Offficier, der aus den Reihen der Franzosen zu den Preußen übergetreten war – das Loos des Deserteurs war eine Kugel. Und der Verwundete konnte nicht fort, und wie leicht konnten sie ihn in dem nicht großen Gebäude finden, in das sie als rohe, übermüthige Herren nach einem blutigen Siege eindrangen, das sie wie eine Beute, wie ihr Eigenthum betrachteten!

Die Tante Therese mußte es sich sagen, als sie über den Erschöpften sich hingebeugt hatte, mit der Thräne im Auge, mit der schweren Angst im Herzen, aber auch mit dem klaren Muthe, den sie gefaßt hatte, der sie nicht wieder verließ. Der Verwundete erholte sich wieder. Er schlug die Augen wieder auf und sah in das muthige Auge der Tante. Nur den Muth zeigte sie ihm. Und der ruhige, feste Muth kam auch über ihn, der Muth, der klar dem Tode in das Auge zu schauen vermag.

„Du kannst nicht fort,“ sagte die Tante, „Du siehst es.“

„Ja, ich sehe es. Therese. Und so erwarten wir ruhig, was über uns kommen wird.“

„So sei es, mein Adalbert. Hoffen wir Alles und vertrauen wir auf Gott! Er kann die Gefahr von uns abwenden, er kann sie über uns schicken; er kann sie, wenn er sie auch zu uns führt, an uns vorübergehen lassen. Wir wollen das Unsrige dazuthun. Du bleibst ruhig hier; ich habe keinen verborgenern Platz im Hause, und außer der alten Christine und mir weiß Niemand, daß Du hier bist; selbst meine Mutter nicht. Ich wollte ihr in dieser Zeit der Angst und der Sorge das Herz nicht noch schwerer machen. Ich gehe, Anstalten für unser Aller Sicherheit zu treffen. So wird Alles gut werden. Sollte aber“ – das Herz wurde der armen Tante doch schwer – „sollte aber das Unglück dennoch über uns hereinbrechen, dann, Adalbert, dann sterben wir zusammen!“

Sie küßte ihn, und er umfing sie.

„Nein, Therese,“ rief er, „wir werden Beide leben. Wir müssen es!“

Das Eine, wie das Andere sagt und glaubt das liebende Herz so oft. Die Tante verließ den Kranken. In ihrem Herzen war edler, fester Muth.




4. Ein gutes Werk.

Die Tante Therese war aus dem heimlichen, verborgenen Stübchen des Kranken herausgetreten, leise und vorsichtig, wie sie hineingegangen war. Sie schloß eben so vorsichtig die Thür zu, steckte den Schlüssel zu sich und wollte durch den engen Gang, über die schmale, dunkle Wendeltreppe in den unteren Theil des Hauses zurückkehren, wo sie noch, unter schweren Sorgen, so Manches zu besorgen hatte.

Sie blieb einen Augenblick an der Thür stehen und horchte in den Gang hinein; sie schien etwas zu fürchten. Sie hörte ein Geräusch, nur ein sehr leises; sie glaubte nur, es zu hören, in der Mitte des Ganges, dort, wo der Seitengang hineinmündete; in diesem Seitengange schien es zu sein. „Der Freiherr?“ sagte sie erschrocken. Aber sie hörte nichts weiter; sie mußte fort; sie konnte sich auch verhört haben. Sie ging schnell und muthig in den Gang hinein.

Mitten im Gange wurde sie aufgehalten. Aus dem Seitengange sprang hastig Jemand auf sie zu. Es war ein ältlicher Mann, klein, dürr, häßlich verwachsen; seine Haare waren grau und [707] struppig. Er sah sie mit höhnischem Grinsen an. Aber es lag keine Bosheit darin. Nur Schwachsinn sprach sich darin aus, wenn es nicht gar Blödsinn oder Irrsinn war.

„Ach, Mamsell Therese!“ rief er mit gedämpfter, geheimnißvoller Stimme.

Die Tante war heftig erschrocken. „Mein Gott, auch das noch!“ sagte sie schmerzlich für sich. Zu ihren vielen Sorgen war eine neue, vielleicht die schwerste getreten. Aber sie mußte und konnte sich schnell fassen.

„Guten Abend, Freiherr Max,“ sagte sie mit ihrer vollsten Ruhe. –

Der Schwachsinnige war der Freiherr Max, der Bruder des Reichsfreiherrn, den dieser vor fünfzehn Jahren nach Schloß Hawichhorst gebracht hatte und der seitdem immer im Schlosse gewesen war. Freilich als Freiherr. Er wohnte oben in dem Seitengange ganz allein, mußte dort allein essen und trinken und durfte mit der Familie des bürgerlichen Rentmeisters keine vertraute Gemeinschaft haben. Der Reichsfreiherr hatte das Alles, als er vor fünfzehn Jahren da gewesen war, so angeordnet, und es war immer treu und gewissenhaft gehalten worden.

Der Irre hatte in solcher Weise eine eigenthümliche Stellung im Hause eingenommen. Er war gutmüthig, wie ein Kind; seine vornehme Abgeschlossenheit von der Familie aber und frühere Eindrücke brachten manchmal freiherrliche Erinnerungen und Velleitäten in ihm herauf, und er liebte es dann, sich gnädige Späße gegen seine Umgebung zu erlauben. Sie waren freilich nur gutmüthige; allerdings soweit sein Schwachsinn ihm gestattete, einzusehen und zu fühlen, daß er nicht verletze. Hatte er verletzt, und man brachte es ihm nachher zur Erkenntniß, so war er ein desto reuevolleres Kind. Im Grunde hatten sie daher Alle im Hause, wie Mitleiden, so auch Liebe für ihn.

Die Tante Therese imponirte ihm sonst immer. Dieses Mal schien es nicht so. Sie wollte an ihm vorbeigehen, aber er vertrat ihr den Weg.

„Wünschen Sie etwas, Freiherr Max?“

„Ah, Mamsell Therese, wo kommen Sie her?“

„Ich hatte hier oben zu tun.“

„In dem kleinen Thurmstübchen da hinten?“

„Ja.“

Er lachte. „Ja, ja, und ich weiß auch, was Sie dort zu tun hatten.“

„Nun, lieber Freiherr Max, dann wissen Sie auch, daß ich eilig bin. Lassen Sie mich!“ Sie sprach es mit ihrer erregten, fast strengen Ruhe. Aber sie imponirte ihm diesmal nicht.

Er lachte höhnischer. „Sie wollen wohl recht eilig zu dem kleinen Stübchen zurück?“

„Ich habe unten im Hause Geschäfte.“

„Bah, Mamsell Therese, mir machen Sie nichts weiß. Ich weiß Alles.“

„Um so mehr lassen Sie mich!“

„Ich will Ihnen auch sagen, was ich weiß.“

„Nachher –“

„Nein, nein, jetzt gleich. Ich habe heute Nacht Alles gesehen. Es war so klarer Mondschein.“

Die Tante erschrak auf den Tod. Wußte er von dem Aufenthalte des Verwundeten, und nur Ein Franzose kam hierher, so war es um den Verwundeten geschehen.

„Heute Nacht –?“ rief sie.

„Ja, ja, heute Nacht. Hören Sie mir zu. Es war gerade Mitternacht, da –“

Die Tante hatte sich erholt. „Ah, da träumten Sie wohl,“ sagte sie freundlich und lächelnd.

„Nein, nein, Mamsell Therese.“

„Um Mitternacht,“ belehrte sie ihn, „fangen die Träume an, besonders wenn der Mond scheint.“

„Aber ich träumte nicht, Mamsell Therese.“

„Und je klarer und heller der Mond scheint,“ fuhr die Tante Therese sicher und belehrend fort, wie ein Professor auf dem Kateder, „um so lebhafter und deutlicher träumt der Mensch.“

„So?“ sagte der Schwachsinnige doch.

„Haben Sie das noch nicht gewußt? Aber erzählen Sie nur, was Sie heute Nacht in dem hellen Mondscheine geträumt haben?“

Sie wollte ihn völlig irr mit sich selbst machen und wohl auch wissen, was er gesehen hatte, und wie viel er wisse.

„Was ich geträumt habe?“ sagte er. „Ei, ich sah es ja deutlich, wie der Wagen ankam. Es war ein Bauerwagen, er knarrte etwas, und da auf der Seite hielt er nicht weit von meinem Fenster. Es war Heu darin, und in dem Heu lag ein Mensch –“

Die Tante unterbrach ihn. „Sehen Sie, wie lebhaft Sie geträumt haben?“

„Aber ich sah es ja.“

„Sie waren ja im Bett!“

„Ich war aufgestanden.“

„Auch das haben Sie geträumt?“

Der Schwachsinnige schwankte. „So? Sollte ich wirklich geträumt haben? Aber es war doch so hell?“

„Darum träumten Sie so lebhaft.“

„Und ich sah es deutlich, wie der Mensch im Wagen eine Binde um den Kopf trug – und auch den Arm hatte er in einer Binde, und in einer Uniform war er, und der Fuhrmann hob ihn aus dem Wagen, und auch die alte Christine war dabei, und auch Sie, Mamsell Therese, ja ja, auch Sie –“

Er wußte Alles. Die Tante Therese zitterte. Er hatte Alles gesehen und wußte es so bestimmt, so sicher. Aber sie gab noch nicht verloren. Sie lachte laut.

„Ich, lieber Freiherr Max? Sehen Sie, wie Sie geträumt haben. Ich habe die ganze Nacht geschlafen, in der Stube meiner Mutter, Sie können sie fragen.“

„So?“ sagte der Irre wieder.

„Und auch die Christiane wird nicht aufgewesen sein. – Wollen wir sie gleich fragen?“

„Ja, ja, kommen Sie!“

Die Tante wollte triumphiren. Er verließ mit ihr den Gang, und Beide gingen die Treppe hinunter. Aber unten in der Hausflur traten ihnen erschrockene Gesichter entgegen. Es waren die Knechte und Mägde des Hauses. Sie hatten auf die Rückkehr der Mamsell Therese gewartet, denn sie hatte immer die ruhige Besonnenheit, den klaren Muth. Der Verwalter und der junge Herr waren zudem nicht da; sie waren noch immer nicht zurückgekommen und die Frau des Hauses lag alt und gelähmt in ihrem Rollstuhle.

„Mamsell, hinten am Walde wird geschossen. Die Franzosen und Russen und Preußen kämpfen dort.“

Meine Tante behielt ihre ruige Besonnenheit, ihren klaren Muth.

„Ich weiß es,“ sagte sie.

„Aber es kommt näher, Mamsell. Sie werden hierher kommen. Und was dann?“

„Was dann?“ sagte die Tante. Aber sie durfte in Gegenwart des Herrn nicht fortfahren. Sie dachte an Alles, wie schwer ihr nach so mancher Seite hin Kopf und Herz sein mochten.

Die Augen des Irren hatten bei der Nachricht, die er so plötzlich erfuhr, angefangen zu funkeln.

„Sie schießen? die Franzosen?“ fragte er hastig einen Knecht, der neben ihm stand.

Die Tante warf ihm einen strengen Blick zu. „Freiherr Max, man wird Ihnen die Nachricht in Ihr Zimmer bringen. – Christine, der Freiherr hat einen Befehl für Dich. Folge ihm auf sein Zimmer!“

Der Irre fühlte den Freiherrn in sich, der sich nicht mit Knechten und Mägden gemein machen dürfe. Er kehrte gehorsam zu der Wendeltreppe zurück. Die alte Christine, welche vorher einen Wink von der Tante erhalten hatte, folgte ihm.

„Und nun,“ sagte die Tante zu den Leuten, und sie war bewunderungswürdig in ihrer Ruhe, in ihrem Mute. „Ihr sagtet. Was dann? Wenn der Kampf sich hierher ziehe? Es sind Preußen und Franzosen, die dort kämpfen. Siegen die Preußen, und sie kommen hierher, so sind Freunde hier, die uns vom fremdem Joche befreit haben. Kommen die Franzosen als Sieger – wir stehen auch dann in Gottes Hand und in Gottes Schutz. Wir müssen nur das Unsrige mit dazu tun. Und dazu laßt uns schreiten, ruhig, ohne Lärm, ohne Ueberstürzung, jeder an seinem Platze!“

Und klar und ruhig, wie sie war, ertheilte sie den Leuten ihre Befehle.

[708] „Nur gegen den ersten Anlauf, also nur gegen die Fliehenden können wir uns schützen. Den Siegern, wenn sie in das Haus wollen, können wir es auf die Dauer nicht versperren. Danach müssen wir handeln. Verschließt und verrammelt zuerst, so fest wie möglich, alle Thore und Thüren, die in das Haus und die Ställe führen! Laßt vor allen Fenstern die Läden, so dicht, daß man von außen kein Licht sehen kann! Bringt kein Licht an ein anderes Fenster! Geht gleich an die Arbeit, macht Alles ordentlich! Und dann vertraut auf Gott, der in Gefahr und Noth erst recht bei dem Menschen ist, wenn der Mensch nur den Kopf klar und das Herz muthig bewahrt! – Noch Eins. Mein Bruder und der Verwalter sind noch nicht zurück. Achtet auf ihre Rückkehr, damit sie sogleich können eingelassen werden! Sollte ein Anderer Einlaß begehren, so ruft Ihr vorher mich herbei!“

Die Leute gingen, die Befehle auszuführen. Die Tante stand noch einige Minuten nachdenklich. Dann ging sie zu dem Wohnzimmer, in dem sich die Großmutter befand. Die alte, gelähmte Frau saß in ihrem Rollstuhle und sah sich durch das Fenster die Kronen der Bäume des Waldes an, die von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergoldet wurden. Der Tag war trübe gewesen. Da hatte die Sonne bei ihrem Scheiden für die Nacht noch ihr Recht haben wollen und brach sich durch eine Wolkenschicht hindurch, um noch einen letzten Blick auf den Wald und über die Haide zu werfen.

„Und was wird kommen, bis sie morgen wiederkehrt?“ sagte die Großmutter. „Was wird der Abend, die Nacht uns bringen?“

Man hörte in der Stube, die nach dem Walde hin lag, wieder das Gewehrfeuer; es war näher gekommen, wie schon die Leute zu der Tante Therese gesagt hatten. Man hatte früher nur das Rottenfeuer gehört; jetzt glaubte man dazwischen auch einzelne Schüsse zu vernehmen. Die Großmutter hatte dennoch ihren guten Muth nicht verloren, wie die Tante den ihrigen wiedergewonnen hatte.

„Hast Du Alles besorgt, Therese?“ fragte sie die Tante.

„Alles, was besorgt werden konnte. Ich habe Thore und Thüren und Fensterläden schließen lassen. Mehr können wir nicht.“

„Mehr können wir nicht, Kind. Das Weitere müssen wir Gott anheimstellen.“

„Aber hier habe ich noch etwas zu thun, Mutter,“ sagte die Tante.

Sie ging in eine Kammer, die sich neben der Stube befand, und kam mit einem Korbe daraus zurück, den sie an einen großen eichenen Schrank setzte. Dann begann sie die Schubfächer des Schrankes zu öffnen und die Gold- und Silbersachen der Familie aus alter und neuer Zeit herauszunehmen und in den Korb zu legen. Oben unter dem Fußboden des nämlichen Thurmstübchens, in welcher die Tante den Freiherrn Adalbert aufgenommen hatte, war ein geheimer Versteck, aufzufinden nur von dem, der ihn kannte, und außer der Großmutter und der Tante und der alten Christine kannte ihn Niemand. Dort wollte Therese die Kleinodien verstecken. Sie ward auch daran gehindert. Man vernahm plötzlich draußen ein Geräusch in der Haide, abwärts vom Walde. Die Großmutter und die Tante horchten, das Geräusch kam näher. Es war ein Wagen, der rasch fuhr und auf das Schloß zuzufahren schien.

„Der Verwalter,“ sagte die Tante. „Gottlob, da haben wir doch noch eine Stütze.“

Aber die Großmutter schüttelte den Kopf. „Das ist kein Wagen vom Schlosse!“

Die gelähmte Frau mußte den ganzen Tag in ihrem Rollwagen zubringen. Da konnte sie bei dem, was draußen vorfiel, nur mit ihrem Gehöre sein. So kannte dieser Sinn im Schlosse Alles, was er zu erfassen vermochte, um so genauer. Auch die Tante überzeugte sich.

„Es ist ein fremder Wagen. Und wir erwarten Niemanden.“

Sie wurde unruhig, verlor aber ihre Besonnenheit nicht. Sie hatte an den Fenstern der Wohnstube noch nicht die Läden vorgelegt, um die Dämmerung des Abends zu ihrer Arbeit zu benutzen. Die Läden waren innen in der Stube. Sie legte sie rasch vor und verschloß sie dicht, fest. Sie schlossen die ganzen Fenster. Dann zündete sie ein Licht an. Von außen hatte man nichts sehen können, konnte man auch ferner nichts sehen. Der Wagen war nicht mehr zu hören.

„Er wird zum Einfahrtsthore gefahren sein,“ meinte die Tante.

Das Einfahrtsthor war an der anderen Seite des Hauses. Die Tante wollte in ihrer Arbeit von Neuem beginnen. Sie wurde noch einmal darin gestört. Die alte Christine trat in die Stube.

„Mamsell, der Christian schickt mich. Vor der Brücke am Eingangsthore hält ein Wagen mit zwei Pferden. Der Christian, der an dem Thore aufpaßt, meinte zuerst, der Herr Verwalter komme zurück. Aber es war ein fremder Wagen, und ein fremder Herr war eilig herausgestiegen und hatte an das Thor geklopft und gerufen, man möge ihn einlassen. Da läßt der Christian fragen, was geschehen soll.“

Die Tante Therese hatte sich schnell besonnen. „Du erlaubst, Mutter, daß ich selbst hingehe?“

„Thue das, Kind!“

„Und daß die Christine mich begleite?“

„Nimm sie mit Dir!“

Die Tante Therese und die alte Magd gingen zu dem Einfahrtsthore. Sie traten aus der Stube in die Vorhalle, aus dieser in den Hof vor dem Schlosse. Den Hof umschloß eine hohe, dicke Mauer, die zu beiden Seiten bis an das Schloß reichte. In der Mitte der Mauer war das Einfahrtsthor, zu den Seiten des Thors waren in der Mauer zwei kleine, mit einer Fensterscheibe versehene Schaulöcher, durch die man die Brücke vor dem Thore überblicken konnte, ohne von außen selbst gesehen zu werden.

Der Knecht Christian stand an einem der Löcher. Er war der Vorknecht auf dem Schlosse, der zugleich eine Oberaufsicht über die anderen Knechte führte, und ein eben so entschlossener, wie zuverlässiger Mann. Er kam der Tante entgegen.

„Es ist eine fremde Herrschaft, Mamsell. Der Wagen kam von rechts über die Haide in gestrecktem Galopp, als wären die Leute auf der Flucht, gerades Weges auf das Schloß zu. Hier meinten sie wohl, sofort in das Thor fahren zu können, aber es war verschlossen, und sie mußten an der Brücke halten. Der Kutscher sagte es in den Wagen hinein. Da sprang ein Herr heraus und besah sich eilig das Schloß. Dann kam er über die Brücke an das Thor und versuchte es zu öffnen. Als er das nicht konnte, klopfte er an und rief. „Heda, heda!“ Er bekam keine Antwort, ich hielt mich ganz still. Er klopfle noch ein paar Mal und rief lauter: „Heda! Verirrte Reisende bitten um Aufnahme!“ Ich hielt mich still, wie zuvor. Er ging zu dem Wagen zurück. „Steige ab,“ sagte er zu dem Kutscher. „Wir wollen um das Haus herum gehen, ob wir keinen anderen Eingang finden. Ich gehe rechts; gehe Du links.“ Der Kutscher stieg vom Bock, und sie gingen um das Haus, der Eine nach der einen, der Andere nach der anderen Seite. Sie sind noch nicht zurück, aber sie müssen jeden Augenblick kommen.“

„Wie sah der Herr aus?“ fragte die Tante den Knecht.

„Es war ein großer Mann in mittleren Jahren und sah recht vornehm aus.“

„War er allein in dem Wagen?“

„Nein, Mamsell. Er muß seine Frau und Kinder bei sich haben. Hinein sehen konnte ich in den Wagen nicht; es war schon zu dunkel. Aber ich hörte ein paar Kinderstimmen, und als eins von den Kindern weinte, suchte eine Frauenstimme es zu trösten und zur Ruhe zu bringen.“

Die Tante trat an eins der kleinen Fenster, um selbst hindurch zu sehen. Das Dunkel der Dämmerung hatte zugenommen, nur der Wagen war zu erkennen, der vor der kleinen Brücke hielt. Was in seinem Innern sich befand, war in der Dunkelheit nicht zu entdecken, doch glaubte die Tante leises Weinen zu hören.

Sie werden aufgenommen! der Entschluß stand dennoch fest[2] bei meiner braven Tante, die schon so viele eigene und selbst fremde Sorge zu tragen hatte. Sie sind zwar, sagte sie zu sich, auch hier vielleicht schweren Gefahren unterworfen, aber die Frau und die Kinder finden doch ein Unterkommen, eine warme Stube, Essen und Trinken. Draußen müßten sie in der kalten dunklen Nacht und in der nacken Haide herum irren, ohne Obdach, ohne nur einem Menschen zu begegnen, sie müßten denn zwischen das Feuer der Soldaten kommen. Sie werden aufgenommen! Aber ich will doch vorher den Fremden sehen.

Zwei Personen kamen an die Mauer.

„Der Herr und der Kutscher!“ flüsterte an seinem Fenster der Knecht Christian der Tante zu.

Die Tante sah eine große Mannesgestalt; näher konnte sie in der Dunkelheit den Herrn nicht erkennen. Er war an den Wagen getreten und sprach hinein.

[709] „Es war vergebens. Alles verschlossen. Nirgends ein Licht. Das ganze Haus wie ausgestorben, die Bewohner müssen geflüchtet sein.“

Die Stimme war meiner Tante unbekannt. Eine sanfte, klagende Frauenstimme antwortete ihm.

„Und wo werden wir bleiben mit dem kranken Kinde? Wir sahen seit einer Stunde kein Haus. Die Nacht wird dunkler.“

„Und das Schießen kommt näher!“ sagte der Mann, mit jenem Trotze und Ingrimm, den die Hoffnungslosigkeit giebt.

„Mache noch einen Versuch!“ bat ihn die Frau.

Der Mann ging auf das Einfahrtsthor zu und wollte noch einen Versuch machen.

„Oeffne das Thor, Christian!“ befahl die Tante dem Knechte.

Der Knecht öffnete das Thor. Der Herr draußen hatte es gerade erreicht. Als er noch einmal anpochen wollte, that es sich schon vor ihm auf, und er stand vor der edlen Gestalt, vor dem schönen, klaren, ruhigen Gesichte meiner Tante. Er war überrascht; aber seine Sorge war verschwunden, da er nur einen halben Blick in das Antlitz meine Tante geworfen hatte.

„Meine Gnädige,“ sagte er, „darf ich Sie um Aufnahme für eine flüchtige, hülflose Familie bitten? Für ein krankes Kind, für eine leidende Frau?“

„Sie sollen,“ erwiderte ihm die Taute, „hier jede Hülfe finden, die Ihnen in diesem Augenblicke unser Haus zu gewähren vermag. In der Nähe wird gekämpft. Ich will nicht hoffen, daß der Kampf sich hierher ziehe. Aber Sie werden in ihm einen hinreichenden Grund finden, daß das Haus verschlossen war und daß Sie nicht sogleich Einlaß erhielten. Entschuldigen Sie es.“

„O meine Gnädige,“ sagte der Fremde, „wie kann ich ein anderes Gefühl als Dank haben? Gestatten Sie, daß ich den Wagen in den Hof fahren lasse.“

„Ich bitte darum.“

Er ging zu dem Wagen zurück, der nun durch das Thor auf den Hof fuhr. Der Knecht Christian verschloß sorgfältig das große Thor wieder, und die Tante wandte sich an die alte Magd, die dageblieben war.

„Wir bringen sie in die Zimmer des Freiherrn; wir haben keine andern für sie. Hole die Schlüssel und ordne schnell darin.“

Die Magd ging. Der Wagen hielt vor dem Hause.

[721] Der Fremde öffnete den Schlag des Wagens und half einer noch ziemlich jungen Frau aussteigen, der man das Leiden und die Angst und Sorge ansah. Sie blickte sich unruhig auf dem Hofe und nach dem Hause um. Zwei Kinder folgten ihr, ein Paar Mädchen von vier und sechs Jahren. Das älteste war krank; es mußte stark fiebern und ließ das Köpfchen und die Aermchen lang und schlaff herunterhängen. Der Fremde, indem er es aus dem Wagen hob, legte es unmittelbar in die Arme der Mutter, in denen es auch wohl im Wagen gelegen hatte.

„Sie wollen uns hier aufnehmen?“ sagte, die leidende Frau, einfach und dankbar mit Wort und Blick. „Möge der Himmel Sie dafür segnen.“

„Haben Sie die Güte, mir zu folgen,“ sagte die Tante.

Sie nahm das kleinere Kind bei der Hand. Die fremde Dame trug das kranke Kind, der Herr hatte Sachen aus dem Wagen genommen, Kisten, Shawls, einen kleinen Reisesack. So führte die Tante sie in die erleuchtete Halle des Hauses. Eine Magd stand mit einer Laterne da, sie öffnete die Thür zu der Wendeltreppe und leuchtete nach oben hinauf.

Die Tante mußte sich unwillkürlich die Menschen näher ansehen, die sie nach oben führen wollte, denn sie hatte sie nur draußen in dem letzten Zwiedunkel des Abends gesehen. Zuerst fiel ihr Blick auf die Frau. Sie sah in ein feines, vornehm geschnittenes, kummer- und leidenvolles Gesicht. Und Kummer und Leiden in diesem Gesichte waren nicht blos von heute oder gestern; sie waren älter, vielleicht schon Jahre alt. Der stattliche Mann mit der vornehmen Haltung war die rücksichtsvollste und höflichste Aufmerksamkeit selbst gegen die Frau. Aber es standen Zeugen dabei, und in seinem Gesichte glaubte die Tante Härte und Rücksichtslosigkeit zu lesen. Ein Mann von Welt war er jedenfalls.

Was die Leute waren, woher sie kamen und wohin sie wollten, was sie mit den kleinen Kindern, von denen das eine in der Hitze des Fiebers lag, in diese abgelegene Haide, in das Dunkel der Nacht, in die Gefahren und Schrecken des Krieges trieb: meine Tante konnte sich keine Antwort auf diese Fragen geben. Sie führte die Menschen die Wendeltreppe hinauf, denn sie hatte ihnen einmal die Aufnahme gewährt, und sie hatte Zimmer für sie nur da oben. Sie stiegen die Wendeltreppe hinauf und gingen in die Zimmer des Freiherrn, wie sie genannt wurden. Die alte Christine hatte sie schon geordnet, ein Knecht auf ihren Anweis in dem Kamin ein lustiges Feuer gemacht.

„Machen Sie sich es hier bequem,“ sagte die Tante zu der fremden Dame. „Die alte Christine wird in Allem zu Ihrer Verfügung stehen.“

Darauf kehrte sie zurück, horchte aber in dem Gange, hinten nach dem Ende hin, wo der Verwundete in dem Thurmstübchen lag, und nach dem Seitengange hin, wo sich der Schwachsinnige befand. Sie hörte auf keiner Seite etwas und ging ruhig, wenn auch mit schwerem Herzen, zur Großmutter zurück.


5. Der Verräther.

Ja, mit schwerem Herzen trat meine brave Tante zu der Großmutter ein, obwohl sie ein gutes Werk gethan. Zu ihren schweren Sorgen hatte sie eine neue übernommen, und das Herz sollte ihr noch schwerer werden. Sie war beschäftigt, den Korb mit Gold- und Silbersachen leichter zu machen, sie hatte die alte Christine den Fremden zur Verfügung gestellt und mußte also allein den Korb tragen. Sie erzählte der Großmutter unterdeß, wie sie die Fremden aufgenommen habe. Die alte Frau war mit Allem zufrieden.

Die Tante wurde in ihrer Arbeit unterbrochen. Die alte Christine trat in das Zimmer. Sie sah erschrocken, ängstlich aus.

„Was ist’s?“ wollte die Tante sie fragen.

Die Magd gab ihr einen Wink hinter dem Rücken der Großmutter. „Draußen!“ sagte der Wink.

Draußen war es still geworden. Die Dunkelheit des Abends war völlig da. Man hörte kein Schießen mehr.

Der Korb war wieder gefüllt, die Tante und die Magd trugen ihn fort, die Wendeltreppe hinauf nach dem Stübchen im spitzen, runden Thurme.

Unterwegs erzählte nun Christine, was sie Heimliches zu sagen hatte: „Zuerst von den Fremden, Mamsell.“

„Du hast noch mehr zu erzählen?“

„Ja, aber nachher. Mamsell, die Fremden kennen uns.“

„Aber wir kennen sie nicht, Christine.“

„Sie kennen auch nur die Namen. Sie hatten kaum das Zimmer verlassen, Mamsell, so fragte mich der fremde Herr, wo er hier sei. Auf Schloß Hawichhorst, antwortete ich ihm. Der Name mußte etwas ganz Besonderes für ihn haben; er wurde weiß, wie der Kalk an der Wand. Und die Frau, Mamsell, war plötzlich in die Höhe gefahren, daß das kranke Kind, das sie auf dem Schooße hatte, aufwachte und laut weinte. Sie sah ängstlich nach ihrem Manne hin, dieser aber stellte sich zwischen sie und mich, [722] daß ich ihr Gesicht nicht weiter sehen sollte. Und dabei hatte er sich geschwind zusammengenommen. Schloß Hawichhorst? fragte er, als wenn er in seinem Leben noch nichts von dem Schlosse gehört hätte. Und wer bewohnt es? Ich nannte ihm den Namen der Frau Mama. Ich meinte doch, er sei noch einmal weiß im Gesichte geworden. Die Frau hörte ich schwer aufseufzen, als wenn sie keinen Athem mehr bekommen könne. Er war aber ruhig geblieben und fragte mich, wer Sie seien, Mamsell, und wer sonst im Schlosse wohne. Es war mir aber so ängstlich geworden, und ich mußte fort, um Ihnen die Sache zu erzählen.“

Die Tante war ängstlicher geworden, als die Magd. Wer konnte erschrecken bei dem Namen des Schlosses Hawichhorst, bei dem Namen der Familie, die es bewohnte? Sie konnte nur an einen einzigen Menschen denken, und ein Schauder durchzuckte sie, als sie an ihn dachte. Aber die alte Christine hatte ihr noch mehr mitzutheilen.

„Und wie ich in den Gang kam, Mamsell, da kam erst recht die Angst über mich. Der Freiherr Max vertrat mir auf einmal den Weg. Er hatte gehorcht. „Was für Leute sind in dem Zimmer?“ fragte er mich.

„Ich kenne sie nicht, Euer Gnaden.“

„Du kommst von ihnen. Du mußt es wissen.“

„Es sind Franzosen,“ sagte ich. „Ich hatte ihm vorher, als ich ihn in sein Zimmer zurückbrachte, gesagt, das Schießen da hinten am Walde komme von den Franzosen; die müßten abziehen, und nun machten sie sich noch ein Plaisir, indem sie da alle Edelleute der Nachbarschaft todtschössen. Er möge sich nur ja fest in seiner Stube verschließen, damit sie ihn nicht auch holten. Das hatte geholfen; er verschloß sich in seine Stube, und ich dachte jetzt, es würde wieder helfen, wenn ich ihm sagte, daß Franzosen da seien. Aber es half nicht.

„Du lügst,“ sagte er, „ich habe sie Deutsch sprechen hören.“

„Euer Gnaden,“ erwiderte ich ihm, „es giebt auch Franzosen, die Deutsch sprechen.“

Und nun hatte ich Oel in’s Feuer gegossen. Es war ihm auf einmal ein Gedanke gekommen.

„So, so?“ sagte er. „Also Franzosen? Und da hinten im Thurme ist der preußische Officier. Ja, ja, Christine, erschrick nur nicht; es hilft Dir nichts; und leugnen hilft Euch auch nichts, Dir nicht und Deiner Mamsell Therese. Ich habe die Uniform in der vorigen Nacht gesehen, im klaren Mondscheine. Und ich kenne die preußische Uniform. Und Franzosen sind hier, sagst Du? Höre, Christine, die Preußen haben uns auch nicht gut gethan, hier in Westphalen, als sie vor zehn Jahren ins Land kamen. Das war ein Hochmuth und ein Dickthun und ein Besserwissen, und es war doch nichts, als ein pauvrer Adel von gestern oder vorgestern, der keine anderthalb Ahnen hatte. Der alte Blücher soll der einzige anständige Mensch unter ihnen gewesen sein. – Aber was ich sagen wollte, Christine, wenn in dem Zimmer Franzosen sind, dann muß ich wahrhaftig zu ihnen, um ihnen zu sagen, daß in dem Thurmzimmerchen ein Preuße steckt.“

Und damit wollte er an mir vorüber. Ich war so erschrocken, daß ich am ganzen Leibe zitterte. In meiner Angst wußte ich anfangs nur ein Mittel, ihn zu halten. Aber ich wagte es doch nicht, es war Ihr Geheimniß, Mamsell, daß der Freiherr Adalbert, sein Neffe, in dem Thurmstübchen sei, und wer wußte, wer der fremde Herr war, der mir mit seinem Erschrecken so zweideutig vorkam? Ich griff zu einem anderen Mittel, und das glückte.

„Euer Gnaden,“ sagte ich. „Ich schicke die Mamsell Therese zu Ihnen. Die weiß, wer der fremde Officier ist, und sie wollte schon zu Ihnen kommen, um Sie über ihn um Rath zu fragen. Sie ist in Verlegenheit; da sollen Sie ihr helfen.“

Das that ihm gut. Er ging in sein Zimmer und versprach mir, darin zu warten, bis Sie zu ihm kämen.“

„Und was sage ich ihm?“ fragte sich die Tante.

Aber sie hatten die steile Treppe des Thurmes erstiegen, und standen vor der Thür des kleinen Zimmers, in welchem der Verwundete lag. Dieser durfte von den Mittheilungen der Magd nichts erfahren. Die Tante mußte zudem eilen, um zu dem Irren zu kommen, sie öffnete also die Thür und teilte dem Verwundeten den Zweck ihres Kommens mit. Sie und die alte Christine hoben eine Diele in dem Fußboden des Stübchens auf, ließen durch die Oeffnung den Korb mit den Gold- und Silbersachen in einen dunklen Raum hinein, der darunter verborgen war, fügten die Diele wieder ein, und kehrten auf dem Wege zurück, auf dem sie gekommen waren. Alle Thüren wurden wohl verschlossen, die Schlüssel nahm die Tante zu sich.

Es war Alles eilig geschehen, und ebenso eilig wollte die Tante zu dem Irren. Es war zu spät. Das Unglück hatte schon angefangen über sie hereinzubrechen.

„Der Verwalter ist zurück,“ sagte die Großmutter zu der Tante, als diese in das Wohnzimmer zurückkam. „Er kam vor zehn Minuten an.“

Die Tante hatte oben in dem Thurme seine Ankunft nicht hören können. „Was für Nachrichten bringt er?“ fragte sie.

„Wie es scheint, gute. Die Preußen sollen die Franzosen geschlagen haben und sie jetzt nach der anderen Seite des Waldes hin zurücktreiben. So haben die Leute gesagt.“

Die Tante setzte leichteren Herzens ihren Weg zu dem Wahnsinnigen fort. Aber wie bald sollte es ihr wieder schwer werden. Schon in der Halle, am Fuße der Wendeltreppe, begegnete ihr der Verwalter. Er kam von oben. Dort, in dem Seitengange, gegenüber dem Zimmer des schwachsinnigen Freiherrn Max, befand sich die Rentstube mit der Casse. Er war sofort nach seiner Rückkehr dahin geeilt, um die Rettung der Casse auf alle Fälle vorzubereiten. Daß die Preußen gesiegt hätten, war nur ein Gerücht, es konnte auch anders gekommen sein oder noch kommen, auch trotzdem, daß man seit einiger Zeit kein Schießen mehr gehört hatte. Der Verwalter kam der Tante mit verstörtem Gesichte entgegen.

„Was ist vorgefallen, Herr Buschmann?“ rief sie.

„Mamsell, wissen Sie, wen Sie im Hause haben?“

„Und wen?“

„Den Gensd’armerie-Commandanten – den Mörder Ihres Bruders – Fritz!“

Meine Tante hatte es geahnt; sie hatte nicht daran denken wollen. Bei der Nachricht drohte sie zusammenzusinken.

„Woher wissen Sie es?“

„Ich kenne ihn, denn ich habe ihn oft in der Stadt gesehen. Ich sah ihn da oben wieder. Und, Mamsell Therese, Sie haben noch Jemanden im Hause aufgenommen, einen preußischen Officier.“

„Mein Gott, woher wissen Sie das?“

„Aus dem Munde des Freiherrn Max. Als ich in der Rentstube war, hörte ich im Gange gehen. Ich dachte mir, daß es der Fremde sei, von dessen Ankunft mir Christian erzählt hatte. Der Schritt des Freiherrn Max war es nicht. Dieser mußte aber ebenfalls das Gehen vernommen haben, seine Thür öffnete sich, und ich hörte ihn im Gange mit Jemandem sprechen. Und was ich hörte, erfüllte mich mit Schrecken.

„Sie sind Franzose, mein Herr?“ sagte der Freiherr.

„Ich, mein Herr?“ wurde ihm geantwortet.

„Ja, ja, ich weiß es, und will Ihnen etwas sagen. Sehen Sie die Thüre da hinten?“

„Ich sehe eine Thür.“

„Die führt zu dem Thurmstübchen, und in dem Stübchen ist ein verwundeter preußischer Officier, er trägt den Kopf verbunden und eine Binde um den Arm –“

Weiter ließ ich ihn nicht reden. Ich wußte nicht, mit wem er sprach; aber eine schwere Ahnung ergriff mich, wer der preußische Officier sein könne. Ich ließ Alles liegen und eilte in den Gang. Da sah ich auch, wer es war, mit dem der Freiherr redete, und ein doppeltes Entsetzen ergriff mich. Sollte der Mörder, der vor mir stand, hier noch einmal zum Mörder werden? Und an wem, wenn meine Ahnung richtig war?

„Freiherr Max,“ sagte ich strenge zu dem Schwachsinnigen, „gehen Sie im Augenblick auf Ihr Zimmer, und verlassen Sie es nicht wieder.“

Er gehorchte ohne Widerrede, wie ein Kind, das ein böses Gewissen hat. Ich wandte mich dann an den Fremden.

„Mein Herr, ein Irrsinniger sprach mit Ihnen. Sie werden danach die Bedeutung seiner Worte ermessen. Hier im Hause ist kein anderer Fremder, als Sie mit Ihrer Familie.“

„Ich bin Ihnen für Ihre Auskunft verbunden,“ antwortete er höflich.

Er kehrte in sein Zimmer zurück. Ich ordnete schleunig meine Sachen in der Rentstube, um zu Ihnen zu eilen. – Mamsell Therese, ist ein verwundeter preußischer Officier in dem Thurmstübchen?“

[723] „Ja,“ sagte meine Tante.

„Und darf ich erfahren wer es ist?“

„Es ist der Freiherr Adalbert.“

„Das war meine Ahnung. Wer sonst hätte hierher kommen können? Und nun, Mamsell Therese, müssen Sie Alles wissen. Der Freiherr schwebt hier, wenn Franzosen hierher kommen, in der offenbarsten Lebensgefahr. Jener Commandant der Gensd’armerie hat, wie ich unterwegs erfuhr, in der vergangenen Nacht heimlich die Stadt und seinen Posten verlassen, unzweifelhaft, um den Preußen seine Dienste anzubieten. Es giebt solche Verräther zu allen Zeiten und für alle Sachen; die schlechte Sache liebt den Verrath; die gute kann ihn manchmal nicht von sich stoßen; sie verachtet nur den Verräther, wie auch dieser schurkische Edelmann schon von den Franzosen verachtet wurde, die in dem fremden Lande seine Dienste annahmen. Diesmal hatte er sich verrechnet. In der Stadt hatte sich gestern das Gerücht verbreitet, ein ganzes preußisches Armeecorps sei im Anmarsch, die Avantgarde sei nur noch ein paar Meilen entfernt. Sofort in der Nacht machte er sich heimlich auf und davon, mit seiner Familie, mit seinen Kostbarkeiten. Das Gerücht war ein voreiliges gewesen. Nur eine kleinere Abtheilung Preußen war gekommen; die Franzosen hatten nicht die Flucht ergriffen, wie er erwartet hatte, sie waren den Preußen entgegengerückt, von allen Seiten, um sie zu umzingeln. Man meinte, der Commandant der Gensd’armerie müsse nothwendig in ihre Hände gefallen sein und seinen verdienten Lohn der Desertion und des Verraths empfangen haben. Da hat er hier eine Zuflucht gefunden, und, Mamsell, er kennt die Geschichte des Freiherrn Adalbert, und wie ich bei jenen Worten des Schwachsinnigen zunächst an den Freiherrn Adalbert denken mußte, so wird auch sein erster Gedanke sich auf diesen gerichtet haben, und er wird, wenn die Franzosen hierher kommen, das verwirkte Leben durch einen neuen Verrath zu retten suchen.“

Der Verwalter hatte Recht, und meine arme Tante war einen Augenblick wie betäubt. Sie hatte den Mörder ihres Bruders aufgenommen, um ihn zum Mörder ihres Geliebten zu machen! Aber sie erholte sich; sie mußte es und konnte es, denn sie mußte ja an die Rettung des Geliebten denken.

„Helfen Sie mir, Herr Buschmann; wohin bringen wir den Freiherrn? In dem Thurmstübchen ist er nicht sicher.“

„Nein, Mamsell, dort ist er nicht sicher. Der Schurke braucht nur in seinem Zimmer mit der Hand dahin zu zeigen um ihn zu verrathen.“

„Und wohin dann mit ihm?“

„Auch unten in dem Thurme ist er nicht sicher. Die Thüren oben und unten sind zwar von dem stärksten Eichenholz, mit schwerem Eisen beschlagen; aber für den Triumph, ihrem Kaiser den deutschen Freiherrn, der zu dem Feinde übergegangen ist, überliefern zu können, würden die Franzosen das ganze Schloß demoliren. Der Freiherr ist in diesem Hause nirgends sicher. Er muß fort, und auf der Stelle; denn trotz jenes Gerüchts und der Stille draußen können die Franzosen hierher kommen.“

„Aber er ist schwer verwundet!“ sagte die Tante.

„Hat er mit seinen Wunden hierher kommen können, so muß er auch mit ihnen wieder fort können. Ich werde für ihn sorgen, Mamsell.“

„Sie wollen ihn führen? Wohin?“

„In den Wald, dort weiß ich eine Stelle, zu der kein Franzose kommen wird. Sie ist nicht weit von hier. Jener schuftige Gensd’armerieofficier darf nur von Nichts wissen. Gehen wir deshalb von unten in den Thurm, aber sofort.“

„Kommen Sie,“ sagte die Tante.

Auch sie wußte keinen besseren Rath. Sie standen noch unten an der Treppe in der Halle und wollten in die Wohnstube gehen. Die Tante wollte dort der Großmutter die Anwesenheit des Freiherrn Adalbert mittheilen; denn nur durch die Wohnstube konnte dieser geführt werden, wenn der Fremde ihn nicht oben gewahren sollte. Es war zu spät.

Draußen fielen starke, eilige Schläge an das große Einfahrtsthor; sie hallten über den Hof wieder an den Mauern des Schlosses, im Schlosse an den Wänden der Halle.

„Was war das?“

„Ihr Bruder Franz wird zurück sein,“ meinte der Verwalter.

„Aber das sind Schläge der Angst, der Todesangst eines Verfolgten.“

Im Augenblicke nachher wurden Schüsse gehört. Sie fielen in der Haide, in der nächsten Nähe des Schlosses.


6. Ein Kampf.

Der Onkel Franz, der jüngste Bruder der Tante Therese, war nach Hause zurückgekommen. Er war nach Mittag ausgeritten, um auf einem etwa anderthalb Meilen entfernten Gute einen Besuch zu machen. Als er gegen Abend hatte zurückreiten wollen, war auch dort das Schießen gehört worden, und er war geblieben, um nicht zwischen die streitenden Theile oder unter Fliehende zu gerathen. Als es später nach eingetretener Dunkelheit still geworden, hatte er um so mehr den Rückweg angetreten, als er sich wohl denken konnte, daß die Seinigen sich seinetwegen ängstigen würden. Er hatte anfangs unterwegs Alles ruhig gefunden, auch noch in der Haide, von der er einen Theil passiren mußte. Wie er aber, kaum fünf Minuten von Schloß Hawichhorst entfernt, dem Walde nahe kam, glaubte er nach dessen Rande hin eine Bewegung wahrzunehmen. Er hielt sein Pferd an, und überzeugte sich bald, daß eine Reiterschaar langsam an dem Walde entlang ziehe, in der Richtung nach dem Schlosse hin. Er war zweifelhaft, was er thun, ob er ihr zuvorkommen sollte, oder ob er sie solle vorbeiziehen lassen. Während er darüber nachsann, fielen plötzlich Schüsse aus dem Walde auf die Reiter, es mußte ein für sie unvermutheter Ueberfall sein; die Pferde stoben auseinander.

Mein Onkel wartete das Weitere nicht ab. Er gab seinem Pferde die Sporen und jagte zum Schlosse, sprang am Thore vom Pferde, schlug an das Thor und rief mit lauter Stimme um Einlaß. Aber die Reiterschaar war ihm gefolgt, und dieser folgten die Schüsse. Der Knecht Christian konnte kaum das Thor öffnen, meinen Onkel einlassen, das Thor wieder verschließen, da waren Reiter und Schüsse fast unmittelbar da, und sie waren da im wilden Kampfe. Meine Tante und der Verwalter waren, als sie das Schlagen an das Thor und die Schüsse hörten, zunächst zu der Großmutter geeilt, der alten, gelähmten, an den Platz ihres Rollstuhls gefesselten Frau. Der Onkel Franz stürzte zu ihnen in das Zimmer. Er erzählte ihnen, was er gehört hatte; gesehen hatte er in der Dunkelheit nichts.

Das Gefecht, das vorhin am Walde stattgefunden hatte, war nicht blos durch die Dunkelheit unterbrochen, es war durch den Sieg einer Partei geendet. Die besiegte Partei hatte sich in den Wald geworfen, wenigstens ein Theil von ihr. Die Sieger suchten für die Nacht sichere oder vortheilhafte Positionen aus, zur Erneuerung des Kampfes oder zur Verfolgung der Besiegten am folgenden Morgen. Zu den Siegern gehörte die Reiterschaar, die an dem Saume des Waldes entlang gezogen war. Sie war nicht groß, sie war sorglos geritten, der Nähe oder eines Ueberfalls des besiegten Feindes nicht gewärtig. Dieser war nahe oder gewahrte das kleine, sorglos daherziehende Häuflein und schoß darauf ein, die Reiter flohen, jene verfolgten. Vor dem Thore des Schlosses gewann der neue Kampf Halt und Bestand.

Wer die früheren Besiegten und jetzigen Verfolger, wer die früheren Sieger und die jetzt Verfolgten waren, darüber erhielten sie Gewißheit.

Der Onkel Franz hatte schon die Vermuthung ausgesprochen, die verfolgten Reiter seien Franzosen; er meinte, als bei dem Ueberfall die Schaar auseinanderstob, französische Flüche gehört zu haben. Die Tante Therese hatte für sich dieselbe Vermuthung; nach den Mittheilungen des Freiherrn Adalbert war anzunehmen, daß in jenem Gefechte preußische Infanterie von den Franzosen in den Wald geworfen sei; die französischen Carabiniers hatten sie selbst vorüberziehen sehen, und – was man hofft, das glaubt man: wurden die Franzosen jetzt von den Preußen verfolgt, dann war Schloß Hawichhorst erst sicher vor ihnen, mit Allem, was im Schlosse war.

Die Vermuthung der Tante wurde bestätigt. Aber wie sie bestätigt wurde, war ihre Hoffnung zerstört. Mitten durch das Schießen tönte ein Trompetensignal.

„Französische Trompeten!“ riefen sie Alle in der Stube. Sie kannten die Töne der französischen Trompeten.

„Aber das ist hinten in der Haide!“

„Und es kommt näher.“

„Es ist Succurs für die verfolgten Reiter. Das Signal kündet ihn an.“

„Und sie kommen im Galopp über die Haide, sie sind schon da.“

Kein Wort weiter wurde gesprochen. Meine Tante, mein Onkel, der Verwalter standen athemlos um den Rollstuhl der Großmutter. Die alte Frau athmete leiser. So horchten sie alle Vier. [724] Kein Laut war in der Stube hörbar, kein Laut in dem ganzen Hause. Alles, was darin war, horchte gespannt, in der gespanntesten Angst.

So hörten sie den Kampf draußen, unmittelbar am Thore, unmittelbar unter den Fenstern; das Schießen der Musketen, Schüsse aus den Carabinern. Jene französischen Carabiniers, die am Abend still durch die Haide gezogen waren, mußten jetzt in dem Kampfe sein. Die Musketenschüsse fielen von allen Seiten; die Carabiner antworteten aus der Mitte; die Franzosen mußten auf der Flucht an das Schloß gedrängt, hier umzingelt sein. Zwischen den Schüssen hörte man das Stampfen und Schnauben und Stöhnen der Rosse, dazwischen einzelne laute, aber ruhige Commandoworte. Keine andere menschliche Stimme wurde anfangs laut. Die Menschen mordeten sich im stillen ruhigen Gehorsam, oder in stiller ingrimmiger Wuth.

Den Menschen im Hause wollte das Blut in den Adern erstarren. Sie waren keines Wortes, keiner Bewegung fähig. Da wurden hinten in der Haide die Trompeten laut, die dem bedrängten Häuflein der Franzosen Hülfe verkündeten. In der Stube wurden wenig Worte gewechselt, sie machten der tiefsten Stille Platz. Gedoppelt richteten sich Spannung und Angst wieder nach außen.

Der Galopp der Pferde kam wie ein wilder Sturm heran. Die Haide zitterte, die Fenster des alten Schlosses kirrten. Die Trompeten bliesen und schmetterten lustig hinein. Die Kämpfenden am Hause hatten einen Augenblick gestutzt. Das Geschrei verstummte; das Klirren der Säbel und Bajonnete hörte auf; der Kampf ruhte; nur noch ein paar vereinzelte Schüsse fielen wie mechanisch oder verspätet. Aber es war nur für einen Moment, für den ersten Moment der Ueberraschung, der Ungewißheit. Dann wußte Jeder, was da kam, und woran er selbst nun war. Wildes Freudengeschrei der Franzosen folgte und antwortete dem lustigen Geschmetter der Trompeten und dem Zurufen der heransprengenden Retter.

In den Reihen der Preußen aber blieb es still. Man hörte ein einziges Commandowort. Dann vernahm man, wie sie ruhig sich sammelten und ordneten. Es war eine feindliche Uebermacht, die ankam. Gegen sie den Kampf aufzunehmen und fortzusetzen, wäre Wahnsinn gewesen. Das hatte der Führer erkannt; er commandirte den Rückzug. Der Wald war kaum dreißig Schritt entfernt. Als die neue Reiterschaar auf dem Kampfplatze anlangte, hatten die Preußen schon den Wald erreicht. Sie mußten den Rückzug mit der größten Ruhe und Ordnung gemacht haben. Die kämpfenden Franzosen hatten nicht gewagt, sie zu verfolgen; kein Verwundeter oder anderer Gefangener war in den Händen der Franzosen zurückgeblieben. In dem Walde waren sie vor jeder Verfolgung der Cavallerie, zumal in der Dunkelheit, sicher.

Aber was nun? Was wird nun werden? Die Frage wiederholte sich in der Stube der Großmutter.

Der Kampf am Hause hatte keine zehn Minuten gedauert. Wer sich aus dem Hause wagte, kam in den Kugelregen, unter die Pferde, zwischen Säbel und Bajonnete. An allen Seiten des Hauses war gekämpft worden. War jetzt an eine Flucht zu denken? Der Kampf war zu Ende; aber an allen Seiten des Hauses waren die Franzosen, und man vernahm nichts, was darauf hätte schließen lassen, daß sie abziehen wollten. Im Gegentheil. Wilde Schläge donnerten an das Einfahrtsthor. Lautes Rufen forderte Oeffnen und Einlaß.

„Was nun? Wohin mit ihm?“ rief meine arme Tante Therese.

Sie hatte keinen Rath mehr und warf sich auf die gelähmte, hülflose Mutter.

„Mutter, hast Du keinen Rath, keine Hülfe? Der Freiherr Adalbert ist hier. Er war zu den Preußen übergegangen, er ist schwer verwundet, so liegt er oben in dem Thurmstübchen. Wenn die Franzosen ihn finden, so wird er erschossen. Und der Verräther lauert schon auf ihn. Der Fremde, den ich aufnahm, ist jener Commandant der Gensd’armen, der unsern armen Fritz hat erschießen lassen. Er muß heute sein zweites Opfer haben. Der Schwachsinnige hat ihm den Freiherrn verrathen. Jener Elende wird ihn weiter verrathen; er muß, um das eigene Leben zu retten. Rathe, hilf, Mutter. Du hast ja immer Rath, immer Hülfe.“

Sie hatte das früher wohl gehabt, die Großmutter. Aber in diesem Augenblicke? Unter dem furchtbaren Eindrucke dieser Nachrichten?

„Der Mörder meines Sohnes hier?“ rief sie. „Der Mörder Schutz suchend im Hause des Gemordeten! Der Beschützte sinnend auf neuen Verrath, auf einen zweiten Mord!“

Dann sah sie die bleiche Therese vor sich stehen.

„Armes Kind!“ sagte sie. „Armes, armes Kind!“

Aber Rath und Hülfe hatte sie nicht. Und doch wurde die Noth größer, dringender.

Draußen vor dem Hause war es still geworden. Der Lärm des Kampfes war völlig verstummt; auch das Schlagen an das Thor und das Rufen um Einlaß hatte auf einmal aufgehört. Man vernahm aber auch jetzt kein Abziehen der Franzosen. Sie mußten etwas Anderes vorhaben.

Die alte Christine kam eilig in die Wohnstube gestürzt. Der Knecht Christian schickte sie. Derselbe hatte seinen Posten an dem großen Einfahrtsthore, und er hatte ihn während des Kampfes keinen Augenblick verlassen, auch nachher nicht, als in jener stürmischen Weise Einlaß gefordert wurde. Er hatte keinen Laut von sich gegeben. Die Franzosen waren in der That irre geworden, ob Jemand in dem Schlosse sei, aus dem ihnen noch kein Lebenszeichen entgegengekommen war. Er hörte sie sich bereden, wie sie hineingelangen könnten; hinein mußten sie, einer ihrer Officiere war schwer verwundet, sie konnten mit ihm nicht weiter, er mußte und sollte im Schlosse untergebracht werden. Der Knecht entnahm das aus ihren Reden; er war selbst ein paar Jahre französischer Soldat gewesen und er verstand die Sprache. Er vernahm weiter, wie sie zuletzt beschlossen, die Mauern zu ersteigen und gleichzeitig einen Versuch zum Zertrümmern des Thores zu machen. Da rief er die alte Christine herbei, theilte ihr Alles mit und schickte sie zu der Herrschaft, um weitere Befehle einzuholen. Er rathe zum Oeffnen des Thores; es sei zu schwach, um nicht zuletzt der Gewalt nach zugeben; die Mauern könnten erstiegen werden. Das theilte die Magd mit.

„Weiß Einer einen besseren Rath?“ fragte die Großmutter.

Keiner wußte ihn. Aber die Magd war mit ihrem angstvollen Gesichte zu der Tante Therese getreten und hatte leise mit ihr gesprochen.

„Sprich laut,“ rief die Tante Therese mit neuem Schreck. „Die Mutter weiß Alles.“

Die Magd sprach laut. „Als ich mit dem Christian in der Hausthür stand, öffnete sich auf einmal leise die Thür, die aus der Halle zu der Wendeltreppe führt, und es schlich Jemand in die Halle. Er konnte uns nicht sehen, wir schwiegen auch; als die Thür sich öffnete, so kam er auf die Hausflur zu. Auf einmal sah er uns, und wir sahen ihn. Es war der Fremde, der mit der Frau und den Kindern angekommen war; er wurde verlegen, als er uns sah, bat um ein Glas Wasser und kehrte wieder zurück. Aber er hatte auf den Hof gewollt, an das Thor, zu den Franzosen; darum war er geschlichen. Laß ihn nicht heran, sagte ich zu dem Christian; der Mensch hat schlechte Streiche vor. Dann schloß ich die Hausthür zu, zog den Schlüssel ab und eilte hierher.“

Und jetzt hatte meine Großmutter ihren klaren Entschluß gefaßt. „Hört mir Alle zu,“ sagte sie. „Die Franzosen müssen eingelassen werden; Christian hat Recht. Du, Christine, gehst zu ihm, es ihm zu sagen. – Der Freiherr Adalbert muß fort. Sie, Herr Buschmann, und Du, Franz, Ihr führt ihn durch das Hinterpförtchen; es sind von da noch dreißig Schritte bis zum Walde, in dem er sicher ist. Ihr führt ihn hinaus, während das Einfahrtsthor geöffnet wird; es wird dann Alles sich zu diesem drängen und das Pförtchen frei sein. Ihr geht durch meine Schlafstube in den Thurm. – Du, Therese, gehst nach oben zu den Fremden –“

Aber meine Tante unterbrach die Großmutter. Auch sie hatte ihre Ruhe, ihre Einsicht und ihren Muth wiedergewonnen.

„Nein, Mutter, ich habe nur eine Aufgabe, nur eine Pflicht, bei dem Freiheren Adalbert zu bleiben. Ich darf nicht von ihm weichen. Das Herz zerspränge mir in der Angst der Ungewißheit.“

Die Großmutter hatte sich besonnen. „Nun wohl, so begleitet der Herr Buschmann Dich zu ihm. Du, Franz, hilfst dem Christian beim Oeffnen des Thores und bei der Unterbringung des verwundeten französischen Officiers. Und Du, Christine, gehst hinauf zu den Fremden, und bittest die Frau, auf ein paar Augenblicke zu mir herunterzukommen.“

[726] „Und was willst Du mit der Frau, Mutter?“ fragte die Tante.

„Geht,“ sagte die Großmutter. „Geht Alle, Jeder zu seinem Platz. Seid schnell und vorsichtig.“

Die Tante fragte nicht weiter. Sie gingen Alle. Die gelähmte Großmutter in ihrem Rollstuhle blieb allein zurück.

Sie faltete die Hände, die alte fromme Frau. Sie hob die Augen zum Himmel empor und betete mit halblauter Stimme: „Du lieber Vater im Himmel, führe und leite sie glücklich. Lenke die Herzen der Anderen. Gieb uns Allen deinen Schutz!“

[737] Es wurde draußen wieder laut, das Einfahrtsthor war geöffnet und die Franzosen zogen in den Hof ein, ruhig, geordnet. Mehrere kamen in das Haus. Man hörte ihren Gang in der Halle. Thüren wurden dort geöffnet; der verwundete Officier war wohl hineingebracht; vielleicht noch mehrere Verwundete.

Die Thür der Wohnstube that sich auf. Die alte Christine führte die fremde Dame herein. Die bleiche Frau war ängstlich, erwartungsvoll.

„Gieb der gnädigen Frau einen Stuhl, und dann laß uns allein,“ sagte die Großmutter zu der Magd.

Die alte Christine that, wie ihr befohlen, und entfernte sich. Die fremde Dame setzte sich auf den Stuhl.

Meine Großmutter war der Frau des Mannes gegenüber, der ihren Sohn, ihren Stolz und ihre Freude, gemordet, durch schnöden Verrath gemordet hatte. Sie hatte dieser Frau mit ihren Kindern und mit dem Mörder in der Stunde der Lebensgefahr Schutz und Obdach gegeben. Die Frau wußte, daß sie der noch trauernden Mutter des von ihrem Gatten Ermordeten gegenüber war, aber sie wußte nicht, ob diese sie und ihren Gatten kenne.

„Madame,“ hob meine Großmutter mit ihrer ruhigen und klaren Stimme an, „Sie sehen, ich liege hier gelähmt, so konnte ich nicht zu Ihnen kommen, und ich mußte Sie zu mir bitten. Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie gekommen sind. Ich habe eine Bitte an Sie.“

„Sie an mich?“ fragte die ungewisse Stimme der Gattin des deutschen Edelmanns und französischen Gensd’armenofficiers.

„Madame,“ fuhr meine Großmutter ruhig fort, „meine Tochter sah Sie vorhin. Sie hat mir gesagt, sie habe ein braves Herz in Ihnen gesehen und ich glaube es, denn meine Augen sehen es. So wird meine Bitte an Sie keine vergebliche sein.“

„Was wünschen Sie, Madame?“ fragte die Fremde.

„Sogleich, Madame. – Sie wissen, wo Sie hier sind?“

Die Dame konnte nicht antworten. Sie zitterte.

„Sie wissen es, Madame! Und daß ich Sie fragte, muß Ihnen beweisen, daß auch ich weiß, wer bei mir ist.“

„Mein Gott, mein Gott!“ stöhnte die Dame.

„Beruhigen Sie sich, Madame. Ich wollte und will Ihnen keine Vorwürfe machen. Sie haben ja auch keinen Theil an dem, was geschehen ist, Ihr braves Herz hat es verabscheut, und verabscheut es noch. Und an dieses Herz wollte ich mich wenden. Madame, Ihr Gatte hat seinen Posten verlassen. Sein Leben ist verwirkt, wenn er in die Hände der Franzosen fällt. Aber der Zufall hat ihm hier einen Preis zugeführt, mit dem er es erkaufen kann, und sein Charakter wird ihn verleiten, zuzugreifen. Aber dieser Preis, Madame, wäre ein zweiter Mord, der mich und dieses Haus träfe, und, Madame, nachdem ich jetzt mit Ihnen gesprochen, hätten Sie Theil daran, und das Blut würde mit auf Sie kommen, und nach jenen unerforschlichen, aber ewigen Gesetzen mit auf Ihre Kinder. Verhindern Sie den Mord, Madame. Das war meine Bitte an Sie. Eilen Sie, erwidern Sie mir nichts, eilen Sie, damit Sie nicht zu spät kommen.“

Die Frau des verrätherischen deutschen Edelmanns war aufgestanden. Sie wollte etwas sagen, aber sie vermochte es nicht. Sie bedeckte mit beiden Händen das leichenblasse Gesicht und schwankte zu der Thür hinaus.

Meine Großmutter war wieder allein, aber sie war es nicht lange. Es war eingetroffen, was sie in ihrem Inneren gefürchtet, weshalb sie jene für sich selbst wie für die leidende fremde Frau so schmerzlich peinliche Unterredung nicht hatte abwenden dürfen.




7. Kriegsgeschick.

Der Verwalter Buschmann und meine Tante waren zu dem Thurme geeilt, auf einem verborgenen Wege durch das Schlafgemach der Großmutter, den vorhin die Tante mit der alten Christine genommen hatte.

Der verwundete Freiherr saß aufrecht auf seinem Lager, als sie zu ihm eintraten. Er hatte sie erwartet, wenigstens die Tante Therese, er hatte den Kampf draußen gehört, dann die Schläge an das Thor, und konnte nicht zweifelhaft sein, was folgen werde. Von der Tante Therese mußte er es erfahren; sie mußte zu ihm kommen, sobald sie konnte.

„Du mußt fort, Adalbert,“ rief sie, indem sie zu ihm eintrat. „Die Franzosen dringen ein; wir konnten es ihnen nicht länger wehren. Wir führen Dich in den Wald, dort bist Du sicher, die Preußen sind darin.“

Der Verwundete wollte sich erheben. Er vermochte es nicht; er war zu schwach. Der Verwalter wollte ihm helfen; es war vergeblich. Der Verwundete fiel zurück, und brach wie ohnmächtig zusammen. Die Augen schlossen sich ihm, dicker, kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn; so lag er einem Sterbenden gleich, auf dem Bette. Seine Wunden waren schwer; er hatte auf dem Schlachtfelde viel Blut verloren, ehe man ihn hatte verbinden können, [738] und war dann auf dem Bauernwagen einen Tag und fast eine Nacht gefahren. Die Ereignisse im Schloß Hawichhorst hatten ihn vom ersten bis zum letzten Momente in beinahe ununterbrochener Aufregung erhalten. Das hatte seine Kraft zuletzt brechen müssen.

Die Tante Therese rieb ihm die Stirn und die Schläfen mit Wasser, mit Essig, mit Essenzen; sie hatte schon früher Alles für die Pflege des Kranken hingebracht. Er kam wieder zu sich und schlug die Augen auf; aber er fiel in einen Schlummer der völligen Erschöpfung.

„Es geht nicht,“ sagte der Verwalter, „wenigstens nicht in der ersten Viertelstunde. So lange muß er ruhig schlafen.“

„Und dann?“ fragte die Tante.

„Wollen wir hoffen, daß der Schlaf ihm neue Kräfte gebracht hat.“

„Wenn es nicht zu spät sein wird!“

„Fürchten wir das nicht. Bereiten wir uns vielmehr vor. Ich werde nach unten sehen, um mich umzuschauen, was es dort giebt, wie wir danach weiter zu verfahren haben. Legen Sie unterdeß Alles für die sofortige Flucht zurecht.“

Er ging, und die Tante legte zurecht, was für die schleunigste Flucht erforderlich war. Sie war bald fertig und setzte sich dann an das Bett des Schlummernden, der ruhig schlief. Auch meine Tante faltete die Hände. Sie war fromm und gottesfürchtig, sie hob die Augen gen Himmel und betete: „O du lieber Gott im Himmel, erhalte ihn mir. Laß es gnädig an uns vorübergehen.“

Man hörte, wie draußen das große Einfahrtsthor geöffnet wurde, wie die Franzosen in den Hof ritten. Aus dem Hofe kamen sie in das Haus. Das Geräusch drang aus der Halle bis in die Thurmstube empor, dann hörte man aber in dem entlegenen Stübchen nichts mehr, und es blieb abermals still, tief still. Der Verwundete schlummerte fort. Die Tante saß noch an seinem Bett, als der Verwalter zurückkehrte. Sein Gesicht zeigte Ruhe.

„Das Schloß können wir nicht verlassen,“ sagte er.

„Warum nicht?“

„Es ist auf allen Seiten strenge von den Franzosen eingeschlossen. Ich suchte vergebens hinauszukommen. Sie scheinen einen Ueberfall und ein Eindringen der Preußen in das Haus zu befürchten.“

„Und warum das?“

„Der Besitz des Hauses giebt große Vortheile für einen Kampf, und der Kampf muß sich jedenfalls morgen erneuern.“

„Sie sagen das Alles so ruhig, Herr Buschmann?“

„Ich bringe zwei andere gute Nachrichten.“

„Theilen Sie sie mit.“

„Der verwundete französische Officier ist der Sohn des obersten der Carabiniers. Er ist in der Brust schwer verwundet, und der Vater ist außer sich vor Angst und Schmerz. Darum wurde so besonders dringend der Einlaß in das Schloß begehrt. Ihr Bruder Franz ließ sofort den Verwundeten in sein eigenes Zimmer, in sein Bett bringen. Er sorgte dann für alle möglichen Bequemlichkeiten[3] und legte selbst mit Hand an, wo er konnte. Die Sorge und Aufmerksamkeit haben den Obersten gerührt. Er hatte erfahren, wo er war, in dem Hause des vor zwei Jahren von den Franzosen erschossenen jungen Advocaten. Es hatte ihn tief ergriffen. Sagen Sie den Ihrigen, hatte er zu Franz gesagt, daß ich keinen Theil an jenem Ereignisse hatte; der Verrath eines deutschen Edelmannes hat den Unglücklichen dem Tode zugeführt.“

„Es ist eine hoffnungsreiche Nachricht, die Sie da bringen,“ athmete die Tante Therese auf. „Und die zweite?“

„Ihre Frau Mutter hat die Frau jenes Verräthers bei dem Leben ihrer Kinder beschworen, ihren Gatten vor einem zweiten Morde zu bewahren. Sie hat sie dafür mit verantwortlich gemacht. Die erschütterte Frau wird Alles aufbieten. Sollte der Elende dennoch den zweiten Mord begehen wollen, würde jetzt, könnte der Oberst die Hand dazu bieten? Und er allein commandirt im Schlosse.“

Die Tante wollte ruhig werden, wie der Verwalter es war. Der verwundete Freiherr erwachte. Aber der Schlaf hatte ihm keine neuen Kräfte gegeben, er schlug matt die Augen auf und bat mit schwacher Stimme um einen Trunk Wasser, welchen ihm die Tante reichte.

„Ich kann nicht fort, Therese!“ sagte er dann. „Laß mich hier bei Dir sterben. Ich wollte es ja.“

Es war die völlige Resignation der tiefsten Erschöpfung.

„Du wirst nicht sterben,“ erwiderte ihm die Tante. „Du wirst genesen und leben.“

Sie theilte ihm die Nachrichten des Verwalters mit, die ihn wieder belebten und ihm doch wieder Kraft, und mit der Kraft wieder Muth gaben.

Draußen in dem Gange vor dem Thurmstübchen wurden Stimmen laut. Es war in dem schmalen, dunklen Gange, in den man auf der Wendeltreppe von der Halle aus gelangte, an dem die Zimmer lagen, in welche der Commandant der französischen Gensd’armerie mit seiner Familie aufgenommen war, und an dessen Seite der schwachsinnige Freiherr Max sein Wohnzimmer hatte. Die Stimme des Schwachsinnigen wurde zuerst vernommen.

„Dort ist er, dort, meine Herren!“ rief er eifrig und geschäftig. Er sprach zu Mehreren.

„Es ist so!“ fügte die Stimme des Gensd’armerieofficiers in französischer Sprache hinzu.

„So holen wir die Befehle des Obersten ein!“ sagte eine dritte Stimme. Sie war eine fremde und sprach gleichfalls französisch.

Schritte entfernten sich in dem Gange; sie gingen der Wendeltreppe zu, diese hinunter. Aber nur der Gensd’armerieofficier und der Fremde mußten die Treppe hinuntergegangen sein. Die Thür des Schwachsinnigen wurde auf- und wieder zugemacht. Er war in sein Zimmer gegangen.

„Was war das? Wären wir doch verrathen?“

Die Gefahr war wieder da; sie wuchs. Da war auch der klare Muth der Tante Therese wieder da.

„Ich muß wissen, was es war. War es Verrath, so muß ich ihm zuvorkommen. Der Oberst, der jene Worte meiner Mutter sagen ließ, kann nicht das Werkzeug des elenden Verräthers werden. Er allein hat hier zu befehlen. Ich werde zu ihm dringen, an das Lager seines verwundeten Sohnes. Würde er da widerstehen können? Und wenn doch Adalbert, Du fühlst Dich wieder kräftig – ich sehe es Dir an.“

„Ich fühle mich wieder kräftig, Therese!“ Der Verwundete richtete sich auf, zum Zeichen, daß er wahr spreche.

„Wohlan, Buschmann, so machen Sie Alles zur sofortigen Flucht fertig. Aber verlassen Sie dieses Stübchen nicht eher, als bis ich wieder da bin. Wir müssen zusammen bleiben, Adalbert, zusammen leben oder sterben.“

Sie verließ das Gemach durch die Thür, die in den schmalen dunklen Gaug führte. Der Verwalter schloß hinter ihr zu. Sie ging in das Zimmer des Schwachsinnigen.

„Freiherr Max, mit wem sprachen Sie im Gange?“

Ihr Gesicht war strenge, befehlend; es lag eine furchtbare, eine Entschlossenheit zum Aeußersten dann. Der Irre erschrak vor ihr, aber wie ein Kind. Er antwortete gehorsam.

„Mit dem Fremden, Mamsell Therese, den Sie in die Zimmer meines Bruders einquartiert haben.“

„Und mit wem noch?“

„Es war ein Officier von den Franzosen da unten; ich glaube, der Adjutant des Obersten.“

„Und über wen sprachen Sie?“

„Nun, über den preußischen Officier, den Sie in das Thurmstübchen einquartiert haben.“

„Sie haben ihn den Franzosen verrathen?“

„Ich, ich, Mamsell Therese? Der Fremde hat ihn verrathen. Ich zeigte ihnen nur die Thür des Thurmstübchens. Ich hatte Alles gehört, und, Mamsell Therese, diese Preußen haben sich hier in Westphalen nicht gut benommen.“

„Freiherr Max,“ sagte meine Tante, „wenn die Franzosen den preußischen Officier finden, wissen Sie, was mit ihm geschieht?“

„Nun?“

„Sie erschießen ihn.“

„Ah! Aber warum ist er preußischer Officier?“

„Und, Freiherr Max, wissen Sie, wer dieser preußische Officier ist?“

„Nun? nun?“

„Es ist Ihr Neffe, der Freiherr Adalbert. Ihn haben Sie den Franzosen verrathen.“

„Ah, mein eigener Neffe? Der künftige Herr? Auch mein Herr! Der Reichsfreiherr!“

Der Irre lachte lustig, indem er die Worte sprach. Gott [739] weiß es, welche sonderbare Verkettung und Verwirrung von Gedanken das Lachen in ihm erzeugte. Die Tante wurde von einem Grauen erfaßt, sie errieth, was geschehen sei, und sie mußte weiter. Sie verließ den Irren und ging die Treppe hinunter, zu dem unten an der Halle belegenen Zimmer ihres Bruders Franz.

Dort war der Oberst der französischen Carabiniers an dem Lager seines auf den Tod verwundeten Sohnes. Die Tante hatte das Richtige errathen. Sie erfuhr es später mit allen seinen Einzelnheiten von dem Irren selbst.

Der Irre hatte sich ängstlich in sein Zimmer eingeschlossen, als draußen am Hause der Kampf begann. Die alte Magd Christine hatte ihm kurz vorher gesagt, die Franzosen schössen die westphälischen Edelleute todt. Aber als der Kampf zu Ende war, als er gar kein Schießen mehr vernahm, und nur in dem dunklen Gange hin und her gehen hörte, da überwog die Neugierde seine Furcht; er mußte wissen, was im Hause geschah. Er lauschte, an seiner Thür und vor derselben. In dem Gange brannte, wie gewöhnlich, eine Lampe. Er sah die Frau des Fremden mit der alten Christine die Treppe hinuntergehen, während der Fremde selbst eben im Zimmer blieb, und wurde neugieriger, wohin sie gehen mochte? Ein eiliger Schritt kam leise die Treppe herauf. Er erkannte den Kutscher des Fremden. Der Mensch ging in das Zimmer zu seinem Herrn. Der Irre schlich ihm nach und lauschte an der Thür.

„Herr Commandant,“ hörte er den Kutscher zu seinem Herrn sagen, „die Franzosen haben unten im Stall Ihre Pferde erkannt.“

„Teufel!“ fluchte entsetzt der Commandant.

„Sie fanden dann auch Ihren Wagen.“

„Und dann?“

„Sie sprachen von Desertiren und Uebergehen zu dem Adjutanten des Obersten, um ihm Anzeige zu machen.“

Noch einmal fluchte der Commandant. Dann sagte er zu dem Kutscher: „Geh! Sage keinem Menschen etwas. Achte auf Alles. Fällt etwas vor, so theilst Du es mir mit.“

Der Kutscher ging, und der Irre lauschte wieder an seiner Thür. Die Frau des Commandanten kehrte zurück. Der Irre folgte auch ihr und horchte wieder an dem Zimmer.

„Friedrich,“ hörte er die Frau sagen, „ich komme von der Mutter des Unglücklichen.“

„Was wollte sie von Dir?“

„Sie hat mich beschworen, Dich vor einem zweiten Morde zu bewahren.“

„Was wußte sie davon?“

„Sie muß Alles wissen. Auch dieser zweite Mord gehe ihr Haus an.“

Der Commandant schien aufzufahren. „Wie? Ihr Haus? – Welcher Gedanke! – Ich bin gerettet.“

„Was sprichst Du, Friedrich?“

„Es muß so sein – ich hätte es gleich denken können. Ich bin gerettet.“

„Friedrich, Du willst in der That den zweiten Mord begehen? Jener preußische Officier –“

„Ich weiß, wer er ist.“

„Und Du willst ihn verrathen?“

„Verrathen? Jeder ist sich selbst der Nächste. Weißt Du, daß die Franzosen unsere Anwesenheit hier im Schlosse kennen? Der Kutscher war eben hier; sie haben meine Pferde und den Wagen erkannt, und haben von Desertiren gesprochen. Der Oberst weiß in diesem Augenblick Alles.“

„Und Du willst Dich durch einen zweiten Mord retten, Friedrich?“

„Thorheit!“

„Mein Gott, mein Gott! Und jene unglückliche Mutter rief für dieses zweite Verbrechen das Blut auf unsere armen Kinder herab. Das eine von ihnen liegt schon krank da, im Fieber. Friedrich –“

„Thorheit, Charlotte! Sollen sie mich erschießen? Jener preußische Officier oder ich, es bleibt keine Wahl. Gehe in das Zimmer zu den Kindern. Ich glaube Jemanden kommen zu hören.“

Es kam in der That Jemand die Wendeltreppe herauf. Der Irre mußte in den Seitengang zu seinem Zimmer zurück. Er sah einen französischen Officier vorbeigehen. Es war der Adjutant des Obersten, der in das Zimmer des Fremden ging. Der Irre schlich ihm wieder nach, horchte wieder, vernahm wieder, was drinnen gesprochen wurde.

„Commandant,“ sagte der Adjutant, „ich habe auf Befehl des Obersten Ihnen anzukündigen, daß Sie Gefangener sind.“

„Ich Gefangener, mein Herr?“ erwiderte verwundert der Commandant. „Dars ich fragen, warum?“

„Sie haben Ihren Posten als Officier des Kaisers verlassen.“

„O, ich? Sie wissen doch, daß ich Officier der Gensd’armerie des Kaisers bin?“

„Gewiß.“

„Wohlan! Als Officier der Gensd’armerie des Kaisers dürfte ich die besondere Pflicht haben, Verräther, die aus der Armee des Kaisers desertirt und zu seinen Feinden übergegangen sind, ihrer gerechten Strafe zu überliefern. Ein solcher Verräther weilt in diesem Schlosse. Dem Kaiser wird gerade an seiner Person besonders gelegen sein. Ich erfuhr, daß er hier war. Er wurde hier geheim gehalten, und es bedurfte besonderer List, seinen verborgenen Schlupfwinkel zu erfahren. Mir ist es gelungen.“

„Darum sind Sie hier?“ fragte der Adjutant.

„Darum sehen Sie mich hier!“

„Mit Ihrer Gattin? Mit Ihren Kindern?“

„So ist es, mein Herr. Die Reise hierher war in der gegenwärtigen Zeit ein großes Opfer. Die Preußen sind im Anrücken; Sie selbst haben noch vor kaum einer Stunde ein Gefecht mit ihnen bestanden. Der Feind hätte in größerer Anzahl vorgerückt, das Gefecht hätte sonst für Sie unglücklich sein können. Der Feind wäre dann in der heutigen Nacht oder morgen in der Stadt. Sollte ich meine Familie dort schutzlos zurücklassen? – Aber haben Sie die Güte, mich zu dem Herrn Obersten zu führen, damit ich ihm die weiteren Mittheilungen machen kann.“

Der Adjutant mochte noch so sehr den Kopf schütteln zu dem, was er hörte, er mußte den Gensd’armerieofficier zu seinem Obersten führen. Beide kamen aus dem Zimmer in den Gang. Der Irre zog sich nicht vor ihnen zurück; er trat ihnen entgegen.

„Ah, meine Herren. Sie suchen den preußischen Officier? Er ist in jenem Zimmer, dort, dort ist er.“

„So ist es,“ bestätigte der Gensd’armerieofficier.

„Holen wir die Befehle des Obersten ein,“ sagte der Adjutant.

Die beiden Officiere gingen. Der Irre kehrte noch einmal an die Thür des Gensd’armerieofficiers zurück. Die bleiche Frau war darin. Er hörte sie mit schwankendem Schritt auf und ab gehen und glaubte, sie weinen zu hören. Er vernahm hinten im Gange ein anderes Geräusch und eilte in sein Zimmer. Die Tante fand ihn dort. Sie errieth aus seinen Worten, was geschehen war. Die Tante schauderte. Sie eilte die Treppe hinunter, in die Halle, in dieser zu dem Zimmer ihres Bruders, in welchem der verwundete Sohn des Obersten lag. Es standen französische Soldaten vor dem Zimmer, welche sie aufhielten.

„Zu wem, Mademoiselle?“

„Zu Ihrem Obersten.“

„Er spricht Niemanden.“

„Ich muß zu ihm.“

Meine Tante sprach es so entschlossen und sie sah so bleich aus, so angstvoll und war doch dabei so schön. Sie wurde eingelassen und trat in das Zimmer. Es waren nur wenige Menschen darin. In dem Bette ihres Bruders lag der verwundete Sohn des Obersten. Vor ihm saß der Wundarzt, der so eben den Verband vollendet hatte. Er beobachtete den unruhigen Schlummer des Verwundeten. Nahe dabei stand der Oberst, vor ihm standen sein Adjutant und der Commandant der Gensd’armerie.

Er sprach mit ihnen und hatte dem Adjutanten einen Befehl ertheilt. Der Adjutant verbeugte sich militärisch und wandte sich um, das Zimmer zu verlassen und den Befehl zu vollziehen. In diesem Augenblicke war meine Tante in das Zimmer getreten. Sie glaubte zu wissen, was der Gegenstand des Befehls sei.

„Mein Herr,“ sagte sie zu dem Adjutanten, „darf ich Sie bitten, noch ein paar Augenblicke hier zu verziehen?“

Sie sprach in dem reinsten Französisch. Der Adjutant blieb unschlüssig stehen, und meine Tante schritt auf den Obersten zu. Er war ein großer, schöner Mann, schon mit weißen Haaren, aber noch in der Fülle seiner Kraft. Sein Gesicht war ernst, strenge, aber es trug edle Züge und erweckte Vertrauen. Meine Tante faßte Vertrauen und wandte sich an ihn.

„Herr Oberst, Sie gestatten Ihrem Herrn Adjutanten, hier zu bleiben, bis ich Ihnen eine Bitte vorgetragen habe?“

„Was wünschen Sie, Mademoiselle?“

[740] „Sie haben unser Haus einschließen lassen?“

„Ja, Mademoiselle! Aus Kriegsrücksichten.“

„Es darf Niemand hinaus?“

„Ohne meinen Befehl nicht.“

„Würden Sie mir gestatten, das Haus zu verlassen?“

„Ihnen allein?“ fragte der Oberst rasch. Es war ein Gedanke schnell in ihm aufgetaucht.

„Eine Dame allein,“ antwortete ruhig meine Tante, „würde in der heutigen Nacht schwerlich dieses Haus verlasten dürfen.“

Der Oberst hatte einen Entschluß gefaßt. Er mochte ihm schwer genug geworden sein. Sein Blick hatte sich auf den verwundeten Sohn geworfen, dann auf meine Tante, die in ihrer klaren, ruhigen Haltung vor ihm stand, und deren blasses, schönes Gesicht dennoch die Angst ihres Innern nicht verbergen konnte.

„Mademoiselle,“ sagte er, „seien wir aufrichtig gegen einander. Sie wollen Jemanden aus diesem Hause führen, der mein Gefangener ist?“

Auch meine Tante hatte ihren Entschluß gefaßt, stolz und edel.

„Ja, mein Herr. Aber ist er Ihr Gefangener?“

„Er ist mein Gefangener.“

„So bitte ich Sie um seine Freigebung.“

„Sie bitten um etwas Unmögliches, Mademoiselle.“

Er warf einen Blick auf den Commandanten der Gensd’armerie. Meine Tante folgte seinen Augen. Sie würdigte zum ersten Male den verräterischen deutschen Edelmann ihres Blicks. Der Mann stand ruhig da, mit einer Stirn von Eisen, als wenn keines der Worte, die er hörte, ihn angehe. Die Augen meiner Tante hatten nur Verachtung für ihn. Sie wandte sich wieder zu dem Obersten.

„Mein Herr, ein braver französischer Officier darf sich nicht zum Werkzeuge eines Verräthers hergeben.“

Der Verräther zuckte auf. Das strenge, wettergraue Gesicht des Obersten wurde roth. Er warf noch einmal einen dunklen Blick auf seinen verwundeten Sohn, aber er hatte noch einmal einen schweren Entschluß fassen müssen.

„Mademoiselle, ich muß meiner Pflicht und meiner Ehre dienen. Es ist mir oft schwer und hart geworden; vielleicht nie schwerer, als in diesem Augenblicke; aber ich muß es auch jetzt. Ich kann nicht anders. Der Mann, von dem wir sprechen, ist mir einmal überliefert, vielleicht durch – ja, durch Verrath. Ich muß meine Pflicht erfüllen.“

„Und Ihre Pflicht ist, Herr Oberst?“

„Der Befehl des Kaisers lautet wörtlich an jeden Officier der Armee: Wo der Freiherr betroffen wird, wird er auf der Stelle erschossen. Auf der Stelle!“

Die Tante verhüllte ihr Haupt. Dann mußte auch sie, unwillkürlich, ihren Blick auf den verwundeten Sohn des Obersten richten. Der Oberst sah es.

„Mademoiselle,“ fagte er schmerzlich, „glauben Sie mir, nie, nie ist die Erfüllung meiner Pflicht mir schwerer geworden, als heute. Ich erscheine als ein Undankbarer in Ihren Augen –“

„Nein, Herr Oberst,“ unterbrach meine Tante ihn mit Würde. Dann wollte ihr das Herz doch brechen. „Herr Oberst,“ sagte sie, „er ist mein Verlobter!“

„Großer Gott!“ rief der Oberst. Auch er mußte sein Gesicht bedecken. „Ich kann nicht anders,“ sagte er dann leise. „Ich bin Soldat.“

Er gab dem Adjutanten einen Wink, zu gehen. Der Officier verließ das Zimmer, und meine Tante folgte ihm.

„Mein Herr, wohin gehen Sie?“ fragte sie ihn draußen.

„Meine traurige Pflicht zu erfüllen, Mademoiselle.“

„Jetzt gleich?“

„Es muß so sein.“

„Hier?“ rief die Tante.

„Draußen am Walde.“

Der Officier ging in den Hof, wo die Soldaten lagerten. Meine arme Tante stand einen Augenblick unschlüssig, wohin sie ihre Schritte wenden solle. Sie wollte zu der Wohnstube gehen, in der die gelähmte Großmutter lag; sie hemmte den Schritt.

„Wozu ihr die Qual der langen, einsamen Angst machen?“ sagte sie.

Sie stieg die Wendeltreppe hinauf und ging in den dunklen, schmalen Gang, der zu dem Thurmstübchen führte. Es war der schwerste Gang ihres Lebens, sie mußte sich Fassung erringen auf diesem schweren Gange, in der vollsten Hoffnungslosigkeit, und sie vermochte es. Sie trat in das Thurmstübchen. Der Verwundete schlief, denn er war nach ihrer Entfernung wieder schwächer geworden. „Ich sterbe doch!“ hatte er zu dem Verwalter gesagt. „Ich fühle es!“ Der Verwalter hatte ihn zu beruhigen gesucht. Er war erschöpft wieder eingeschlummert.

„Und welche Nachrichten bringen Sie, Mamsell?“ frug der Verwalter. „Ich lese in Ihrem Gesichte, es sind keine guten.“

„Es sind keine guten, Buschmann. Er wird erschossen, auf unbedingten Befehl des Kaisers. Keine Bitte half. In diesem Augenblicke werden die Gewehre für ihn geladen, und in wenigen Minuten wird der Adjutant des Obersten ihn zu seinem letzten Gange abholen.“

Der Verwalter hatte kein Wort.

„Zu seinem letzten Gange?“ sagte die Tante für sich. „Kann der Arme denn gehen? Sie werden ihn tragen müssen – tragen zu seinem Grabe, noch ehe er todt ist!“

Sie betrachtete den Verwundeten. Er lag in seinem Schlummer unruhig da, und doch so schwach und matt. In seinem Gesichte war kein Tropfen Blut, nur die Binde war blutig, die seine Stirn bedeckte.

„Wecke ich ihn?“ fragte sich meine Tante. „Bringe ich ihm sein Todesurtheil? Oder sollen die Fremden, die Feinde es?“

Sie beugte sich über ihn; sie legte ihr blasses Gesicht auf sein bleiches und küßte ihn – küßte ihn noch einmal. Er erwachte.

„Therese!“

„Kannst Du fliehen, Adalbert?“

„Nein – aber sterben!“

War es das Gefühl seiner Schwäche, oder hatte er seinen Tod in ihren Augen gelesen?

„Ja,“ sagte sie, „Du mußt sterben. Du bist verrathen, verloren, unrettbar verloren. Du, mein ewig, ewig geliebter Adalbert.“

„Ich sterbe in Deiner Liebe, meine Therese, so wollte ich ja.“

Er war gefaßt, trotz seiner Schwäche. Draußen im Gange wurden Schritte gehört.

„Sie kommen schon, mich abzuholen!“ sagte er.

„Ja.“

Der Adjutant des Obersten öffnete die Thür und trat in das Stübchen. Durch die geöffnete Thür sah man vier Carabiniers, die im Gange warteten. Der Verwundete richtete sich auf, Ehre und Stolz gaben ihm die Kraft dazu.

„Sie hier, Mademoiselle?“ fagte der Adjutant. „Wollten Sie nicht sich den schweren Schrecken ersparen?“

„Ich bleibe!“ sagte die Tante.

„Therese, gehe!“ bat der Verwundete.

„Soll ich Dich in dem letzten Augenblicke verlassen, Adalbert? Soll ich schwächer sein als Du?“

Der Verwundete schwieg. Auch der Adjutant sagte ihr nichts mehr. Er wandte sich zu dem Verwundeten.

„Mein Herr, auf Befehl des Kaisers –“

Der Verwundete unterbrach ihn.

„Ich kenne den Befehl Ihres Kaisers. Führen Sie mich ab.“

Er hatte sich aus dem Bette erhoben. Der Verwalter hatte ihm geholfen, dann wollte er ihm den Mantel umhängen, den er zu seiner Flucht mitgebracht hatte.

„Nein,“ sagte der Verwundete. „Ich will in meiner preußischen Uniform sterben. Ich sterbe ja doch einen ehrlichen Soldatentod, sterbe für mein Vaterland, das mir verziehen hat.“

Er war fertig zum Gehen.

„Und ich führe Dich,“ sagte meine Tante.

„Ja, auch Du hast mir ja verziehen.“

Er nahm ihren Arm, und sie führte ihn. Er konnte gehen. Ehre und Stolz und Liebe erhielten wunderbar seine Kraft. Der Adjutant schritt ihnen voran, und die vier Carabiniers folgten. Der Verwalter ging gesenkten Hauptes hinter ihnen her.

So schritten sie durch den schmalen, dunklen Gang, die Treppe hinunter, durch die Halle. Niemand begegnete ihnen auf dem Wege. Nur französische Soldaten standen hin und wieder auf Posten. Der Adjutant hatte es mit richtigem Gefühl so angeordnet. An dem Thore, das aus der Halle in den Hof führte, machten sie Halt.

„Nicht weiter, Mademoiselle,“ sagte der Adjutant. „Ich muß Sie bitten. Meine Befehle lauten so.“

Sie mußten sich trennen.

[742] „Darf der Verwalter Sie ferner begleiten?“ fragte die Tante.

„Ja.“

Die Tante umarmte den Verwundeten.

„Wir sehen uns wieder, mein Adalbert. Ich bleibe immer Dein!“

„Wir sehen uns wieder, meine edle Therese!“

Die Soldaten führten ihn aus der Halle in den Hof, durch diesen aus dem Thore nach dem Walde zu. Die Tante ging in die Wohnstube zu ihrer Mutter. Die alte Frau war allein. Sie wußte von Nichts. Wer hätte ihr die Schreckensbotschaft bringen sollen? Sie sah das todtenbleiche Gesicht der Tante.

„Therese!“ rief sie, das Entsetzliche ahnend.

„Er wird erschossen, Mutter. In wenigen Augenblicken werden wir die Schüsse hören. Dort am Walde.“

Sie ließ sich auf die Kniee nieder, vor dem Rollstuhle; sie legte ihr Gesicht auf die Kniee der Großmutter. Mutter und Tochter sprachen kein Wort. So verharrten sie zehn Minuten, zehn lange, bange Minuten. Draußen am Walde fielen vier Schüsse.

„Es ist vollbracht,“ sagte meine Tante Therese. Sie stand auf. Ihr Gesicht war völlig blutleer. Sie trat an das Fenster, das nach dem Walde ging, und betete still zu dem dunklen Nachthimmel hinauf.

Als sie dann zu ihrer Mutter zurückkehrte, hatte der Himmel ihr die Wohlthat der Thränen verliehen. Mutter und Tochter weinten lange. Der Verwalter trat in das Zimmer. Er übergab der Tante eine Locke.

„Der Todte schickt sie Ihnen. Er bat den Officier, daß ich sie ihm abschneiden dürfe. Er selbst konnte es nicht, da er den einen Arm in der Binde trug. – Uebergeben Sie sie an Therese! das waren seine letzten Worte. Ich hatte ihn an einen Baum geführt. Die Kugeln trafen ihn.“

Früh am anderen Morgen mußten die Franzosen abziehen. Ordonnanzen kamen und meldeten, daß ein starkes Corps Preußen im Anzuge sei. Sie nahmen eine Leiche mit aus dem Schlosse, der Sohn des Obersten war an seiner Wunde gestorben. Der Oberst hatte mit dem Abzuge gezögert, bis der junge Officier seinen letzten Athemzug ausgehaucht hatte. Er kam mit der Leiche an dem Walde vorbei. Dort lag eine zweite Leiche – die Leiche eines jungen Officiers. Vier Kugeln hatten die Brust durchbohrt.

Der Oberst warf einen schmerzlichen Blick auf den entseelten Körper des Sohnes, den ein Wagen neben ihm fuhr. Aber er hatte seine Pflicht erfüllt, indem er den Einen den fremden Kugeln entgegengeführt und den Anderen durch die Kugeln seiner Leute hatte erschießen lassen. Der Krieg bringt wunderbare und furchtbare Widersprüche zusammen!

Ein paar Stunden später waren die Preußen da. Gleich nach ihnen kam der alte Reichsfreiherr. Auch neben ihm fuhr eine Leiche, als er das Schloß wieder verließ. Er brachte sie in das stolze reichsfreiherrliche Erbbegräbniß.

In dem Gesichte meiner Tante Therese hat seit jenem Augenblicke, da sie die vier Schüsse am Walde fallen hörte, kein Mensch jemals wieder einen Tropfen Blut gesehen.



  1. WS: Im Original fehlendes Hochkomma ergänzt.
  2. WS: Im Original unleserlich, sinngemäß ergänzt.
  3. WS: Im Original Bequemlichlichkeiten